Rüste dich Israel
Deinem Gott entgegen!
Amos 4, 12.
Während des ganzen Monats Elul ertönt zur
Vorbereitung für die kommenden heiligen Tage
Schofarschall in unsern Gotteshäusern und mahnt
uns zur inneren Einkehr, zur Reue und zur
Rückkehr zu unserem himmlischen Vater. Draussen
ist es Herbst geworden. Die fahlen Blätter
fallen von den Zweigen. Ohne Laubschmuck stehen
die Bäume da, die noch vor kurzer Zeit so saft-
und kraftvoll schienen, mit ihren Früchten und
ihrem Schatten uns erfreuten und erquickten, und
der Sturm zaust und zerrt an den dürren Ästen.
Die Natur bietet uns das Bild der
Vergänglichkeit. Eindringlicher als
Menschenzungen es vermögen, ruft sie uns die
Mahnung zu: "Es dorrt das Gras, es welkt die
Blume." Auch der Mensch ist wie der Baum des
Feldes. Auch der Mensch hat die Zeit seines
Wachstums, seiner Blüte, seiner fortschreitenden
Entwicklung; aber auch er geht ein, wenn seine
Zeit gekommen ist. Es gibt wohl keinen denkenden
Juden, der nicht die gleiche Mahnung aus dem
Schofarschall heraus hört: Gezählt, gezählt sind
deine Tage, kurz, vergänglich, flüchtig ist dein
Leben. Wie lange du dich des Daseins erfreuen,
wie lange du im Sonnenlicht wandeln wirst, du
und die Deinen, das bestimmt in diesen heiligen
Tagen der Allmächtige, der über dich Gericht
hält.
Aber nicht nur die Kürze unseres Lebens
veranlasst uns zu ernsten Überlegungen, sondern
auch die Unruhe und Hast, in der wir es
verbringen.
Im Buche Hiob lesen wir einen Satz, der uns zu
denken gibt: ,,wie die Tage des Mietlings sind
des Menschen Tage." Warum vergleicht Hiob das
Leben des Menschen mit dem des Taglöhners? Weil
dieser die Stunden zählt, bis der Feierabend
kommt, weil er sich freut auf den Augenblick,
der ihm Ruhe bringt, und in welchem seine Arbeit
endigt. Er horcht auf den Schlag der Turmuhr und
sehnt die Zeit herbei, in welcher ihm nach der
Mühe und Plage des Tages Erholung und Erquickung
winken. Geht es nicht ähnlich den meisten
Menschen, die, unzufrieden mit ihrer
augenblicklichen Lage, stets ein Ende des
gegenwärtigen Zustandes herbeiwünschen, weil
sie von der Zukunft mehr Glück und Freude
erwarten?
Und nun begreifen wir die ganze Tiefe des
biblischen Ausspruchs. Da unser Leben so
überaus kurz ist, so sollte man meinen, dass wir
Menschen uns an die vergängliche Stunde
anklammern sollten, dass es uns leid sein müsste
um jedes Jahr, das verrinnt von unserm
flüchtigen Dasein, dass wir jedem Augenblick,
den wir auf Erden geniessen, des Dichters Wort
zurufen sollten: "Verweile doch, du bist so
schön." Aber das Gegenteil ist der Fall, und
diese menschliche Eigentümlichkeit ist es, die
unser Los noch tragischer macht, als es ohnehin
schon ist. Kurz ist das Leben, und doch sehnt
der Mensch die einzelnen Phasen seines Daseins
hinweg, immer unzufrieden mit der Gegenwart,
immer begierig nach einer Zukunft, von der er
schönere Tage erhofft. Schon der Knabe, dessen
junges Leben von Spiel ausgefüllt ist, wünscht,
dass diese sorglose Zeit, die schönstedes Daseins,
verschwinde, und er in die Schule eintreten
dürfe. Der Schüler wünscht sehnlichst, dass er
die Schule verlassen und ins schaffende Leben
einziehen könne. Der Lehrling, der Angestellte
wünschen sich die Selbständigkeit, und der
selbständig Schaffende, der unter der Last und
Plage des Lebens seufzt, wünscht die Zeit
herbei, da er frei von aller Arbeit ausruhen
kann. Hat er endlich — einer unter vielen —
dieses Ziel erreicht, so kommen Krankheiten
aller Art und mindern ihm den Genuss des
Daseins, und es kommt der Tod und ruft ihn ab
aus der Reihe der Lebenden. Fürwahr, nicht nur
kurz ist unser Leben, wie die Tage des Mietlings
verbringen wir unsere Tage.
Woher kommt wohl diese menschliche
Eigentümlichkeit? "Fremdlinge sind wir auf
Erden und — schattengleich zieht unser Leben
dahin." Weil wir eine Seele in uns tragen, ein
Gottesteil von oben, so fühlen wir uns auf Erden
selten recht befriedigt. Weil unsere Seele aus
dem Himmel stammt, halten wir in Unrast und
Unruhe, ohne uns der Gegenwart zu freuen, immer
Ausschau nach einer Zeit, von der wir volle
Befriedigung erwarten, die auf Erden doch nicht
häufig zu finden ist. Die glücklichsten Stunden
aber sind und bleiben auch in der Erinnerung für
uns die Stunden der religiösen Weihe und
Erhebung, die Stunden, in denen wir uns selbst
bezwungen, in denen wir etwas Gutes und Edles
gewirkt und geschaffen haben, etwas, woran
unsere Seele Freude empfand!
Vielleicht haben diese Gedanken dem Midrasch
vorgeschwebt, als er die Bemerkung hinzufügt:
"Wäre es noch wie der Schatten eines Baumes oder
einer Wand, aber unser Leben gleicht dem
Schatteneines Vogels, der
entfliegt und seinen Schatten mit sich trägt."
Kurz ist unser Leben, es gleicht einem Schatten,
der nichts Greifbares ist, einem Traum, der
zerflattert. Machen wir unser Dasein zu etwas
Wesenhaftem, gleichen wir dem Baum, der andern
Früchte spendet, der Mauer, die andern Schutz
und Schatten gibt. Nur nicht dem Vogel gleichen,
der seinen Schatten mit sich trägt; nur nicht
aus dem Leben scheiden, ohne in jene Welt das
Bewusstsein mitzunehmen von der erfüllten
Pflicht, von den Gottesgeboten, die wir geübt,
von den Gebeten, die wir gesprochen haben; nur
nicht aus dem Leben scheiden, ohne Gott und
Menschen erfreut, ohne zum Nutzen und zum Segen
für andere geworden zu sein, denn "ein nutzlos
Leben ist ein früher Tod".
Einstmals, so erzählen unsere Weisen im Talmud,
war eine Zeit der Dürre im heiligen Lande
eingetreten. Verschmachtet lagen die Felder da,
die seit Wochen kein Regen erquickt hatte. Ein
Jahr des Hungers drohte dem Volke. Da ordnete
Rabbi Elieser Fasttage an. Das ganze Volk
versammelte sich, und er sprach zu ihnen
ergreifende Worte, um ihre Herzen zu rühren,
damit sie durch gute Vorsätze und innige Gebete
die Gnade und die Barmherzigkeit Gottes
erlangten. Aber das Herz der Zuhörer blieb kalt
und war nicht zu erweichen. Da sprach zu ihnen
Rabbi Elieser: "Habt ihr euch eure Gräber schon
gerüstet?" Da ging ein Beben durch das Volk,
herzbrechendes Schluchzen ertönte, das Volk
betete voller Inbrunst, und Gott sandte den
Regen, die dürstenden Fluren zu tränken.
Welch magischer Zauber lag in den Worten: "Habt
ihr euch eure Gräber gerüstet", dass sie
imstande waren, harte Herzen weich und
gefühlvoll zu machen? DieseWorte erinnern, nach
einer sinnvollen Erklärung, an eine traurige
Periode aus der jüdischen Geschichte. Durch die
von den Kundschaftern veranlasste Empörung
hatten unsere Väter den Einzug in das heilige
Land verscherzt. Das ganze damalige Geschlecht
musste in der Wüste sterben. Nur die Kinder, von
denen sie geglaubt, sie würden eine Beute der
Feinde werden, durften in das gelobte Land
kommen. Vierzig Jahre zog das jüdische Volk
durch die Wüste. Am neunten Aw eines jeden
Jahres, dem Tage der Versündigung, starb ein
Teil des Volkes. Als Zeichen ihrer
Bussfertigkeit musste sich während der
Wüstenwanderung jeder, wie uns der Talmud
erzählt, an diesem Tage selbst ein Grab
schaufeln. Wenn dann am nächsten Morgen
Schofarruf mächtig durch das Lager ertönte,
standen die einen auf, frisch gestärkt zu neuem
Leben, die andern erhoben sich nicht mehr. Sie
schliefen den Schlaf, aus dem es auf Erden kein
Erwachen gibt; und weinend und trauernd
schaufelten die Angehörigen das Grab zu, das
sich die Lebenden selbst bereitet.
Welch herzzerreissende Szenen müssen sich an
einem solchen neunten Aw abgespielt haben! Da
gruben nebeneinander zwei Brüder sich ein Grab,
und wie einer dem andern in die treuen Augen
blickte, dachten sie daran, dass sie morgen
vielleicht einander nicht mehr wiedersehen und
durch den Tod getrennt sein würden. Und mit
welchen Gefühlen umfingen sich Gatte und Gattin
bei dem Gedanken, dass sie vielleicht zum
letztenmal beieinander weilten, und wie flössen
ihre Tränen, wenn sie auf ihre noch unerzogenen
Kinder blickten, die schon am nächsten Tage
vater- oder mutterlos sein konnten, während sie
der Leitung und Erziehung noch so sehr
bedurften! Begreifen wir nun, dass ein
Beben durchdas Volk ging, als es
dieser traurigen Periode aus seiner Geschichte
gedachte, die damals jedem Einzelnen weit besser
bekannt und viel geläufiger war, als in unsern
Tagen, dass es erschüttert wurde durch die
Erwägung, dass, wenn nicht Gottes Gnade sich ihm
zuwandte, Hunger, Elend und ein schrecklicher
Tod jedem Einzelnen von den Bewohnern des Landes
drohte?!
Uns allen gräbt die Zeit das Grab. Gar mancher
weilte noch im vorigen Jahre in unserer Mitte,
den nun der kühle Rasen deckt, und wenn wir in
diesem Jahre den Schofarschall hören, so weiss
niemand, ob er ihn auch im nächsten Jahre
vernehmen wird.
Aber nicht nur die Zeit schaufelt uns einst das
natürliche Grab, in gewissem Sinne bereiten wir
selbst uns das Grab dann, wenn wir nur sorgen
für den Körper und die Seele darüber vergessen,
wenn wir nur arbeiten und schaffen — und wie
viele tun das — für das, was irdisch ist und den
Tod nicht überdauert.
Dass wir nicht selbst uns das Grab rüsten
sollen, diese Mahnung hören wir aus dem
Schofarschall heraus. Wir sollen sorgen, dass,
wie es in unsern Gebeten am Versöhnungstag
heisst: unser Haus nicht werde unser Grab, dass,
wie in den Häusern unserer Eltern, auch in
unserem Hause die Thora ihre Stätte finde,
welche unserem Streben und Wirken die Richtung
geben und das Ziel bestimmen soll. Dann und nur
dann bereiten wir uns nicht selbst das Grab,
dann schaffen wir nicht für das, was stirbt, und
was dem Tode anheimfällt, sondern für das, was
lebt und was einst für uns sprechen wird am
Throne des Allmächtigen.
Gar vieles hat ein jeder von uns in diesen
heiligen Tagen von Gott zu erbitten. Möchte das
neue Jahr ein Jahr des Lebens und der Gesundheit
werden, in welchem der Allgütige die Wünsche
unseres Herzens zum Guten
in Erfüllung gehen lasse. Wir aber wollen mit
jedem Gebet, mit jedem Wunsche, den wir Gott
vortragen, einen Vorsatz zum Guten verbinden.
Wir flehen zu Gott, uns einzuschreiben in das
Buch des Lebens, wir wollen das Gelöbnis
hinzufügen, dass, wenn uns der Allmächtige
begnadigt zu neuem Leben, wir uns selbst
einschreiben in das Buch der Erfüllung unserer
jüdischen und menschlichen Pflichten, in das
Buch des wahren Lebens, das eine Vorbereitung
sein soll, nicht für das Grab, sondern für ein
höheres Dasein, in das Buch eines Lebens, dessen
Wirksamkeit den Tod überdauert, eines Lebens, an
dem Gott Wohlgefallen hat.
Gott ist mein Licht und meine Hilfe, Vor wem sollte ich
mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr, Vor wem
sollte mir bangen.
Psalmen 27, 1.
Mit den Worten des Psalmes, den wir in diesen heiligen
Tagen alltäglich beten sollen, will ich sie eröffnen,
diese einzigartige Festesstunde, die jedes Menschenherz
ergreift, weil sie an der Grenze zweier Jahre gelegen
ist: „Gott ist mein Licht und meine Hilfe, vor wem
sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Wehr,
vor wem sollte mir bangen.“
Unsere Weisen erzählen im Talmud übertreibend von einer
Stadt, die so gross gewesen sein soll, dass, während auf
der einen Seite schon die Feinde eindrangen, raubend,
mordend, plündernd, auf der andern Seite noch Feste
gefeiert und Hochzeiten abgehalten wurden. Ist das nicht
ein Bild des Lebens? Ist nicht das vergangene Jahr mit
seinen verschiedenartigen Erlebnissen, wenn wir es
zurückschauend überblicken, dieser Stadt vergleichbar?
Freude hat es dem einen, Leid dem andern gebracht, Glück
zog bei dem einen, Trauer bei dem andern ein. Die
Wünsche der einen wurden erfüllt, die Hoffnungen
der andern zerstört. So überschreiten die einen mit
stolzem Herzen und freudig bewegt, die andern tief
bekümmert und gebeugten Hauptes die Schwelle des neuen
Jahres.
Auch mir hat das vergangene Jahr manche sorgenvolle
Stunden gebracht. Mehr als die Hälfte des Jahres war ich
an das Krankenbett gefesselt und habe kaum gedacht,
dass ich in diesem Hause, über dem der Name Gottes
genannt wird, noch einmal würde zu meiner lieben
Gemeinde sprechen können. Der Allgütige hat mir geholfen
und die Macht der schweren Krankheit gebrochen. Nun ist
es mir heute ein Herzensbedürfnis, der ganzen Gemeinde,
den Vorstehern und allen Mitgliedern, herzlichst zu
danken für die liebevolle Nachsicht, die sie mir
gegenüber geübt haben. Wie klingt das Wort des
Psalmisten wieder in jedem fühlenden Herzen „Wenn meine
Kraft dahinschwindet, verlass mich nicht“. Dieser
Wunsch wurde mir gegenüber in schönster Weise erfüllt,
und ich danke von Herzensgrund allen Männern und Frauen,
die mir so viele liebevolle Teilnahme während meiner
Krankheit bezeugt haben. Es ist für mich ein erhebendes
Bewusstsein, dass ich nach beinahe vierzigjähriger
Wirksamkeit so viel Liebe geerntet habe. Möge Gott
jeden Einzelnen segnen für die Treue, die er mir
erwiesen, und mein Gebet erhören, meine schwachen Kräfte
auch fernerhin der Gemeinde widmen zu können.
Und nun stehen wir heute angstvoll und beklommen vor der
Pforte der Zukunft. Was wird sie uns bringen? Zu König
Salomo, von dem erzählt wird, dass er auch über die
Dämonen, die unsichtbaren Geister, herrschte, wurde
einst der Dämon Aschmedaj gerufen. Als man an einem
Hochzeitszug vorbei kam, der mit Cymbeln und Pauken,
mit Reigen und Schalmeien fröhlich dahinzog, fing der
Dämon bitterlich zu weinen an. Dann führte sie der Weg
an einem Wahrsager vorüber, der auf einem Stein sitzend
für Geld die Zukunft enthüllte, da lachte der Dämon, und
er konnte sich gar vor Lachen nicht fassen, als sie
einen Mann sahen, der sich auf dem Markte ein Paar
Schuhe erhandelte, die aber, wie er verlangte, so stark
sein müssten, dass sie sieben Jahre ganz blieben. Da
fragte ihn der König: „Warum hast du geweint, warum hast
du gelacht?“ Und der Dämon antwortete: „Als ich das
junge Paar so fröhlich dahinziehen sah, musste ich
weinen, denn ihr Glück wird nicht lange dauern. Dort, wo
jetzt die Schalmeien klingen, werden bald Klagelieder
erschallen, dort, wo jetzt der Jubel tönt, werden
bittere Tränen fliessen. Und sollte ich über den
Wahrsager nicht lachen, der die Zukunft enthüllt, und
der nicht einmal die Gegenwart kennt, denn unter dem
Stein, auf dem er sitzt, liegt ein Schatz verborgen, von
dem er keine Ahnung hat. Und wie sollte ich nicht lachen
über den Mann, der sich Schuhe bestellt für sieben
Jahre, da ich sein Schicksal kenne und weiss, dass er
nicht sieben Wochen mehr zu leben hat!“
Ist dieses Wort nicht tief bedeutsam für uns Alle? Wir
sorgen für Jahre und Jahrzehnte hinaus und wissen doch
nicht, ob wir sie erleben werden, wir weinen dort, wo
schon die Freude winkt, und wir jubeln, ohne zu wissen,
was der nächste Tag bringen wird.
.
Geht es uns nicht allen wie jenem König, der beim
üppigen Gastmahl sass, und plötzlich erschien an weisser
Wand eine Hand, die mit feuriger Schrift Worte schrieb,
und „schrieb und schwand“. Ach, wir sehen die
Schicksalshand nicht und sehen nicht die Schrift, und
doch wissen wir, wie es in unserm Gebete steht: „an
diesem Tage sitzt Gott auf seinem Richterthron, und vor
Ihm ist aufgeschlagen das Buch des Lebens und das Buch
des Todes.“ Wissen wir, ob auch wir werden
eingeschrieben werden in das Buch des Lebens, in das
Buch der Gesundheit, in das Buch des Glückes?
Fühlen wir nicht heute wie jener Schiffer, der auf
leichtgezimmertem Fahrzeug auf dem Meere vom Sturm
überrascht wird? Es brausen die Wogen und branden die
Wellen, und die Fluten drohen, das Schiff zu
verschlingen. Dichter Nebel verhüllt alle Aussicht, und
der Schiffer kennt sich nicht mehr aus. Er weiss,
Sandbänke drohen zur Rechten, ein Felsenriff dräut zur
Linken. Welchen Weg soll er steuern? Da strahlt vor ihm
ein helles Licht auf. Es sind die Lichtkegel, die der
Leuchtturm wirft, und nun findet er sich zurecht. Nun
weiss er den Weg, und jetzt kann er mit sicherer Hand in
den schützenden Hafen steuern. — So ergeht es auch uns.
Was die Zukunft bringt, ist mit dichtem Nebel verhüllt.
Da leuchtet vor uns der Glaube an Gott als der rettende
Leuchtturm auf. „Gott ist mein Licht und meine Hilfe,
Gott ist meines Lebens Wehr!“ So wollen wir mit dem
Psalmisten sprechen, und ohne Furcht und in festem
Vertrauen auf die göttliche Waltung wollen wir einziehen
in das neue Jahr. Wir sind schwache Menschen; an den
starken Gott wollen wir uns anlehnen, wie der Psalmist
uns lehrt: „wirf auf Gott deine Sorgen, Er wird sie dir
abnehmen.“ Wohl wird Er nicht alle deine Wünsche
erfüllen, nicht alle deine Gebete erhören. Aber gewöhne
dich daran, auf Gott zu bauen; gewöhne dich zu denken:
„auch dieses zum Guten.“
Aber können wir alle sprechen: „Gott ist mein Licht und
meine Hilfe, Gott ist meines Lebens Wehr?“ Kann der
sprechen, „Gott ist mein Licht,“ der an Gott nicht
glaubt, der von Gott nichts wissen will, den sein Weg
nicht ins Gotteshaus führt? Kann der sprechen, „Gott ist
meine Hilfe,“ der da sagt, „meine Kraft und mein
Verstand haben mich reich gemacht,“ der da spricht, „ich
kenne keinen Gott, wer ist der Gott, auf dessen Stimme
ich hören soll?“ Kann der sprechen, „Gott ist meines
Lebens Wehr,“ der nur dem Mammon dient und dieses Leben
auffasst als einen Ort des Vergnügens?
Diese Frage ist unabwendbar und unabweisbar. Sie lehrt
uns, wie wir die heilige Festzeit richtig auffassen
müssen, als Tage heiliger Berufung, an denen wir uns
unseres eigentlichen Berufes, unserer wahren Bestimmung
und unseres höheren Lebenszweckes wieder bewusst werden
wollen. Du kommst hierher, um Gott deine Wünsche
vorzutragen. Nicht auf diese kommt es an, sondern auf
Gottes Willen, nicht das, was du willst, ist die
Hauptsache, sondern das, was du sollst. Morgen ergeht an
uns alle des Schofars Schall; es ist der Ruf Gottes aus
den Höhen, der Ruf des Hirten an seine Herde. Kehret um,
ihr abtrünnigen Kinder! Kehret um zu eurem heiligen
Vater! Das ist der Sinn und die Bedeutung der heiligen
Festzeit.
Noch vieles hätte ich zu sagen, doch will ich mich
beschränken auf ein einziges Wort, das wir wie ein Motto
in das neue Jahr hinübernehmen sollen. Von unserem
Stammvater Jakob wird erzählt: „und Jakob kam ganz nach
der, Stadt Sichem im Lande Kanaan.“ Was bedeutet dieses
Wort „ganz“? Im Midrasch wird es uns erklärt: Er kam
„ganz mit seiner Lehre, ganz mit seinem Vermögen, ganz
mit seinen Kindern.“ Wenn doch dieses Wort auch von uns
gelten möchte!
Er kam ganz mit seiner Lehre. Es wird von einem
Naturforscher erzählt, der im Mittelalter zum Tode durch
das Feuer verurteilt wurde, weil er Gott geleugnet habe.
Als er den Scheiterhaufen besteigen sollte, griff er
einen Strohhalm auf und zeigte ihn allem Volk und
sprach: „Und wenn ich Gott leugnen wollte, dieser
Strohhalm würde sein Dasein beweisen, denn wer hat
diesen Halm geschaffen?!“ Dieses Wort gilt auch für uns
Juden: wenn alle Völker Gott leugnen wollten, wir
könnten es nicht. Unsere Existenz allein beweist schon
das Dasein Gottes. Sind wir nicht das kleinste Volk
unter den Völkern, die schwächste unter den Nationen,
verstreut allüberall, verfolgt, bedrängt von Allen und
dennoch das einzige Volk, das aus dem Altertum sich
erhalten hat? So wollen wir denn ganz mit unserer
religiösen Überzeugung in das neue Jahr einziehen. Nicht
heute fromm und morgen gottlos, heute gläubig und morgen
zweifelnd, sondern ganz in der Überzeugung: es gibt
einen Gott, es ist der Gott unserer Väter, und seine
Gebote sollen uns, wie unsern Vätern, heilig sein.
Ganz mit unserm Vermögen. Das Wort Vermögen sagt schon,
was der Reichtum für den Menschen bedeuten soll. Er gibt
uns die Kraft, verleiht uns das „Vermögen“, Gutes zu
tun, und wer reich ist, heisst nach deutschem
Sprachgebrauch „bemittelt“, das will sagen: er hat die
Mittel, den Armen zu helfen, die Schwachen aufzurichten.
Aber wie viele Menschen gibt es, die besitzen gar nicht
ihr Vermögen, sondern ihr Vermögen beherrscht sie! Ganz
mit unserm Vermögen, bereit, es für gute Zwecke
herzugeben, wollen wir die Schwelle zum neuen Jahre
überschreiten.
Und ganz mit unsern Kindern. Wenn wir nur allein kommen
und unsere Kinder bleiben fern und gehen andere Wege,
wie stehen wir da? Haben wir dann unsere Pflicht
erfüllt? Soll das Judentum nach einer
ruhmreichen Geschichte von Jahrtausenden ruhmlos enden?
So sei es unser Vorsatz, ganz mit unsern Kindern, die
Saaten der Gottesfurcht stets wieder in sie streuend,
einzuziehen ins neue Jahr.
Zu Dir aber, o Allgütiger, richten wir unser Gebet
empor, in dieser Feierstunde des jüdischen Jahres. Nicht
für uns allein bitten wir, sondern auch für die Stadt,
in der wir wohnen, für das Land, das uns als seine
Bürger aufgenommen hat. Segne, o Allgütiger, unsere
Stadt und unser Land und gib ihm Aufblühen und Gedeihen;
denn es gilt das Wort des Propheten: an ihr Wohl ist das
unsrige geknüpft. Segne, o Allgütiger, alle Juden, wo
immer sie zerstreut über die weite Erde wohnen, und gib,
dass endlich die Zeiten nahen, in denen Hass und Bosheit
verschwinden und der Jude als Mensch unter Menschen
lebt. Segne, o Allgütiger, unsere ganze Gemeinde, ihre
Vorsteher und Leiter und alle diejenigen, die selbstlos
sich den Angelegenheiten der Gemeinde widmen. Segne, o
Allgütiger, unsere wohltätigen Einrichtungen und gib,
dass sie den Armen helfen und die Dürftigen aufrichten.
Segne, o Allgütiger, unsere Schule und gib, dass in ihr
ein Geschlecht heranwachse, das mit ganzem Herzen unser
Judentum liebt und seine Gebote heilig hält. Segne, o
Allgütiger, die Männer und die Frauen, die Greise und
die Kinder! Gib, dass unsere Kinder zu unserer Freude
heranwachsen, als brave Menschen und als fromme Juden.
Gib uns Allen aus Deinem Gnadenschatze Heil und
Gedeihen! „denn bei Dir ist die Quelle des Lebens, in
Deinem Licht schauen wir Licht.“
Lasst uns unser Herz in unsere
Hände nehmen, Um es emporzurichten zu Gott im Himmel.
Klagelieder 3, 41.
Nirgends zeigt sich der Unterschied zwischen der
jüdischen Mentalität und derjenigen der andern Völker
deutlicher als in der Art, wie wir und wie sie das
Neujahrsfest feiern. Mit einem Scherzwort auf den
Lippen, den Becher in der Hand, so treten die Menschen,
in deren Mitte wir wohnen, in ein neues Jahr ein. Es
ist, als ob ihnen das Wort des alten Dichters
vorschwebt: Carpe diem! Geniesse das Leben! Ganz anders
wir Juden. Mit ernsten Gedanken erfüllt uns die
Jahreswende. In unsern Gotteshäusern ziehen wir das
Sargenes, die Sterbekleider an, die eine stumme, aber
eindringliche Sprache reden, und der Schofar tönt an
unser Ohr als ein Weckruf unseres himmlischen Vaters,
der uns an unsere Pflicht mahnt, die oft
vernachlässigte, und uns auffordert, die kurze, auf
Erden uns zugemessene Zeit zu benützen, um Gutes zu tun,
so lange Er uns Leben, Kraft und Gesundheit schenkt.
Ein neues Jahr des Daseins beginnt. Was wird es uns
bringen? Dies ist die Frage, die uns alle bewegt. Unsere
Schrifterklärer werden nicht müde, sie in unzähligen
Formen zu variieren.
Es erhält jemand, so sagt einer von ihnen, einen Brief
mit einem fremdartigen Siegel. Unruhig und besorgt prüft
er ihn, ehe er ihn öffnet. Was mag der Brief enthalten?
Gute oder böse Kunde, Mitteilung von Freud oder Leid?
Und da er ihn geöffnet hat, starren ihm geheimnisvolle
Zeichen entgegen, die er nicht lesen kann, die er nicht
zu entziffern versteht. Ist nicht das neue Jahr ein
solcher Brief? Zagend stehen wir am Anfang der neuen
Zeit. Was birgt sie in ihrem Schosse? Gutes oder Böses,
Heil oder Unheil? Wir können die geheimnisvolle Schrift
nicht lesen, nur das eine wissen wir, „die Schrift ist
die Schrift Gottes“, der über unser Schicksal
entscheidet.
Dunkel liegt die Zukunft vor uns. Was aber können wir
tun, damit wir ihr vertrauensvoll entgegenblicken
dürfen?
„Wehe dem, der dahingeht mit seiner Last,“ so sagt einer
der Weisen des Talmud. Was meint er damit? Da ist ein
Steg, der über ein tiefes, reissendes Gewässer führt.
Diesen Steg müssen wir alle beschreiten. Werden wir
glücklich hinüber kommen? Werden wir das jenseitige Ufer
erreichen? Werden wir weiterleben oder abberufen werden?
Schmal ist der Steg und ohne Geländer, gefährlich ist
der Weg. Heil dem, der festen, aufrechten Ganges,
ruhigen Herzens, im Bewusstsein der erfüllten Pflicht
ihn beschreitet. Doch angstvoll geht derjenige, der eine
drückende Last auf seinen Schultern trägt. Je schwerer
die Last, umso gefahrvoller der Weg, um so grösser die
Furcht, dass das Gewicht ihn herabzieht, dass er
ausgleitet und stürzt. Die Last auf unsern Schultern,
das sind unsere Sünden und Vergehungen. Werfen wir sie
ab, die Last unserer Verschuldung, und ruhiger und
zuversichtlicher können wir der Zukunft entgegen gehen.
So mahnen uns die heiligen Tage, ernst und streng mit
uns ins Gericht zu gehen und reuig zu Gott
zurückzukehren, ein Ende zu machen mit unserm sündhaften
Lebenswandel und durch Teschuwo, durch Umkehr zu Gott
die Verzeihung des Allmächtigen zu erlangen. Angstvoll
fragen wir uns, was Gott wohl einschreiben wird auf das
Blatt des neuen Lebensjahres, das Er uns schenkt. Nun,
es hängt von uns ab. „Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit
wenden ab das böse Verhängnis.“ Schreiben wir auf unser
neues Lebensblatt unsere guten Vorsätze, unsere reinen
Absichten, und Gott wird uns erhören und uns die Kraft
geben, sie auszuführen.
Wie müssen wir dem Allmächtigen dafür dankbar sein, dass
Er in diesen heiligen Tagen uns den Weg zur Rückkehr
weist. Wer wäre so gut und edel, dass er nicht nötig
hätte, sich zu bessern? Wer hätte das Recht, mit sich
zufrieden zu sein? Wer hätte nicht Ursache, Reue zu
empfinden über so manches, was er getan, über so vieles,
was er unterlassen?
Es ist aber auch niemand ausgeschlossen von der Rückkehr
„Sei kein Bösewicht vor dir selbst.“ Halte dich nicht
für zu schlecht, um den Weg der Umkehr zu beschreiten;
Gottes Vaterarme sind einem jeden geöffnet, der reuig zu
Ihm zurückkehrt.
Wie oft sagen wir in diesen heiligen Tagen die Worte:
„Allgütiger, Allgütiger“, und rufen den Gottesnamen
zweimal hintereinander an. Warum zweimal? Raschi sagt es
uns, aber schwer verständlich sind seine Worte. „Gott
ist der gleiche,“ so meint er, „ehe wir gesündigt, und
der gleiche, nachdem wir gesündigt haben.“ Ein tiefer
Sinn liegt in dieser Bemerkung. Ein irdischer König darf
schwere Beleidigungen nicht vergeben, weil sonst seine
Autorität leiden würde. Gottes Autorität aber leidet
nicht, wenn Er uns verzeiht. Er wird nicht grösser, wenn
wir gut sind, und bleibt nicht minder gross, wenn wir
uns gegen seine Gebote verfehlen. Vergib uns doch,
Allmächtiger, so rufen wir daher aus, denn Du kannst es,
bleibst Du doch der gleiche grosse, gütige Gott, auch
wenn wir gegen deinen heiligen Willen gefrevelt haben.
Du willst ja nur unser Bestes und unser Glück. So sieh
auf unsere Reue und unsern Schmerz, blicke auf die guten
Vorsätze, die wir fassen, und nimm unsere Busse an.
Freilich liegt auch ein anderer Gedanke nahe. Wir
berufen uns so gerne zu unserer Entschuldigung auf das
Milieu, in dem wir uns befinden, auf die Zeit, in der
wir leben, und die der Gottesfurcht nicht gerade günstig
ist. Die Zeiten, so sagt man, haben sich geändert, und
gar schwer ist es heute, die Gebote der Religion zu
erfüllen. Aber in allem Wechsel der Zeiten ist Gott der
gleiche geblieben, der gleiche, „ehe und nachdem wir
gesündigt“. Er hat sich nicht geändert. Der alte Gott
lebt auch in der neuen Zeit, und ewig und unveränderlich
bleibt sein Gesetz. Nicht nach den schwankenden
Anschauungen der Menschen, nicht nach den Ideen der
Zeit, die dem Wechsel unterworfen sind, wollen wir uns
richten, sondern in der Thora, dem ewigen Worte Gottes,
wollen wir das Leitziel unseres Lebens aufs neue suchen
und finden, zu Gott wieder emporrichten unser Herz.
Wie gross der Wert und die Bedeutung der Teschuwo ist,
geht wohl am besten aus einem eigentümlichen Ausspruch
unserer Weisen hervor. Gott wollte die Welt schaffen
ohne Teschuwo, aber sie hatte keinen Bestand. Da schuf
Gott die Teschuwo, und nun erst konnte die Welt
bestehen.
Einer unserer Erklärer macht uns diesen Satz mit einem
Gleichnis verständlich. Es war einmal eine Fabrik
gegründet worden, welche allerlei Geräte herstellte.
Vorzügliche Maschinen, ausgezeichnetes Rohmaterial,
geschulte Arbeiter, tüchtige Leiter und Werkführer
stellten den Erfolg, wie es schien, ausser Frage.
Dennoch zeigte es sich zur allgemeinen Überraschung am
Ende des Jahres, dass die Fabrik mit einer bedeutenden
Unterbilanz gearbeitet hatte. Es stellte sich heraus,
dass es unter den Geräten überaus viel Abfall gab,
zahlreiche Gegenstände, die brüchig, fehlerhaft und
unbrauchbar waren. Da kam der Besitzer der Fabrik zu dem
Entschluss, das Unternehmen eingehen zu lassen, es sei
denn, dass sich für den Abfall auch eine Verwendung
finde, und die schadhaften Geräte wieder nutzbar gemacht
und dem Gebrauche zugeführt werden könnten. Die Fabrik
in diesem Gleichnis ist die Welt. Gott hat sie
geschaffen, damit die Menschen Ihm in Freiheit dienen
und dadurch glücklich werden. Doch es gab und gibt in
der Menschheit zu viel Abfall und Sünde, Leichtsinn und
Genußsucht, Falschheit und Gottlosigkeit. Der Bestand
der Welt war gefährdet. Da schuf Gott die Teschuwo und
gab damit den Menschen, die ihre Ideale verloren haben,
die Möglichkeit, sie wieder zu gewinnen, und gab ihnen
die Kraft, aus niedriger Gesinnung und sittlichem
Verderben sich wieder zur Reinheit und zu einem Gott
wohlgefälligen Leben empor zu arbeiten. „Wir wollen
unser Herz in unsere Hände nehmen, zu Gott im Himmel.“
Wie oft hört heute der Gesetzestreue den Vorwurf, er
gebe zu viel auf die Äusserlichkeiten der Religion.
Nicht auf diese, sondern auf den Kern komme es an, das
seien die Gedanken der Sittlichkeit, der Heiligkeit, des
Edlen und Guten, die das Wesen der Religion ausmachen.
Aber mit den Worten des grossen Dichters können wir
erwidern: „Natur ist weder Kern noch Schale, alles ist
sie mit einem Male.“ Was für die Natur gilt, gilt auch
für die Gotteslehre. Auch die scheinbar äusserlichen
Gebote führen zur Verinnerlichung der Religion und
machen das Leben zu einem Dienste Gottes. Die
Vorschriften unserer Thora, die unser ganzes Dasein
umhegen und auf Schritt und Tritt uns begleiten, tragen
zur Hei¬ligung des Lebens bei, zu der Erkenntnis, dass
wir nicht auf Erden sind, um nach dem Belieben unseres
Herzens zu wandeln, dass diese Welt nicht ein Ort des
Vergnügens und der Lust ist, sondern dass wir eine
Aufgabe auf Erden haben, die Pflicht, nach Gottes
heiligem Willen zu leben und in dieser Welt, in der wir
nur Fremdlinge sind, auf ein höheres Dasein uns
vorzubereiten.
Aber werden nicht gerade die heiligsten Tage des Jahres
von vielen unserer Glaubensgenossen rein äusserlich
erfasst? Wohl hört man den Schofarschall am
Roschhaschana, aber man vernimmt ihn ohne Ergriffenheit.
Der Ton dringt ans Ohr, aber nicht ins Herz, und die
wenigsten geben sich Rechenschaft über die Bedeutung
dieses Rufes, den Gott an der Wende des neuen Jahres an
uns ergehen lässt. Wohl sagt man am Jom Hakipurim die
vorgeschriebenen Gebete, aber man bleibt ungerührt; wohl
klopft man an die Brust, weil es auch der Nachbar tut,
aber das Herz wird nicht weich und öffnet sich nicht.
Man fastet auch an dem heiligen Tage, spähend, ob der
Zeiger der Uhr bald das Ende der Kasteiung verkünde.
Aber die innere Bedeutung des hohen Festes kommt nur den
wenigsten zum Bewusstsein; ungeläutert und ungebessert
lässt man die heiligen Stunden scheiden, die Gott zu
unserer Veredelung und Erhebung eingesetzt hat, und am
Tage nach Jom Kippur sind wir die gleichen Sünder wie
zuvor. Es fehlt eben die Teschuwo, die reuige Rückkehr
und Umkehr zu Gott. Wenn diese aber fehlt, so fehlt
alles, so haben die von Gott eingesetzten festlichen
Tage ihre Bestimmung verfehlt. „Wir wollen unser Herz in
unsere Hände nehmen, um es emporzurichten zu Gott im
Himmel!“ Einer der alten Erklärer sagt uns hiezu ein
Gleichnis.
Ein Landmann hörte einst, wie im Garten seines Nachbars
eine Nachtigall mit süssen, schmelzenden Tönen ihr Lied
sang. Er bat den Nachbar, ihm die Nachtigall zu
verkaufen. Aber als sie endlich handelseinig geworden
waren, war die Nachtigall längst davongeflogen und liess
ihr Lied in andern Gärten ertönen. Wir möchten gerne
unser Herz zu Gott erheben, aber sind wir denn noch
Herren und Meister unseres Herzens? Ach, das Herz von
gar vielen ist verankert in ihren Geschäften, ist
unlösbar verknüpft und verwoben mit allen Eitelkeiten
und Torheiten der Welt. Erst müssen wir wieder Herren
unseres Herzens werden, erst wieder Macht gewinnen über
unser Inneres. Erst müssen wir erkennen, dass es unser
nicht würdig ist, unser Herz zu hängen an Geld und Gut,
das wir einst zurücklassen werden in unserer
Todesstunde, an sinnliche Vergnügungen und
Zerstreuungen, die uns wertlos erscheinen werden, wenn
wir von hinnen gehen. Erst müssen wir einsehen, dass wir
auf Erden sind, um gut und fromm zu sein und unserm
himmlischen Vater zu gefallen, dann erst, wenn wir unser
Herz in unsere Hände genommen haben, dann erst können
wir es erheben zu unserm Gott im Himmel!
Ein neues Jahr beginnt. Wiederum ruft der himmlische
Vater seine Kinder zur Teschuwo auf. Wie oft wir diesen
Ruf noch vernehmen werden, wissen wir nicht. Lassen wir
ihn dieses Mal nicht ungehört verhallen; wir wollen
nicht bloss Vorsätze zum Guten fassen, sondern sie auch
ausführen. Wir wollen besser und reiner werden, wollen
wieder Juden sein, wie es unsere Väter waren, die ihr
Judentum opferfreudig liebten mit ganzem Herzen, mit
ganzer Seele, mit ganzer Kraft. Der Allgütige aber
schaue auf unsere Teschuwo, Er erhöre unsere Gebete zum
Guten und segne uns, ganz Israel und die ganze
Menschheit mit einem Jahre des Glückes und des Friedens!
Im
Judentum ist die sittliche Forderung ein
Grundsätzliches, ein Tragendes der Religion. Die Ethik
ist hier zur Religion nicht hinzugefügt, sondern ein
Wesentliches in ihr. Ohne sie gibt es hier keinen
Glauben an die Bedeutung des Lebens noch an das, was
über das Leben hinausgeht. Das Neue, das der Glaube
Israels der Welt gebracht hat, wurzelt in diesem
bestimmten ethischen Charakter, der ihm eigen ist.
Der
Monotheismus Israels ist der ethische Monotheismus. Die
Einheit Gottes ist erkannt worden, weil die göttliche
Heiligkeit erkannt worden ist. Der eine Gott, den die
Propheten verkündet haben, ist der eine, nicht etwa weil
er allein das ist, was die Götter der Heiden zusammen
sind, sondern er ist der eine, weil er anders als sie
ist, weil das eine Gute in ihm seine Wirklichkeit und
Gewissheit hat. Neben dem einen sittlichen Gott können
keine andern Götter sein, weil die eine Sittlichkeit
nichts andres neben sich duldet. Der einig-einzige Gott
und der heilige Gott, das bedeutet hier das gleiche. Der
eine Gott verkündet dem Menschen, was das eine Gute ist:
Gerechtigkeit und Liebe zu üben. Darin liegt der
Unterschied zwischen ihm und den vielen Göttern.
Der
Glaube an den einen Gott ist so aus der Unteilbarkeit
der Gewissensforderung hervorgewachsen. Der Satz: „Höre,
Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig“
und der andre Satz: „Du sollst lieben den Ewigen, deinen
Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele
und mit deiner ganzen Kraft“ gehören unlösbar zusammen.
Mit all dem, was in uns ist und was uns gegeben, können
wir nur dem einen Gotte dienen, und nur der eine Gott
kann es gebieten, dass das ganze Herz, die ganze Seele
und die ganze Kraft des Menschen sich ihm hingeben. In
der sittlichen Einheit seiner Seele wurde dem
israelitischen Menschen die Einheit Gottes bewusst.
Gott
erkennen bedeutet hier nicht, sein Wesen verstehen,
sondern sein Walten begreifen, den Weg des Rechten sehen
und gehn, den Gott gewiesen hat, den einen Weg, der für
alle die verschiedenen, mannigfaltigen Menschen der
gleiche ist. Die Wege Gottes sind die Wege, die der
Mensch suchen soll. Auf ihnen kann er sich Gott
zuwenden, Gott anhangen. Erst durch die Treue gegen
Gottes Gebot, gegen die sittliche Forderung, die von ihm
dem Menschen gestellt ist, tritt er vor den einen Gott
hin, um ihm zu dienen. Je mehr wir wahre sittliche
Menschen sein wollen, desto näher sind wir Gott, desto
näher ist er uns. Wir können ihn immer finden, wenn
unser ganzes Herz sich seinem Gebote zukehrt.
Hierdurch gewinnt das Leben des Menschen seinen Sinn. In
ihm ist ein Wirkliches: das Gute. Und dieses Gute,
dieses Sittliche vermag der Mensch zu schaffen, er
vermag es zu verwirklichen. Darin bildet er sein Leben,
er wird ein Schöpfer des Guten, das Ebenbild des einen
Gottes. So viel des Guten gibt es auf Erden, wie
Menschen Gutes tun, Gutes ins Dasein rufen. Das Leben
ist von Gott dem Menschen gegeben, und er selbst soll es
gestalten und bereiten. Dadurch, dass er das Rechte übt,
„erwählt er das Leben“, wird er der Schöpfer seines
Daseins.
In der
sittlichen Tat wird damit der Mensch des Könnens, das in
ihm ist, bewusst, in ihr kann und soll er sich
entscheiden, in ihr erfährt er um seine Freiheit. Das
Gute und das Böse ist vor ihn hingestellt, damit er
wähle. Auch die Freiheit ist eine sittliche Aufgabe, die
Gott in das Menschenleben hineingelegt hat, damit sie
erfüllt werde. Der Wille zum Guten ist der Wille zur
Freiheit und der Wille zum Leben. Das Leben zu wählen
und zu gestalten, das ist die Forderung, die das
Judentum an den Menschen richtet.
Das
Leben des Menschen steht so nicht unter der
Schicksalsbestimmung, die über ihn verhängt ist,
sondern unter der Entscheidung, die er selbst trifft.
Sein Ziel ist ihm gegeben, zu dem seine Freiheit ihn
hinführt. Er vermag, wenn er von ihm sich abgewendet
hatte, umzukehren, um jetzt den Weg zu gehn, auf dem er
Gott findet. Er kann sich versöhnen, sich reinigen.
Seine Tat, die sittliche Tat, ist es, die die Versöhnung
schafft. Nicht das Wunder und nicht ein Sakrament bringt
sie, sondern die Freiheit, die in ihn gelegt ist. Und in
der Versöhnung schafft sich der Mensch dann die neue
Freiheit und damit die neue Verantwortung; sie wird zum
Wege, zur neuen Aufgabe.
Wie
dem einzelnen ist dieses Ziel der Menschheit gesetzt.
Ihr Ziel ist die Erfüllung des Guten auf Erden, die
Verwirklichung dessen, worin allein die Menschheit ihr
Leben findet, ihr Leben erwählt. Über 12
ihr
steht das unendliche sittliche Gebot, mahnend und
fordernd. Die Zukunft wird damit zur Aufgabe. Der Sinn
der Geschichte ist, dass das Gute mehr und mehr sein
Dasein besitze. Nur in ihm hat sie ihr Bestehendes und
Dauerndes; nur das lebt weiter, was durch die sittliche
Tat leben will. In dieser Gewissheit liegt der Glaube
des Judentums an die Zukunft.
Im
Judentum sind die Gedanken oft mannigfaltige Wege
gegangen. Aber in diesem Einen sind sie immer
übereingekommen und zu diesem hat die Entwicklung immer
bestimmter hingeführt, dass Frömmigkeit und Gottesfurcht
sich auf die sittliche Tat gründen, dass der Mensch Gott
findet, nur wenn er weiß, dass Gott in der Erfüllung des
Guten ihm den Inhalt seines Lebens gegeben hat.
Bibel
1:
Ich habe ihn [Abraham] erkoren, damit er seinen Kindern
gebiete und
seinem Hause nach ihm, dass sie den Weg des Ewigen
wahren: zu üben Gerechtigkeit und Recht. — 1. B. Mos.
18, 19.
2: Heilig sollt ihr sein,
denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott. — 3. B. Mos.
19, 2.
3:
Und nun, Israel, was verlangt der Ewige, dein Gott, von
dir? Doch nur, dass du
fürchtest den Ewigen, deinen Gott, dass du in allen
seinen Wegen
wandelst und ihn liebest und dienest dem Ewigen, deinem Gott, mit
deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele. — 5. B. Mos.
10, 12.
4:
Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir
nicht verborgen und
nicht fern; es ist nicht im Himmel, dass du sagest: Wer
steigt für uns
in den Himmel und holt es uns und macht es uns kund,
dass wir es befolgen? Es ist auch nicht jenseits des
Meeres, dass du sagest: Wer zieht für uns über das Meer
hin und holt es uns
und macht es uns kund, dass wir es befolgen? Sondern
sehr nahe ist es
dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun. —
5. B. Mos. 30, 11—14.
5:
Waschet euch, reinigt euch, schaffet euer böses Tun aus
meinen
Äugen, höret auf, Böses zu tun. Lernet Gutes tun,
trachtet nach
Recht, steht dem Vergewaltigten bei, sprechet Recht der
Waise, nehmet
euch der Witwe an. — Jesaja 1, 16—17.
6:
Wer in Gerechtigkeit wandelt und aufrichtig redet, wer
Gewinn durch
Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass
sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es
nicht auf
Blutrat höre, sein Auge zudrückt, dass es auf das Böse
nicht
schaue, der wird auf Höhen wohnen, Felsenfesten sind
seine Burg, sein
Brot ist ihm gegeben, sein Wasser versiegt nicht. —
Jesaja
33, 15—16.
7: So
spricht der Ewige: Wahret Recht und übet Gerechtigkeit,
denn nahe
ist meine Hilfe zu kommen, und mein Heil, sich zu offenbaren.
— Jesaja 56, 1.
8:
Es kommen Tage, spricht der Ewige, an denen ich mit dem
Hause Israel
und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließe. Nicht
wie
jener Bund, den ich geschlossen habe mit ihren Vätern an
dem Tage,
da ich sie bei der Hand fasste, sie herauszuführen aus
dem Lande Ägypten,
welchen Bund sie später gebrochen haben, und
ich bin doch ihr
Herr, spricht der Ewige. Sondern dies ist der Bund, den ich mit
dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der
Ewige: Ich lege meine Lehre in ihr Inneres, und auf ihr Herz
werde ich sie schreiben, und ich werde ihr Gott sein,
und sie werden mein Volk sein. — Jeremia 31, 31—33.
9: Er hat dir
kundgetan, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir?
Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem
Gott! — Micha 6, 8.
10:
Ewiger, wer darf in Deinem Zelte weilen. Wer darf auf
Deinem
heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und
Recht übt und
Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf seiner Zunge
nicht
Verleumdung trägt, seinem Nächsten nicht Böses tut und
Schmähung nicht
spricht gegen seinen Nebenmenschen. Der Verächtliche
ist in seinen Augen verachtet, aber die den Ewigen
fürchten,
ehrt er; er schwört zu seinem Schaden und ändert es
nicht. Sein
Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen
einen Unschuldigen
nimmt er nicht. Wer solches tut, wankt nimmer. — Psalm 15.
11:
Wer darf steigen auf den Berg des Ewigen und wer stehn
an
seiner heiligen Stätte? Wer reiner Hände und lauteren
Herzens ist,
wer nicht zu Eitlem seine Seele erhebt und nicht zum
Truge
schwört. Er trägt Segen heim vom Ewigen und Gnade von
dem Gotte seines Heils. — Psalm 24, 3—5.
12:
Den Ewigen fürchten ist das Böse hassen. — Sprüche 8,
13.
13:
Zum Menschen spricht er: Sieh, Furcht des Herrn ist
Weisheit, und vom
Bösen weichen ist Einsicht. — Hiob 28, 28.
14: Habe ich je missachtet
das Recht meines Knechtes oder meiner
Magd in ihrem Streite
mit mir? [Denn ich dachte stets:] Was tu ich, wenn Gott
aufsteht, und wenn er es rügt, was erwidere ich ihm? Hat nicht
im Mutterschoße, der mich gebildet, auch ihn gebildet, und Einer
uns im Mutterleibe bereitet? Habe ich Armen ein Begehren versagt und die Augen einer Witwe
schmachten lassen? Habe ich meinen Bissen allein
gegessen, aß nicht die Waise davon? Von meiner Jugend
an wuchs sie mir doch auf wie einem Vater, und wie vom
Leibe meiner Mutter führte ich sie. Habe ich einen
Umherirrenden ohne Kleid gesehen und ohne Hülle den
Dürftigen? Seine Hüften priesen mich, und mit meiner
Schafe Schur erwärmte er sich. Habe ich gegen eine Waise
meine Hand erhoben, weil ich am Tor [bei Gericht] meinen
Beistand sah, dann falle meine Schulter aus dem Blatt,
und werde mein Arm aus der Röhre gebrochen. Schrecken
überkäme mich, das Unheil Gottes; ob seiner Erhabenheit
vermöchte ich nichts. Habe ich Gold zu meiner
Zuversicht gemacht und zu Kleinodien gesagt: mein
Vertrauen? Habe ich mich gefreut, dass meine Habe groß
geworden ist, und dass meine Hand viel erworben hat?
Habe ich mich gefreut über das Unglück meines Feindes,
und habe ich gejubelt, dass ihn Böses getroffen hat?
Ließ ich doch meinen Mund nicht sündigen, seine Seele
zu verfluchen. Draußen hat der Fremde nicht
übernachten müssen; meine Tür tat ich dem
Wanderer auf. Habe ich nach Menschenart meine Vergehn
verheimlicht, verborgen in meinem Busen meine Missetat?
. . . Hat mein Acker über mich geschrieen, haben seine
Furchen allzumal weint? Habe ich seine Kraft verzehrt
ohne Entgelt, habe ich seinem Besitzer das Leben
genommen? Hiob 31, 13—25; 29—33; 38—39.
Palästinische
Apokryphen
1: Jegliche Weisheit ist Furcht des Ewigen, und in
jeglicher Weisheit ist Übung der Lehre. — Sirach 19,
20—21.
2: Wohlgefallen des Ewigen ist Ablassen von Bosheit,
und Sühne ist Ablassen von Unrecht. — Sirach 32 (=35),
5.
3: Und nun, meine Kinder, machet gut eure Herzen vor
dem Ewigen, und machet gerade eure Wege vor den
Menschen, so werdet ihr Huld finden vor Gott und
Menschen. — Testamente d. 12 Patriarchen II 5, Z. 2—4.
4: Beobachtet, meine Kinder, die Lehre Gottes, und
erwerbet euch Einfalt und wandelt in Unschuld, ohne
Vorwitz zu treiben mit den Geboten des Herrn und den
Handlungen des Nächsten; vielmehr liebet den Herrn und
den Nächsten, erbarmet euch des Armen und Schwachen. —
Testamente d. 12 Patriarchen V 5, Z. 1—3.
5: Habe acht, mein Sohn, auf dich in all deinem Tun,
und erweis dich wohlerzogen in deinem ganzen Verhalten,
und was dir selbst verhasst ist, das tu keinem andern. —
Tobit 4, 14—15.
Jüdisch-hellenistische Literatur
1: Die heiligen Gebote sind zum Zwecke der
Gerechtigkeit gegeben worden, um fromme Gedanken zu
wecken und den Charakter zu bilden. — Aristeasbrief 144;
vgl. auch das. 168.
2: Und es gibt sozusagen zwei Hauptstücke unter den
zahllosen Einzellehren und -sätzen, das eine in bezug
auf Gott: Gottesverehrung und Frömmigkeit, das andre in
bezug auf Menschen: Nächstenliebe und Gerechtigkeit. —
Philo: De specialibus legibus II (de septenario) (M. II
282, C.-W. 63).
3: Es ist wahr, was nicht ohne Grund einer der Alten
ausgesprochen hat, dass die Menschen nur dann Gott
ähnlich handeln, wenn sie wohl tun. Welch höheres Gut
aber könnte es geben, als die Nachahmung des ewigen
Gottes durch (uns) Sterbliche? — Philo: De specialibus
legibus IV (de judice) (M. II 347, C.-W. 73).
4: Das ist es vor allem, was der fromme Prophet [Mose]
durch seine ganze Gesetzgebung erreichen will:
Eintracht, Gemeinschaftsgefühl, Gleichheit der Gesinnung
und Harmonie der Charaktere, Eigenschaften, durch die
Familien und Städte, Völker und Länder und überhaupt das
ganze Menschengeschlecht zur höchsten Glückseligkeit
gelangen können. Philo: De virtutibus (de caritate) (M.
II 395, C.-W. 119).
5: Diesem Gott müssen alle gehorchen und in
Tugendübung sollen sie ihn ehren; denn das ist der
vornehmste Gottesdienst. — Josephus gegen Apion II, 22.
Talmudisches
Schrifttum
1: Simon der Gerechte .... tat den Ausspruch: Auf drei
Dingen steht die Welt: — Auf der Lehre, auf dem Dienst
[Gottes] und auf Liebeswerken. — Sprüche d. Väter I, 2.
2: Ferner geschah es einst, dass ein Heide vor
Schammai trat und zu ihm sprach: Mache mich zum
Proselyten [gajjereni], wofern du mich die ganze Thora
lehrst, während ich auf einem Fuße steh. Der stieß ihn
von sich mit dem Messstab, den er in der Hand hatte. Da
ging er zu Hillel, und dieser machte ihn zum Proselyten
[gijjero]. Er sagte nämlich: Was dir verhasst ist, das
tu keinem andern; das ist die ganze Thora, das andre ist
Erklärung — gehe hin und lerne. — Sabbat 31a [vgl. Test.
d. 12 Patriarchen VIII b, 1 Z. 15—16; Tobit 4, 15;
Philo: Fragmente M. II 629]. 3: „Du sollst lieben deinen
Nächsten wie dich selbst“ (3 M. 19,18). R. Akiba lehrte:
Das ist ein Hauptgrundsatz (kelal gadol) der Thora. Ben
Asai lehrte: Es gibt noch einen wichtigeren Grundsatz:
Das ist das Buch der Entstehung des Menschen . ... im
Ebenbilde Gottes schuf er ihn (1 M 5, 1). — Sifra c. 4
[vgl. Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 24].
4: Rabbi Simlai lehrte: Die Thora enthält 613
Gebote, und zwar 248 Gebote: „Du sollst“, entsprechend
den 248 menschlichen Gliedern, und 365 Gebote: „Du
sollst nicht“, entsprechend den 365 Tagen des
Sonnenjahres. König David hat sie alle in elf
zusammengefasst. Denn so heißt es (Ps. 15): Ewiger,
wer darf in Deinem Zelte weilen? Wer darf auf Deinem
heiligen Berge wohnen? Wer in Geradheit wandelt und
Recht übt und Wahrheit redet in seinem Herzen. Wer auf
seiner Zunge nicht Verleumdung trägt, seinem Nächsten
nicht Böses tut und Schmähung nicht spricht gegen
seinen Nebenmenschen. Der Verächtliche ist in seinen
Augen verachtet, aber die den Ewigen fürchten, ehrt er;
er schwört zu seinem Schaden und ändert es nicht. Sein
Geld leiht er nicht auf Zins aus, und Bestechung gegen
einen Unschuldigen nimmt er nicht. Wer solches tut,
wankt nimmer. Der Prophet Jesaja hat sie in sechs
zusammengefasst (33, 15—16): Wer in Gerechtigkeit
wandelt und aufrichtig redet, wer Gewinn durch
Bedrückung verschmäht, wer seine Hände schüttelt, dass
sie nicht Bestechung nehmen, sein Ohr verstopft, dass es
nicht auf Blutrat höre, sein Äuge zudrückt, dass es
nicht auf das Böse schaue, der wird auf Höhen wohnen,
Felsenfesten sind seine Burg, sein Brot ist ihm gegeben,
sein Wasser versiegt nicht. Der Prophet Micha hat sie in
drei zusammengefasst (6, 8): Er hat dir kundgetan, o
Mensch, was gut ist. Und was fordert der Ewige von dir?
Doch nur Recht tun, Güte lieben und in Demut wandeln mit
deinem Gott. Dann hat sie Jesaja wiederum in zwei
zusammengefasst (56, 1): Wahret Recht und übet
Gerechtigkeit, denn nahe ist meine Hilfe zu kommen, und
mein Heil, sich zu offenbaren. Zuletzt hat sie der
Prophet Habakuk in einen Satz zusammengefasst (2, 4):
Der Gerechte lebt in seiner Treue. — Makkot 23, 24.
5: Die Thora ist nur zu dem Zweck offenbart worden,
die Menschen zu läutern. — Bereschit rabba c. 44.
6: Jedes der göttlichen Werke ist lauter [Spr. 30, 5];
dies will andeuten, dass die Gesetze Israel gegeben
sind, es zu läutern und von Begierden zu reinigen. —
Wajjikra rabba c. 13.
Mittelalter
1: Auf jedem in Israel, dessen Tun rein, dessen Herz
lauter, dessen Seele ganz bei dem Gotte Israels ist,
ruht der Strahl göttlicher Heiligkeit [Schechina]. —
Jehuda ha-Levi: Kusari, V, 23.
2: Was die Lehre Israel befiehlt, hat nur den Zweck,
unter Menschen gegenseitige Liebe und Frieden
aufrechtzuerhalten. — Buch der Frommen, § 956 (567).
3: Unsere Weisen haben das Gebot, in Gottes Wegen zu
wandeln, also erklärt: So wie Gott gütig genannt wird,
so werde auch du gütig, wie Gott barmherzig ist, so
werde auch du barmherzig, wie Gott heilig ist, so werde
auch du heilig. In diesem Sinne haben die Propheten Gott
langmütig, huldvoll, gerecht genannt; — um erkennen zu
lassen, dass dieses die guten und geraden Wege sind, auf
denen der Mensch wandeln soll, um damit Gott nach
Kräften ähnlich zu werden. — Maimonides: Mischne tora
hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I 6.
4: Entferne nicht Gott aus deinen Gedanken, vergiss
nicht, was er dir getan, lass den fremden Götzen, deine
Sinnenlust, nicht herrschen über dich. Handle so, dass
du vor dir nicht zu erröten hast, gib nicht der Begierde
Gehör, sündige nicht und sprich, du wollest nachher Buße
tun, nie gehe ein Schwur über deine Lippen, nie erhebe
dein Sinn sich in Hoffart, folge nicht der Augen Lust,
verbanne die Hinterlist aus deinem Herzen, die Frechheit
von Blick und Gemüt. Sprich nie leere Worte, streite mit
niemand, halte dich nicht zu Spöttern, hadre nicht mit
Bösen. — R. Eleasar b. Jehuda: Rokeach, übers v. Zunz
in: Zur Gesch. u. Lit. I, S. 132.
5: Der höchste Gottesdienst ist die reine Liebe zu dem
Schöpfer. — R. Mose b. Jacob aus Coucy: Aus dem großen
Buch der Gebote, Verbote 2. 64. 170; Gebote 3. 16. 74.
6: Wandle fürder nicht in den Wegen deines Herzens,
sondern in der Furcht Gottes und in der
Gewissenhaftigkeit gegen seine Gebote: in Keuschheit,
Bescheidenheit, Reinheit und Heiligkeit. Fromme Gedanken
seien stets in dir. — Mose Cohen b. Eleasar: Das kleine
Buch der Frommen, S. 2.
7: Man könnte annehmen: Maimonides wollte nicht
Glaubensdogmen aufstellen, mit denen das Judentum steht
und fällt, sondern nur wichtige Prinzipien des
Judentums. Ist das der Fall, so schlage ich vor, als ein
wichtiges Prinzip des Judentums den Grundsatz zu
bezeichnen, dass wir Juden an den Zusammenhang zwischen
Gott und Mensch glauben, dass Gottes Heiligkeit immer
unter uns vorhanden ist. — Joseph Albo: Ikkarim
(Grundlehren) I, 3. 8: Sie [die Thora] ermahnt
zur Menschenliebe: „Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst!“ (3 M 19, 18). Sie entfernt den Hass: „Hasse
nicht deinen Bruder in deinem Herzen“ (das. 17) und
empfiehlt, den Fremden zu lieben: „Und ihr sollt lieben
den Fremdling“ (5 M 10, 19), verbietet, ihn zu
bedrücken: „Bei dir soll er wohnen, in deiner Mitte, an
dem Orte, den er wählen wird in einem deiner Tore, wo es
ihm wohl ist; du sollst ihn nicht bedrücken.“ (das. 23,
17). Und dies bezieht sich nicht auf den bekehrten
Fremdling, sondern auch auf den bloßen Beisassen,
der nicht Götzen dient. — Joseph Albo: Grundlehren III,
25.
Neueres jüdisches
Schrifttum
1: Die Forderung, in den Wegen Gottes zu wandeln,
umfasst die gesamte Charakterbildung. Das meinen unsere
Weisen mit den Worten: Wie er barmherzig ist, so sei
auch du barmherzig. Der Inbegriff von allem ist, dass
der Mensch alle seine Eigenschaften und alle seine
Handlungen nach der Geradheit und Sittlichkeit bestimme.
— Mose Chajim Luzzatto: Messillat jescharim. (Der Weg
der Frommen), übers. v. Wohlgemuth, 1906, Vorrede.
2: Das Wesen der Heiligkeit besteht darin, dass der
Mensch so sehr seinem Gott anhängt, dass er sich in
keiner Handlung, die er übt, von ihm trennt oder auch
nur entfernt, so dass nicht er von seiner Verbindung mit
Gott und von seiner Höhe durch seine Beschäftigung mit
dem Irdischen herabgezogen, sondern vielmehr das
Irdische dadurch, dass er sich damit befasst,
emporgehoben wird. — Mose Chajim Luzzatto: Der Weg der
Frommen, c. 26.
3: Das ist also der Hillelsspruch: „Was dir gehässig
wäre, das tu deinem Nächsten nicht,“ und darum konnte
er auch diesen Satz als den Grundbegriff des ganzen
Gesetzes geben, denn auch alle übrigen Gesetze sind
nichts weiter als Gerechtigkeit und Liebe gegen alle
Wesen (oder Erziehung dazu). — S. R. Hirsch: Choreb,
1837, c. 91 § 586.
4: Gottes Wesen begreifen, das heißt: wissen, dass er
gerecht und unbestechlich, barmherzig, gnädig und
langmütig ist, wissen, dass, was er tut, wohlgetan ist,
wissen, dass er den Menschen zur Tugend bestimmt hat.
Nur wer Gott erkennt, vermag so den Menschen zu
begreifen. Denn diesen ergründen, das heißt: einsehen,
was er vor Gott und für Gott ist, was er nach dem Willen
Gottes sein soll, einsehen, dass er geschaffen ist, um
gut und edel und glücklich zu sein, heilig wie sein
Vater im Himmel. Je mehr wir von Gott erfahren, desto
mehr vermögen wir den Menschen zu verstehn, desto mehr
lernen wir, wahre Menschen zu sein. Was Gott sagt, und
was Gott will, ist das, was für den Menschen gut ist;
die Wege Gottes sind die Wege, die der Mensch gehn soll.
Auf diesen allein werden wir zu Gott hingeführt, nur in
der rechten Tat erschließt sich das Wesen Gottes. Tu
deine Pflicht, dann weißt du, wer Gott ist. Je
aufrichtiger wir wahre Menschen sein wollen, desto
besser erkennen wir also wiederum Gott, und das ist das
klarste und reinste Begreifen, das wir von Gott gewinnen
können, dasjenige, das wir gewinnen sollen. „Auf allen
deinen Wegen erkenne ihn.“ Gott suchen, das ist: nach
Gutem streben; Gott finden, das ist: Gutes tun. Von Gott
wissen und das Rechte üben sind gleichbedeutende
Begriffe. Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S.
21/22.
5: Der ethische Charakter, die grundsätzliche Bedeutung
des sittlichen Tuns, ist für die israelitische Religion
ursprünglich. Wie immer man ihre zeitliche Entstehung
ansetzen und wie immer man sich zu der Frage nach ihrem
Weiterschreiten stellen mag, das eine steht doch fest,
dass von Anfang an, seit die eigentliche israelitische,
prophetische Religion vorhanden ist, für sie das
Sittengesetz den Angelpunkt bildet. Das Judentum ist
nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip,
sein Wesen aus. — Leo Baeck, Das Wesen des Judentums,
1905 S. 39.
6: Gott über alles und den Nebenmenschen wie sich
selbst lieben, das fordert die geoffenbarte Lehre wie
das Sittengesetz. — M. Bloch: Die Ethik in der Halacha,
1886, S. 9.
7: Die Ethik aber ist das Lebensprinzip des Judentums.
Seine Religion will Sittenlehre sein und ist
Sittenlehre. Die Liebe Gottes ist die Erkenntnis Gottes.
Und die Erkenntnis Gottes ist die Erkenntnis von dem
sittlichen Endzweck des Menschengeschlechts. — Hermann
Cohen: Innere Bezhg. d. Kant. Philos. z. Judentum, 1910,
S. 59/60.
8: Die pharisäische Religionsanschauung hat die
Wichtigkeit der sittlichen Werke, der Barmherzigkeit und
Bruderliebe nie gering geschätzt, sondern in
Übereinstimmung mit den Propheten sie immer als das
oberste und letzte Ziel des religiösen Lebens
hingestellt „Gerechtigkeit und Mildtätigkeit wiegen alle
religiösen Vorschriften auf.“ „Wer in seinem Handeln und
Wandeln mit den Geschöpfen sich von Treue leiten lässt,
dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Thora
erfüllt.“ — J. Elbogen: Die Religionsanschauungen der
Pharisäer, 1904, S. 27/28.
9: Tugend und Sittlichkeit galten [bei den Juden] nur
als eine Seite der Frömmigkeit, die von Gottesverehrung
nicht ablösbar war. Das Schrifttum des Judentums ist wie
von religiösen, so von ethischen Gedanken durchdrungen.
Von ihnen erfüllt sind nicht bloß zahllose
Moralschriften, Mahnbüchlein, Strafreden und Bußgedichte
mit ihren strengen sittlichen Forderungen und der
unerbittlichen Geißelung moralischer Schäden, sondern
auch die Rechtsgutachten, die oft nur eine praktische
Anwendung jener Sittenbücher enthalten, und die
Predigten, die den Inhalt der Heiligen Schrift ethisch
ausdeuten. Den gleichen sittlichen Gehalt zeigt das
praktische Leben des hart verfolgten und gering
geschätzten, aber sittlich gesunden Volkes. — J.
Freudenthal: Spinoza I, 1904, S. 29/30. 10: Allein das
Judentum sollte nicht bloß einen neuen Gottesgedanken in
die Welt bringen, es sollte auch alle menschlichen
Verhältnisse verklären und veredeln. Die Männer, die es
aussprachen in der alten Zeit: Der eigentliche Grund
und Nerv der Lehre ist: Was dir missfällt, das tu auch
deinem Nächsten nicht, das ist der Grund und die
Wurzel der Lehre, das übrige ist die Erklärung: Geh hin
und lerne sie, oder der Spruch: Du sollst lieben deinen
Nächsten wie dich selbst, das ist der große umfassende
Grundsatz der Lehre, oder der andre: Dies ist das Buch
der Zeugungen des Menschen, das ist noch ein größerer
Grundsatz, Mensch sein und überall den Menschen erkennen
und alle Nachkommen gleich und ebenbürtig, — die Hillel,
Akiba und Ben Soma [Asai], die solches aussprachen, sie
sind die Säulen und Träger des Judentums, und wir müssen
ihr Wort wohl beherzigen. Das Judentum also, sage ich,
ist nicht bloß in die Welt eingetreten, um einen neuen
Gottesbegriff ihr zu schenken, sondern die menschlichen
Verhältnisse, die Erkenntnis und Würdigung des Menschen
zu verklären. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s.
Geschichte, 1865, I S. 41.
11: Wir stellen zunächst den kurzen Satz auf: Das
Judentum hat zuerst mit einer wahrhaft idealen
Konsequenz Religion und Sittlichkeit miteinander
verbunden. — Max Joseph: Zur Sittenlehre d. Judentums,
1902, S. 4.
12: Sie alle [die Propheten] sagen es klar und deutlich:
Willst du Gott wahrhaft verehren, so übe allererst
Gerechtigkeit und Liebe! Willst du in den Augen Gottes
Wohlgefallen finden, so führe allererst ein reines,
sittlich geweihtes Leben! — Max Joseph: Zur Sittenlehre
d. Judentums, 1902, S. 9.
13: Jedoch hat nur das Judentum das sittliche Wesen der
Gottheit klar begriffen und in dem Ausdruck Heiligkeit
den Begriff höchster sittlicher Vollkommenheit
geschaffen, um in ihm das Ur- und Vorbild lauterster
Sittlichkeit zur Anschauung zu bringen: „Seid heilig,
denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott!“ (Lev. 19, 2)
das ist der Kern- und Gipfelpunkt der jüdischen Lehre.
Heiligkeit ist der Inbegriff aller sittlichen
Vollkommenheit, eine von jedem Hauch des Bösen
unbefleckte Reinheit. — Kaufmann Kohler: Grundr. e.
syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 76.
14: Die Frage, was die Bestimmung des Menschen sei,
beantwortet das Judentum damit, dass es Gott, wie wir
gesehen haben, als das Urbild höchster sittlicher
Vollkommenheit erfassen lehrt und dem Menschen die
Aufgabe stellt, „in Gottes Wegen zu wandeln und die
höchste sittliche Vollkommenheit zu erstreben“. —
Kaufmann Kohler: Grundr. e. syst. Theol. d. Judentums,
1910, S. 165.
15: Durch die ganze rabbinische Literatur zieht sich
dann gleichmäßig der Gedanke, dass das göttliche Wesen
selbst und deshalb die Erkenntnis seiner sittlichen
Eigenschaften, verbunden mit dem Streben, dieselben im
Endlichen nachzubilden, Norm und Grund des Sittlichen
zugleich sei... — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums,
1899, I S. 87.
16: Aus alledem folgt als wesentliche Anschauung des
Judentums: Die Sittlichkeit als Grund und Ziel ihrer
selbst, sie ist des Menschen und aller geistigen Wesen
Beruf. Nicht irgendwelchem Zweck außer ihr selbst
soll sie dienen, sondern sie ist sich selbst Zweck, und
allen andern Zwecken, die der Mensch erstrebt, gibt sie
den Wert und bestimmt sie das Maß. — M. Lazarus: Die
Ethik d. Judentums, 1899, I S. 118.
17: Charakteristisch für die Grundlehre des Judentums
aber ist es, dass das Sittliche als das schlechthin
Absolute, als das völlig Unbedingte erscheint; hier wie
dort und dort wie hier ist es das Höchste mit ewiger
Geltung. Im Gottesbegriff selbst bilden die ethischen
Ideen den wesentlichen Gehalt; durch diese mehr als
durch irgendeinen andern Inhalt ist der Mensch imstande,
göttliches Wesen zu erlassen. — M. Lazarus: Die Ethik d.
Judentums, 1899, I S. 202. 18: Im Mittelpunkt der
prophetischen Forderungen steht die Lehre, dass alle
Frömmigkeit und Gottgefälligkeit mit der Menschenliebe
anheben und in ihr sich wieder auswirken müsse. Religion
und Moral, der Weg zu Gott und der Weg zum Menschen,
fallen zusammen, gelten als eins. — Max Wiener: Die
Religion d. Propheten, 1912, S. 11/12.
19: Es lässt sich keine Periode der israelitischen
Religionsentwicklung ausfindig machen, in der nicht das
Verhältnis Gottes zu seinem Volke als ein streng
sittliches mit leuchtender Klarheit empfunden würde. —
Max Wiener: Die Anschauungen d. Propheten v. d.
Sittlichkeit, 1909, S. 35.
20: Der heilige Gott verlangt ein heiliges, reines Leben
.... Es ist kaum möglich, einen klareren Ausdruck für
die Unzertrennlichkeit wahrer Religion und wahrer
Sittlichkeit zu prägen. — Max Wiener: Die Anschauungen
d. Propheten, 1909, S. 47/48.
„Im Judentum ist die sittliche
Forderung ein Grundsätzliches, ein Tragendes der
Religion“, d. h. was als gut erkannt, was als göttliches
Gebot gelehrt wird, soll in die Tat umgesetzt werden.
Die Lehre des Judentums ist keine theoretische
Erörterung ethischer Lehrsätze, sondern eine Religion
der Tat; seine sittlichen Forderungen wollen im Leben
erfüllt werden. „Gott erkennen, heißt nicht, sein Wesen
verstehen, sondern den Weg des Rechten gehn, den Gott
gewiesen hat.“ Der Glaube ist kein zentrales Problem der
jüdischen Religion. Das hebräische Wort Emuna bedeutet
„Vertrauen“, Luthers Bibelübersetzung hat „Glauben“
dafür gesetzt. Im biblischen und rabbinischen Schrifttum
wird dieses Vertrauen auf Gott als religiös-sittliche
Gesinnung vorausgesetzt, nicht aber wie ein Dogma als
Produkt des Denkens oder des Wollens gefordert. Erst da,
wo die Reflexion dazwischentrat, wie in der
alexandrinischen und mittelalterlichen jüdischen
Religionsphilosophie, wurde der Begriff des Glaubens an
Gott zu einer aus Erkenntnis geschöpften Überzeugung
entwickelt; die vielfach aufgestellten Hauptsätze des
Judentums (Ikkarim) sind nicht als Glaubensartikel,
sondern als Grundwarheiten gedacht. Aber im Judentum
wurde nicht blinder Glaube gefordert und die Freiheit
des Denkens unterdrückt, wurde niemals die Meinung
vertreten, dass sich die Frömmigkeit lediglich auf den
Glauben gründete, und eine Erlösung der Seele ohne
sittliche Tat für möglich erklärt. Die einseitige
Bewertung des Glaubens durch Paulus mit ihrer Gefahr für
das religiöse Leben, die selbst in den urchristlichen
Kreisen auf Widerspruch stieß (vgl. z. B. Jakobusbrief
2, 14—18), hat im Judentum nie Eingang gefunden. Es hat
vorübergehend Strömungen gegeben, die den Höhepunkt des
religiösen Erlebnisses in die Spekulation und in das
mystische Schauen verlegten, aber keine von ihnen hat
die Dringlichkeit der sittlichen Tat bestritten. Im
gesamten nachbiblischen Schrifttum herrscht nur eine
Meinung darüber, dass die Religion sich bewähren muss in
der sittlichen Tat.
Ismar Elbogen
Tun und Glauben
Bibel
1: Ihr sollt wahren meine Satzungen und meine Rechte,
die der Mensch üben soll, dass er durch sie lebe — ich
bin der Ewige. — 3. B. Mos. 18, 5.
2: Mose berief ganz Israel und sprach zu ihnen: Höre
Israel die Satzungen und Rechte, die ich heute vor euren
Ohren verkünde, und ihr sollt sie lernen und wahren, sie
zu üben. — 5. B. Mos. 5, 1.
3: So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott
Israels: Bessert euren Wandel und euer Tun, so will ich
euch an diesem Orte wohnen lassen. Verlasset euch nicht
auf die trügerischen Reden: Der Tempel des Ewigen, der
Tempel des Ewigen, der Tempel des Ewigen ist hier! Nur,
wenn ihr euren Wandel und euer Tun bessert, wenn ihr
Recht schafft zwischen einem und dem andern, Fremdling,
Waise und Witwe nicht bedrückt, unschuldiges Blut nicht
vergießt an diesem Ort und andern Göttern nicht
nachwandelt euch zum Unheil, werde ich euch wohnen
lassen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern
gegeben habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. — Jeremia 7,
3—7.
4: Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr
lebet, dass der Ewige, der Gott der Heerscharen, mit
euch sei, wie ihr es sagt. Hasset das Böse und liebet
das Gute und stellet das Recht fest am Tore. — Amos 5,
14—15.
5: Kommt, Kinder, hört mir zu, Gottesfurcht will ich
euch lehren. Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der
Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor
Bösem und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu
Gutes. Suche Frieden und jage ihm nach. — Psalm 34,
12—15.
6: Halte dich fern vom Bösen und tu Gutes, so wirst du
stets Ruhe finden. — Psalm 37, 27.
Jüdisch-hellenistische
Literatur
dass übrigens eine Gesetzgebung
sich in so hervorragender Weise von den andern
unterschied und zum Gemeingut wurde, erklärt sich
daraus, dass sie die Frömmigkeit nicht zu einem
Bestandteil der Tugend machte, sondern die übrigen guten
Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Standhaftigkeit,
Besonnenheit, vollkommene Eintracht der Bürger
untereinander als Äußerungen der Frömmigkeit erkannte
und sie demgemäß erläuterte. Denn alle Handlungen,
Beschäftigungen und Reden haben bei uns Beziehung zur
Frömmigkeit gegen Gott. — Josephus gegen Apion, II, 16.
Talmudisches
Schrifttum
1: Nicht die Forschung ist die Hauptsache, sondern die
Betätigung. — Sprüche d. Väter I, 17.
2: Wessen Tun mehr ist als sein Wissen, dessen Wissen
hat Bestand; wessen Wissen aber mehr ist als sein Tun,
dessen Wissen hat keinen Bestand. — Sprüche d. Väter
III, 12.
3: Wessen Wissen mehr ist als sein Tun, wem gleicht
der? Einem Baum mit vielen Zweigen und wenigen Wurzeln,
— es kommt der Wind und reißt ihn aus und wirft ihn um,
wie es heißt [Jer. 17, 6]: Und er gleicht einem kahlen
Strauch in der Steppe und sieht nicht, dass Gutes kommt,
er wohnt in dürrer Gegend, in der Wüste, in salzigem,
unbewohntem Lande. Wessen Tun aber mehr ist als sein
Wissen, wem gleicht der? Einem Baum mit wenigen Zweigen
und vielen Wurzeln, dass selbst alle Stürme der Welt ihn
anstürmen und doch nicht von der Stelle rücken können,
wie es heißt [das. 17, 8]: Er gleicht einem Baume, am
Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach streckt; er
spürt nicht, dass die Glut kommt, sein Laub bleibt
frisch, im Jahre der Dürre bangt er nicht und hört nicht
auf, Früchte zu tragen. — Sprüche d. Väter III, 17.
4: Mehr als du lernst — handle. — Sprüche d. Väter VI,
5.
5: Wer nur Thora studiert, der hat gleichsam keinen
Gott. — Aboda sara 17 b.
6: „Wenn ihr in meinen Satzungen wandelt und meine
Gebote beobachtet und sie ausübt . . .“ [3 M. 26, 3].
Dazu lehrte Rabbi Chija: Wer die Thora lernt, soll sie
lernen, um ihre Gebote auszuüben, wer aber die Thora
lernt und ihre Gebote nicht ausübt, der wäre besser nie
geboren. — Wajjikra rabba c. 35.
7: Der Anfang aller Weisheit ist die Furcht des
Ewigen; gute Einsicht wird allen, die sie üben,“ [Ps.
111, 10] denen, die sie üben, nicht aber denen, die sie
nur lernen. — Jalkut zu Ps. 111, 10.
8: „Wer ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage
wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem
und deine Lippen vor Trug. Weiche vom Bösen und tu
Gutes“. Wolltest du glauben ich möchte es im Schlafen
erreichen, so heißt es: „Tu Gutes“. — Jalkut zu Ps. 34,
13—15, § 720.
9: Wer die Worte der Thora lernt und sie nicht
befolgt, dessen Strafe ist schwerer, als wenn er sie gar
nicht gelernt hätte. — Debarim rabba c. 7.
10: Wer die Lehre kennt und sie nicht übt, der wäre
besser nicht geboren. — Schemot rabba c. 40.
Mittelalter
1: Es leuchtet ein, dass Gottes Wohlwollen durch
dieses Verfahren [nämlich Gebote und Verbote] wertvoller
für die Menschen ist, als wenn er alle Mühe ihnen aus
dem Wege geräumt hätte. Zur Klärung der Frage sei
bemerkt, dass es besser ist, dass Gott die Erlangung des
dauernd Guten darauf gegründet hat, dass er die Mühe der
Gebote von den Menschen forderte; das lehrt auch die
Vernunft, dass das Gute, das der erlangt, der sich
eifrig darum bemüht, doppelt so wertvoll ist, wie
dasjenige Gute, zu dem einer aus bloßer Gnade ohne die
geringste eigene Tätigkeit kommt. — Saadja, Emunot
we-deot (Offenbarungs- und Vernunftlehren) III, 1.
2: Wie kann der Mensch eine solche Sinnesart erlangen
und in sich befestigen? Er soll stets danach handeln,
und zwar einmal, zweimal und dreimal und sich ständig
darin üben, bis es ihm leicht wird, danach zu handeln.
Dann wird dies in ihm zu einer festen Gesinnung. Das ist
der Weg Gottes. Diesen Weg hat er unsern Ahn Abraham und
seine Nachfolger gelehrt, und wer auf diesem Weg
wandelt, trägt Segen heim. — Maimonides: Mischne tora
hilchot deot (Religionskodex, Ethik) I, 7.
3: Beschäftige dich, so oft du kannst, mit der
göttlichen Lehre, und zwar um sie auszuüben; schließt du
das Buch, so sieh, ob in dem Gelernten sich etwas
findet, was du ausüben kannst. Jeden Abend und jeden
Morgen untersuche deine Handlungen, so wird dein ganzes
Leben eine Erhebung zu Gott sein. — R. Moses aus Evreux:
Im Kol Bo (Kompendium) Nr. 66.
4: Der richtige Glaube führt zum wahren ewigen Glück
des Menschen. Das ist der Glaube an Gott und an seine
Lehre .... Indessen müssen wir uns vor Augen halten,
dass nicht der Glaube an sich unter allen Umständen die
wahre Glückseligkeit herbeiführt. Wenn der Mensch an
Unmögliches glaubt, so führt dies nicht auf den Weg des
Sittlichen. Daran kann kein Mensch zweifeln. Nur der
Glaube, der die sittliche Bedeutung des Menschen hebt,
ist der wahre Glaube, d. h. nur der Glaube an sittliche
Wahrheiten. Deshalb soll der Mensch nicht schlechtweg
alles glauben, sondern genau prüfen und untersuchen, was
der Inhalt dieses Glaubens ist, und woher das, was er
glaubt, stammt, und was nicht glaubwürdig ist, soll er
aufgeben. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) I, 21.
Neueres jüdisches
Schrifttum
1: Ob nun gleich dieses göttliche Buch, das wir durch
Moses empfangen haben, eigentlich ein Gesetzbuch sein
und Verordnungen, Lebensregeln und Vorschriften
enthalten soll, so schließt es gleichwohl, wie bekannt,
einen unergründlichen Schatz von Vernunftwahrheiten und
Religionslehren mit ein, die mit den Gesetzen so innigst
verbunden sind, dass sie nur eins ausmachen. . . .
Allein alle diese vortrefflichen Lehrsätze werden dem
Erkenntnisse dargestellt, der Betrachtung vorgelegt,
ohne dem Glauben aufgedrungen zu werden. Unter allen
Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes
lautet kein einziges: Du sollst glauben, oder nicht
glauben, sondern alle heißen: Du sollst tun, oder nicht
tun! Dem Glauben wird nicht befohlen; denn der nimmt
keine andern Befehle an, als die den Weg der Überzeugung
zu ihm kommen. Alle Befehle des göttlichen Gesetzes sind
an den Willen, an die Tatkraft der Menschen gerichtet. —
Moses Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 174/175.
2: Die große Maxime dieser Verfassung scheint gewesen
zu sein: Die Menschen müssen zu Handlungen getrieben und
zum Nachdenken nur veranlasst werden. Daher jede dieser
vorgeschriebenen Handlungen, jeder Gebrauch, jede
Zeremonie ihre Bedeutung, ihren gediegenen Sinn hatte,
mit der spekulativen Erkenntnis der Religion und der
Sittenlehre in genauer Verbindung stand und dem
Wahrheitsforscher eine Veranlassung war, über jene
geheiligten Dinge selbst nachzudenken oder von weisen
Männern Unterricht einzuholen. — Moses Mendelssohn:
Jerusalem, 1783, S. 191.
3: Es gibt also ein äußeres Maß für die Menschentat, —
es ist Übereinstimmung mit Gottes Willen; und es gibt
ein inneres für des Menschen Größe, — es ist nicht der
Umfang der verliehenen Mittel, es ist nicht der Umfang
des Gewirkten, sondern es ist die Erfüllung göttlichen
Willens nach Verhältnis des Verliehenen. — Also, mit
bester Gesinnung ein verfehltes Leben, wenn die Tat
nicht die rechte ist; also mit kleinstem Wirken ein
großes Leben, wenn die Mittel zu mehr nicht ausreichten.
Also auch Glückseligkeit und Vollkommenheit nur größte
Fülle von äußeren und inneren Gütern, deren volle
Verwendung nach Gottes Willen erst des Menschen Größe
macht. — S. R. Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 19/20.
4: Aber ein von der Welt zurückgezogenes, bloß
beschauendes und betendes Leben ist nicht Judentum;
Thauroh und Awaudoh sind nur Weg zum Wirken! Talmud
gadol sche-mebi lijde maasse ist Ausspruch unserer
Weisen; und Blüte und Frucht aller unserer T'fillauß
sind B'rochauß, Entschlüsse zu einem gottdurchdrungenen
tätigen Leben; dies allein also überall Ziel. — S. R.
Hirsch: 19 Briefe, 1836, IV, S. 73.
5: In dem ganzen Bereiche des göttlichen Gesetzes ist
uns nicht eine einzige Wahrheit offenbart, die nur
theoretisches Interesse hätte, keine einzige, die nur
unser Wissen bereicherte, ohne auf unser sittliches
Verhalten Einfluss zu üben geeignet zu sein. — S. R.
Hirsch: Ges. Schr., III, 1906, S. 372.
6: Im Judentum nehmen die Gebote, die Forderungen
religiösen, sittlichen Handelns, einen so
bedeutungsvollen Platz ein, dass die Glaubenssätze
notwendig zurückstehn. Vor das Wissen von Gott treten
die Pflichten gegen Gott. „Die Grundprinzipien der
Thora“, wie sie z. B. der Talmud aufstellt, betreffen
fast nur das fromme Handeln. Nur dieses ist religiös
festgestellt und hat gewissermaßen seine fertigen
Antworten. — Leo Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905,
S. 3.
7: Weise ist, wer in den Wegen Gottes wandelt, wer das
Gute tut; so wiederholt es im Judentum die Überzeugung
aller Jahrhunderte. Religion und Leben werden damit aufs
innigste verbunden, die Religion, welche bewiesen werden
soll durch das Leben, das Leben, welches geweiht werden
soll durch die Religion. Diese wird zur Erde
herabgeführt, jenes zu göttlichem Inhalt erhöht. Dem
Zwiespalt zwischen Glauben und Tun ist damit der Boden
genommen: keine Frömmigkeit gibt es als die, welche
durch die Lebensführung bewährt wird; keine
Lebensführung kann gelten als die, in welcher sich die
Religion verwirklicht. — Leo Baeck: Das Wesen des
Judentums, 1905, S. 22.
8: Das Judentum ist eine Religion, die ihre Bewährung
im Leben sucht und in der sicheren Klarheit des Lebens
auch ihre letzte und höchste Vollendung findet. — Leo
Baeck: Das Wesen des Judentums, 1905, S. 28.
9: Die Religion ist nicht etwa ein Ideal, das
lediglich ersehnt, sondern ein Ideal, das tagtäglich und
unmittelbar betätigt werden muss. In dem so genannten
„Mosaismus“ ist das religiös-sittliche System mit dem
staatlich-sozialen auf das innigste verwachsen. Die
Grunddogmen des Glaubens werden als leitende Prinzipien
für das praktische Leben aufgestellt......Die
mosaische Lehre ist „eine Propaganda der Tat“: sie
verlangt überall eine aktive, nicht bloß eine passive
Moral. — Simon Dubnow: Jüd. Gesch., 1898, S. 25/26.
10: Die ausübende Religion oder das praktische Judentum
soll sich vor allem im Sittlichhandeln betätigen, aber
es erstreckt sich auf alle Lebensäußerungen. Nichts ist
so geringfügig, dass es nicht durch den Stempel der
Religion veredelt, dass daraus nicht eine Beziehung auf
Gott gewonnen werden könnte. Das ist die
Grundanschauung, welche das praktische Judentum und die
demselben gewidmeten Teile des Talmud durchzieht. — M.
Güdemann: Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 81.
11: Vor allem liegt den Talmudisten das Studium, das
Sehnen und Ringen und Streiten um die Feststellung der
Halacha am Herzen und wird aufs höchste gepriesen. Nur
dass eine bloße Theorie, eine hohle und leere Theorie,
eine, die nicht Theorie für die Praxis sein will, von
den Rabbinen ebenfalls verworfen wird. — M. Lazarus: Die
Ethik d. Judentums, I. 1899, S. 422.
12: Das bloße Fernbleiben vom Bösen genügt nicht,
sondern positive sittliche Tat wird gefordert. Freie
Initiative aus sittlichem Grunde und Antrieb. S. Aboda
sara 19 b: Sollte vielleicht ein Mensch sagen: Weil ich
meine Zunge bewahrt habe und meine Lippen, dass sie
nicht Trug reden, so will ich hingehn und mich dem
Schlafe hingeben, so heißt es: „Weiche vom Bösen und tu
Gutes“ (Ps. 34, 15). Positive Energie und Initiative
wird gefordert. Eingreifen zum Guten, als Zeuge sich
melden, zum Retter sich aufwerfen. — M. Lazarus: Die
Ethik d. Judentums, II, 1911, S. 53—54. 13: Der Begriff
der Maaßim tobim „der guten Taten“ spielt überhaupt die
größte Rolle in der jüdischen Ethik und ist niemals wie
im Christentum durch den Begriff des „Glaubens“ in den
Hintergrund gedrängt worden. — Felix Perles: Boussets
„Religion d. Judentums“, 1903, S. 65.
14: Von den Propheten angefangen bis zu den Sittenlehren
des Mittelalters (vgl. über dieselben Zunz: Zur
Geschichte und Literatur 122—157 [Ges. Sehr. I, 60—85])
weht ein heroischer Geist durch die sittlichen Lehren
nicht nur, sondern, was noch viel mehr bedeutet und am
entscheidendsten ist, durch das sittliche Leben.
Derselbe Ernst, dieselbe Unerbittlichkeit, mit der die
sittliche Forderung ausgesprochen wurde, zeigt sich auch
in der Betätigung. Was die Führer des Volkes lehrten,
das lebten sie auch dem Volke vor, das blieb nicht bloß
gesprochenes und geschriebenes Wort, sondern ging dem
ganzen Volke ins Bewusstsein über, das wurde auch unter
den schwersten äußeren Verhältnissen gehalten. Es ist
gerade das Charakteristische an der jüdischen
Pflichterfüllung, dass man niemals die Pflicht lau nahm,
sie nur halb oder nur zum Scheine erfüllte, sondern
unweigerlich alle Konsequenzen zog und vor keinem Opfer
zurückschreckte, um alle Forderungen der Religion auch
wirklich in vollem Umfang und unter allen Umständen zu
halten (vgl. darüber z. B. Steinthal, Jahrb. f. jüd.
Gesch. u. Lit. 1901, 59. 61.) — Felix Perles: Boussets
„Religion d. Judentums“, 1903, S. 66/67.
15: Das allein ist der Sinn dieses im Judentum bis auf
den heutigen Tag sehr ernst genommenen Begriffes
Kiddusch ha-schem [Heiligung des göttlichen Namens] und
seines Korrelats des Chillul ha-schem [Entweihung des
göttlichen Namens). Jede edle Handlung ist ein Sieg des
Gottesgedankens und somit eine Heiligung Gottes vor
allen Menschen, während jede schlechte Handlungsweise
eine Niederlage des Gottesgedankens, eine Entweihung
Gottes vor allen Menschen bedeutet. — Felix Perles:
Boussets „Religion d. Judentums“, 1903, S. 69/70.
16: Der Wunsch, die Ideen zu verwirklichen, darf uns nie
abhanden kommen und muss uns immer beseelen; denn er
bildet den notwendigen Durchgangspunkt der Idee zum
Willen. Immer müssen wir z. B. wünschen, Wohlwollen und
Liebe zu üben, damit, so oft die Gelegenheit dazu
geboten ist, wir auch willens und bereit sind, jene zu
betätigen. Dann, wenn wir den Hilfsbedürftigen
erblicken, dann muss der allgemeine Wunsch zu helfen
auch zur bestimmten Tat führen. — H. Steinthal: Zu Bibel
u. Religionsphil., II, 1895, S. 204.
„An diesem Tage wird Er euch sühnen." Was ist besonderes
an diesem Tage? Flammt die Sonne heute strahlender auf,
geht sie leuchtender zur Rüste? Funkeln glänzender als
sonst droben am Himmelsdom die ewigen Sterne? Ist die
Atmosphäre heute reiner und milder, die Luft
erfrischender und erquickender? Nichts von alledem.
Äußerlich unterscheidet sich der heutige Tag in nichts
von den andern Tagen des Jahres. Aber für uns Juden hat
er eine Bedeutung, die ihn weit hinaushebt über alle
Zeiten, durch die der Kreislauf der Monate uns führt.
Denn dieser Tag bringt uns Vergebung für unsere Sünden
und Versöhnung mit Gott.
Ein Mann geht dahin, eine große Last auf seinen
Schultern tragend. Schwerer wird die Last, drückender
die Bürde. Immer mehr beugt sich der Körper des Mannes,
häufiger muss er, tief aufseufzend, stehen bleiben,
bevor er, alle seine Kräfte anspannend, seinen Weg
fortsetzen kann. Wie lange wird er die Last noch tragen
können, wann wird er unter ihr erliegen und
zusammenbrechen? Da kommt sein bester Freund, der
Erbarmen mit ihm hat. Er nimmt die Last von seinen
Schultern. Wie atmet der Befreite tief auf, erlöst und
beglückt, wie streckt und dehnt er die Glieder! Ähnlich
ergeht es uns an diesem heiligen Tage. Im Laufe des
Jahres häufen sich unsere Sünden und Vergehungen. Sie
lasten auf unserer Seele. Sie hindern uns am sittlichen
Aufschwung und erschweren unser Vorwärtsschreiten zum
Guten. Sie drücken das Göttliche, das in uns lebt, in
den Staub und in die Niedrigkeit herab. Da kommt der
heutige heilige Tag und ruft uns mit den Worten des
Propheten zu: ,,Es weicht deine Schuld, und deine Sünde
wird gesühnt," und erlöst und befreit können wir ein
neues besseres Leben beginnen.
Das alte Märchen, das schon manchen Dichter begeistert
hat, erzählt von einem Prinzen, der durch den Bann eines
Zauberers in ein Tier verwandelt worden war. Aber an
einem Tage weicht der Fluch, und aus dem Tiere wird ein
Mensch, ein edler Königssohn, der, seiner Würde sich
bewusst, zurückkehrt in den Palast seines Vaters.
Erleben wir nicht alljährlich an uns selbst dieses
Märchenwunder ? Das ganze Jahr hindurch herrscht der
Körper mit seinen sinnlichen Begierden über die Seele,
welche ihre Sehnsucht himmelwärts zieht, und mancher
Mensch vergisst über der täglichen Arbeit und seinen
körperlichen Bedürfnissen überhaupt, dass er eine Seele
in sich trägt, und sorgt wie das Tier nur für sein
leibliches Wohlergehen. Aber wie im alten Rom an einem
Tage des Jahres die Knechte von ihren Herren bedient
wurden, so triumphiert am heutigen Tage die Seele über
den Körper.
Und da sagt man, wir Juden seien ein materielles Volk.
Man zeige uns doch eine Nation, die ein so rein
geistiges Fest zu feiern imstande ist wie wir. Am
heutigen Tage genießen wir nicht Speise und Trank,
entsagen allen Vergnügungen und sinnlichen Freuden,
beten und büssen; und dennoch nennen wir diesen Tag den
schönsten, den herrlichsten, den reinsten Tag des
Jahres, weil er ein Feiertag der Seele ist, an dem wir
unserer Menschenwürde, unseres göttlichen Ursprunges uns
bewusst werden, und von den zwölf Millionen Juden, die
in der Welt leben, gibt es nur wenige, die dem Zauber
des heutigen Tages sich entziehen, für die er nicht der
starke Magnet ist und bleibt, der alle jüdischen Herzen
mächtig und unwiderstehlich an sich zieht.
„An diesem Tage wird Gott euch sühnen": Warum wird die
Versöhnung an einen bestimmten Tag geknüpft? Hat nicht
schon jener alte Lehrer unseres Volkes, Rabbi Elieser,
seinen Schülern zugerufen: „Kehret um einen Tag vor
eurem Tode," und da sie zu ihm sprachen: „wir wissen ja
nicht, wann wir sterben werden," ihnen geantwortet:
„Gerade das meine ich, kehret jeden Tag zu Gott zurück,
tuet Busse an jedem Tage, denn vielleicht ist es der
letzte eures Lebens." Richtet Gott nicht an jedem Tage
die Menschheit, blickt Er nicht jederzeit in unser Herz,
kann Er nicht jede Stunde unsere Reue sehen und uns
verzeihen? Aber der Allgütige kennt unsere Herzen und
unsere menschliche Schwäche. Würden wir nicht diesen Tag
haben, der uns mit Macht auffordert zur Busse und
Rückkehr, würde im Gleichklang der Zeiten sich Tag an
Tag und Woche an Woche reihen, ohne dieses einzigartige
Fest, das unserer Seele neue Schwungkraft und die
Fähigkeit verleiht, sich emporzuheben, dann würde in
unserm Leben sich Sünde an Sünde knüpfen. Die Abkehr von
Gott und von unsern Pflichten würde dem Menschen zur
zweiten Natur werden, denn die „Gewohnheit nennt er
seine Amme", sie würde zu einer Kette werden, deren
Schwergewicht uns zu Boden drücken müsste. Wir würden
dem Hause gleichen, das nie gesäubert wird. Wie viel
Schmutz, Unrat und Ungeziefer sammelt sich darin an. Da
wird das Haus geöffnet und gereinigt. Luft und Licht
dringen herein, und es steht da in neuem Glanze. Wie
dankbar müssen wir dem Allmächtigen sein, dass Er diesen
Tag uns gegeben, den Tag der Besserung, den Tag der
Sühne, den Tag der Rückkehr zu Ihm!
Doch warum hat Gott gerade diesen Tag, gerade den
zehnten Tischri gewählt? Freilich könnten wir auch bei
jedem andern Tage so fragen. Aber unsere Weisen wissen
uns eine befriedigende Antwort zu geben. Einstmals hatte
sich Israel schwer versündigt, so sagen sie uns. Unsere
Väter hatten ein goldenes Kalb angebetet, und beinahe
wäre um dieser schweren Verirrung willen das ganze Volk
vernichtet worden. Da hat Gott am zehnten Tischri Israel
diese große Sünde verziehen und das Volk in Gnaden
wieder aufgenommen. Darum hat Gott gerade diesen Tag als
Tag der Versöhnung für alle Zeiten bestimmt.
Dieses Wort unserer Weisen ist geeignet, uns zum
Nachdenken anzuregen. Sagen sie doch, es gebe kein
Geschlecht, das ganz frei wäre von der Sünde des
goldenen Kalbes. Unser Geschlecht macht von dieser
allgemeinen Regel sicherlich keine Ausnahme. Hat doch
ein bekannter Antisemit den Juden einmal im deutschen
Parlament vorgeworfen: „Sie umtanzen noch heute das
goldene Kalb, wie ihre Väter es in der Wüste getan
haben." Wohl ist dieser Vorwurf in seiner Allgemeinheit
unbegründet, wohl trifft er, dort wo er richtig ist,
nicht nur die Juden, sondern ebenso die nichtjüdischen
Kreise. Aber sollten wir Juden nicht ein Reich von
Priestern, für alle Völker ein Beispiel der
Sittenreinheit und ein Vorbild der Unbestechlichkeit des
Charakters sein?
Spielt das Gold nicht eine allzugrosse Rolle in unserm
Leben? Beeinflusst es nicht allzu sehr schon
die Erziehung unserer Kinder? Wir halten sie an, zu
lernen, was nützlich ist, was ihnen einmal Geld und Gut
einbringen wird. Gibt es denn nur ein einziges Ziel der
Erziehung, sie zu Menschen heranzubilden, die einmal
großen Reichtum sich erwerben können? Und wo bleiben die
Ideale, die Bildung des Charakters und des Gemütes, die
Kenntnisse der Thora und ihrer Gebote, die Erziehung zur
jüdischen Pflichttreue? Tritt all das nicht weit, weit
zurück, während es die Hauptsache, das Wichtigste sein
sollte? Ist das Gold nicht der Moloch, dem wir Shabbath
und Festtage, die Vorschriften und Gesetze unserer
heiligen Religion, und damit unser Teuerstes und Bestes
willig, ach, nur allzu willig, opfern? O, dass wir an
diesem Tage, der uns an die Sünden unserer Väter mahnt,
auch der eigenen gleichartigen Verirrung gedenken
möchten! Fort mit der Überschätzung und Anbetung des
Goldes! Du kannst mit Gold nicht das wahre Glück
erkaufen, nicht hohes Alter und Gesundheit, nicht gute
Kinder und ein glückliches Familienleben. All das kann
dir nur der Ewige, dein Gott gewähren. Ihm wollen wir
dienen und nicht dem Golde „Wir wollen nicht mehr als
Gott ansprechen das Werk unserer Hände." Wir wollen
nicht mehr anbeten den irdischen Erfolg, nicht mehr
vergöttern das, was vergänglich ist!
Wollen wir nicht auch bei der Erinnerung an die Sünde
des goldenen Kalbes, die der Versöhnungstag mit sich
bringt, Moses, unseres Lehrers, und seines Verhaltens
gedenken? Als er den Götzendienst im jüdischen Lager
sah, zerbrach er die Tafeln. Warum tat er das? Der
Midrasch sagt es uns. Er sah, dass die Buchstaben sich
aus dem Stein emporhoben in die Lüfte, da zerbrach er
den Stein. Liegt hierin nicht ein tiefer Gedanke ? Der
Stein war rohe Materie. Nur die Buchstaben waren es,
die ihm Wert verliehen. Schwanden die Buchstaben, so
musste der Stein zerbrochen werden. Was nützt ein Körper
ohne Geist, ein Leib ohne Seele! Als Moses den
Götzendienst im Lager sah, da erkannte er, dass aus dem
jüdischen Volkskörper der Geist des Judentums entflohen
war. Da zerbrach er die Tafeln, um dem von Gott
abgefallenen Israel zu zeigen, dass es, gleich den
Tafeln eines nicht befolgten Gesetzes, völlig wertlos
sei.
Auch wir erleben es heute, dass aus den Tafeln der
jüdischen Pflichttreue, die unsere Väter so sorgsam
gehütet haben, ein Gebot nach dem andern sich heraushebt
und zu verschwinden droht. Muss nicht bei einem Blick
auf das jüdische Leben der Gegenwart Angst und Sorge um
die Zukunft unseres Volkes uns erfassen ? Kann es denn
ein Judentum ohne Thora geben? Wenn Shabbath und
Festtage, Reinheits- und Speisegesetze und die andern
spezifisch jüdischen Pflichten nicht mehr gehalten
werden, was bleibt noch übrig? Wir sind der Stein, in
den Gott seine Gebote gegraben. Nur diese Gebote haben
uns erhalten. Entweicht der Geist des Judentums aus
unserer Mitte, sind wir das Gottesvolk nicht mehr, das
sich durch die Thora, die es trägt, unterscheidet von
allen Völkern, assimilieren wir uns den Nationen der
Welt und werden wir gleich ihnen, so sind wir ein Gefäß
ohne göttlichen Inhalt, ein Körper ohne Geist, welcher
nicht bestehen kann und der Zerstörung anheim fallen
muss gleich jenen Tafeln, die Moses zerbrochen.
Aber auch einen tröstlichen Gedanken legt uns die
Erzählung vom goldenen Kalbe nahe. Moses bittet und
fleht für Israel und ruft dabei Gott an als den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auf den ersten Blick
erscheint die Berufung auf die Stammväter unseres Volkes
völlig unangebracht und unpassend in jener Stunde, da
Israel sich so schwer versündigt hat. Muss
die Schuld der Kinder nicht noch dunkler und
schwärzer sich abheben von dem hellen Hintergrund der
großen Ahnen, deren wir uns rühmen? Jene haben ihr Leben
für Gott geopfert, und die Enkel haben Ihn vergessen und
verraten! Dennoch hat Moses Recht mit seiner Berufung
auf Abraham, Isaak und Jakob. Siehe, so spricht er damit
zu Gott, von solch edlen Männern stammen die Kinder
Israel ab, ein guter Kern liegt in ihnen; wohl haben sie
gesündigt, aber sie werden wieder zu ihrer Pflicht, sie
werden wieder zu Gott zurückkehren. Hierin liegt ein
Trost für uns. Wir Juden blicken auf eine Geschichte von
über drei Jahrtausenden zurück. Welche Glaubenshelden
haben wir hervorgebracht! Wie viele Tausende unserer
frommen Väter und Mütter sind eines qualvollen Todes
gestorben für unsere Emuno! Wie viele Tausende haben in
den Zeiten der Verfolgung Haus und Hof verlassen und
sind einer Ungewissen Zukunft entgegengegangen, um der
Thora treu zu bleiben! Und nach einer solchen
Ruhmesgeschichte ohnegleichen soll das Judentum in
Selbstauflösung verschwinden, nur weil die Emanzipation
uns in eine Reihe mit den andern Völkern gestellt hat,
weil wir, ausdauernd im Unglück, das Glück nicht zu
ertragen vermögen, weil wir im Reichtum und in der
Freiheit uns selbst untreu werden? Nein, das kann, das
wird nicht sein. Der gute Kern in uns, das Verdienst der
frommen Väter, wird uns die Kraft geben, auch die
jetzige schwere Krise, in der das Judentum lebt,
siegreich zu überstehen und zurückzukehren zu unsern
jüdischen Pflichten.
„Euch zu reinigen!"
Der Unterschied zwischen der Lebensauffassung, die in
früheren Tagen herrschte, und derjenigen, die in der
modernen Gegenwart zutage tritt, zeigt sich wohl
nirgends so deutlich, wie bei der Bestimmung des
Begriffs der Sünde. Hat es doch der große und
übermächtige
Einfluss
des Modephilosophen unserer Zeit dahin gebracht, dass in
vielen Köpfen sich eine vollkommene Umwertung aller
Werte vollzogen hat. Früher galt Unsittlichkeit als schimpflich, hingegen galt
als maßgebend und wurde
als sittliche
Forderung das Wort unserer Heiligen Thora empfunden „wandelt nicht eurem Herzen und euren Augen nach,"
beherrschet,
bezwinget eure sinnlichen Triebe! Heute glaubt schon der
Jüngling, der kaum die Schule verlassen hat, es
sei sein Recht, „sich
auszuleben", er brauche seinen Begierden und
Sinnen keine Zügel aufzuerlegen. Früher galten
Grausamkeit,
Egoismus, Hartherzigkeit als hässliche Eigenschaften, deren
man sich schämen müsse, während sie heute von
manchen Seiten als Zeichen eines höheren Kulturstandes
gepriesen und andrerseits Nachsicht, Barmherzigkeit
und Milde als Schwäche bezeichnet und herabsetzend als
Herdenmoral charakterisiert werden. Ist für uns Juden am heutigen Tage ein Zweifel möglich, welche Auffassung die
richtige ist? Bäumt sich heute nicht alles in uns
auf gegen die Anschauung der Materialisten, der Mensch
sei ein „Raubtier", geboren zum Genuss des Augenblicks? Lebt
in uns nicht heute mächtig die Überzeugung
„fürwahr, ein Geist lebt in uns Menschen," und
ein Hauch von Gott gibt uns den Verstand.
Wahrlich, heute kann es kein Schwanken
und kein Zweifeln in uns geben. Wir sind ja nicht
Nachkommen des Esau, dessen Lebensprinzip auf die
einfachste Formel zu
bringen ist: „er aß und trank, stand
auf und ging davon," dem der Genuss das Höchste
war und der die idealen Güter verachtete; wir fühlen uns
heute als Nachkommen des Jakob, und der heutige Tag, an
dem wir erschauernd der Ewigkeit gedenken,
will uns vorbereiten für den großen Gerichtstag, an
welchem als Sünde gilt, was Gott in seiner Thora
als Sünde bezeichnet hat.
Ja, was Gott verboten hat, das ist und bleibt Sünde.
Wohl hat es in unserer Zeit Rabbiner gegeben, die „eine
Umwertung der Werte" auch innerhalb des Judentums
vornehmen wollten. Mit keckem Wagemut haben sie sich
über die heiligsten Vorschriften unserer Thora
hinweggesetzt. Sie haben erlaubt, was Gott verboten hat.
Sie gestatten, was die Thora mit schwerer Strafe
bedroht. Es wäre lächerlich, wenn es nicht so überaus
traurig wäre. Will der Mensch Gott meistern, das
Geschöpf sich erheben über seinen Schöpfer? Mit dem
Psalmisten sprechen wir: „Für ewig besteht dein Wort im
Himmel." Die Zeiten und was aus ihnen entstanden ist,
sind dem Wechsel und der Veränderung unterworfen. Gottes
Wesen aber, über Zeit und Raum erhaben, ist ewig, und
ebenso ewig und unveränderlich ist seine Thora.
Von einem Lehrer unseres Volkes wird erzählt, dass er zu
seinen Schülern gesagt hat: „Gott schütze euch vor
etwas, was ärger ist als die Sünde." „Was ist das ?"
fragten sie. „Der Hochmut," antwortete er ihnen. Ist es
nicht, als ob dieses Wort geprägt wäre für unsere Zeit?
Nicht dass wir sündigen, ist das Schlimmste, viel
schlimmer ist der Hochmut, mit dem wir Gott und sein
Gesetz entthronen, uns hinwegsetzen über die Thora und
ihre ewig heiligen Vorschriften, indem wir uns das
Richteramt anmaßen, darüber zu urteilen, was Sünde ist
und was nicht.
Möchte doch der Versöhnungstag mit dieser Verirrung ein
Ende machen. Möchten wir uns doch zu der Erkenntnis
durchringen „auf deine Erkenntnis verlass dich nicht,"
sie ist schwach und unzulänglich. Als Jude bist du heute
ins Gotteshaus gekommen, wie deine Väter seit
Jahrtausenden es getan haben. Dich lockt die Verheißung,
dass Gott dich heute sühnen wird für alle deine Sünden.
Gott hält sein Versprechen, aber eine Vorbedingung musst
du erfüllen: Du musst deine Sünden erkennen und bereuen,
einsehen, dass es Sünde ist, wenn du dir dein eigenes
Gesetz machst, statt des ewig gültigen der Thora, dass
es Sünde ist, wenn du Gebote der Thora leichtfertig
übertrittst, statt sie mit Liebe und Treue auf dich zu
nehmen. Wie oft sprechen wir es an diesem Tage,
beherzigen wir es endlich, „wir sind nicht so keck und
dreist, vor Dir zu sprechen: Ewiger unser Gott und Gott
unserer Väter, wir haben nicht gesündigt; vielmehr
erkennen wir, dass wir durch Abkehr von der Thora und
ihren Satzungen uns gegen Gott und gegen unsere
Bestimmung verfehlt haben."
„Von all euern Sünden sollt ihr vor Gott rein werden!"
Vor Menschen kannst du dich verstellen, vor Menschen
eine Maske tragen. Vor Gott ist das unmöglich, denn Gott
sieht in dein Herz. Sein Siegel ist die Wahrheit. Wie
werden wir bestehen vor Ihm? Wie viele gibt es, die
anders sprechen als sie denken, die nach de bekannten
Wort die Sprache benutzen, um ihre Gedanken zu
verbergen. Scheinen nicht viele zu glauben, es stünde in
der Thora statt vom Wort der Lüge, vom Wort der Wahrheit
halte dich fern? Die Inschrift auf dem Orakel von
Delphi: „Erkenne dich selbst" ist die Forderung unseres
Festes. Heute fallen alle Hüllen, heute hört jede
Verstellung auf. Heute dürfen wir unser Tun nicht
beschönigen und uns nicht selbstgerecht brüsten. Heute
wollen wir erkennen, dass wir Sünder sind, denn heute
stehen wir vor Gott, unserm unbestechlichen Richter, und
vor Ihm wollen wir rein werden.
Ja, vor Gott sollen wir rein werden! Das aber wollen die
meisten Besucher unserer Gotteshäuser nicht. Sie wollen
bleiben, wie sie sind. Jede gründliche, mit Opfern
verbundene Änderung ihres Lebenswandels liegt vollkommen
außerhalb ihrer Absichten. Wie von jenem Manne erzählt
wird, der in der guten alten Zeit, in der diese schöne
Sitte herrschte, sich mit seinem Feinde am Erew Jom
Kippur versöhnte, dann aber seine wahre Gesinnung
verriet, indem er die bedeutungsvollen Worte sprach,
„aber nach Jom Kippur!", so betet und fastet auch heute
der Jude und sucht Versöhnung mit seinem Gotte, denkt
jedoch bei sich: aber nach Jom Kippur bin ich der
gleiche, der ich vorher gewesen. Sinkt bei dieser
Auffassung nicht der Jom Kippur zu einer Art Ablass
herab, mit dem man im Mittelalter Vergebung seiner
Sünden zu erlangen hoffte? Freilich, das wäre bequem,
wenn wir das ganze Jahr hindurch sündigen dürften, und
dann käme der Jom Kippur und brächte uns automatisch die
Versöhnung, und durch das Fasten und Beten während eines
einzigen Tages würden die Sünden eines ganzen Jahres
ausgelöscht, als wären sie nie gewesen! Nein, das ist
der Sinn und Zweck des Versöhnungstages nie und nimmer,
„Der Versöhnungstag kann nur in Verbindung mit dem
innigen Streben, zu Gott zurückzukehren, die Sühne
bewirken." Wohl bringt er uns die Versöhnung, deren wir
so oft bedürfen, aber wir müssen unsere Sünden erkennen
und bereuen und Besserung geloben: Vor Gott sollen wir
rein werden, bessere Menschen und Juden sollen wir
werden.
Bessere Menschen: hilfreich, edel und gut sollen wir
sein, liebevoll gegen diejenigen, die uns im Leben nahe
stehen, gerecht und voll warmen Gefühls und voller
Hilfsbereitschaft gegen die Armen und Bedrückten,
versöhnlich auch gegen diejenigen, die uns wehe
getan.
Und bessere Juden! Bedrückt der Gedanke an die Zukunft
Israels nicht das Herz jedes Juden, der mit Innigkeit an
dem Glauben seiner Väter hängt? Es mehrt sich der Abfall
von der jüdischen Religion. Aber sind an dem Abfall der
Kinder nicht die Eltern schuld, die ihre Kinder in
nichtjüdischen Pensionaten erziehen lassen, die sie
lehren, die Gebote der jüdischen Religion mit
Gleichgültigkeit zu betrachten und gering zu schätzen?
Ziehen die Kinder nicht eigentlich nur den Schluss aus
der unjüdischen Erziehung und dem unjüdischen Vorbild,
das ihnen die Eltern gegeben haben?
Lassen wir uns doch von der Natur belehren! Solange die
Zweige und Blätter kraft- und saftvoll mit dem Baume
verbunden sind, bleiben sie am Stamme, auch wenn der
Sturm an ihnen rüttelt. Wenn aber die Zweige verdorren,
die Blätter verwelken und nur noch lose an ihrem
Ursprung hängen, dann fallen sie beim kleinsten
Windstoss herunter. Erziehen wir unsere Kinder, dass sie
fest im Judentum wurzeln! Jedes Gebot, das wir sie üben
lehren, jedes Verbot, das sie zu meiden gewohnt sind,
jedes Gebet, das sie regelmäßig sprechen, verbindet und
verknüpft sie mit dem Judentum. Frommere Juden wollen
wir schon um unserer Kinder willen sein, damit sie
einmal gute Juden werden und den Namen unserer Eltern,
mit dem sie genannt werden, dereinst in Ehren inmitten
des Judentums tragen!
Ein sinniges Märchen erzählt einer unserer Brüder aus
dem Osten: Ein frommer Beter war einst in einem
Gotteshause eingeschlafen und erwachte erst in der
Geisterstunde, in der auch die leblosen
Dinge Leben und Sprache erhalten. Da sah er in einem
Gebetpult, das sich geöffnet hatte, einen Tallis vor
sich, und der Tallis weinte und lachte. Warum weinst du,
o Tallis, fragte er. Ach, sprach der Tallis, ich bin
dazu da, den Juden zu schmücken, wenn er sein Gebet vor
Gott ergießt, aber mein Besitzer betet gar nicht, er ist
reich und glaubt, der Gebete nicht zu bedürfen. So bin
ich nicht imstande, meine schöne Bestimmung zu erfüllen,
ich fühle, dass ich nutzlos bin, und darüber weine ich.
Und warum lachst du, fragte er weiter. Nun, sprach der
Tallis, bald vielleicht kommt die Zeit, da mein Besitzer
die letzte Reise antritt, von der es keine Rückkehr mehr
gibt. Dann wird er in mich allein eingehüllt und außer
den Sterbekleidern nimmt er nichts mit als mich, mich,
den Tallis, den er jetzt so vernachlässigt. Dann komme
ich zu Ehren, und darüber freue ich mich.
Gibt uns dieses Gleichnis nicht zu denken? Wie hasten
wir durch das Leben, es locken uns Geld und Gut,
Zerstreuungen und Vergnügungen. Wir haben keine Zeit für
Werke der Frömmigkeit und für gute Taten, die doch
allein uns einst begleiten werden in eine bessere Welt!
Den Versöhnungstag schickt uns Gott als einen Boten des
Heils. „An diesem Tage wird Er euch sühnen, euch zu
reinigen; von all euern Sünden sollt ihr vor Gott rein
werden."
Möchte dieser Tag an uns allen zum Segen werden, indem
wir alle an ihm den Vorsatz fassen, gute Menschen und
gute Juden zu werden. Der Allgütige aber erhöre unsere
Gebete und die Gebete von ganz Israel und schreibe uns
ein und besiegle uns in dem Buch des glücklichen und
segensreichen Lebens.
Die
Ethik des Judentums wird beherrscht vom Prinzip des
Universalismus, d. h. sie kennt in ihren Forderungen und
Vorschriften keinen Unterschied zwischen Juden und
Nichtjuden. Was sie befiehlt, gilt schlechthin; die
Scheidung der Menschen nach Abstammung und Glauben ist
für sie bedeutungslos. Es hieße die jüdische
Sittlichkeitslehre nicht nur herabwürdigen, sondern
völlig verkennen, wollte man annehmen, sie lege den
Geboten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe eine
größere Verbindlichkeit bei, wo es sich um Juden
untereinander handelt, als wo die Ansprüche
Andersgläubiger Berücksichtigung verlangen.
Wie
bei der sittlichen Verpflichtung, so macht das Judentum
auch hinsichtlich der Eignung zur Sittlichkeit keinerlei
Unterscheidung zwischen Menschen und Menschen. Der
Mensch als solcher ist sowohl Objekt als Subjekt der
Sittlichkeit. Alle Erdenkinder sind zugleich
Gotteskinder, fähig und berufen, das Gute zu
verwirklichen und seine Herrschaft in der Welt immer
mehr zu befestigen. Die sittliche Anlage ist jedem
Menschen angeboren, es liegt ihm ob, sie im Kampf mit
seinen Trieben und Begierden zu immer größerer Macht
auszubilden.
Der
grandiose Ausdruck dieser Anschauung vom sittlichen
Beruf aller Menschen ist die Messiaslehre des Judentums
geworden, jene Zukunftshoffnung, die auf ihrer höchsten
Stufe unter dem Bilde des Gottesreiches auf Erden die
Versittlichung der Völker und Nationen als Endziel der
Menschheitsentwicklung schaut.
Der
Gedanke der Auserwählung Israels, der auf den ersten
Blick der Lehre von der sittlichen Gleichwertung aller
Menschen zu widerstreiten scheint, ordnet sich ihr bei
näherer Betrachtung vielmehr unter: Israel hat — das ist
der tiefste Sinn seiner Begnadung durch Gott — die
Aufgabe, beispielgebend auf die übrige Menschheit
einzuwirken; es soll sein ethisches Gut nicht für sich
behalten, sondern allen Völkern mitteilen, auf daß sie
aufsteigen zu immer höherer Gesittung.
Das
Judentum ist so weit davon entfernt, die sittliche
Würdigkeit von der Übung seiner zeremoniellen Gebote
abhängig zu machen, daß es den Frommen, d. h. den
Sittlich-Guten aller Völker Anteil an der ewigen
Seligkeit verheißt. Aus diesem Grunde hat es auch auf
eine großzügige Bekehrungspropaganda verzichtet, wiewohl
es dem Proselyten, der freiwillig und ohne
Nebenabsichten kommt, die Aufnahme nicht verweigert. Das
Fehlen der eigentlichen Mission im Judentum der letzten
zwei Jahrtausende bedeutet kein mangelndes Vertrauen in
die Werbekraft des eignen Glaubens, sondern entspricht
der Überzeugung, daß die Erfüllung ethischer Forderungen
auch außerhalb seiner Kreise möglich ist.
Samson Hochfeld
Gleichheit aller
Menschen
Bibel
1: Und es wird geschehen in der Späte der Tage, da wird
aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen hoch
über alle Berge und erhaben über alle Hügel — und
strömen werden zu ihm alle Völker, und gehn werden viele
Völker und sprechen: Auf, laßt uns hinaufziehen zum
Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er
uns belehre über seine Wege und wir gehen in seinen
Pfaden, denn von Zion geht die Lehre aus und des Ewigen
Wort von Jerusalem. — Jesaja 2, 2—3 u. Micha 4, 1—2.
2: Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen
anschließt: Absondern wird mich der Ewige von seinem
Volke ... — Jesaja 56, 3.
3: Und die Fremden, die sich dem Ewigen anschließen, ihm
zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben, auf daß
sie seine Diener seien, ein jeder, der den Shabbath
wahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem
Bunde festhalten — sie bringe ich zu meinem heiligen
Berge und erfreue sie in meinem Bethause; ihre Ganzopfer
und ihre Schlachtopfer sollen wohlgefällig sein auf
meinem Altar, denn mein Haus soll ein Bethaus genannt
werden für alle Völker. Jesaja 56, 6—7.
4: Sie [die heidnischen Völker] werden eure Brüder aus
allen Völkern als eine Gabe dem Ewigen bringen zu Roß,
auf Wagen und in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren
auf meinen heiligen Berg in Jerusalem — spricht der
Ewige, so wie die Kinder Israel die Opfergabe in reinem
Gefäße in das Haus des Ewigen bringen. Und auch von
ihnen werde ich zu Priestern und Leviten nehmen, spricht
der Ewige. — Jesaja 66, 20—21.
5: In dieser Zeit wird man Jerusalem den Thron des
Ewigen nennen, versammeln werden sich dahin alle Völker
nach Jerusalem um des Namens des Ewigen willen, und
nicht werden sie fürder der Verstocktheit ihres bösen
Herzens folgen. — Jeremia 3, 17.
6: Dann werde ich den Völkern reine Lippen schaffen, daß
sie alle den Namen des Ewigen anrufen und ihm einmütig
dienen. — Zefanja 3, 9,
Palästinische
Apokryphen
Welches Geschlecht steht in Ehren? Das Geschlecht des
Menschen. Welches Geschlecht steht in Ehren? Die, die
den Herrn fürchten. Welches Geschlecht steht nicht in
Ehren? Das Geschlecht des Menschen. Welches Geschlecht
steht nicht in Ehren? Die, die Gebote übertreten. —
Sirach 10, 19.
Jüdisch-hellenistische Literatur
1: Und dann wird er ein Königreich errichten für alle
Zeiten über alle Menschen, er, der einst das heilige
Gesetz den Frommen gab, denen er verhieß, die ganze Erde
zu erschließen und die Welt und die Tore der Seligen und
alle Freuden und unsterblichen, ewigen Geist und ein
frohes Herz. Von der ganzen Erde werden sie Weihrauch
und Gaben zu dem Hause des großen Gottes bringen, und es
wird kein andres Haus bei den Menschen sein auch der
Nachwelt zur Kunde, als das, welches Gott den gläubigen
Männern zu verehren gegeben hat. Denn den Tempel des
großen Gottes werden es die Sterblichen nennen. —
Sibyllinen III, 767—776.
2: Gott heißt die Tugend willkommen; auch wenn sie aus
niedrer Abkunft sprießt. — Philo: De praemiis et poenis
(de execrationibus), (M. II, 433, C.-W. 152).
3: Wenn es ein solches Volk [von Tugendhaften] gäbe, so
würde es über die übrigen Völker hervorragen wie das
Haupt über den Körper, nicht sowohl um sich
auszuzeichnen, als vielmehr um den übrigen, die es
bemerken, zu nützen. — Philo: De praemiis et poenis (M.
II, 426, C.-W. 114).
4: Von solchem Geiste sagt der Prophet, daß Gott „in ihm
wandle" wie in einem Königspalast — denn wirklich ist
Gottes Palast und Wohnhaus der Geist des Weisen —; "sein
Gott" heißt eigentlich der Gott aller Wesen, und er
wiederum „das auserwählte Volk", nicht das Volk
einzelner Herrscher, sondern das des einen wahrhaften
Herrschers, das heilige (Volk) des heiligen (Gottes). —
Philo: De praemiis et poenis (M. II, 428, C.-W. 123).
5: Jeder Mensch ist seinem Geiste nach der göttlichen
Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein
Abglanz ihres seligen Wesens ist. — Philo: De opificio
mundi (M. I, 35, C.-W. 146).
6: Was haben wir also mit denen zu teilen, die auf den
Adel, als wäre er nur ihr Eigentum, Anspruch erheben,
während er ihnen (in Wahrheit) etwas Fremdes ist? Solche
können, abgesehen von dem Gesagten, mit Recht als Feinde
sowohl des jüdischen Volkes als auch aller Menschen
allenthalben angesehen werden: des jüdischen Volkes,
weil sie ihren Stammesgenossen die Freiheit gewähren
wollen, ein vernünftiges und sittlich gekräftigtes Leben
zu verachten im Vertrauen auf das Verdienst der
Vorfahren; der andern Menschen, weil diese auch dann,
wenn sie den Gipfel der Tüchtigkeit erreichen, keinen
Nutzen davon haben sollen, weil sie nicht tadelfreie
Eltern und Großeltern gehabt hätten. — Philo: De
virtutibus (de nobilitate) (M. II, 444, C.-W. 226).
Talmudisches
Schrifttum
1: Mißachte keinen Menschen. — Sprüche d. Väter IV, 3.
2: Die Frommen der Völker der Welt haben Teil am
Jenseits. — Tossefta Sanhedrin 13, 2.
3: Rabbi Meir lehrte immer: Ein Heide, der sich mit der
Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. Denn
es heißt (3 M 18, 5): Wahret meine Satzungen und meine
Rechte, die der Mensch üben soll, daß er in ihnen lebe.
Es wird da nicht gesagt, Priester, Leviten oder
Israeliten, sondern der Mensch. — Aboda sara 3 a.
4: Der Heilige, gelobt sei er, verwirft kein Geschöpf.
Die Tore sind geöffnet, und wer eintreten will, mag
kommen und eintreten. Denn so heißt es [Jes. 26, 2]:
„Öffnet die Tore, daß eintrete ein gerechtes Volk, das
die Treue wahrt." Es heißt da nicht: Priester, Leviten
oder Israeliten, sondern: eintrete ein gerechtes Volk. —
Sifra Abschnitt Achare mot; Schemot rabba c. 17.
5: Himmel und Erde rufe ich zu Zeugen an, es sei
Nichtjude oder Jude, Mann oder Weib, Knecht oder Magd,
nach dem Wirken jedes Menschen ruht der heilige Geist
auf ihm. — Jalkut § 42.
6: „Sie lagerten in der Wüste", die Thora ward im
Freilande gegeben, in aller Öffentlichkeit, an einer
Stätte, die keinem gehört. Wäre sie nämlich im Lande
Israel gegeben worden, so hätte das den heidnischen
Völkern gesagt, daß sie keinen Anteil daran haben; darum
ward sie im Freiland gegeben, in aller Öffentlichkeit,
an einer Stätte, die keinem gehört, und wer sie annehmen
will, komme und nehme sie .... R. Jose meint, es heißt
ja (Jesaja 45, 19), „nicht im geheimen habe ich
gesprochen, nicht an einer Stätte der Finsternis" usw.;
als ich zuerst sie gab, gab ich sie nicht im geheimen,
nicht an einer Stätte der Finsternis, nicht an einer
Stätte der Dunkelheit, auch sprach ich nicht zu den
Nachkommen Jakobs „euch allein gebe ich sie". — Mechilta
zu 2. B. Mos. 19, 2.
7: „Gott liebt die Gerechten" (Ps. 146, 8); warum liebt
er die Gerechten? Weil ihre Tugend nichts Ererbtes ist.
. . . Wollte ein Mensch ein Levite oder ein Kohen sein,
so kann er es nicht, wenn sein Vater kein Levite oder
Kohen war. Will aber jemand ein Gerechter werden, so
kann er, selbst wenn er ein Heide ist, ein Gerechter
werden; denn die Gerechten kommen nicht von einem
bestimmten Stamme her, sondern sie haben durch sich
selbst diesen Vorzug erworben; deshalb heißt es: Gott
liebt die Gerechten. — Midrasch zu Psalm 146; Bamidbar
rabba c. 8.
8: Ob Israelit oder Heide — wer eine fromme Tat
vollbracht hat, Gott wird sie ihm lohnen. — Tanna di be
Elijahu c. 13.
9: „Deine Priester kleiden sich in Heil" (Ps. 132, 9).
Damit sind auch die frommen Heiden gemeint, die ein
priesterliches Leben führen. — Jalkut zu Jesaia § 429.
10: Rabbi Simon b. Lakisch lehrt: Der Fremde, der aus
innrer Überzeugung die Thora annimmt, ist höher zu
bewerten als jene Scharen der Israeliten, die am Berge
Sinai standen und die Thora annahmen, als sie die Donner
vernahmen und die Blitze sahen. — Tanchuma Abschn. Lech
lecha.
11: Den Priestern gleich sind die frommen Heiden, die
Gott dienen. — Otijjot di Rabbi Akiba § 7.
Mittelalter
1: Alle Israeliten haben Anteil an dem ewigen Sein und
ebenso die Frommen der andern Völker. — Maimonides:
Hilchot teschuba (Rückkehr zu Gott) III, 5.
2: Zu deiner Frage hinsichtlich der Völker: Wisse, daß
Gott das Herz fordert, und daß alles von der Gesinnung
abhängt. Darum haben unsre alten Weisen gesagt: Die
Frommen der Völker der Welt haben teil am Jenseits, wenn
sie sich angeeignet haben, was sie sich anzueignen
vermochten von der Erkenntnis des Schöpfers, und ihre
Seele veredelt haben durch gute Eigenschaften. Und es
ist kein Zweifel, daß jeder, der seine Seele veredelt
hat durch Lauterkeit der Eigenschaften und durch
Lauterkeit der Erkenntnis in der Auffassung des
Schöpfers, daß der sicher teil hat am Jenseits. Darum
haben unsre Weisen gesagt, ein Heide, der sich mit der
Thora befaßt, ist dem Hohenpriester gleichzuachten. —
Maimonides: Briefe, Ed. Lichtenberg, II, 23 d ff.
3: Solche, die sich zum Judentum bekehren, heißen
Israeliten oder Juden, wenn sie auch von andern Nationen
stammen. — Joseph Albo: Ikkarim (Grundlehren) IV 42.
Neueres jüdisches
Schrifttum
1: Nach den Begriffen des wahren Judentums sind alle
Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen. — Moses
Mendelssohn: Jerusalem, 1783, S. 170.
2: Gerade das Judentum ist's ja, das nicht spricht:
außer mir kein Heil! Gerade das wegen seines
vermeintlichen Partikularismus verschrieene Judentum
lehrt ja: die Wackeren aller Völker wandern dem
seligsten Ziele entgegen! Gerade die wegen ihres
vermeintlichen Partikularismus verschrieenen Rabbinen
weisen auf die Verkündigung des herrlichen
Menschheitsmorgens im Munde der Propheten und Sänger
hin, wie da nicht Priester, Leviten und Israel genannt,
wie da die Gerechten, Wackeren und Braven aller Völker
von dem herrlichsten Segen umschlossen seien. — S. R.
Hirsch: Ges. Sehr. I, 1902, S. 155.
3: Unser Lied [Ps.8] meint, daß nur mit den Zorere
ha-schem [Feinden Gottes] auch Aujew [Feinde] und
Mitnakem [Rachsüchtige] aus der Menschengesellschaft
schwinden werden, daß erst mit allverbreiteter Einkehr
des rechten Gottesbewußtseins auch das rechte
Menschenbewußtsein in jedem Menschengemüte und jedem
Menschengeiste zur Herrschaft gelangen werde, jenes
Bewußtsein von dem einen einzigen Gott und Vater der
Menschheit, das zugleich in dem letzten gesunkensten
Menschen noch die unverlierbare Göttlichkeit und in ihm
das Gotteskind, den Bruder erkennen, achten und lieben
lehrt und die Menschenfeindschaft tilgt .... — S. R.
Hirsch: Ges. Schr. I, 1902, S. 394.
4: Wie groß immer der Gegensatz zwischen Menschen ist,
die Gottesebenbildlichkeit ist ihnen allen
charakteristisch und gemeinsam; sie ist es, die den
Menschen zum Menschen macht. Nicht bloß dieser oder
jener kann das Ebenbild Gottes sein, sondern der Mensch
schlechthin ist es; denn er ist es von Natur aus. Ein
jeder Mensch ist, wie die Heilige Schrift die
Gottesebenbildlichkeit auch umschreibt, „das Kind
Gottes". Er ist es durch sein Menschentum. Der edelste
Adel, der einem Menschen gegeben sein kann, ist allen
gegeben. Ihn einem absprechen, hieße ihn allen rauben.
Über jeglicher Abgrenzung von Rassen und Völkern, von
Kasten und Klassen, von Herrschenden und Dienenden steht
der Begriff „Mensch". Wer immer Menschenantlitz trägt,
ist befähigt und berufen, eine Offenbarung der wahren
Menschheit zu sein. — Leo Baeck: Das Wesen d. Judentums,
1905, S. 93/94.
5: Die Anerkennung, die wir dem Nebenmenschen schulden,
ist demnach unbedingt und unbeschränkt; denn sie beruht
ausschließlich darauf, daß er ein Mensch ist. Wir sollen
ihn ehren, nicht weil er vielleicht dieses oder jenes
leistet und gilt, sondern weil er ein Mensch ist. — Leo
Baeck: Das Wesen d. Judentums, 1905, S. 113.
6: Da der einzige Gott den Gott der Sittlichkeit
bedeutet, so ist er nicht in erster Linie für das
Individuum da, noch auch für die Familie, den Stamm und
das Volk, sondern für die gesamte Menschheit. — Hermann
Cohen: Religiöse Postulate, Vortrag, 1907, S. 14.
7: Mit den Juden müssen also alle Völker ohne jede
Ausnahme von den entferntesten Inseln her gen Jerusalem
ziehn. Und es darf kein Unterschied bleiben zwischen den
Kindern Israel und den Söhnen der Fremde. Denn auch sie
werden Priester und Leviten werden. Wir stehn vor der
Zeit, da der „neue Bund" geschlossen wird; denn „die
Thora wird ins Herz geschrieben" sein. Wir stehn vor der
Zeit, da man sprechen wird: „Du bist unser Vater;
Abraham hat uns nicht gekannt." — Hermann Cohen:
Religiöse Postulate, 1907, S. 14/15.
8: Der Satz: „Gott hat Israel auserwählt" besagt
demzufolge, daß der, der ihn geprägt, und wer ihn
aufnimmt und als sein Bekenntnis wiederholt, an einen
Gott glaubt, der der ganzen Menschheit den Weg zu sich
bahnen will, der allen Menschen die Gotteskindschaft zu
eigen gegeben und darum jemand zum Träger seiner
Botschaft an die Menschheit bestimmt hat. — M. Dienemann:
Israels Erwählung. 1914, S. 4.
9: Die Menschheit insgesamt aber ist geschaffen im
Ebenbilde Gottes, nicht bloß der Stammvater dieses oder
jenes Volkes, sondern der Stammvater aller, der auch die
ganze Menschheit aus sich hervorgehen läßt als eine
gleichberechtigte. — Abraham Geiger: Das Judentum u. s.
Geschichte, I, 1865, S. 42.
10: Das Judentum hat die Schranken des engen Volkstums
gebrochen; nicht die Geburt macht den Juden, sondern die
Überzeugung, die Anerkennung des Glaubens, und auch
derjenige, welcher nicht von jüdischen Eltern erzeugt
ist, aber den wahren Glauben in sich aufnimmt, wird ein
Vollberechtigter. Das Proselytentum in seinem edleren
Sinne, wonach von den bisher Fernstehenden die
Überzeugung aufgenommen wird, weil sie gleichfalls sich
mit ihr einverstanden erklären, dieses Proselytentum ist
ein Produkt des Judentums. — Abraham Geiger: Das
Judentum u. s. Geschichte, I, 1865, S. 88/89.
11: Aber Gott ist der Vater aller Menschen, zu dem jeder
in dem Verhältnis eines Kindes steht, und zu dem jeder,
zu welcher Zeit immer, den Weg findet, wenn er ihn
aufrichtig sucht. Das sind die Anschauungen, zu deren
Bekundung der Neujahrstag durch seinen
universalistischen Charakter den natürlichen Anlaß
bietet, und die auch den Inhalt der Messiashoffnung des
Judentums ausmachen. — M. Güdemann: Das Judentum i. s.
Grundzügen, 1902, S. 103/104.
12: Das Judentum anerkennt, wie bereits dargetan wurde,
daß es auch außerhalb seiner solche Fromme gibt, und es
gesteht ihnen die ewige Seligkeit zu. Einen höhern Preis
hat es selbst für seine Bekenner nicht zu vergeben. Ein
Himmelreich, in das nur Juden Einlaß finden, oder in
welches der Eintritt nur auf ein jüdisches Symbolum
gewährt wird, kennt das Judentum nicht. — M. Güdemann:
Das Judentum in s. Grundzügen, 1902, S. 105.
13: Aber das Judentum anerkennt das Verdienst eines
jeden, der an der Heiligung Gottes auf Erden mitwirkt.
Daß sie endlich verwirklicht und „die Welt zu einem
Gottesreich geordnet werde", wie es in dem täglichen
Schlußgebete heißt, ist die Hoffnung des Judentums für
die Zukunft der Menschheit. M. Güdemann: Das Judentum in
s. Grundzügen, 1902, S. 105.
14: Wir Juden haben eine andere Vorstellung von dem Gott
der Liebe. Weil wir an einen Gott der Liebe glauben, der
alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen hat, darum
glauben wir an einen Fortschritt, der sich unaufhaltsam
in der Geschichte der Menschheit vollzieht, und darum
glauben wir an den Sieg des Versöhnungsgedankens im
Leben der Völker. Jedes Kulturvolk als der Träger einer
Idee steht im Dienste der ganzen Menschheit. Sein Ideal
ausgestaltend, die ihm übertragene Mission erfüllend,
bereichert und erweitert es den Besitz der gesamten
Menschheit, trägt es dazu bei, die Menschheit ihrer
letzten Bestimmung entgegenzuführen. Es kommt der Tag,
wo diese Erkenntnis zu siegreichem Durchbruch gelangen
und der Bruderbund der ganzen Menschheit erstehen wird.
Dann wird der Versöhnungsgedanke des Judentums, die
wahre Versöhnungsidee den Sieg errungen haben. Nicht der
Messias erlöst die Menschheit von der Sünde, sondern
wenn die Menschheit durch eigene Kraft von der Macht der
Sünde sich befreit hat und zu wahrer sittlicher
Vollendung herangereift ist, dann ist der Messias für
sie gekommen. — Jakob Guttmann: Die Idee der Versöhnung
im Judent. Heft „Vom Judentum", 1909, S. 14/15.
15: Anderseits bestreiten wir, daß irgendein Mensch hier
auf Erden lebt, dem kraft seiner Hautfarbe, kraft seiner
Gesichtsbildung, kraft seiner Abstammung die Fähigkeit
verlorengegangen wäre, sich sittlich zu bewerten und
seiner sittlichen Würde als Mensch treu zu bleiben.
Daher stehen wir fest gegen allen Rassenhaß. — Emil G.
Hirsch: Die Beiträge d. Judentums z. lib. Religion,
1911, S. 466.
16: Vor allem aber hat in Israel die Moral zuerst die
nationalen Schranken niedergerissen, alle Menschen als
Kinder Gottes bezeichnet und im Geiste eine ferne
Zukunft geschaut, in welcher alle Menschen einmütig Gott
dienen werden in Reinheit und Heiligkeit, in
Gerechtigkeit und Liebe. — Max Joseph: Zur Sittenlehre
d. Judentums, 1902, S. 18.
17: Durch diesen Bund Gottes mit Noah und seinen
Nachkommen für alle Geschlechter wird die Religion als
die universale Grundlage menschlicher Gesittung
dargestellt. Damit ist aber von vornherein der
Grundgedanke ausgesprochen, daß das Judentum auf der
breiten Grundlage einer Menschheitsreligion stehen und
diese in voller Reinheit hergestellt sehen will. Wie die
biblische Geschichte mit dem Menschengeschlechte
beginnt, so findet die Geschichte Israels oder das
Judentum das Endziel in dem die ganze Menschheit
umschließenden Gottesbunde. — Kaufmann Kohler: Grundr.
e. syst. Theol. d. Judentums, 1910, S. 37/38.
18: Nicht am Roten Meer, am Sinai erst wurde Israel
erlöst und mit Israel die Menschheit, lehren die
Rabbinen an vielen Stellen, u. a. in der Allegorie, daß
Gott Moses befohlen habe, das Gesetz in allen 70
Sprachen aufzuschreiben, damit alle Völker es empfangen
können. Vgl. dazu die Stelle in Mechilta Jithro P.
Bachodesch. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums I,
1899, S. 25.
19: Nach ihrem [der ältesten Ethik des Judentums]
wesentlichen Gehalt aber, in ihren Hauptgedanken über
den Grund und das Ziel aller Sittlichkeit ist sie nicht
eine nationale, sondern eine universale Sittenlehre; das
heißt, die sittliche Erkenntnis ist nicht für dieses
Volk allein, sondern für alle Welt geschaffen; die
Ideale einer bestimmten Lebensführung werden nicht bloß
den eignen Angehörigen verkündet, in deren Mitte sie
ausgebildet werden, sondern der ganzen Menscheit, deren
Vereinigung im Erfassen und Erfüllen dieser Ideale den
Inhalt der wichtigsten Gebete, die nie gestillte
Sehnsucht und die nie verzagende Hoffnung aller Edlen
ausmacht. — M. Lazarus: Die Ethik d. Judentums, 1899,1,
S. 144.
20: Zum Aufbau der sittlichen Weltordnung, zur geistigen
Gestaltung der Ideenwelt und ihrer Verwirklichung im
realen Leben ist die ganze Menschheit berufen. — M.
Lazarus: Die Ethik d. Judentums, I, 1899, S. 149.
21: Was uns aber durch die Propheten „geoffenbart", ist
einfach und schlicht die Aufgabe: Gott lieben und in
seinen Wegen wandeln; und diese Aufgabe ist allen
Völkern gestellt. — H. Steinthal: Über Juden u.
Judentum, 1906, S. 14.
22: Das Judentum, als religiöse Gemeinschaft oder
religiöses System, hat nie allein seligmachende
Prätensionen gehegt; es verbürgt kein Seelenheil durch
die Zugehörigkeit zu ihm und versagt es niemandem, der
nicht als Jude geboren wurde. Jeder, — so lautet die
talmudische Lehre (Megilla 13 a), — der den Götzendienst
verwirft, ist ein Jehudi, und nur die sittliche
Vervollkommnung verschafft den Menschen das ewige Heil.
— Ludwig Venetianer: Jüdisches im Christentum, 1913, S.
27/28.
23: Die Grundvoraussetzung der mosaischen Lehre, der
Glaube an einen einzigen Gott, den Schöpfer des Himmels
und der Erde, mußte den Gedanken an die Gotteskindschaft
aller Menschen nahelegen und demnach die Verpflichtung
zur brüderlichen Gesinnung gegen alle Menschenkinder
hervorrufen. Denn im Mosaismus quillt das Sittengesetz
aus dem Glauben an den einig-einzigen, heiligen Gott,
der die Menschen zu seiner Nacheiferung berufen. Wie
Gott selbst, so mußte darum auch sein Sittengebot alle
seine Ebenbilder in gleicher Weise umfassen. —
Begründung der öffentlichen Erklärung über die
interkonfessionelle Stellung des Judentums. (Abgedruckt
in: Verhandlungen u. Beschlüsse der Rabbiner-Versammlung
i. Berlin am 4. u. 5. Juni 1884, S. 87.)
Als unsere Väter aus Ägypten zogen, mussten sie vierzig
Jahre lang durch eine Einöde dahinziehen, mussten im
Sonnenbrand den weiten Wüstensand durchwandern und in
leichtgebauten Hütten wohnen. Da grünte kein Halm,
reifte keine Frucht, sprudelte kein Quell. Und Gott gab
ihnen das Manna zur Speise, und aus Fels und Kiesel
liess Er das Wasser hervorrieseln, ihren Durst zu
stillen. Durch diesen Leidensweg und diese Kette von
Prüfungen sollte nach dem Willen des Allmächtigen sich
dem Herzen des jüdischen Volkes der Gedanke
unauslöschlich und unverlierbar für alle Zeiten
einprägen, dass der Mensch sein Glück nicht allein zu
begründen vermag, dass vielmehr Gott es ist, der uns den
Tisch des Lebens deckt, Gott, der uns nährt und speist,
der uns erhält und vor allen Gefahren beschützt, Er
allein! Gott ist unser Schutz, das ist die erste und
wichtigste Lehre der Sukko. Spiegelt nicht den gleichen
Gedanken tausendfältig die ganze jüdische Geschichte
wieder? Durch eine Menschenwüste hat Gott uns geführt,
in welcher feindliche Gewalten uns von allem
ausschlossen, was das menschliche Leben verschönt und
genussreich gestaltet, in welcher das Streben unserer
Verfolger beständig auf das eine Ziel gerichtet war „der
Namen Israels soll nicht mehr genannt werden." Aber Gott
war unser Schutz und Beistand, Er war der Fels unseres
Heils, und die Wogen des Hasses brachen sich, ohne uns
vernichten zu können.
Unsere heilige Religion liebt den Anschauungsunterricht.
Darum gebietet sie, dass wir alljährlich für sieben Tage
unser festes Haus verlassen und in einer schwachen Hütte
unsern Wohnsitz aufschlagen, in welcher nur ein wenig
Laub über unserem Haupte die Decke bildet. Nicht auf
dein Haus vertraue, so lehrt uns die Sukko, sondern auf
Gott. Er kann dich auch in einer gebrechlichen Hütte
schützen; und entzieht Er dir seinen Beistand, so hilft
dir kein Haus und kein Palast, auch wenn sie noch so
fest gebaut und herrlich eingerichtet sind. Warum bist
du so stolz auf deinen Besitz und vergötterst deinen
Reichtum, glaubst, er sei gesichert „fest wie der Erde
Grund". Ach, die jüngste Zeit mit ihren traurigen
Erfahrungen hat es wieder gelehrt „nichts nützt der
Reichtum am Tage des göttlichen Zornes." Grosse
Vermögen, gewonnen in jahrzehntelanger Arbeit, sind in
wenigen Augenblicken verloren gegangen, in kurzer Zeit
völlig entwertet worden, und wie viele mussten ihr Haus
verlassen, um einer Ungewissen Zukunft entgegen zu
gehen! Und bliebe auch dein Vermögen unangetastet, kann
dich Gott nicht hinwegnehmen von deinem Besitze, ist
unsere Gesundheit und unser Leben nicht täglich und
stündlich in seiner Hand?
Sieh dir die Sukko an, welche unsere Thora alljährlich
uns zu errichten befiehlt! Für die Beschaffenheit der
Wände gibt es keine Vorschrift. Sie können aus einfachen
Latten bestehen oder aus Holz, sie können aus festem
Stein gebaut sein oder sogar aus Metall. Aber in einem
sind sie alle gleich: ein leichtes Laubdach wölbt sich
über allen. So sind wir Menschen verschieden nach
Reichtum und Stellung und Ansehen. Aber in einem sind
wir alle gleich, Reich und Arm, Hoch und Niedrig: wir
alle bedürfen des Schutzes des Allmächtigen, und ohne
Ihn können wir nicht bestehen. Ist aber Gott unser
einziger Schutz, so müssen wir uns fragen: Verdienen wir
seinen Beistand, sind wir seiner Hilfe wert? Durch das
Blätterdach sehen wir die Sterne schimmern, wie Augen
des Himmels. Gott sieht uns, Gott hört uns. Sei fromm
und diene Gott, dann und nur dann kannst du getrost
vertrauen auf den Allmächtigen, der deine Geschicke
leitet.
II.
Die Hütte darf keine feste Wohnung sein, sonst verliert
sie den Charakter der Sukko, sie muss vielmehr einen nur
vorübergehenden Aufenthalt vorstellen. Ist so die Sukko
nicht ein Bild des Lebens? Nur sieben Jahrzehnte sind
nach dem bekannten Worte des Psalmisten unserem
Erdenleben zugemessen. Flüchtigen Fusses gehen wir durch
das Dasein. Dann aber winkt uns der Tod, und wir ziehen
ein in ein höheres Leben. Diese Welt ist nur eine Halle
vor der künftigen Welt. Hier sollen wir uns als gut und
fromm bewähren, dann winkt uns der Lohn in der Ewigkeit.
Wie wenig wird diese Lehre der Sukko berherzigt! Wir
bauen uns die Hütte unseres Lebens, als würden wir ewig
auf Erden weilen. Wohl wissen wir, dass dies nicht der
Fall ist „Alle wissen und sprechen mit dem Munde," dass
sie sterben werden. Kann man denn auch mit einem anderen
Organe reden, als mit dem Munde? Aber wir sprechen es
eben nur mit dem Munde, unser Tun jedoch entspricht
nicht unsern Worten. Wir suchen Geld und Gut zu häufen,
als würden wir ewig auf Erden leben, sorgen mit allem
Eifer für Jahrzehnte voraus, als wüssten wir gewiss,
dass wir sie erleben werden. Aber die Hauptsache
vergessen wir völlig, dass dieses Leben nur ein
vorübergehendes ist, und dass wir nach dem Tode werden
Rechenschaft ablegen müssen über unser Wirken auf Erden.
Dieses Leben wird häufig mit einem Traum verglichen.
Aber dem Traum folgt das Erwachen, und für dieses
Erwachen zu sorgen durch Erfüllung der göttlichen
Gebote, durch fromme Werke, durch edle gute Taten, die
uns einst vor den Thron Gottes begleiten sollen, daran
denken wir nicht oder doch nicht genug. Sieh dir deine
Sukko an, nur einen vorübergehenden Aufenthalt stellt
sie dar. So ist dein Dasein. Lebe nach Gottes Willen und
tue den Menschen Gutes, so lange dir die Sonne des
Lebens scheint, damit du einst geschmückt mit einem
guten Namen hinübergehest in das ewige Leben.
III.
Die Hütte darf nicht niedriger sein als zehn Tefach und
nicht höher als zwanzig Ellen. Eine wichtige Lebensregel
liegt in dieser Vorschrift. Der Jude soll nicht auf alle
Genüsse der Welt verzichten, er soll seine Lebenshütte
nicht zu niedrig, er soll sie menschenwürdig bauen. Aber
auch nicht allzu hoch darfst du deine Hütte aufrichten
wollen. Schaue nicht neidisch auf das Haus des Nachbars,
das schöner als das deine ist. Blicke auf diejenigen,
die vom Glücke minder begünstigt sind als du, und sei
zufrieden mit deinem Lose. Nicht Glanz und Flitter
sichern dir dein Glück. Je bescheidener deine Ansprüche
an das Leben sind, um so mehr Aussicht hast du, dass sie
Erfüllung finden. Wie schön wäre es, wenn wir zu der
einfachen Lebensart unserer Väter zurückkehren möchten.
Sie machten keinen Aufwand und waren dennoch glücklich,
glücklicher als ihre verwöhnten Kinder.
Ein vornehmer Römer, so erzählen uns die Weisen im
Midrasch, kam einst zu Rabbi Elieser und erklärte ihm,
er wolle zum Judentum übertreten. Nur störe ihn in der
heiligen Schrift, die ihm im übrigen ausgezeichnet
gefalle, der Satz: „Gott liebt den Fremdling, ihm Brot
und Gewand zu geben." Brot und Gewand, sprach der Römer,
hat auch der Geringste von meinen Sklaven. Das
Versprechen von Brot und Gewand kann mich gewiss nicht
verlocken, das Judentum anzunehmen. Da sprach Rabbi
Elieser zu ihm: Wenn dir dasjenige nicht genügt, um das
unser Vater Jakob so herzinnig gebetet hat „Gib mir Brot
zu essen und ein Gewand anzuziehen," wenn du nicht
bescheiden bist in deinen Ansprüchen an das Leben, so
wäre es besser, du würdest dem Judentum fern bleiben.
Jakob, unser Stammvater, sei, wie in allem, so auch in
seiner Bescheidenheit unser Vorbild. Wie bald würde die
Hast und Ruhelosigkeit, mit der wir durch das Leben
jagen und uns selbst um die höchsten Güter des Daseins
bringen, aufhören, wenn wir anspruchsloser wären und
nicht einer dem andern in Reichtum und Luxus es gleich
und zuvortun wollte! Einst, so sagen unsere Weisen, wird
der Prophet Elia das Fläschchen mit dem Manna
zurückbringen, das verloren gegangen ist. Das Manna ist
das Bild der Einfachheit und Genügsamkeit. Eine
Vorbedingung der Erlösung und des wahren Glückes ist
Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit!
IV.
Die Hütte muss so beschaffen sein, dass in ihr mehr
Schatten ist als Licht, sonst ist sie zur Benutzung
ungeeignet. Eine tiefe Lehre der Erziehung liegt in
dieser Bestimmung. Die meisten Eltern sind gegen ihre
Kinder schwach. Sie suchen ihnen jeden Wunsch zu
erfüllen und jeden Stein des Anstosses aus ihrem
Lebenswege zu entfernen. Mein Kind soll es einmal gut
haben, besser als ich es hatte, so sprechen der Vater
und die Mutter. Ob sie ihren Kindern damit wirklich
etwas Gutes tun? Von einem missratenen Sohne des Königs
David heisst es: „Sein Vater hatte ihn nie betrübt und
nie zu ihm gesprochen: Warum tust du so?" Der König
David hat mit seinen Erziehungsgrundsätzen kein Glück
gehabt, und an diesem Sohne wenig Freude erlebt. Im
Gegensatz hierzu lehrt die Heilige Schrift: „Wer die
Rute zurückhält, hasst sein Kind," und „Gut ist es für
den Mann, wenn er ein Joch trägt in seiner Jugend."
Mehr Schatten als Licht, das ist die Mahnung der Sukko.
Nicht jeder Wunsch, kaum ausgesprochen, werde den
Kindern gewährt. Sonst treten sie verweichlicht und
verwöhnt ein in das Leben, das den Menschen manchesmal
hart anpackt, und in welchem diejenigen am besten
bestehen, die von vernünftigen Erziehern von Jugend auf
gelehrt worden sind, auf so manches zu verzichten,
manches Begehren als unerfüllbar aufzugeben und trotzdem
froh und zufrieden zu sein.
Welch vortreffliches Mittel zur Erziehung bietet die
Gewöhnung an die Erfüllung der Vorschriften unserer
heiligen Religion! Kinder, die gewöhnt sind, des Morgens
zu beten, bevor sie ihren Hunger stillen, des Abends das
Nachtgebet nicht zu vergessen, ehe sie müde ihre
Ruhestätte aufsuchen, die nach Fleischspeisen mehrere
Stunden warten, bevor sie Milch geniessen, die es
gelernt haben, auf so manche lockende Speise zu
verzichten, weil Gott sie uns verboten hat, werden
später im Leben nicht leicht nach Unerlaubtem die Hand
ausstrecken, denn es ist ihnen zur zweiten Natur
geworden, sich zu beherrschen und zu bezwingen und ihre
Begierden dem Diktate der Pflicht unterzuordnen.
Machen wir doch unsere Kinder auf die Schattenseiten des
Lebens aufmerksam. Lehren wir sie, dass unter den
Genüssen und den scheinbar unschuldigen Vergnügungen die
Schlange der Versuchung und der Verführung lauert.
Lehren wir unsere Kinder, die Sünde zu scheuen und Gott
zu fürchten. Schärfen wir es ihnen ein, dass vor Gott
nichts verborgen ist, und dass Er nichts vergisst, dass
Er wohl ein Gott der Güte und der Barmherzigkeit ist,
dass Er aber auch die Missetat straft und die Untreue
ahndet, und dass jede Schuld sich rächt auf Erden!
V.
Die Hütte darf nicht mit Gegenständen bedeckt sein, die
für Unreinheit empfänglich sind.
Nach Reinheit müssen wir Juden streben, mehr als andere
Völker. Hat uns doch Gott ein hohes Ideal vorgezeichnet
„Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein
heiliges Volk." Wir wissen ja auch, dass man uns Juden
mit besonders strengem Masstabe misst. Wenn ein Jude
sündigt, so zürnt man der ganzen Gemeinde, und die
Fehler des Einzelnen werden der Gesamtheit zur Last
gelegt. Ja, noch mehr, Gott, Israel und seine Lehre
bilden, nach einem bekannten Ausspruch im Sohar, eine
Einheit. So wird auch, nach dem Verhalten Israels unter
den Völkern, Gott und seine Lehre gewertet und
beurteilt. Gibt es z. B. jüdische Wucherer, so führt das
zu einer Entweihung des göttlichen Namens. Dann wird für
die Vergehungen Einzelner die jüdische Religion
verantwortlich gemacht, dann ist der Talmud schuld, dann
taugt das jüdische Gesetzbuch, der Schulchan Aruch,
nichts, und der Gott der Juden ist ein Gott der Rache!
Sind wir Juden aber gewissenhaft, treu und ehrlich, edel
und gut, so ist das eine Heiligung Gottes, und Gottes
Namen wird durch uns gerühmt und zu Ehren gebracht.
VI.
Das Laub auf der Sukko darf nicht mit dem Baume
verbunden, es muss vielmehr abgepflückt sein.
Was ist unser? Worin besteht unser Besitz, auch wenn wir
einmal von hinnen gehen? Auf diese Frage gibt das
abgeschnittene Laub auf der Sukko die Antwort. Was
irdisch ist, verbunden mit der Erde, bleibt auf Erden
zurück, und wer viel Geld zusammen scharrt, hat nach dem
alten wahren Wort eines jüdischen Königs für Andere
gesammelt. Aber was wir abgepflückt und für Höheres
verwendet haben, die Stunden, die wir im Gotteshaus
zugebracht, die Zeiten, die wir der Thora geweiht, die
Mizwos, die wir vollbracht, die Wohltaten, die wir geübt
haben, sie gehören uns in Wahrheit, sie bleiben unser
Besitz, und sie gehen einst mit uns, wenn Gott uns ruft.
VII.
Eine Türe soll an der Sukko nicht fehlen. Die Türe
stellt die Verbindung dar zwischen dem Bewohner der
Sukko und der Aussenwelt. Sei kein Egoist, so lehrt uns
diese Vorschrift. Arbeite nicht bloss für dich und deine
Familie, wirke auch für deine Nebenmenschen und betätige
dich als ein nützliches Glied der menschlichen
Gesamtheit. Denke an das schöne Wort des Hillel „Wenn
ich nur für mich lebe, was bin ich dann?" Das höchste
Glück ist, andere zu beglücken, die wahrste Freude,
andere zu erfreuen. Gib den Armen, gib ihnen wieder und
wieder und werde nicht müde zu geben, und das Streben,
Anderen Gutes zu tun, werde dir zur zweiten Natur. Unser
grosser Lehrer Maimonides wirft einmal die Frage auf,
was besser sei, einmal eine grosse Summe für gute Zwecke
zu geben, oder die gleiche Summe in vielen kleinen
Teilen. Ist es verdienstlicher und empfehlenswerter,
einmal tausend Franken zu verschenken, oder tausendmal
je einen Franken? Er antwortet, das letztere sei
vorzuziehen, denn wer einmal sich zu einer grossen Gabe
aufschwingt, dessen Herz kann leicht wieder hart werden,
so dass er sein Ohr ein anderes Mal dem Ruf der Not
verschliesst. Aber wer tausend mal gegeben hat, der
wird nicht mehr aufhören zu geben, und das Wohltun wird
ihm zu einer schönen Gewohnheit. Vielleicht ist dies der
Sinn des Thorawortes „Geben, geben sollst du, und es
verdriesse dich nicht, ihm zu geben," wie die Alten es
erklären: hundertmal sollst du geben, dann wird es dir
nicht mehr schwer fallen, deinem armen Bruder zu helfen.
Sukkaus ist ein Fest der Freude und die Thora ermahnt
uns: „Du sollst dich freuen an deinem Feste, du, dein
Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd, der
Levite und der Fremdling, die Witwe und die Waise, die
in deinen Toren sind." Unsere Weisen bemerken aber
hierzu so schön und sinnig, Gott spricht zu uns: „Meine
Vier entsprechen deinen Vier; wenn du die Meinen
erfreust, erfreue ich die Deinen."3 So wird durch das
Gute, das wir Anderen erweisen, Sukkaus, das Fest der
Hütten, wahrhaft werden eine Zeit unserer Freude!
Keinem Menschenstamme ward also wie dem jüdischen das
Loos, mit offenem, vorwärts schauendem Blicke durch die
Geschicke der Zeiten zu wandern. Gleich beim Beginn
seines völkergeschichtlichen Daseins führte Gott ihm
Ereignisse zu, auf die, wie auf einen prophetischen
Spiegel, immer wieder sein Blick sich wenden sollte,
darin sich zu erkennen, sein Verhalten zu seiner
Aufgabe, seine Stellung zu den Brüdervölkern, sein
jederzeit von ihm selbst zu säendes, züchtigendes,
erziehendes, prüfendes, lohnendes Geschick. Der seine
Aufgabe und seine Geschichte kennende Jude wird von
keinem Ereignis überrascht, von keinem bestürzt, von
keinem geblendet. Ein Rückblick in den ihm von Gott
immer neu vorgeführten Spiegel seiner Vergangenheit -
und er findet sich überall und in Allem zurecht, weiß
jedes Ereignis seiner Zeit zu würdigen und steuert mit
ruhigem Auge auf glatter See wie durch Sturm und
Brandung, dem einen Ziele zu, zu welchem Gott ihn
leitet. Vorbereitet ist er auf alles. Er traut keinem
Augenblicke und fürchtet keinen. Nicht in den
politischen Gestaltungen der Verhältnisse, in der
eigenen Brust sucht er den Grund zur Hoffnung oder
Furcht. Ein unverdientes Glück kann ihn nicht beruhigen,
ein unverdientes Leid nicht beugen. Nur das Zeugnis, das
ihm die eigene Brust ausstellt, kann ihn heben oder
niederschlagen. Er kennt nur einen Feind: die Sünde; er
kennt nur einen Panzer: die Unschuld.
Der Sabbat vor dem Purimfeste ist der zweite, für den
großen Frühlingsmonat vorbereitende Sabbat.
Sabbat Schekalim rief in uns das jüdische
Gesamtbewusstsein wach, das Bewusstsein, dass wir alle
einer großen Gesamtaufgabe angehören, und wie zerstreut,
wie verschieden nach Kraft, Vermögen, Stand, Beruf auch
immer, doch alle gleich berufen sind an einem heiligen
Gotteswerk zu arbeiten. Was wird unser Geschick sein mit
solchem Beruf? was haben wir mit solch´ eigentümlicher
Sendung im Kreise unserer Menschenbrüder zu erwarten?
„Sachor!“ spricht dieser Sabbat, „schau zurück, gedenke
was dir Amalek getan, auf dem Wege, als ihr aus Mizrajim
zogt!“
Was dich in aller Zukunft treffen wird? Was dir bei
deinem ersten Schritt, auf deiner geschichtlichen
Wanderung begegnet!
Durch den geschichtlichen Zusammenhang des Ereignisses
im 2ten Buche der Thora und die Zusammenstellung des
Gedächtnisgebotes mit den anderen Gesetzen im 5ten
Buche, hebt dieses „Sachor“, dieser Aufruf zum Rückblick
auf den ersten Zusammenstoß Israels mit dem Brudervolke,
warnend und ermutigend den Finger auf und spricht: Nicht
die Treue, nicht das entschiedene Ausharren im jüdischen
Berufe, nicht die unerschütterte Anhänglichkeit an das
gottgebotene eigentümliche jüdische Leben zieht euch die
Feindseligkeit der nichtjüdischen Brüder herbei; seiet
Juden, volle, ganze Juden, erfüllet eure jüdischen
Pflichten in der ganzen herrlichen Fülle des von Gott
gezeichneten Lebens! So sehen es alle Völker der Erde,
dass der Name Gottes über euch walte und wagen
achtungsvoll es nicht euch anzutasten!
Menschentäuschender Vorwand war es und ist es, wenn ein
Haman seinen Judenhass durch die jüdische
Absonderlichkeit beschönigt, die dieses so zerstreute
Volk trotz seiner Zerstreuung doch so „gesondert“ unter
den Völkern und so anhänglich an ihre von allen anderen
Völkern abweichenden Gesetze und Sitten sein lässt, und
nichtige Täuschung wäre es, wenn wir durch Abstreifen
dieser jüdischen Eigentümlichkeit uns die
Völkerfreundschaft zu erkaufen und für immer zusichern
vermeinten.
Hamans Ahn, Amalek, fiel über Israel her, als es noch
nicht diese absondernden Gesetze am Sinai erhalten
hatte, und wenn wir auch die ganze sinaitische
Gesetzgebung wiederum preisgeben und das Positive
unseres Judentums auf das Minimum unserer
vorsinaitischen jüdischen Eigentümlichkeit reduzieren
möchten, die letzte Faser in welche du dein „Jude sein“
im Gegensatze zum Nichtjuden flüchtest – und wäre es
auch zuletzt nur noch der bloße Name „Jude“ – wird
jederzeit einem Haman und Amalek genügen, um ihre
Feindschaft und ihren Hass zu beschönigen. Ja, mit
deinem entgegenkommenden Abfall gibst du diesem Vorwande
des Judenhasses erst den rechten Schein einer
Begründung. Durftest du so vieles, so das meiste vom
Judentum preisgeben, warum denn so eigensinnig an das
letzte Wenige halten! Durftest du so fast den ganzen
Juden ausziehen, warum denn nicht wirklich den ganzen
Juden fahren, und über das Grab des Judentums Jakob und
Esau sich die Bruderhand zur ewigen Verbrüderung reichen
lassen?! Nicht das ist das Ziel, das der Herr der Zeiten
als Lösung diese Gegensatzes bestimmt. So lange es Nacht
auf Erden ist, wird der Ringkampf dieser Gegensätze
dauern, Jakob den Esau nicht und Esau nicht den Jakob
überwinden, wohl aber Esau Jakob nicht den festen,
selbstständigen Fuß zu Boden setzen lassen. Wenn aber
der Morgen anbricht und der Kampf sein Ziel finden soll,
dann wird dieses Ziel nicht in Aufgeben und Aufgehen des
Jakobsberufes gefunden werden, dann wird nicht Jakob der
Überwundene sein, dann wird Esau zum Jakob sprechen,
lass mich frei, denn der Morgen ist angebrochen, die
Zeit des Kampfes ist aus. Jakob aber spricht, wohl lasse
ich dich, aber nicht eher lasse ich dich, bis du mich
gesegnet, bis du mir die Anerkennung gezollt, dass ich
nicht den Fluch und den Hass und die verfolgende
Feindschaft verdient, bis du es voll anerkannt, welchen
Segen ich verdiene – und du mich segnest. Bis zu diesem
Morgenrot der Zeiten aber sollte Jakob vorbereitet und
gerüstet sein für Gegensatz und Kampf; diese Mahnung
sandte ihm Gott bei jedem Eintritt einer neuen Phase
seiner geschichtlichen Wanderung in der Mitte der
Völker. Edoms Genius trat entgegen als die erste
Jakobsfamilie ein selbstständiges Plätzchen auf Erden
suchte, Amalek hob das Schwert auf, als das befreite
Israel seiner Nationalexistenz entgegen ging, und Haman
grüßte Juda, als seine Söhne ihre weltgeschichtliche
Zerstreuung in der Mitte der Nationen antraten.
Nicht aber in der Erschlaffung, nicht in der laxeren
Erfüllung jüdischer Pflichten liegt Juda´s Wehr und
Panzer in diesem Kampfe; sondern in standhafter, treuer,
voller Lösung der ihm von Gott gegebenen Aufgabe, liegt
seine Stärke und sein Sieg. „So lange Moscheh´s Hand zu
Gott gehoben bleibt, - wie es der Väter Weisheit
erläutert, - so lange Israel nach oben blickt und sein
Herz dem Dienste seines Vaters im Himmel weiht, so lange
steht es gepanzert in eigener Macht. Erst wenn diese
Hand und diese Kraft und dieser Sinn erschlafft, wird
ihnen Amaleks Stärke fühlbar.
Ja, jede unsanfte Berührung von Amaleks Finger, soll
Juda die Mahnung sein, im eigenen Kreise sich
umzuschauen, wo der jüdische Sinn erschlafft. Denn
irgendwo muss Israel seine Pflichten verabsäumt haben,
lehrt der Väter Weisheit, wenn Amalek kommen soll.
In ,ydypr überkommt Israel Amaleks Kampf! Nur wenn
Israel an der Göttlichkeit der eigenen Sendung zweifelt,
zweifelt ob Gott unter uns waltet oder nicht, und in
diesem Zweifel schlaff und nachlässig wird in Handhabung
des göttlichen Wortes, - nur wenn Israels Söhne, nur
wenn sie aus der Höhe der göttlichen Wege und darum aus
dem Schutze der göttlichen Fittiche sinken, - oder, -
wie die Zusammenstellung im 5ten B. M. lehrt, und die
Weisheit der Väter sinnig hervor hebt, - wenn Israels
Söhne im sozialen Menschenverkehr nicht die Redlichkeit
und Rechtlichkeit bewahren, die den Grundcharakter
Jeschuruns bilden soll, die zu ihnen spricht: „nicht
zweierlei Gewicht sollst du haben in der Tasche und
nicht zweierlei Maß sollst du haben im Hause!“ und deren
ungetrübte Bewahrung Grundbedingung der göttlichen,
schützenden Bundesnähe bildet, nur dann hat Israel
Amalek zu fürchten!
Wenn aber Israel seine Pflichten voll begreift und voll
erfüllt, wenn es als „Priesterreich“ dasteht seinem
Gotte und als „heilig Volk“ im Verkehr der Menschen,
dann mag es immerhin, so lange es noch Nacht auf Erden,
„zerstreut“ sein und auch „geschieden“ erscheinen in der
Mitte der Nationen, dann mag auch immerhin dieser
priesterliche heilige Wandel es noch „sondern“ von
Sitten und Wegen der Völker, und – so lange es noch
Nacht ist auf Erden – diese Absonderung einer
selbstsüchtigen Hamansfeindschaft als willkommener
Vorwand zur Verfolgung dienen – über Völkerwahn und
Ministerränke und Fürstenschwäche steht Gott, der nicht
nur den Wogen des Weltmeeres, der auch dem Wallen des
Fürstenherzens zur Rettung seiner Treuen gebietet, der
nur einen Schlummer von dem müden Lide eines Königsauges
scheucht um noch nach Jahrtausenden zu zeigen, dass die
wahre Macht doch auf Gottes Throne ruhet, der zu jeder
Zeit für die schwache, preisgegebenen Unschuld gegen
gottvergessene Amaleksgewalt streitet, dem daher auch
noch das späteste Geschlecht seinen Altar bauen und in
heiterer Zuversicht sprechen darf: ! “Gott ist mein
Panier!“
1. Paraschath Parah.
„Dem Feste soll mit dem Bewusstsein der Reinheit des
eigenen Menschenwesens von Jedem entgegengegangen, und
deshalb mussten die inhaltsschweren Reinigungsgesetze
von jedem beachtet werden!“ Dies das Motiv, welches für
den dritten Vorbereitungssabbat die Paraschah der hmvda
hrp, die große, die ewige Lebenswahrheit der hrhu, der
„Reinheit“ lehrende Institution der „roten Kuh“, zum
Vortrage bestimmte.
Hier ist die Bedingung, die Basis, der Boden der ganzen
Thora, welche Gott geboten! Hier ist die Voraussetzung,
auf welcher das ganze göttliche Gesetz beruht! Die Lehre
dieser Institution muss in uns lebendig werden, oder die
ganze Tora ist vergebens für uns geschrieben, und Tempel
und Altar und Opfer und Feste sind für uns bedeutungslos
und schaal.
Diese Bedingung, diese Basis, dieser Boden, diese
Voraussetzung, mit welcher alles steht und fällt, heißt:
„Taharah“ hrhu!
Ein späterer Sprössling des Judentums hat einige
abgefallene Blütenblätter von dem großen, das verlorene
Paradies auf Erden wieder bringenden „Baume des Lebens“
in den Schoß der Menschen gestreut, und schon der Duft
dieser wenigen Paradiesesblüten hat eine ersterbende
Menschheit vom Grabe zurück gerufen, hat neues Leben den
Gemütern, neues Licht den Augen, neue Kraft und neue
begeisternde Ziele dem Streben der Menschen gebracht.
Und weil schon diese wenigen Blütenblättchen, wenngleich
abgerissen, und oft fletriert, schon solches Wunder
geübt, vermeint man bald in ihnen den ganzen Baum des
Lebens zu haben, sah nicht, wie dies eben nur
abgefallene Blütenblätter waren, deren Tausende den
heimischen Boden dieses Lebensbaumes decken, und
wunderte sich, dass in dem heimischen Kreise derselben
von diesen Blüten so wenig gesprochen wurde – weil man
dort allerdings an den Früchten sich labte, die Früchte
laut und ewig pries, den Duft der Blüten aber nur still
selig, als süße Wonnezugabe atmete.
Eines dieser Blütenblätter trägt das Wort:
Unsterblichkeit! Einer in Jammer und Elend, einer in
Gram und Kummer, einer in Täuschung und
Hoffnungslosigkeit verzweifelnden, in Leichtsinn und
Entartung versinkenden Welt brachte dieses Wort die
Aussicht auf ein Jenseits, und mit ihr den Trost einer
alles vergütenden Zukunft, einer alle Rätsel lösenden
Erleuchtung, einer in die Unendlichkeit reifenden
Vollendung jenseitiger Seligkeit – und mit ihr den Ernst
einer mit irrungsloser Waage vergeltenden jenseitigen
Gerechtigkeit, - und erzeugte die Wunder eines
Märtyrertums, dem es ein Leichtes ward, auf die Erde zu
verzichten um den Himmel zu gewinnen.
Und doch ist dieses Blatt der Unsterblichkeit nur ein
abgefallenes Blütenblatt vom Paradiesesbaume des vollen
jüdischen Lebens! Und doch konnte dieses Blatt der
Unsterblichkeit eben durch seine abgerissene
Einseitigkeit zugleich auf die trostloseste Weise alle
höhere Bedeutung des irdischen Daseins verneinen, und
zugleich seine unbeschriebene Kehrseite zur Verbreitung
der noch trostloseren Lehre darbieten, zur Einimpfung
des trostlosesten Gedankens, den je der sterbliche Geist
des Menschen erdacht, des Gedankens eines unfreien
Versunkenseins aller Menschenseelen in die Sünde und
Verdammnis schaffende Gewalt des Bösen!
Nicht also im heimischen Kreise dieses Lebensbaumes der
Menschheit, nicht also auf dem Paradiesesboden der
jüdischen Lehre! Dort ist „Unsterblichkeit“ nur ein
Blütenblatt, nur eine Konsequenz, nur eine Seite eines
unendlich volleren, unendlich umfassenderen, unendlich
seligeren und beseligenderen, unendlich heiligeren und
heiligenderen, und darum unendlich wichtigeren
Gedankens, - dort ist Unsterblichkeit nur eine
Fortsetzung ins Jenseits des großen Gedankens der „Tahara“,
der „Reinheit“, d. i., der ureigenen, unverlierbaren und
darum schon hiniedigen Freiheit, der schon hiniedigen
Göttlichkeit und Seligkeit menschlicher Seelen.
„Unsterblichkeit“ heißt Freiheit der Seele nach ihrem
Scheiden aus der Hülle des irdischen Leibes. „Reinheit“
aber heißt Freiheit der Seele selbst während ihrer
hieniedigen Vermählung mit dem irdischen Leibe.
„Unsterblichkeit“ verheißt, dass dereinst der Tod keine
Gewalt habe über die der Erde enthobene Seele.
„Reinheit“ gibt die Gewissheit, dass schon auf Erden
keine Macht der Natur Gewalt habe über die auch in ihrer
irdischen Hülle reine, freigöttliche Menschenseele, ja,
dass dieser Seele die göttliche Energie, die freie Kraft
von Gott verliehen, während ihrer Ehe mit dem irdischen
Leibe, diesen Leib selbst aus dem unfreien Getriebe des
Naturzwanges zu sich empor zu retten und ihn frei als
Werkzeug ihres Willens, frei als Boten ihrer Gedanken
und ihrer Zwecke zu gebrauchen, Unsterblichkeit lehrt
den einstigen, jenseitigen Aufschwung der menschlichen
Seele in die beseligende Gottesnähe, „Reinheit“ lehrt
den schon hieniedigen Seelenbund des Menschen mit Gott,
lehrt schon die hieniedige Paradiesesseligkeit der
Seele, die ungetrübte Ebenbildlichkeit dieses
Gotteshauches in seiner freien Meisterschaft über die zu
seinen Herolden und Dienern bestimmten Kräfte und Mächte
des irdischen Leibes.
„Der eine, einzige, frei über die Natur waltende Gott“,
so lautet der eine Eckstein der jüdischen Lehre. „Die
reine, freie, nur diesem einen, einzigen Gott
unterstehende, in göttlicher Ebenbildlichkeit über die
mit ihr vermählte irdische Natur frei waltende,
göttliche Menschenseele“, so lautet der andere Eckstein
dieser Lehre.
Dies ist der Eckstein, die Grundbedingung der Lehre,
welche Gott geboten:
Der Wahn, als ob das „lebenstrotzende“ „vollkräftige“
Tier, als ob der lebenstrotzende, vollkräftige Leib,
nicht zu „meistern“ sei, für den Wahn gibt´s keine
Stätte, gibt´s keine Stätte im jüdischen Kreis! Draußen,
wo der Kreis des menschlichen Wirkens aufhört, und das
Naturleben beginnt, dort waltet das Reich der jochlosen
Gewalten unwandelbarer Notwendigkeit. Aber auf dem Boden
des Menschenwirkens, im Menschenkreise, finde die
lebendige Natur ihren Meister an der Priesterhand des
gottdienenden Menschen; nur unter der priesterlichen
Meisterschaft des gottdienenden Menschen finde auch die
mit dem göttlichen Menschengeiste vermählte irdische
Natur Eingang in den Menschenkreis, ja werde sodann mit
ihm heilig geweiht und gehoben zu Werkzeugen Gottes
Willen auf Erden frei vollbringenden Tuns.
Sprich darum, so lautet die Grundforderung des
göttlichen Gesetzes, sprich zu Israels Söhnen: dir, dem
Herold und Vertreter des göttlichen Gesetzes, und durch
dich diesem Gesetze, diesem Ausdruck des göttlichen
Willens, übergebe die jüdische Gesamtheit zum
Nationalbekenntnis, das „Tier“, „lebendstrotzend“,
„vollkräftig“, das außerhalb des Menschenkreises
„ungebändigte“, und ihr übergebet es dem Priester. Der
führt es hinaus, außerhalb des Kreises jüdisch
menschlichen Wirkens, und „vynpl“, unter dem
„bewusstvollen“ Priesterblick, meistere man es mit der
tötenden, opfernden Hand.
Und hmymt hmvda sei es, ,vm hb ]ya rsa sei es! Nicht
erst wenn die Lebensfarbe erblasst, selbst in der
jugendlichen, männlichen Fülle des Lebens, - und nicht
nur einzelne Seiten dieses pulsierenden Seins und
Wollens, ohne Rückhalt, unverstümmelt, ausnahmslos muss
erst das Tier unter dem unverwandten Priesterbewusstsein
gemeistert werden, ehe es in jüdischen Lebenskreis
Eingang finden darf. Ungemeistert ist jedes Moment des
tierischen Lebens und jede Seite des tierischen Lebens
gebannt aus dem jüdischen Lager. Hinaus weist der
Priester das ungebändigte Tier aus dem Lager.
Aber nur ungebändigt, ungemeistert ist das Tierleben aus
dem jüdischen Kreise gebannt; unter dem
Priesterbewusstsein, von der Meisterschaft des Menschen
beherrscht, darf es nicht nur in den Menschenkreis des
jüdischen Lagers einziehen, hinein in das Allerheiligste
weist der Priesterfinger jedem menschlich beherrschten
Blutestropfen die Bestimmung der Weihe, auf dass, wie
die ganze sechstägige Erdschöpfung das Sabbatsiegel des
Gottesbündnisses trägt, also dieses Gottesbündnis, diese
Sabbatvermählung mit Gott sich in jedem Pulsschlag
unseres Herzens, in jedem Blutstropfen jedes einzelnen
Menschen wiederhole und wir nicht nur jenseits einst zu
einem seligen Leben erwachen, sondern wir schon
hinieden, mit unserem ganzen Dasein, auch mit dem
hinieden vom irdischen Blute getragenen Sein und Wollen,
ein nur Gott untergebenes, zur ewigen Freiheit gehobenes
Leben in seliger Gottesnähe gewinnen!
Freilich, was von diesem tierischen Wesen nicht die
Richtung ins Allerheiligste gewonnen, was nicht in diese
Weihe an Gott zur freien Erfüllung seines heiligen
Willens eingegangen, auch was nur Träger des zu Gott
emporstrebenden Lebens gewesen, das sehen wir vor
unseren Augen zu Staube zerfallen wie es vom Staube
gekommen, das verfällt der auflösenden Allmacht der
Elemente; davor sollen wir ebenso wenig das Auge
verschließen; aber diese Vergänglichkeit ist kein
eigentümliches Los des sterblichen Menschenleibes,
dieses Los der Vergänglichkeit teilt er mit allem, was
von dem „Ysop bis zur Zeder“ in der Welt des
vegetarischen Lebens, mit allem, was vom „Wurm bis zum
Säugetier“ in der animalischen Welt zum zeitlichen
Dasein erstanden. Alles geht ein in dieselbe Auflösung
der Elemente - und von dieser ganzen irdisch
entstehenden und irdisch zerfallenden Welt wird nichts
für die Ewigkeit, nichts für die schon hiniedige
Unsterblichkeit gerettet, als der mit dem in
unsterblicher Freiheit Gott ebenbildlichen
Menschengeiste vermählte, mit ihm zu Gott empor
strebende, für Gott empor waltende, seiende und wollende
Blutstropfen des menschlichen Herzens!
Das ist die Lehre von der hamvm, von der Gebundenheit,
der Unfreiheit, der Sterblichkeit alles nicht zum reinen
Menschendasein erstandenen irdischen Wesens; und das ist
die Lehre von der hrhu, von der Reinheit, von der
Freiheit, von der Selbstständigkeit und Ewigkeit alles
in dem Menschen mit Gott vermählten irdischen Lebens!
Und siehe, so oft ein Mensch oder ein dem reinen
Menschenwirken angehöriges Werkzeug und Mittel mit einer
Menschenleiche in Berührung gekommen, dürfen sie nicht
eingehen in das Heiligtum der Gotteslehre, es sei denn
zuvor eben diese Lehre erneut in´s Bewusstsein gebracht,
die Lehre: Dass der Tod, d. i. die Unfreiheit, das
Erliegen der bezwingenden Gewalt äußerer Mächte, auch
für den Menschenleib erst mit dem Tode beginne. Nur die
Leiche, die von dem Gott ebenbildlichen Menschengeist
verlassene, von ihm nicht mehr beseelte zu Staube
zerfallende Hülle gehört dem Reiche der hamvm an. Aber
im Leben, mit diesem Gott ebenbildlichen Menschengeiste
zu seinem Boten und Werkzeug für den Dienst Gottes auf
Erden vermählt, gehört selbst der irdische Leib dem
Reiche der hrhu, dem Reiche der Freiheit und
selbstständigkeit an, und so lange der Puls in deinem
Herzen schlägt kannst du und sollst du mit freier,
göttlicher Kraft jeden Pulsschlag deines Herzens, jeden
Blutstropfen deiner Adern, jeden Reiz deiner Nerven,
jede Spannung deiner Muskeln im Dienste deines Gottes
meistern und selbst diese, sonst der Vergänglichkeit
hinfallenden irdischen Gestaltungen in die beseligende
Gottesnähe schon hinieden hinüber retten. Der Lebendige
hat mit dem Tode nichts zu schaffen.
Vom „ewig lebenden Quell“ in „irdische Umschränkung“
abgeschöpftes Leben – zu zeitweiliger Vereinigung mit
„irdischem Aschenstaub“ gemischt – das ist der Mensch!
Aber das dem ewigen Quell entsprungene Leben ist das
Ursprüngliche, ihm wird das Irdische zur zeitlichen Ehe
zugeführt, Wie auch in der irdischen Mischung das
Irdische täuschend als das Ursprüngliche erscheine, -
dies Irdische selbst ist tauxh tprs rpi, trägt während
dieser Vereinigung die Bestimmung: von dem, dem ewigen
Leben entstammten priesterlich beherrscht zu werden, -
und kommt die Mischung einst zur Ruhe, sinkt der
irdische Aschenstaub zu Boden und rein und ungetrübt
scheidet das dem ewigen Leben entflossene Leben aus –
zur Höhe.
Die Kräftigung und Erholung, die
die Winterszeit der Natur gebracht, ist zum größten Teil
bereits erreicht, und schon zeigt sich der neue Saft
treibend in den Lebensadern der Bäume. Vom 15. Schewat
zählt daher das jüdische Gesetz das Geburtsjahr der
Früchte und regelt danach die Pflichten und die
Reihenfolge der Pflichten, die dem Juden die
Jahresspenden der Natur bringen sollten.
Im
jüdischen Lande, wo die Gotteslehre ihren vollen Boden
findet, sollte nichts keimen und blühen und reifen, das
dem Juden nur Genuss ohne Pflicht zu bringen hätte. An
jeden Genuss knüpft sich die Pflicht, und gibt dem
Genuss erst die wahre Süßigkeit, indem sie das sonst
selbstsüchtig Tierische, zum liebestätig menschlich
Göttlichen weiht.
Für
uns ist der 15. Schewat nur noch eine Kalendernotiz, die
in unserem Galuthleben nur darin noch ihre Bedeutung
findet, dass sie dem Tage einen schwachen Anflug eines
Festcharakters im Gottesdienste bringt, und im Zählen
der Arlahjahre von einigem Einfluss sein kann.
Gleichwohl verweilen wir bei dieser Notiz, weil sie die
Gelegenheit zu einem Einblick in den Geist des Judentums
bietet. Und jeder solcher Einblick ist uns willkommen.
Denn an nichts leiden wir so sehr, als an dem Mangel
einer richtigen und wahrhaftigen Erkenntnis unseres
eigenen, jüdischen Glaubens.
Gehetzt wie das Wild, gepfercht in die Gassen,
geflüchtet in die Hütten des häuslichen Lebens oder in
die vier bescheidenen Wände der stillen, religiösen
Betrachtung, stellten wir dem oberflächlichen Beschauer
nur das Bild eines trüben, scheuen, zurückgezogenen
Lebens dar; öffentlich, rührig und lebendig, kannte man
uns nur auf dem geschäftigen Markte des gewerblichen und
erwerbenden Lebens. Aber das frische, lebenskräftig
pulsierende, an den Brüsten der heiteren Gottesnatur
erstarkende Leben suchte man bei dem Juden nicht. Hatte
man den Juden ja in diese kränkelnde Erscheinung gewaltsam
hineingebannt, und
stellte nun auf Rechnung des jüdischen Geistes und des
Geistes des Judentums, was nichts als das künstliche
Erzeugnis einer wahngeborenen Gewalttat war.
Wie
ganz anders der Geist des Judentums, wo er sich frei
entfalten kann. In die freie Natur stellt er uns hin, wo
die Bäche rieseln, und die Wiesen grünen, und die Saaten
reifen und die Bäume blühen und die Herden weiden, wo
der Mensch im engen Bunde mit der Natur seine Kräfte übt
und das Bemühen seiner Kräfte unmittelbar unter Gottes
Schutz und Segen stellt. Äcker und Herden sind
unsere natureigene Bestimmung. Zum wandernden
Handelsmann hat uns das Galuth gemacht.
O, dass wir zurück könnten aus diesem uns künstlich
aufgezwungenen Getriebe, dass wir uns und unsere Kinder
flüchten könnten in die Einfachheit eines vom jüdischen
Gottesgeist getragenen ländlichen Lebens! Es würde die
Einfachheit und der Friede, die Mäßigkeit und die Liebe,
die Menschlichkeit und die Freude, die
Gottesbegeisterung und die Seligkeit bei uns wohnen –
und Davids Harfe tönte wieder und wieder fände Ruth die
Ähren auf Boas gottgesegnetem Acker…
Wie
ladet das jüdische Gesetz zum ewigen Merkenauf die Gesetze und
Gänge der Natur und wie führt es immer aus der Natur
in´s Menschenleben hinüber, und lehrt dort mit den auf
dem Boden der Natur gereiften Gaben die noch
herrlicheren Blüten und Früchte eines freien,
gottdurchdrungenen Menschenlebens entfalten!
Am 15.
Schewat ist Neujahr der Bäume, ist der Geburtstag der
Jahresfrüchte und dieser Tag regelt das Maaßergesetz.
Auf
jüdischem Acker reift keine Saat allein dem Besitzer,
kein jüdischer Baum blüht für den Eigner allein, und wie
man mit natürlichen Mitteln geistige Zwecke erstrebe und
wie man den natürlichen Genuss selbst menschenwürdig
veredle und wie, das wird dem jüdischen Eigner bei jedem
Korn, jeder Frucht gelehrt, die von seiner Ernte ihm
zufallen. Dem Geiste und dem reinen göttlich gehobenen
Sinnesleben und der allweiten Menschenliebe grünet und
blühet und reifet alles auf jüdischem Boden. An jede
Stufe der naturbeherrschenden Menschenarbeit, und vor
allem da, wo schon das „Haben“, das „Genießen“ und mit
ihnen die Selbst- und Genusssucht, diese Feinde des
göttlichen Menschenberufes, sich zu regen beginnen,
knüpft das heilige und heiligende Gotteswort die
Merkzeichen seiner erziehenden Lehre.
Das
ganze jüdische Land mit allen seinen im Thorageiste nach
sorgfältig gesonderten Gattungen und Arten bestellten
Äckern und Feldern und Gärten ist eine große Predigt von
dem einen großen Schöpfer, Gesetzgeber und Ordner der
Allnatur, und bei jeder Furche, die der jüdische
Landmann zieht, bei jedem Korn, das der jüdische
Landmann streut, wird der Natur beherrschende Mensch an
den einen großen Gesetzgeber der Natur gemahnt, dessen
Gesetzen auch der freie Mensch mit seiner freien Tat
sich in allem unterordnen und von ihnen sich beherrschen
lassen solle.
„Gesetz“
ist das große Wort, das sich auf dem Thoraboden überall
mit der jüdischen Freiheit vermählt und mahnt: dass
Freiheit
der Lebensodem der Menschheit sei, aber Willkür
und Zügellosigkeit sie begrabe.
Und
wenn nun die freien Kräfte der Natur dem harrenden
Menschen ihre gereiften Früchte in den Schoß schütteln
und Besitz und Genuss des Menschen beginnen, da predigen
Selbstbeherrschung:
orla
und chadosch.
Sorgfältig hast du des Baumes gewartet und früh schon
trägt er goldene Früchte; aber dein Gott spricht: „du
beherrscht dich“, - und die Früchte der ersten drei
Jahre verbleiben der Natur. Reif ist das erste Korn
deines Ackers, das deinem leiblichen Dasein Nahrung
verspricht, aber zuerst muss die „erste Garbe“ in dem
Tempel deines Gottes die gottgeweihte Bestimmung deines
ganzen leiblichen Daseins bekennen, ehe du vom „neuen
Korne“ genießen darfst. Und wenn du nun die Sichel
schwingst an´s Korn, und die fruchtbeladenen Bäume
schüttelst und winzerst die traubenprangenden Stöcke,
siehe, da tritt die „Liebe“ an dich heran und spricht:
nimm von vorn herein nicht alles für dich, eine „Ecke“
des Ackers lasse den Armen, einen Zweig des Baumes lasse
den Armen, was dir „entfallen“ lasse den Armen, was du
„vergessen“ lasse den Armen, banne von vorn herein
den selbstsüchtigen Geist aus deiner Habe, lerne von
vorn herein liebend der Armen und Dürftigen, der Witwen
und Waisen gedenken, denen Gott in dem Acker deines
Herzens ihre Ernten angewiesen.
Aber
vor allem wenn deine Arbeit an der Frucht „vollendet“
ist und sie nun in dein Haus einzieht und dein
„häusliches“ Dach sie als „die Sicherung der künftigen
Existenz deines Hauses“ begrüßt, vor allem den Moment
ergreift die heilige und heiligende Gotteslehre: um
dir den vollen Ernst und die heitere Seligkeit der
Pflichten zu bringen, die der jüdische Besitzer trägt.
Drei
Stufen der Reife geht die Frucht zu immer größerer
Vollendung für den Nahrungszweck des Menschen durch: auf
dem Felde durch die Natur, für den Speicher durch die
Menschenarbeit, für den Tisch durch die häusliche
Bereitung. Auf jeder dieser Stufen der Reife stehst du
stille und weihest zuerst den Erstling des Segens und
der Reife dem Quell alles Segens und dem Zwecke aller
Reife, weihest in freudiger Abgabe, die ersten Früchte
(Erstlingsfrüchte), deinen Acker, deine Arbeit, deinen
Tisch deinem Gott und seinem heiligen Worte und mahnst,
indem du diesen gottgeweihten Erstling in ihrem Namen
dem Kohen gibst, diesen Diener deines Gottes und seiner
Thora, dass er seiner Stellung und seiner Pflicht nicht
vergesse, dass er nur deshalb keinen Anteil am Boden und
dessen Arbeit habe, um ganz Gott und seinem heiligen
Worte anzugehören, und dass er deines Geistes
nicht vergessen dürfe, wie du seines Leibes zu
gedenken habest – und mahnest zugleich dich, dass Ziel
und Vollendung auch deines leiblichen Lebens nur der
DienstunddieErfüllungderGotteslehresei. Kein Ganzes, keine
„Zehn“ durfte daher auf jüdischem Boden je
ausschließlich dem leiblichen Genusse bestimmt bleiben.
Maaßer, Eins von Zehn, ein volles Zehntel von jeder dem
Speicher zugereiften Frucht gehörte der Erhaltung des
Stammes, dessen Aufgabe die Wartung des Gottesgeistes in
Israel geworden, der Träger der „Sittlichkeit und des
Lichtes“ sein sollte und „rücksichtslos für Gott
einzustehen und sein Wort zu hüten und sein Bündnis zu
wahren hatte“.
Dem
GeisteinIsrael gehörte das erste
Zehntel. Aber ein fast eben so volles zweites
Zehntel gehörte dem Leibe an, war dem leiblichen
Genusse, der reinen, heiteren, sinnlichen Freude heilig
und geweihet, und war vom Besitzer in Jerusalem, in dem
Umkreis des Gottesheiligtums, froh und heiter zu
genießen.
Hier
liegt der Nerv des Judentums,
hier der Kern der ganzen Wundergröße dieser so vielfach
verkannten Gottesstiftung.
Nicht
der Schmerz und die Trauer, nicht das Kasteien und
Abhärmen ist der Höhepunkt des Judentums; Frohsinn,
Heiterkeit und Freude ist sein heiligstes Ziel.
„Nicht in der Trägheit und nicht im Schmerze und der
Niedergeschlagenheit“, „auch nicht im Leichtsinne“
findet der jüdische Geist seine Stätte; nur wo die
reine, besonnene Freude wohnet, wohnet auch er. Der
Leichtsinn fliehet vor dem Ernst des
jüdischen Gesetzes, und desselben Gesetzes
göttliche Wahrheit scheuchet den SchmerzunddieTrauerund lehret ein heiteres,
glückliches Leben auf Erden zu leben.
Der
Geist des Judentums kennt keine Zerklüftung des
Menschenwesens; dass etwa nur sein Geist Gott, sein Leib
aber dem Satan angehöre, die Erde der Hölle verfalle –
und die Seligkeit erst im himmlischen Jenseits
beginne. „Bereitet mir hier auf Erden eine heilige
Stätte, so wohne ich schon hier auf Erden bei euch“
spricht der Geist des Judentums im Namen Gottes, und
nimmt das ganze sinnlich - geistige Wesen und Leben des
Menschen in sein Bereich also auf, dass nicht nur der
Gedanke, das Wort und die Tat, dass auch der
sinnlicheGenuss ein heiligerGottesdienst
wird, wenn er vom Geiste der Keuschheit,
Mäßigkeit und Heiligkeit getragen, die Güter
und Gaben und Reize der Erde in so reinem gottgefälligen
Sinne, zu so heiligen gottgefälligen Zwecken genießt,
dass er froh und heiter sein Auge zu Gott aufschlagen
könne und die reine Nähe seines Heiligtums nicht zu
fliehen brauche. Selbst mit seinem Genusse und seiner
heiteren Freude im Gotteskreise weilen zu können, ist
die höchste Vollendung des sittlichen Menschen auf
Erden.
In
keinem Punkte also wie in diesem ist das Judentum
verkannt worden und ward daher von der nach beiden
Seiten ausschweifenden Lüge verworfen. Es war den
leichtsinnig Sinnlichen zu ernst geistig, es war den
in AbstraktionenSchwärmenden zu irdisch
sinnlich, und es ist doch eben nichts: als die
göttliche Wahrheit für den geistig - sinnlichen,
himmlisch - irdischen
ganzen Menschen!
In
jedem dritten und sechsten Jahre des siebenjährigen
Landbau - Zyklus war dieses zweite Zehntel, statt dem
eigenen Genusse, wiederum ganz den Armen, Witwen und
Waisen und Dürftigen im Lande bestimmt:
yni rsim;
und eben die Frage, welchem Jahrgang eine Frucht
angehöre, entschied das Fruchtkeimen vor oder nach dem
15.Schewat, dessen Kalendernotiz uns zu
diesen Betrachtungen führte.
In
unser Wanderleben außer Palästina hallen nur schwache
Klänge von diesen und den damit verwandten herrlichen
Gesetzen herüber. Willst du aber die ganze Fülle von
Herrlichkeit dieser Gesetze ahnen, so siehe nur die
Wirkung des aus ihnen hervor gegangenen
„Erwerbszehnten“, ,ypck
rsim,
wo er noch in echt jüdischem Geiste mit jüdischer
Gewissenhaftigkeit gepflegt wird.
Der
wackere Jude führt zum Behuf des Zehnten gewissenhaft
Buch über seinen jährlichen Verdienst. Der
zehnte Teil des Kapitals zuerst, von da an der zehnte
Teil seines jährlichen Verdienstes gehört den Armen, der
Wohltätigkeit, der Menschenliebe. Gewissenhaft kehrt er
diesen Zehnten aus seinem Eigentum aus und betrachtet
sich fortan nur als Verwalter desselben.
Welche herrlichen Folgen hat nicht schon diese Eine
jüdische Verfahrungsweise! Jeder nur irgend
selbstständige Jude hat eine Almosenkasse zu verwalten.
Es ist freilich nur seine eigene, aber sie gehört doch
nicht mehr ihm, und ist nur insofern sein, dass er das
alleinige und ausschließliche Dispositionsrecht darüber
hat. Willkommen ist ihm sofort jede Gelegenheit, mit dem
nur noch seiner Verwendung anvertrauten Schatz der
Wohltätigkeit Gutes zu tun. Er gibt der leidenden
Menschheit, was schon ohnehin ihr ist und überlegt nur,
das seinen Händen anvertraute kleine oder große heilige
Gut möglichst zweckmäßig und wahrhaft heilbringend zu
verwenden.
Was
der Jude auf diese Weise spendet, ist mehr eine heilige
Schuld, als eine Liebestat augenblicklicher Anregung.
Freilich bleibt Gottes Wort hierbei nicht stehen. Öffne,
öffne deine Hand, und öffne wieder und wieder die Hand,
spricht es, und verschließe nie die Hand und nie das
Herz deinem dürftigen Bruder! Aber nicht dieser
Liebesregung allein vertraute Gott das Geschick seiner
Dürftigen, seiner Witwen und Waisen an. Durch
uql,hxks,hap,yni
rsib,tybr,tyiybs,lbvy,
machte er die Versorgung und Wiedererhebung der
Unglücklichen zugleich zu einer heiligen Schuld,
vermählte die Gottesfurcht mit der Liebe und erst unter
dem Schutz Beider findet das Leid und die Armut
und das Elend wahrhaftigen Schutz. Und wie durch diese
gottesfürchtige Menschenliebe die Wohltätigkeit
möglichst unabhängig von der augenblicklichen Stimmung
und Anregung des Gebenden gesichert ist, ebenso ist
dadurch auch der dürftige Empfänger möglichst vor
Erniedrigung geschützt. Den jüdischen Dürftigen drückt
nicht die Gabe, die er aus frommer jüdischer Hand
empfängt. Nicht dem Armen, „Gott gibt, wer dem Armen
spendet“, und nicht vom Geber, aus heiliger Gotteskasse
empfängt der Arme. „Zedakah“ heißt das Almosen,
ein Wort, das mehr an Recht, als an Liebe erinnert.
yb ykz
„gewinne durch mich“, „empfange durch mich“, „erwirb dir
ein Verdienst durch mich“, lautete das bittende Wort der
jerusalemischen Armen und in diesem Worte war alles
gesagt.
Hier
liegt wieder die göttliche Größe der jüdischen Lehre.
Weder die sozialistische Lüge,
die alle Einzelpersönlichkeit und mit ihr die beiden
Faktoren der Menschenwürde, die freie Pflicht- und
Liebestätigkeit vernichtet, noch das bloße Mitleid,
Barmherzigkeit- und Liebesgefühl, das dem Schwanken der
augenblicklichen Stimmung nicht selten erliegt, und
ebenso oft mit seiner Spende erniedrigt, indem es hilft,
- mit Gottesfurcht gepaarte, ja von Gottesfurcht
getragene Liebe, setzte Gott zu Pflegern der
Wohltätigkeit in unseren Kreis, und hat damit die
Heilsformel längst gegeben, nach welcher die stutzig
gewordene Welt so lange bereits vergebens sucht.
Paraschath Schekalim.
Sobald der kommende Lenz sich durch seine
Frühlingsboten, wie leise auch immer, angekündigt,
bereiten uns die Anordnungen unserer großen Weisen auf
das Fest unseres geschichtlichen Frühlings vor, das mit
dem Lenzmonat eintreten wird. Das Fest unserer
Nationalgeburt, das Fest, das den Erlöser in der Natur
zugleich als den Menschheitserlöser in der
Weltgeschichte offenbart, das große Pessachfest zieht
heran, und soll uns mit all´ den Gefühlen, Gesinnungen
und Gedanken vorbereitet finden, die diesem Geburtsfeste
Israels geziemen. Vier Paraschioth bereiten auf das
Pessachfest vor: Paraschath Schekalim, Sachor, Parah und
Chodesch.
Am
Sabbat vor Adarneumond oder, wenn der erste
Adarneumondstag am Sabbat ist, an diesem, wird
Paraschath Schekalim gelesen.
Paraschath Schekalim soll das jüdische Gesamtgefühl in
uns wach rufen. Paraschath Schekalim mahnt uns: Alle
gehören wir einer großen heiligen Gottesstiftung, alle
haben wir an einem großen heiligen Gotteswerke zu
arbeiten; jeder hat nach seinen Kräften für dieses
Gesamtwerk zu leisten. Der Einzelne, der nur für sich
und nichts für´s Gesamtheiligtum sein will, verliert
eben damit auch die Berechtigung seines Einzeldaseins,
und nur in dem vollen aufrichtigen Anschluss an dieses
heilige Gesamtzusammenwirken gewinnt auch erst das
Dasein und Wirken des Einzelnen seine Bedeutung.
Denn wenig selbst für den Augenblick vermag der
Einzelne; nichts aber für die Dauer; alles aber und für
die Ewigkeit die Gesamtheit. Nicht daher nach dem, was
einer ist und einer hat, ist er zu schätzen: sondern
nach dem, was einer für dies Gesamtheiligtum leistet und
schafft. Und nicht der alleinige Umfang des Geleisteten
ist der Maßstab für die persönliche Wertschätzung des
Einzelnen. Sondern, das Verhältnis der Leistung zu der
Kraft und dem Vermögen des Leistenden. Hat der Reiche
und Begabte viel, der Arme und der Schwache aber wenig
geleistet, das Wenige des Armen und Schwachen ist aber
das Aufgebot der ganzen ihm verliehenen Kraft und
Begabung, das Viele des Reichen und Begabten ist aber
nur ein kleiner Teil dessen, was er nach seiner Kraft
und seiner Begabung hätte leisten können: siehe, so
wiegt vollwichtig auf der Gotteswaage des Heiligtums das
Wenige des Schwachen und Armen, zu leicht aber wird das
Viele des Begabten und Reichen befunden.
Lesen
wir die Paraschath:
„Wenn
du die Häupter der Söhne Israels für ihre Zählung
aufnehmen willst“ – wenn du wissen willst, wie viele
Söhne Israel als die Seinen zählen kann, wie viele in
Israel gezählt, genauer: „gedacht“ werden dürfen -
„so
gebe jeder Gott eine Sühne seiner Person, indem man sie
zählt; dann wird sie keine Vernichtung treffen, indem
man sie zählt!“
Geben, spenden, wirken, leisten, - Gott leisten, für
Gott wirken, Gott spenden und geben muss jeder, wer
unter Israels Gezählten mit gezählt werden will; nur die
Spende, die Leistung, die für Gott schaffende und
wirkende Tat wird gezählt, nur in ihr findet jede
Persönlichkeit in Israel ihre Bedeutung, ihre
Berechtigung. Wehe dir, wenn Selbstsucht und
Engherzigkeit und Hochmut dich lehren, nur dir, nur für
dich zu leben! Je mehr du für dich lebst, je weniger
lebst du. Je mehr du mit deinem selbstsüchtigen Streben
dein Dasein, deinen Wert und deine Bedeutung zu
begründen und zu sichern vermeinst, je mehr untergräbst
du dein Dasein, je mehr tilgst du deinen Wert und
löschest deine Bedeutung. Wer im Gottesreiche nicht für
Gott lebt und schafft und wirkt und leistet, ist Null im
Gottesreiche und Vernichtung trifft den, der sich
leistungslos dennoch zählt!
„Dies
gebe jeder, der mit hinüber treten will zu den
Gezählten! Die Hälfte eines Schekels nach dem Gewichte
des Heiligtums, zwanzig Gerah der Schekel, die Hälfte
eines solchen Schekels Gott als Hebe.“
Sinnig lautet hier das Wort der Weisen: Als Moscheh das
Wort Gottes hörte: „Jeder gebe die Sühne seiner Person“,
erschrak er und dachte, wer kann Sühne für sein
persönliches Dasein leisten, wer mit seinen Leistungen
voll sein Dasein lohnen! „Unerschwinglich ist das
Lösegeld seiner Seele und in Ewigkeit unerreichbar!“ Was
kann der Einzelne leisten, das dem Wert der ihm
geschenkten Seele entspräche? – Nicht, wie du glaubst,
erwiderte Gott ihm, sondern, dies sollen sie leisten,
diese Schekelhälfte sagt, was ich von ihnen fordere.
Siehe
„Du allein kannst das Gotteswerk nicht vollenden, aber
du darfst dich nie ihm entziehen zu leisten, was du
kannst!“ – Was jeder zu leisten habe, der mit den zu
Zählenden gezählt werden will? Nur die Hälfte eines
Schekels erwartet das heilige Werk von ihm. Keiner kann
allein ein Ganzes leisten, er bedarf der Genossen um ein
Ganzes zu vollbringen. Der Schekel des Heiligtums
rechnet auf vereintes Wirken, der Schekel des Heiligtums
besteht aus zwei Halbganzen; zwanzig Gerah, zweimal
Zehn, bilden den heiligen Schekel, und nur einen solchen
halben Schekel kann jeder Einzelne leisten. Für die
Aufgabe des Heiligtums ist, was du leisten kannst, immer
nur ein Teil, und die Bruderleistung muss sich mit der
Deinigen vereinen, auf dass sie ein Ganzes werden. Aber
im Verhältnis zu dir und deinen Kräften und deiner
Begabung muss sie „Zehn“, eine volle Summe, ein Ganzes,
die ganze Summe des dir verliehenen Möglichen enthalten.
Dann kannst du hinübertreten in die Reihen der von
Israel in Israel für Israel Gezählten und Gedachten und
erst durch solche Leistung hebst du und weihst du und
heiligst du deinen ganzen irdischen Wandel, hebst du
dein Vergängliches zum Ewigen, hebst du dein
Menschliches zu Gott!
„Jeder, der hinübertritt zu den Gezählten von zwanzig
Jahren an und darüber gebe die Gotteshebe.“
Wir?
Unsere Kinder höchstens und unsere Greise überweisen wir
dem Heiligtum. Unsere Kinder, die noch nicht und unsere
Greise, die nicht mehr der Erde dienen können, glauben
wir unbeschadet mit Himmlischem nähren zu können,
vielleicht auch nähren zu müssen. Aber kaum ist der
Knabe zum Jüngling gereift, so eilt man sein Gemüt von
der Schwärmerei der Kindheit zu säubern, zeigt ihm, dass
im Leben eine andere Thora, die Thora des Erwerbens, die
Thora des Genießens, die Thora der Menschenehre, des
Menschenurteils, des Menschenansehens gelte, und wer
fort kommen wolle in der Welt, wer verdienen und
genießen und gelten wolle in der Welt, der müsse sich
rasch die Hemmschuhe des jüdischen Heiligtums von den
Füßen lösen und sie sich – für sein Greisenalter
bewahren.
Nicht
also dein Gott: „von zwanzig Jahren an und weiter“, eben
in der Vollkraft deiner Männlichkeit wartet Gott und
sein Heiligtum auf dich, eben mit deinem rüstigsten
Mannesstreben, mit der ganzen Begründung deiner
Selbstständigkeit auf Erden sollst du Gott dienen, als
Jüngling und Mann zur Wahrheit machen, was deine
Knabenbrust heiligend erfüllt, dann wird dein
Greisenalter noch männlich sein und im hohen Alter du
noch im Heiligtum Gottes für Erd´ und Himmel blühen.
„Der
Reiche kann nicht mehr geben und der Arme nicht weniger
als die Hälfte eines Schekels die Gotteshebe zu spenden
für eure Personen zu sühnen.“
Siehe
da die Gleichheit im Gottesreiche! Die einzige
Gleichheit, die der Menschheit im Ganzen und jedem
Einzelnen erreichbar! An
Gaben und Kräften, an Gütern und äußeren Glücksstufen
werden die Menschen je und je verschieden bleiben. Denn
gar mancherlei Schaffner und Diener braucht der Meister
für das große Werk des Heiligtums, an dem wir alle mit
allem zu arbeiten berufen sind. Aber an Wert und
Bedeutung, an innerer Würde und Hoheit, an sittlicher,
ewiger Größe können und sollen wir alle gleich sein,
gleich zu werden streben. Ob der Eine reich, der Andere
arm, der Eine stark, der Andere schwach, gesund der
Eine, krank der Andere, der Eine geistig begabt, von
minderen Geistesgaben der Andere, das scheidet nicht die
Rangesstufen im Gottesreich. Leiste nur jeder mit seinem
Maß von Kräften, in seiner Lage, seiner Stellung, in dem
ihm angewiesenen Kreise, für Gott und die Förderung
seines heiligen Werkes auf Erden das volle Maß des
Möglichen, sei jeder nur ein treuer Diener am
Gottesheiligtum und wir wiegen auf der heiligen
Gotteswaage alle gleich. Ob der Gebieter über
Millionen Millionen gespendet, der Reichbegabte Welten
erleuchtet, Welten erlöst, der nach Pfennigen Rechnende
Pfennige geweiht, der bescheiden Begabte sei treues
Wirken in dem engen Umkreis einer Menschenhütte begrenzt
– und haben sie beide das volle Maß des Möglichen
geleistet, einen vollen – halben Schekel hat jeder von
ihnen gebracht. „Der Reichste kann nicht mehr, der
Ärmste soll nicht minder leisten, als eine Schekelhälfte
zur Gotteshebe des Heiligtums!“
Und
wenn es eben keine andere reine, dauernde, nimmer zu
trübende, immer zu findende Seligkeitsfreude gibt, als
das frohe Bewusstsein erfüllter Pflicht, als das frohe
Bewusstsein zu sein, seine Stelle auszufüllen,
mitgezählt zu werden, von Gott in seinem Reiche
mitgezählt zu werden, kein verlorenes Leben zu leben, in
der Pflichttätigkeit den Zoll für´s gewährte Dasein zu
leisten, „mit seiner Leistung für´s Heiligtum seine
Person, sein Einzeldasein zu sühnen“ – siehe, so ist
auch eben hiermit für alle auf jeder äußeren Stufe die
gleiche Quelle ewig ungetrübter, seliger Heiterkeit
schon hinieden geöffnet, alle gleich bedeutend, alle
gleich selig im Gottesreiche, und alle mit gleicher
Liebe von Gottes Vaterhuld bedacht!
In
Gottes Hände legt jeder seinen treuen halben Schekel
nieder. Alle halbe Schekel fügt er zum Gesamtbau seines
Heiligtums, und in diesem treuen Mitwirken an dem
Gotteswerke auf Erden findet jeder seine Stelle, seine
Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seinen
Segen!
Die
Spende der Sühne nimmst du von Israels Söhnen und
verwendest sie zum Dienst des Stiftzeltes, so wird sie
den Söhnen Israels zum Andenken vor Gott, eure Personen
zu sühnen!“ –
Das
ist die Schekalim - Lehre des Gotteswortes, und
alljährlich mit dem Eintritte Adars ging der Ruf durch
alle Israels Kreise, den halben Schekel zum
Gottesheiligtum zu senden, auf dass mit Beginn des
Frühlingsmonates schon die Gesamtopfer aus dieser neuen
Schekelsammlung bestritten werden könnten, in welcher
jeder Jude nahe und fern durch seinen halben Schekel
sich erneut als Sohn der jüdischen Gesamtheit, als Glied
des jüdischen Bundes, als Mitträger und Mitarbeiter am
jüdischen Heiligtum bekannt hatte.
Und
wenn auch das äußere Heiligtum in Trümmern liegt, und
Schutt nur die Stelle des Altars bezeichnet, auf welchem
unsere Gesamtopfer zu Gott empor duften durften, der
Geist dieses Heiligtums, die Gesinnung dieser Opfer ist
noch die Summe unserer Aufgabe hienieden.
Alljährlich, vor oder mit dem Eintritte Adars, tritt
daher diese Schekel – Lehre neu vor unsere Seele, das
jüdische Gesamtgefühl und das Bewusstsein in uns zu
erneuern, dass wir alle, alle dem großen jüdischen
Gesamtheiligtum angehören, auf jeden von uns dieses auf
Erden zu vollendende heilige Gotteswerk rechne, und nur
in dem treuen Anschlusse an diese heilig jüdische
Aufgabe jeder von uns seine Stelle, seine Bedeutung,
seine Berechtigung, sein Andenken, seine Sühne finden
könne und seinen Segen, auf dass wir dem großen
Frühlingsmonate unserer Nationalgeburt mit jüdischen
Gedanken, mit jüdischer Gesinnung, mit erneutem,
frischem, lebendigem jüdischen Hochgefühle entgegen
gehen mögen.
Der
zehnte Teweth ist der erste der vier Fasttage, die die
zweimalige Katastrophe des jüdischen Staatsunterganges
im jüdischen Kreise verewigen.
Und dieses Andenken ist kein müßiges.
Nicht zur müßigen Trauer bist du geladen. Etwa
zurückzuschauen, Flor um den Arm zu binden und eine
Träne der Wehmut der Erinnerung vergangener Größe zu
weihen. Fastend finden dich die Jahrestage von
Jeruschalaim – Zions Fall. Und vorwärts ruft dich dies
Fasten. Mahnt dich, dass Jeruschalaim – Zion nicht für
immer gefallen. Mahnt dich, dass es nur an dir liege,
und „der Fasttag des vierten, und der Fasttag des
zehnten Monats werden dem Hause Juda zu Wonne und
Freude.“ Mahnet dich, du brauchst nur zu wollen – und
Jeruschlaim – Zion stehet wieder da!
Denn siehe! du fastest an den Tagen dieser Erinnerung,
um dir zu sagen, dass dein Geschick und deine Aufgabe
noch heute an diese Katastrophe geknüpft ist, und dir
dieses so oft und so lange zu wiederholen, bis dein
Geschick erfüllt ist und du deine Aufgabe begreifst und
lösest.
Dein Geschick heißt: Galuth – deine Aufgabe: Theschuwah!
Wenn du an solchen Tagen der Erinnerung die letzten zwei
Jahrtausende deiner Geschichte zurück schaust, - du
gehörst zu dem einzigen lebenden Menschenstamm, der in´s
vierte Jahrtausend seiner Geschichte zurück blicken kann
– welches großartige Bild stellt dir sich dar! Überall
heimisch und doch überall fremd, überall fremd und doch
überall heimisch, - verwebt in alle Geschicke und doch
nicht in ihnen wurzelnd, - mit deinem Denken und Fühlen,
mit deinem Hoffen und Fürchten, mit deinem Schaffen und
Wirken jeder Zeit angehörig und doch alle Zeiten
überragend, - teilnehmend, tätig teilnehmend an allen
Sorgen und Bestrebungen der Völker und doch nicht die
Katastrophen ihrer Schicksale teilend, - der
schmerzensreichste und doch der heiterste Menschenstamm,
der gequälteste und der siegreichste zugleich, die
verachtetste Menschenfamilie und zugleich die
geachtetste auf Erden! „Das zerzerrteste und
zerraufteste Volk, und doch die gefürchtetste Nation von
ihrem Dasein an auf Erden!“ wie der Prophet spricht.
Würdest du auch nichts weiter als diese deine Geschichte
kennen, müsstest du dich da nicht nach dem ganz
absonderlichen, erhaltenden, alles andere überwindenden
Elemente umsehen, das im jüdischen Kreise lebendig ist,
und das eben in der Erhaltung dieser Menschenfamilie
inmitten und trotz aller widerstrebenden Kräfte und
Verhältnisse, inmitten und trotz der vollendetsten,
entschiedensten Ungunst aller die geschichtliche
Existenz sonst bedingenden Umstände, sich dem blödesten
Auge sichtbar verkündet?
Und nimmst du nun noch deine Thora, diese „Weisung“ und
„Unterweisung“ deines Gottes zur Hand und liest, wie
dieses Galuth, dieses durchaus einzige geschichtliche
„Wandergeschick“ kein zufälliges, kein im Laufe der
Zeiten überraschendes ist, liest, wie diese so
wundervoll einzige geschichtliche Erscheinung bereits
mehr als ein Jahrtausend zuvor, mitt all´ ihrem Trüben
und all´ ihrem Herrlichen im Voraus warnend und mahnend
verkündet, - liest, wie dein ganzes, ganzes
Volksgeschick bis auf den heutigen Tag herab dir in dem
Augenblick bereits verkündet worden, als du zum ersten
Eintritt an der Grenze des Landes standest, auf dessen
Boden du deine völkergeschichtliche Erscheinung beginnen
solltest, und vergleichst nun dein und dieses Landes
Geschick bis auf den heutigen Tag mit den Verkündigungen
die dir damals geworden – dann wirst du in diesem Lande,
in dir, in jedem Juden ein ewiges, überall gegenwärtiges
Denkmal, Zeugnis und Beweis der allmächtig, überall und
ewig waltenden, die Geschicke der Völker und Menschen
bestimmenden und lenkenden Vorsehung erkennen, und mit
Innigkeit dich deines so herben und so herrlichen
Geschickes freuen.
Und diesem, deinem Galuthgeschicke entziehst du dich
nicht, und gerade dann am wenigsten, wenn du müde
geworden es zu ertragen, und durch Abstreifen deines
Jüdischen Berufes eine Änderung, und, wie du meinst,
eine Besserung deines Geschickes zu erhandeln vermeinst.
So wahrlich änderst und besserst du es nimmer!
Siehe, als Prüfstein hat dein Gott dich in die Mitte der
Völker gestreut, machtlos, waffenlos, schutzlos dich an
die Stimme des Gott verehrenden Rechtes und der Gott
verehrenden Liebe in der Brust der Menschen gewiesen.
Das Recht und die Liebe und das Gottbewusstsein der
Menschen sind deine einzigen Vertreter auf Erden. Je
lauter die Stimme des Rechtes, je allmächtiger die
Stimme der Liebe in der Brust der Menschen spricht, um
so heiterer, um so milder gestaltet sich deine
Galuthwanderung auf Erden; je reiner aber, je
entschiedener, je gewaltiger der Gottgedanke wach ist,
um so lauter spricht das Recht, um so mächtiger die
Liebe. Und nur in dem Recht, das man dem Schwächsten
nicht verkümmert, in der Liebe, die man dem Schwächsten
zollt, erweist sich die Wahrhaftigkeit des Rechtsinnes,
erprobt sich die Reinheit der Liebe. Das Recht und die
Liebe, die der Jude auf Erden findet, ist somit der
Höhenmesser der Erziehung des Menschengeschlechtes, und
seine Erlösung geht Hand in Hand mit der Erlösung des
Menschengeschlechtes von Unrecht, Lieblosigkeit und Gott
verleugnendem Wahn.
So ist deine Zukunft an die endliche, wahrhaftige
Veredlung
des Menschengeschlechtes geknüpft, - aber zunächst und
zu allererst an deine eigene.
Rufst du aus der lautlosen Galuthnacht zum Wächter und
Lenker der Zeiten: „Wächter! was wird aus der Allnacht?
was wird aus meiner Nacht? Wächter!“ Dann antwortet der
Wächter: „es kommt der Morgen, freilich auch noch Nacht.
Wollt ihr aber; - und wahrhaftig ihr solltet wollen! –
so kehret zurück und kommet gleich!“
Wenn einst über dich alle diese Worte, der Segen und der
Fluch, den ich dir vorgelegt habe, gekommen sein werden,
dann wirst du dir´s unter allen Völkern, unter welche
dein Gott dich verwiesen, zu Herzen nehmen, wirst zu
deinem Gotte zurück kehren und du und deine Kinder
seiner Stimme mit ganzem Herzen und ganzer Seele, ganz
so wie ich dir heute befehle, gehorchen. Dann wird auch
Gott, dein Gott, wieder mit deinen Vertriebenen sein und
wird sich dein erbarmen und dich wieder aus allen
Völkern sammeln, wohin er dich zerstreut. Wenn deine
Verweisung bis an Himmels Ende wäre, von dort wird dich
dein Gott sammeln und von dort dich wieder zu sich
nehmen, und zu dem Lande dich führen, das du und deine
Väter besessen, und dir noch größeres Heil und größere
Fülle als deinen Vätern gewähren. Beschneiden wird Gott,
dein Gott, dein und deiner Kinder Herz, ihn, deinen
Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele um deines
Lebens willen zu lieben. … Du kehrst zurück und
gehorchst der Stimme Gottes und erfüllst alle seine
Gebote, die ich dir heute befehle... Dann wird dich
Gott, dein Gott, in all deinem Schaffen, in den Kindern
deines Leibes, in der Frucht deiner Herden, in der Blüte
deines Bodens zum Guten auszeichnen; denn er wird sich
wieder über dich freuen, wie er sich deiner Väter
gefreut; denn du wirst, der im Buche dieser Thora
niedergeschriebenen Stimme deines Gottes gehorsam, seine
Gebote und Gesetze beobachten; wirst zu Gott, deinem
Gotte, zurück kehren mit deinem ganzen Herzen und deiner
ganzen Seele.
Siehe da, von Gott, von dem Wächter und Lenker der
Zeiten, von dem Gründer und Leiter deines Geschickes,
von deinem Gotte, deine Zukunft unwandelbar gezeichnet.
Und wie noch kein Wort, das er über dich ausgesprochen,
zu Boden gefallen, wie noch bis auf diesen Augenblick
alles, alles sich erfüllt, siehe, so wird die Zeit der
Menschheit sich nicht erfüllen, ehe nicht dieses Wort
deines Gottes, das Er über dich und über die Zukunft
seiner Thora und über dein an diese Thora geknüpftes
Heil ausgesprochen, in herrlichste Erfüllung gegangen.
Wie die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, so leuchtet
dieses Wort dir die Bahn in deiner Galuthnacht und ebnet
alle Höhen und hebet alle Tiefen und verzehret alle
Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahnes, die
deinen Fuß auf deiner Wanderung zu dem herrlichsten
Ziele hemmend umstricken.
Fastend finden dich die Gedächtnistage des Unterganges
deines völkergeschichtlichen Glückes, und dieses Fasten
soll dich an dieses Wort deines Gottes mahnen, soll dir
sagen, dass du in dich gehen, und zu ihm und seiner
heiligen Lehre zurück kehren sollst, mit ganzem Herzen
und ganzer Seele, zu dem ganzen unverkürzten Inhalte
seines Wortes du mit deinen Kindern zurück kehren
müssest, wenn du dich je aus diesem Untergange wieder
erheben wollest.
Irrtum und Wahn sind es, die deinen zur Rückkehr
gehobenen Fuß umstrickend sprechen: antiquiert ist diese
Thora, der Vergangenheit gehört sie an, manches, vieles,
das meiste ihres Inhaltes gilt nicht mehr für dich, gilt
für deine Kinder nicht, du musst dich von ihr
emanzipieren, wenn du dich von deinem Galuth
emanzipieren willst. „Es ist nicht wahr!“ spricht deines
Gottes Wort. Nicht der Vergangenheit, der lebendigen
vollen Zukunft gehört die Thora mit ihrem vollen
unverkürzten Inhalte an. Deine Rückkehr, deine
aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte
ist das Ziel deiner ganzen Galuthwanderung, deine
aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte,
die einzige Bedingung deines künftigen Heiles. Thoren,
die wir sind, wenn wir nach diesem Gottesworte noch
meinen, wir könnten unser und unserer Kinder Heil
begründen, indem wir den Weg der Thora verlassen. Jeder
Schritt von ihr führt zum Verderben. Jeder Schritt zu
ihr führt zum Heil. Warum bist du in´s Galuth gewandert?
Weil du die Thora deines Gottes verlassen. Warum dauert
dieses Galuth noch? Weil du zu seiner Thora noch nie mit
ganzem Herzen und ganzer Seele zurückgekehrt, ihren
Gesamtinhalt noch nie dauernd zur Wahrheit gebracht. Was
wird dieses Galuth enden? Nur die volle Rückkehr zur
ganzen Thora erlöst dich. Es ist Gott, der dieses
spricht. und diesen Gott, und die Wahrhaftigkeit seines
Wortes, und die überall und immer waltende Vorsehung
dieses Gottes musst du erst verleugnen, wenn du auf
anderem Wege dein und deiner Kinder Heil finden zu
können glauben willst.
Schlage dir am Fasttage die Bücher deiner Propheten und
die Worte deiner Weisen auf und lies, was dich in´s
Unglück gebracht!
„sie mischten sich unter die Völker und lernten ihre
Sitten“ ist die Grabschrift aller Prophetenstimmen auf
Jeruschalaim – Zions erstem Leichensteine, und:
Menschenfeindseligkeit hat uns begraben, tönt´s aus dem
Schutt des zweiten Jeruschalaim – Zionfalls.
Siehe da, die Grundzüge unserer Nationalsünden, an denen
wir bis auf den heutigen Tag herab kränkeln!
Der Mangel an Mut, der Mangel an Selbstständigkeit, mit
entschiedenem Ernste den eigenen Weg rein und
entschieden zu wandeln, der Mangel an Kraft, der Mangel
an Begeisterung, der Mangel an Selbstkenntnis und
Selbstachtung, der Mangel an felsenfest vertrauendem
Festhalten an Gott und sein heiliges Wort, die uns alle
befähigen würden, mitten unter allen Völkerfamilien der
Erde zu leben, an ihren Sorgen, an ihren Bestrebungen
teil zu nehmen, uns harmonisch und freundlich und
heilstätig ihnen anzuschließen, und doch keinen Zug der
eigentümlich jüdischen Gottespflichten einzubüßen,
Mensch unter Menschen zu sein und doch oder vielmehr um
so mehr durch und durch Jude, wie es unsere
ursprüngliche Bestimmung gewesen: „Haltet und übet, denn
das ist eure Weisheit und Einsicht vor den Augen der
Völker, die alle diese Chuckim, alle diese Gesetze hören
und sagen werden: ist doch eine weise und einsichtsvolle
Nation dieses ganze große Volk!“ – und also: dieser
Mangel an Gott verehrender Selbstachtung, an richtiger,
hochschätzender Würdigung unseres göttlichen
Lebensgesetzes, dies ist die eine Nationalsünde.
Eine unselige Zerfällung und Scheidung des einheitlichen
Gottesgesetzes, eine unselige Übertragung einer
unseligen unkritischen Teilung der unteilbaren Thora, in
Pflichten zwischen Mensch und Mensch, aus unseliger
Theorie in noch unseligere Praxis, das ist die andere.
Verletzung der speziell jüdischen Pflichten gegen Gott
hat unser erstes Grab gegraben und die Verletzung der
Pflichten gegen die Menschenbrüder unseren Zweiten Ruin
erzeugt. Und so wird nimmer und nimmer das Heil bei uns
einkehren bis wir ganze Juden geworden sein werden, bis
wir das Leben in seiner Ganzheit und Einheit begreifen
und so auch die Gotteslehre für´s Leben in ihrer Einheit
und Ganzheit „halten und erfüllen!“
Nur die ganze, unverkürzte Thora bringt Heil.
Ob du böse zum Himmel oder böse zu dem Menschen bist, in
jedem Falle versündigst du dich gegen Gott und
untergräbst dein Heil, und nimmer darfst du dich, nimmer
darf deine Zeit sich des Fortschrittes rühmen, so lange
wir nicht mit gleich entschiedenem Ernste in beiden
Kreisen fortschreiten, so lange wir immer wieder die
Tugenden des einen Kreises durch Versündigungen im
anderen Kreise beflecken, so lange wir nicht dadurch
sühnen, dass wir ganze Juden werden, gegen Gott und
Menschen alle unsere Pflichten erfüllen, „unverkürzt und
ganz wie es uns Gott befohlen, wir und unsere Kinder mit
ganzem Herzen und ganzer Seele!“
Mit dem 13. Kislew beginnt die Regenbitte im Gebete, so
lautet die Notiz in deinem Kalender, „wer diese Bitte
vergisst, hat noch einmal zu beten.“
Einen Augenblick verweile bei dieser Notiz und
beherzige, um dein und deiner Kinder Heil beherzige die
Wahrheit, die sie dir bringt.
Ist es nicht ein herzzerreißender Gedanke sagen zu
können, dass die Erinnerung dieser Kalendernotiz
heutzutage ein Stein der Prüfung, eine Probe der
Wardeiung, ein Schibboleth ist, woran du dich erkennen
kannst, ob du noch gesund, ob dein Inneres, dein
heiliges göttliches Innere noch gesund, noch
unangegriffen ist von dem Miasma des Wahnes, mit dem
geschäftige Boten des Todes das Leben der
Menschengemüter zu untergraben sich bemühen?
Bittet Gott um Regen, das ist die Forderung dieser
Notiz, bittet Gott um Regen zur Regenzeit, es ist Gott,
der die Wohlgestalten; des Regens Richtung gibt er
ihnen, selbst für einen einzelnen Mann, für ein
einzelnes Kraut auf dem Felde! (Secharjah 1)
Morgen leuchtet, und zum sechstehalbtausendsten Male der
Frühling lächelt, betet der Jude seinen Gott an, der der
Sonne ihre Bahn und dem Lichtstrahl sein Gesetz und den
Jahreszeiten ihren Wechsel vorgezeichnet.
Die Erdwelt aber, die Adamah, dieser Adamsboden,
Erziehungsstätte seiner Veredlung, Entwicklung und
seiner Heranerziehung zu Gott und zu seiner eigenen
göttlichen Hoheit und Größe.
Hier wacht das besondere Auge Gottes und sein
allmächtiger Wille hält hier nicht nur die von ihm
geschaffene Ordnung der Natur, sondern lenkt und leitet,
gibt und nimmt, richtet und regelt die Erzeugnisse und
Gänge ihrer Kräfte nach dem jeweiligen
Erziehungsbedürfnisse der Menschheit, der Völker, der
Familien, der Menschen.
Wehe dir, wenn die Theraphim, die redenden dichtenden
Götzen dich mit ihrer Lehre des Awen, der schöpferlosen
meisterlosen Kraft betört, wenn die Kossemim, die Deuter
der Naturzeichen, nur Lüge erschaut, nur traumgeborenen
Wahn verbreiten und „Nichtigkeit“ zum Troste bieten und
sie darum ins „Pfadlose wie Schafe wandern und sich
damit rechtfertigen, dass es doch keinen Hirten gebe!“ (Secharjah
10, 2.)
Wehe dir, wenn das herrlichste Geschenk des
Menschheitsgottes, der Stolz des Menschengeistes, die
denkende Anschauung der Wunder der Natur, dir den
Schöpfer, und Meister und Lenker dieser Wunder, dir den
Glauben an deinen Gott geraubt, und dir nicht mehr mit
innigem Gefühle die Bitte über die Lippe gehet, „und gib
Tau und Regen zum Segen der Fläche der Adamserde.“
Heil dir, wenn, je reicher und tiefer du die Wunder der
Natur erschaut, um so tiefer und inniger dich die
Verehrung ihres Meisters erfüllt, je deutlicher dir die
deiner Welt inne wohnenden Gedanken hervor getreten, um
so näher du eben ihn, den großen einzigen Denker dieser
Gedanken erkennst, je mehr dir jeder Regentropfen die
Wunderweisheit und Wundermacht deines und seines
Schöpfers verkündet, umso anbetender du dich zu ihm
hinwendest und betest: „o, gib Tau und Regen zum Segen
der Welt des Menschen.“ Weil du mit freudigem Herzen es
weißt und bekennst, „dass Gott die Wolken bildet, und
ihnen die Richtung des Regens gibt, selbst für einen
einzelnen Menschen, für ein einzelnes Kraut auf dem
Felde.“
2. Chanuckah.
Mit dem Abend des 25ten Kislew zündest du das
Chanuckahlicht in deinem Hause an, und mit immer
steigendem Lichtgruß tritt 8 Tage lang die Erinnerung
einer alten Geschichte aus einer alten Zeit in deinen
Kreis.
Immer wieder die alte Geschichte? Sterben denn die
jüdischen Toten nie? Vergehet denn die jüdische
Vergangenheit nimmer?
Nein, die jüdischen Toten sterben nicht. Wer für´s
Judentum gestorben, noch mehr, wer für´s Judentum
gelebt, der stirbt nimmer; ewig dankbar bewahrt sein
Andenken das seinen vergangenen Edlen dankbarste
Geschlecht. Und die Vergangenheit, die Geschichte, die
jüdische Vergangenheit, die jüdische Geschichte, - ewig
frisch und ewig neu, tritt sie in ihren großen Zügen an
jedes jüngere Geschlecht heran mahnend, warnend,
tröstend und erhebend.
Und nun gar diese Geschichte! O, dass sie alt wäre, mit
ihrem Trüben und ihrem Herrlichen nun nach 2000 Jahren
alt, so alt, dass uns das Trübe unbegreiflich und das
Herrliche alltäglich erschiene!
Ist´s eine alte Geschichte?
In jenen Tagen traten aus Israel gesetzeswidrige Männer
hervor und redeten dem Volke zu und sprachen: Lasset uns
gehen mit den Völkern um uns her einen Bund machen: denn
seitdem wir uns von ihnen gesondert, haben uns viele
Leiden getroffen. Diese Rede gefiel den Augen der Menge
und einige aus dem Volke waren bereit und machten sich
auf den Weg zu dem König. Der König gab ihnen die
Erlaubnis die Sitten der Heiden einzuführen. Da erbauten
sie in Jerusalem ein Gymnasium nach griechischer Weise,
und machten sich Vorhäute, und standen ab von dem
heiligen Bunde und verbanden sich mit den Völkern und
gaben sich ganz preis, das Böse zu üben.
Ist´s eine alte Geschichte?
Ist´s eine alte Geschichte?
„Bürgerrecht“ von Israels Verführern als Köder zum
Abfall von Gott und seinem heiligen Worte missbraucht –
und siehe wie dennoch diese Zeit des Verrates und des
Abfalls überwunden worden, welche Jahrhunderte,
Jahrtausende der Treue, der Hingebung, der Aufopferung
für Gott und Judentum ihr doch gefolgt – und lerne:
vertrauensvoll in die Zukunft blicken.
willst du, dass der Fremde dich achte und deine Väter
achte? – Vieles magst du in der Welt finden, um Achtung
bettelst du dann vergebens.
Aber wie hatten „die Männer des Fortschrittes,“ „die
Männer der Bildung,“ „die Priester der Reform,“ die
politischen Religionshändler der antiochischen Zeit in
Judäa sich verrechnet!
Hörst du nicht, was dein Makkabäerlicht dir erzählt?
Soweit hatten es die abgefallenen Söhne Judäas gebracht,
dass zuletzt die Griechen selbst das Gottesheiligtum zum
Zeustempel entehrten. Alle Öle der heiligen Gotteslampe
hatten sie entweiht. Nur ein Krügchen fanden die
siegenden Hasmonäer noch unentweiht; doch es reichte nur
für einen Tag. Aber an diesem Einen Krügchen zeigte sich
die rettende Wundermacht Gottes. Acht Tage lang
versorgte man damit die heilige Lampe, bis man neues
Reines bereiten konnte!
Lass sie immerhin fanatisch gegen Judentum wüten, mögen
links tausend und Myriaden rechts vom Judentum abfallen,
so lange sie nicht den letzten Funken Judentum in der
Brust des letzten Juden im letzten jüdischen Dorfe
zertreten haben, so lange mögen wir, kurzsichtige
Sterbliche, zittern; ein reiner Funke, in einer
jüdischen Brust treu bewahrt, genügt Gott, um daran den
ganzen Geist des Judentums wieder zu entflammen. Und
wenn alles Öl, alle Kräfte, die das Gotteslicht in
Israel nähren sollten, dem Lichte des Heidentums
verfallen wären, ein Krügchen Öl, eine unter
hohenpriesterlichem Siegel still und unentweiht in einem
vergessenen Winkel treu gebliebene Brust genügt, um,
wann Zeit und Stunde gekommen, das Heiligtum zu retten.
„Und wenn schon alle Länder Antiochus gehorsam wären und
jedermann abfiele von seiner Väter Gesetz, und willigte
in des Königs Gebot: so wollen doch ich und meine Söhne
und Brüder nicht vom Gesetz unserer Väter abfallen!“
sprach die treue Hasmonäerbrust eines Heldengreises –
und Israels Heiligtum war gerettet.
Das Tempellicht? Die eigenen jüdischen Hohenpriester
hatten es verraten. Das Licht in Mathathias Dorfstube
war die Rettung.
Zu Hause zünde darum dein Licht an.
Und da achte dein Haus nicht gering. Und wärest du
selbst
der Einzige, der noch den alten Makkabäergeist in seinem
Hause bewahrte, ein einzelner Jude, ein jüdisches Haus
ist zuletzt selbst genug, um darauf das ganze jüdische
Heiligtum wieder zu erbauen. Ja, je weniger Genossen du
hättest, je mehr rings um dich der Hasmonäergeist wiche,
umso treuer warte du sein, um so ernster bereite du ihm
eine Zufluchtsstätte in deinem Hause.
Und stille wirst du nimmer stehen in diesem heiligen
Streben, wirst dich nie begnügen mit dem, was du bereits
gestern getan, immer vorwärts wirst du streben, immer
heller solls in deinem Hause werden, und wenn du gestern
ein Licht angezündet, zündest du heute zwei dir an; denn
du weißt es ja: den Fortschritt, nicht den Rückschritt
gilts im heiligen Streben, und wenn irgendwo, so heißt
es hier, wer nicht fortschreitet, geht zurück!
Und was du still im eigenen Hause wirkest und schaffest,
das wird hinausleuchten über die Grenze deines Hauses,
und das freundlich heitere Gotteslicht deines Hauses
wird auch den Nachbar wecken zu gleicher lichterfüllten,
jüdischen Häuslichkeit. Wirst dich nicht schämen Jude zu
sein, wirst stolz darauf sein, dass man in dir, und
deinem Hause den Juden erkenne, wirst dich nicht
scheuen, dein jüdisches Licht über die Gasse leuchten zu
lassen, und nur in der Ungunst der Zeiten, dich damit
begnügen, wenigstens dein Haus für´s Judentum zu
erhalten, und den Tisch deines häuslichen Lebens zu
einem Altare des Gottesheiligtums zu weihen.
So zünde denn Licht an in deinem Hause, und es sei dein
und der Deinigen Weg, der Weg der Gerechten, wie
strahlendes Licht, immer heller, immer lichter bis zum
vollen ewigen Tage.
Der ernste, heitere
Festmonat ist vorüber, und der stille, schweigende
Cheschw-an nimmt dich auf.
Aber eine Fülle von Klängen und Tönen nimmt deine Brust
mit hinüber in diese Stille, und dieser Monat ist so
recht geeignet, all das Herrliche des jüdischen Stilllebens
zu belauschen. Welch ein Monat ist dieser Cheschwan,
wenn der Thischri dich durch und durch mit seinem Geiste
durchdrungen! Schule und Haus, Gewerbe und Gemeinde
treten nun den Halbkreis ihres still winterlichen
Schaffens und Wirkens, Strebens und Genießens an. Mit
erneuter Lust wandert Knabe und Mädchen zur Schule, geht
der Jüngling und die Jungfrau wieder die Bahn ihres
vorbereitenden Strebens, mit neuem Mut der Mann an
seinen Beruf und das Weib die stillseligen Pfade des
häuslichen Priestertums. Und der Abend sammelt sie alle
wieder, und jeder Atemzug ein Lobgesang Gottes und ein
Geist des Friedens und der Liebe, der Seligkeit und der
still bewussten Kraft füllt den Mann und das Weib, füllt
den Jüngling und die Jungfrau und strömt in seiner Fülle
in das unbewusst lächelnde Gemüt der kleinen über.
O, dass wir Juden
wären!
Dass wir uns einmal entschlössen Juden zu sein, in der
ganzen herrlichen Fülle dieses Namens, mit dem ganzen
Ernst und der Entschiedenheit, die dieser Weg des Heiles
bedingt! Dass wir einmal ließen das splitterrichtende
Kritteln, und das Wort Gottes und die segnende Kraft
seiner Lehre da erprobten, wo sie allein erprobt werden
können, im Leben, in der Wirklichkeit, in der Tat!
Dass wir es
einmal wagten
unsere Häuser jüdisch zu bauen, unsere Ehen jüdisch zu
gründen, unsere Kinder jüdisch zu erziehen, unsere
Geister jüdisch zu erleuchten, unsere Herzen jüdisch zu
erwärmen, unsere Reden jüdisch zu begeistern, unsere
Taten jüdisch zu leiten, unsere Genüsse jüdisch zu
weihen – dasswir es einmal
wagten mit dem jüdischen Geiste, mit dem vollen
jüdischen Geist, und einmal des Segens harrten, der
daraus erblühen würde! Wie
fest würden wir stehen in diesem schwankenden
Geschlechte, wie innig sich alle heilige Bande uns
schürzen in dieser alles lockernden Zeit, welche Kraft
würde sich bei uns entfalten, wenn auch alles der
Schwäche, welche Wahrheit, wenn auch alles dem Truge,
welche Liebe, wenn auch alles der Selbstsucht erläge,
welcher Segen, welches Heil, welch heiteres Heil würde
bei uns wohnen, wenn auch alles der Sorge und der
Betrübnis verfiele! Hat denn das
Hinüberschwanken ins unjüdische Leben uns so viel Segen
gebracht, dass wir uns dem Wahne nicht entreißen
möchten, der uns mit seinen Banden umstrickt?
Sind denn unsere Herzen leichter, unsere Geister
heiterer, unsere Ehen glücklicher, unsere Familien
inniger geworden, seitdem wir noch mehr die Pfade des
jüdischen Lebens verlassen? Sind unsere Kinder besser,
unsere Jünglinge und Jungfrauen reiner, unsere Männer
und Frauen wackerer, als es die Väter und Mütter
gewesen? Sind es denn so heilverkündende Zustände, mit
denen wir unser jüdisches Stillleben vertauscht? Ist es
denn ein so fester Boden, an den wir aus unserem
jüdischen Nachen gelandet? Sind es heiter gesunde
Kreise, in die wir getreten? Ist es ein fröhlich
blühender Lebensbaum, der uns in seinen Schatten
aufgenommen? Schwankt doch überall die Zeit krank umher
und sucht Arznei für ihr siech gewordenes Leben, blickt
doch überall das matte Auge der Sehnsucht nach dem neuen
Saatkorn aus, das ihr den Lebensbaum ersetzen möge, der
ihr welk geworden! Wie? Wenn uns diese Arznei längst
gegeben, wir dieses Saatkorn längst schon hätten – wenn
der Herr der Zeiten auch für solche Zeit der
Erschlaffung und des Siechtums längst uns seinen ewig
verjüngenden Balsam des Lebens bereitet, und dieses
Saatkorn, diese Arznei, dieser Balsam eben nichts
anderes wäre, als – unser so lange verkanntes,
verschmähtes Judentum?
Lass dich die Miene der Männer der vornehmen
Wissenschaft nicht irren! Die Rezepte studieren sie,
grübeln aufs Haar nach dem Geburtstag der Amme des
Pharmazeuten – um der Arznei zu entraten. Lass sie
studieren und grübeln! Trinke die Arznei und gesunde,
und beweise durch deine Gesundheit, dass die Arznei echt
und gesund. Während sie mit aller Weisheit die
Unmöglichkeit beweisen, dass ein so altes Samenkorn noch
Triebkraft und Leben in sich trage, sät der
lebenskräftige Jude das Saatkorn seines alten Glaubens
in den frischen Acker seines unentnervten Lebens, pflegt
es mit der Sonnenglut der alten Begeisterung, tränkt es
mit dem Lebenstau aus dem alten ewigen Borne der Kraft,
und zeigt lächelnd durch die Blüte und Frucht, wie flach
das Urteil der Beschränktheit.
So geschwunden ist der jüdische Geist noch nicht auf
Erden, dass es nicht noch Stätten gebe, wo du sein
stilles Wirken belauschen und an den Früchten, die
selbst das einfachste Saatkorn des jüdischen Geistes in
einfachsten Kreisen trägt, ermessen könnest, zu welcher
Herrlichkeit sich unsere Zustände entfalten würden, wenn
sie der vollen kraftreichen Saat des jüdischen Geistes
ihren Schoß öffnen möchten.
Willst du heutigen Tages den Segnungen des Judentums
begegnen, suche es einmal da auf, wo es fast die einzige
geistige Potenz im Gedanken- und Gefühlskreise bildet,
und siehe, welche Früchte auch nur seine einfachsten,
aber großen Grundzüge in einem Lebenskreise erzeugen,
bei dem du sonst alle anderen Hebel des Heiles und des
Segens vermisst. Das jüdische Proletariat suche auf, -
nicht das wandernde, heimatlose, - in großen,
volkreichen Städten suche es auf, wo die Armut das
Elend, die Verkümmerung und Entartung sonst in ihrem
Gefolge hat. Dort
gehe in die Hütten der jüdischen Armen,
und lasse dir von ihren Pflegern das Bild des Lebens
entrollen, das dort gelebt wird. Da wird dein Herz warm
werden, da wird dein Auge leuchten, da wirst du stolz
werden Jude zu sein und da wirst du die erhaltende,
erhebende, veredelnde, geistige Kraft des Judentums
ahnen lernen.
Da
wirst du lernen, welch einen Geist der Sittlichkeit, der
Redlichkeit, der Aufopferung, der Liebe, des Edelmutes,
des Seelenadels, welch einen Geist der Freudigkeit, der
Heiterkeit, der Zufriedenheit es auf Lebensstufen zu
entfalten weiß, wo es den einzigen Reichtum, und das
einzige Licht und die einzige Lebenspulsader bildet. Da
wirst du die Gattenliebe und Elternliebe und
Kindesliebe, und die opferfreudige, gegenseitige
Menschenliebe ihre schönsten Triumphe feiern sehen,
dort wirst du im
groben Kittel, in unscheinbaren Hütten Menschen
sittlich, wacker, groß und glücklich finden, weil sie
Juden und nichts als Juden sind.
Und hast du das Judentum auf diesen niedrigsten Stufen
der gesellschaftlichen Gestaltung besucht, dann suche
dir die wenigen Edlen auch auf, die, wie
wiedererstandene Denkmäler vergangener Größen,
vereinsamt, und doch als Muster dem kommenden
Geschlechte entgegenleuchtend zeigen, zu welcher Fülle
von Größe, zu welchem Gehalte und Inhaltsreichtum ein
Leben sich entfalte, wo nun dem jüdischen Geist ein
heiterer, reicherer Kreis sich geöffnet, wo der Wohlstand sich
des Judentums nicht schämt, wo
Gold und Glanz den Horebschmuck Israels nicht verdrängt,
wo der jüdische Geist und das jüdische Herz in jedem
geistigen und leiblichen Gute nur ein willkommenes Mittel
begrüßt, in größerem Maßstabe jüdische Pflichten,
Mizwoth, zu üben!
Dann wirst du dir
sagen, welch eine herrliche Erscheinung das Judentum
heute wäre, wenn alle Juden, Juden wären, wenn die
Freiheit und Bildung und Wohlhabenheit, und Wissenschaft
und Kunst, die in so größerem Maße unserem heutigen
Geschlechte zugefallen, sich nicht dem Judentum
entfremdet hätten, nicht die schützenden, erleuchtenden,
leitenden und segnenden Genien verlassen hätten, die das
Stillleben des Juden auf allen Stufen, durch alle
Entwicklungsphasen begleiten und göttlich weihend
gestalten sollten.
Milah, Ziezith, Thfillin, Mesusah, Shabbath, Berachoth
sind diese Genien des Stilllebens, deren Führung du dich
hingeben mögest, wenn du dich zum Juden, zum Sohne
Jeschuruns erziehen willst.
Milah
wird dich lehren keusch zu bleiben und die sittlich
reine Unschuld bewahren, - Ziezith
durch Beherrschung des Auges und des Herzens die
Humanitätserziehung an dir zu vollenden, die der
barmherzige Gott mit dem ersten Gewande begonnen, das er
um die Blöße des verirrten Menschen schürzte, - und die
reine Hand und das reine Herz und das reine Auge weihen.
Thfillin
dir mit jedem neuen Morgenrot einem tätigen, recht- und
lieberfüllten jüdischen Leben, - und den ganzen Kreis
deines häuslichen Lebens grüßt der Name Schaddai
an der Tür und weiht dein Haus zu einer Abrahamshütte,
der der allmächtige Gott als der alleinige Schutzherr
genügt,
und in welcher die Lehre von dem einig einzigen Gott und
von der Hingebung an diesen Einzigen mit ganzem Herzen,
ganzer Seele und ganzem Vermögen, und von der Erziehung
deiner Kinder zu solcher Lehre, ihre Verwirklichung
findet, - und mit jedem siebten Tag kehrt der Sabbath
bei dir ein und bringt dir Ruhe und Frieden, Trost und
Seligkeit als Paradieseslohn für solches Streben, und
ewig frische, ewig neue Begeisterung zum Fortstreben in
solchem Leben. Alle Momente deines Lebens aber
durchdringen
Berachoth
mit dem Geiste der Erkenntnis und der Weihe, und lassen
dein ganzes Leben dich als einen fortgesetzten
Gottesdienst begreifen und vollenden. Was du siehst oder
hörst, was du empfängst oder verlierst, was du genießt
oder übst, nichts findet dich gedankenlos, alles weckt
und mahnt dich und stärkt dich in dem Entschlusse, in
allem und mit allem nicht nur gesegnet, sondern selber
Segen, segnende Förderung dem heiligen Willen des zu
werden, der dich in allem und mit allem segnend umgibt
und hinwieder selbst durch dich „baruch“ werden will,
selbst von dir Segen erwartet, - auf dass dein ganzes
Leben in Lösung des einen Wortes aufgehe, welches er zu
deinem Ahn gesprochen: „Hejeh Berachah“, „werde
Segen!“
Des Juden Katechismus ist sein Kalender.
Auf die Fittiche der Zeit, die uns durch´s Leben tragen,
hat Gott die ewigen Worte seiner beseligenden Lehre
gegraben, und Tage und Wochen und Monate und Jahre zu
Herolden seiner Wahrheiten gemacht. Den scheinbar
flüchtigen Elementen hat Gott die Pflege seiner
Heiligtümer anvertraut und hat ihnen damit
unverwüstlichere Dauer und unbedingtere Zugänglichkeit
gesichert, als Priestermund und Denkmals-Erz und Tempel
und Altar vermöchten. Priester sterben, Denkmäler
verwittern, Tempel und Altäre zerfallen, aber die Zeit
bleibt ewig, und ewig frisch und ewig neu tritt jeder
junge Tag aus ihrem Schoß. Nur zu Wenigen kann der
Priester wandern, Priester und Denkmäler, Tempel und
Altäre müssen warten, bis du zu ihnen kommst, - und noch
weit mehr bedarfst du ihrer ja, gerade, wenn du nicht zu
ihnen kommst, wenn du nicht einmal den Zug zum Heiligtum
fühlst, oder die Schranken des Elendes dich vereinsamen.
Nicht also die Kinder der Zeit. Sie warten nicht bis du
zu ihnen kommst; sie kommen zu dir, unangemeldet,
unabweisbar zu dir, sie wissen dich zu finden mitten im
geschäftigen Markte des Lebens, mitten im rauschenden
Gewühle der Freuden, oder in einsamer Kerkerstille, oder
auf schmerzreichem Krankenlager, wissen dich zu finden
und reichen dir überall das Wort deines Gottes, mahnend
und warnend, beseligend, tröstend, - und allgegenwärtig
wie die Gottheit, die sie sendet, treten sie zu Allen zu
gleicher Zeit heran und erfüllen in Einem Momente, in
Ost und West in Süd und Nord, auf jeder Höhe, in jeder
Tiefe des Geschickes und Alters, Millionen in Einem
Momente mit Einem Gefühle und Einem Gedanken.
Siehe da den Monat Thi-schri, diesen „Anfang-“ und
„Löse- Monat!“ Welch ein Gottesherold stehet in ihm vor
dir, und welch eine Fülle von Ernst und von Freude, von
Erschütterung und Frieden, von Mahnung und Trost will er
dir bringen!
Ein zweifaches Jahr hat der Kalender der Juden, so
wie er auch einen zweifachen Tag kennt. Ein Jahr das
mit dem Herbst beginnt, und, wie sehr es sich auch durch
den Winter zum Frühling und Sommer hindurch ringt, doch
wieder mit dem Herbste endet; - und ein Jahr, das mit
Frühling anhebt, und wenn auch dem Sommer Herbst und
Winter folgen, dennoch wieder zum heiter lachenden, sich
neu verjüngenden Frühling hinführt. Und eben so einen
Tag, dessen Anfang Nacht ist, wie über die Wiege der
Schöpfung der Schleier der Nacht gewoben, und der, wie
hoffnungsreich auch die Morgenröte dämmert und zum hell
strahlenden Mittag hinführt, dennoch wieder endet mit
Nacht; - und einen Tag, der mit dem Morgen anbricht und
zum Mittag steigt und mitten durch die Schatten der
Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet.
Der Nacht-tag, der von Nacht zu Nacht führende Tag, ist
der Tag der Erdschöpfung; nach ihm zählst du in allen
Räumen alle Zeiten deiner irdischen Wallfahrt. Aber im
Tempel deines Gottes, im Mikdasch, im Heiligtum, gilt
der Licht-tag, der dich von Morgen zu Morgen geleitet;
Alles beginnt dort mit dem Morgen und Alles endet mit
dem Morgen.
Das Herbstjahr, das mit Thischri beginnende Jahr, das
mit dem Herbst einleitet und mit dem Herbst endigt, ist
das Jahr der Erdschöpfung; nach ihm zählst du die Jahre
der Welt, die Jahre deiner Welt, deiner Geschäfte,
deines Schaltens und Waltens mit den Dingen der Erde.
Das Frühlingsjahr, das mit dem Lenzmonat Nissan beginnt
und mit dem Lenzmonat endet, ist das Jahr des Judentums,
das Jahr der Israel- und Menschheitserlösung; nach ihm
zählst du dein jüdisches Leben, deine jüdischen Monate
und Feste.
Diese Doppelzählung der Jahre und Tage, siehst du
nicht, wie sie der Posaunenruf des Todes und des Lebens,
der Vernichtung und der Auferstehung, der
Vergänglichkeit und der Ewigkeit ist, wie sie dich
ewig wach rufen soll zu dem lebendigen Bewusstsein von
deinem Doppelwesen, von dem irdisch Vergänglichen und
dem ewig Göttlichen deiner Natur, von dem irdisch
Vergänglichen und dem ewig Göttlichen aller deiner
Beziehungen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig
Göttlichen des ganzen Menschheitswesens auf Erden?
Streiche weg aus deinem Leben alles, was dich zum Juden
macht, streiche aus dem Leben der Menschheit weg alles,
was ihr das Judentum gebracht, alles was dem Judentum
entgegenreift, - und wahrlich du zählst von Nacht zu
Nacht, und von Nacht zu Nacht zählt mit dir die
Geschichte der Menschheit; blütenloser Herbst ist alles
Entstehen und zum blütenlosen Herbst welkt alles zum
Tode; und wie auch die Sonne der irdischen Hoheit
steigt, der Schatten der Nacht hüllt zuletzt doch mit
seinem endlichen Schleier alles ein; und wie auch der
Baum des irdischen Lebens sich prangend entfaltet, dem
üppigen Sommer folgt der Herbst, die Zeit der Stürme
kommt, und entblättert steht das Prangendste da. Was vom
Staube geworden wird zum Staube, „auf der Weide des
Todes gehen sie alle“ und „Vergänglichkeit“ predigt das
Gerölle und der Schutt der Zeiten.
Wehe dir, wenn du dich über diese Vergänglichkeit
täuschest, wenn du an die Ewigkeit der Jugend, an die
Dauer der Blüten, an die Erznatur des Markes, an den
Bestand der Hoheit, an die Unverwüstlichkeit des
Genusses und der Freuden, an die Sicherheit des
Besitzes, an die Ewigkeit irdischer Größen glaubst,
ihnen, als deinen ewigen Göttern dich in die Arme
wirfst, „nachwandelst dem Vergänglichen – und vergehst!“
Wehe dir, wenn du die Thischrizählung deiner Jahre
erst am Ende deines Lebens, wenn es zu spät ist,
lernest!
Dreimal aber wehe dir, wenn dich der jüdische Geist
nicht die Frühlingszählung deiner irdischen Jahre
gelehrt,
wenn dir die Erde ein Leichenhaus wird, in welchem dich
überall Gräber anstarren, der lauernde Tod über alles
das Grauen der Verwesung wirft, und die Heiterkeit dir
Sünde und der Genuss zum Verbrechen und die Freude eine
Torheit wird, und du entmutigt dich zur Erde setzt und
mit erstorbenem Blick und mit verkohltem Herzen nur den
Seufzer kennst: „Alles, ach alles ist eitel!“
Denn siehe! im jüdischen Geiste, im jüdischen Heiligtum
ist nichts eitel.
Nicht über Gräbern ward das jüdische Heiligtum gebaut,
der Tod und die Zeichen des Todes blieben fern aus
seinen Räumen. Nicht mit Trauerschmerz waren seine
Hallen zu betreten, der Freude ward´s erbaut. Von Morgen
zu Morgen zählte man in seinen Kreisen.
Nach Frühlingen zählt der jüdische Geist. Das
Frühlingsparadies – nicht erst das jenseitige –
setzt er an den Anfang der Menschengeschichte, und das
FrühlingsparadieszeigteralsZielderGeschichte, und ein Leben
auf Erden zu lehren, in welchem nichts vergänglich, in
welchem alles ewig, alles vom Hauche ewiger, freudiger
Göttlichkeit durchweht werde, ein Leben auf Erden zu
lehren, in welchem selbst Mühe und Arbeit, Trauer und
Schmerz sich zu seliger Heiterkeit verklären und der
vergänglichste Keim und die flüchtigste Minute, vom
ewigen Gottesgeist des Menschen erfasst, als eine ewige
Blüte in den Kranz der Vollendung sich fügt, und schon
hier auf Erden die Seligkeit blühet und schon hier auf
Erden die Ewigkeit taget und mitten durch Sturm und
Nacht einer ewig herrlichen Frühlings- und
Tages-Verjüngung entgegenreift –
von Morgen zu
Morgen, von Frühling zu Frühling zählen und leben zu
lehren, das ist die Summe der jüdischen Botschaft des
Heiles.
Aber bevor die Seligkeitswahrheit Eingang finden kann,
muss die Täuschung geschwunden sein, der
Frühlingsbotschaft muss die Herbstposaune voran gehen,
die Thischrizählung musst du beherzigt haben, wenn du
Frühlingsjahre zählen und leben willst; darum tritt
dir der Thischri entgegen am Anfang deiner irdischen
Wallfahrtsjahre und will die Täuschung vernichten, und
den Wahn verscheuchen und will dich lehren,
auf von
Täuschung und Wahn befreitem irdischen Boden, mitten in
der Vergänglichkeit, mit dem Vergänglichen, heiter und
selig die Hütte deines Lebens zu bauen.
Zerbrochen lagen einst die Tafelscherben des göttlichen
Gesetzes am Sinai; denn es hatten die Väter wahnumnebelt
das sichtbare Vergängliche über das ewige Unsichtbare
gesetzt, hatten von dem ewigen Schöpfer und Walter ihr
Herz der vergänglichen Kreatur zugewendet, hatten die
sichtbare Natur im goldenen Kalbe vergöttert, und „Elch“
diese sinnlich erkennbare Welt, dieser Kosmos, und seine
irdisch waltenden Mächte, sie sind deine Götter Israel!
hallte im sinnlichen Rausch der Jubel der tanzenden
Chöre. Darum lagen zerbrochen die Tafeln des göttlichen
Gesetzes. Denn wo aus der Brust des Menschen geschwunden
ist das Bewusstsein seiner eigenen höheren göttlichen
Natur, wo ihn dies Bewusstsein nicht über die sinnliche
Welt zu dem Einen Einzigen unsichtbar Allgegenwärtigen
Höchsten und Nächsten Einen hebt, wo der Mangel dieses
Bewusstseins den Menschen der sinnlichen Natur zu Füßen
wirft, der Natur zu Füßen, zu deren Herrn und Meister,
nicht zu deren Sklaven und Diener Gott ihn gesandt – da
fehlt der Boden, auf welchem das göttliche Gesetz seine
Stätte finden und ein göttlich menschliches Leben auf
Erden erzeugen könnte, das durch und durch von Gottes
Geist getragen, das ganze sinnlich Leben selbst zu Einem
Gott verherrlichenden Hymnus umwandeln und ein Heiligtum
auf Erden bauen sollte, in welchem Gottes Herrlichkeit
beseligend wohne. Da liegen zerschmettert die Tafeln des
göttlichen Gesetzes.
Aber der Wahn ward vernichtet, der Schleier ward
zerrissen, der Vergänglichkeit fielen die Verehrer des
Vergänglichen anheim, Staub ward das Götterbild der
Vergänglichkeit, und zu dem Ewigen richtete sich der
Geist der Väter wieder auf, und „Sfalachti“ „Ich habe
verziehen“, rief die Gnade aus Himmels Höhen, und das
Band ward wieder geknüpft, und des Gesetzes Tafeln
kehrten wieder und die Hütte des Heiligtums war wieder
zu erbauen.
Der 10. Thischri wars, als das: „Sfalachti“ die
Wiedererhebung aus verworfenster
Sinnlichkeitsvergötterung besiegelte, und das drückte
für alle Zeit dem Monat Thischri die Weihe des
ernstesten Ernstes und der seligsten Freude auf.
Theruah, u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah,
Emunah und Simchah, Erschütterung und Rückkehr,
Verzeihung, Sühne und Reinheit, Vertrauen und Freude,
das ist das siebenfarbige Angebinde, das der
Neujahrsherold am Thischri jeder jüdischen Hütte, jeder
jüdischen Brust läuternd und weihend, kräftigend,
beseligend bringt; Theruah u. Theschubah, Selichah,
Kaparah u. Taharah, Emunah u. Simchah, das ist der Baum
des Lebens, den der Thischri immer neu in unserer Mitte
aufrichtet, und alle, alle in seinen Schatten ladet.
Theruah u. Theschuwah die Wurzel, Selichah, Kaparah u.
Taharah der Stamm, Emunah u. Simchah die nährenden und
beglückenden Früchte des Lebens.
Willst du die
Früchte pflücken, darfst du die Wurzel nicht scheuen.
Sollen dir die Früchte reifen, pflanze die Wurzel mit
Ernst in dein Gemüt.
Der Posaunenruf der Theruah soll den Traum, die
Täuschung zerstören, mit welcher die Sinnlichkeit uns in
ihren Armen lullt, soll das Götterbild zerschmettern,
das wir der Sinnlichkeit in unserem Herzen errichten,
soll uns wach rufen, und aufrufen zu dem Einen, der
unser wartet. Und die Tage der Theschuwah lehren uns den
Weg wieder finden, der in die Arme des Vaters zurück
führt und uns zum Jom hakipurim leitet, der die Brücke
mit der Vergangenheit abbricht, mit Selichah, Kaparah u.
Taharah uns einen reinen, neuen Boden gibt, auf dem wir
am Suckoth–Feste ruhig und sicher, fröhlich und heiter
die Hütten unseres Lebens bauen lernen.
Jom theruah, der Tag des Posaunenrufs geht voran.
Wie im Schofarruf Gott am Sinai uns zusammen rief, wie
Gott mit Schofarruf einst uns wieder um sich sammeln
wird, wie der Schofarruf den Sklaven zur Freiheit, den
Armen zum Besitz, den Entfremdeten zu seiner Heimat
rief, so ruft der Schofarton mit jedem Thischri uns
alle, alle zu Gott, ruft den Sklaven der Sinnlichkeit
zur göttlichen Freiheit, ruft Arm und Reich zum wahren
Reichtum, ruft den Verirrtesten zur eigenen Heimat, ruft
zur Jobelhöhe jedes Herz und jeden Geist.
Wie
der rufende Thekiahton die Väter zu dem Führer rief, die
schmetternde Theruah sie zum Aufbruch und zum Kriege
lud, und der Thekiah schließender Ruf sie zu dem neuen
Ziele leitete, wo Gott ihrer wartete und wohin die Wolke
seiner Gnade und die Lade seines Bundes zog – so ruft
uns die Thischrithekiah zu unserem Lebenshirten, den wir
verlassen, und die Theruah schmettert uns zum Aufbruch
und Kampf, - zum Aufbruch von jeder Stätte, zum Abbruch
jedes Verhältnisses, auf welchen Gottes Segen nicht
ruht, und zum Kampfe wider alles, was sich scheidend
stellt zwischen uns und unseren Gott – und wiederum die
Thekiah lockt uns dort hin, wo das göttliche Gesetz
seine Stätte findet, und die Herrlichkeit Gottes mit
ihrer Segenswolke schirmend deckt.
Aber Theruah, der schmetternde Aufbruch- und
Kampfesruf, ist der Grundton des Tages. Vergebens
erscheinst du auf seinen Ruf vor deinem Gott und
deinem Führer, wenn du zuschwach bist seiner
Theruah zu folgen, wenn dich seine Theruah nicht
wach rüttelt aus deinem Schlafe, in welchem du sorglos
am Abgrunde träumst, wenn dich die Blumen, die
Sodomsblumen, die am Abgrunde blühen, so süß berauschen,
dass du die Warnstimme überhörst, die dich retten will,
dass du dich nicht losreißest aus den Banden des
Vergänglichen, das du vergötterst, nicht den Mut hast zu
rütteln an lieb gewonnene Gedanken, Pläne, Entschlüsse,
Verhältnisse, Zustände, Bande, Vorteile, Genüsse, in
denen Gott nicht wohnet, nicht den Mut hast zu kämpfen
gegen Gewohnheiten, Leidenschaften, Triebe, die dich in
die Fesseln der Vergänglichkeit jochen, nicht den Mut
hast für Gott mit Vergänglichem zu kämpfen und doch den
Mut hast für Vergängliches gegen Gott anzukämpfen, wenn
dir dein Gott, zu welchem die Thekiab dich ruft, nur
eine eitle Hoheit ist, der du doch einmal im Jahre deine
Aufwartung machen müssest, der du zum Neujahr wenigstens
den Huldigungsgruß zu bringen hättest, und du den Ernst
seiner Theruah überhörst, mit welcher er dein ganzes
Wesen, deine ganze Zeit, deine ganze Kraft, das ganze
Reich deiner Gedanken, Gefühle, Genüsse, Worte, Taten
fordert, in alle Fugen deines ganzen Wesens dringt,
alles umwandeln, alles umschaffen will, und allem
Vernichtung gebietet, was nicht vor der Wahrheit seiner
Prüfung, was nicht vor der Wahrheit seines Wortes
besteht, - um dich, dein ganzes Ich mit allen seinen
Beziehungen für das Reich der Ewigkeit zu retten, und
nicht das flüchtigste Moment deines irdischen Schaffens
dem Grabesgang der Vergänglichkeit zu überlassen.
Und auf den Theruahtag folgt die Theschuwah–Woche
– und Rückkehr, Rückschritt, heißt die Losung, die sie
bringt.
„Rückkehr, Rückschritt?“ Wer wagt das Wort in unserer
Zeit des Fortschrittes zu nennen, wer wagt zur
Rückkehr, zum Rückschritt zu mahnen, wo alles dem
Fortschritt huldigt? Wer es wagt? Gemach! Es ist dein
Gott, der es wagt, es ist dein Gott, der dich zur
Rückkehr ruft. Und bist du nicht ein Tor, dich von
Wortgespenstern necken zu lassen? Wie? Wenn du nun dich
geirrt, wenn nun etwa dein Fortschritt ein Rückschritt
gewesen, wird dann nicht dein Rückschritt ein wahrer
Fortschritt sein, wirst du dann nicht, wenn du auf
deinem bisherigen Wege beharrest, nur ewig fortschreiten
im Rückschritt, nur ewig fortfahren auf dem Wege, der
dich immer mehr von dem eigentlichen Ziele deiner
Vollendung entfernt, dem du im vermeintlichen
Fortschritt den Rücken zugewendet? Kommt ja alles darauf
an ob du dein wahres Ziel vor Augen, oder hinterm Rücken
habest. Ewig fortschreiten, so du auf dem rechten
Wege bist, ewig zum rechten Wege zurückkehren, sobald du
ihn verlassen, das ist die ganze Summe aller
Lebensweisheit. Und du brauchst auch nur einmal in
einem schwachen Augenblicke vom rechten Pfade abgekommen
zu sein, um, wenn du nicht umkehrst, dich ewig weiter
von deinem göttlichen Ziele zu verlieren – und du
wolltest nicht inne halten, wolltest dem „Zurück!“
deines Gottes vornehm sorglos entgegen lächeln, „Ich
irre mich nie!“ und nicht einmal die Möglichkeit
zulassen, du könnest auf Irrwegen, auf Abwegen sein,
wolltest nicht, wie der Theruahtag dich gelehrt, einmal
die prüfende Hand an alle deine
Lebensverhältnisse, an alles Schaffen deines Geistes und
deines Leibes, an deine Gedanken, Gefühle, Worte, Taten,
Genüsse, Bestrebungen, an dein Haus, deine Ehe, deine
Erziehung, dein Familien-, dein Gemeinde-, dein
Bürgerleben legen, und im ganzen Ernst der Gottesmahnung
dich fragen, ob du auch mit allem und jedem auf rechtem
Wege, auf geradem Wege zum gottgefälligen Ziele, dass du
mit allem und jedem im bisherigen Wege nur fortschreiten
dürfest um deines Zieles gewiss zu sein, -
und wenn
du den rechten Weg verloren, wolltest du nicht zurück,
mit allem Ernst zurück?
Woran aber erkennen den rechten Weg? Wie aber wissen,
wo das wahre Ziel? Wo der Kompass auf uferlosem Meere?
Wo der Wegweiser, wenn in tausend Richtungen der Irrtum
und der Wahn, die Leidenschaft und der Leichtsinn ihre
Signale ausgesteckt, und keinem faschen Wege mehr der
falsche Priester fehlt, der den falschen Pfad als den
rechten preist?
Du kannst nicht irren! Deine Gesetzeslade ist die
Bundeslade, auf deinem Gottesgesetz ruhet der
Gottesbund, und wohin
die Bundeslade voran zieht, dort zieht auch die
Gnadenwolke deines Gottes hin, dort liegt dein Weg, nur
dort wohnt der Segen, nur dort dein und der Deinigen
Heil. Schreite fort, wo deines Gottes Wort dir
voranleuchtet, schreite zurück zu ihm, wo du sein Licht
vermissest.
Aber du kannst nicht
mehr zurück? Du hast schon zu sehr deinen Vater im
Himmel erzürnt, Er kann dir nicht verzeihen, und
verziehe Er dir, es nützte dir nichts mehr, zu sehr hast
du bereits all dein Tun und Lassen, dein Haus und dein
Gewerbe, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien- und
dein Einzelleben auf Sünde gebaut, und wo Unrecht gesät,
kann kein Heil aufblühen, und wo die Lüge gepflegt, kann
der Fluch nicht ausbleiben; und wolltest du zurück, du
könntest schon nicht mehr, es fesselt dich die falsche
Scham, es fehlt dir der Mut, vor deinem Weib, deinem
Kinde, deinen Freunden, deinen Genossen inkonsequent zu
erscheinen, ihr mitleidiges Spötteln zu ertragen, - und
mehr noch als alles, es fehlt dir der Sinn, du hast
längst schon eingebüßt das Gefühl für Heiliges,
Sittliches, Göttliches, stumpf fühlst du dich und fremd
ist dir die Seligkeit des Bewusstseins erfüllter
Pflicht, und wild tobt die Leidenschaft und kraftlos
stehst du den eigenen Feinden im eigenen Busen
gegenüber.
Und doch komme
zurück! Jom hakipurim ist da! und wärst du ergrauet in
Sünde, und wäre jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat bis
jetzt eine Höhnung deines Gottes gewesen, liegen längst
auch die Gesetzestafeln deines Gottes zerschmettert in
deinem Hause, und hättest du mit den Deinen nur im
Taumel des Wahnes das goldene Kalb vergötterter
Sinnlichkeit umtanzt, hättest überall nur Fluch dir
gesät, und bis auf den letzten Funken, jede Lauterkeit
und Reinheit des Denkens und Fühlens verlöscht –
Jom hakipurim ist da! Der Gott, der einmal „Sfalacht“
gesprochen, Er spricht es wieder – Er
verzeihet und sühnet und reinigt. Tu du nur das
Deine, mache nur gut,
was noch wieder gut zu machen, den unrechten Pfennig
schaffe aus deinem Hause, den beleidigten Bruder
versöhne, den Gekränkten richte auf, das Ungesetzliche,
Ungöttliche in dem Leben deiner Ehe, deiner Erziehung,
deines Erwerbs- und Genusslebens verbanne, und dann
komme zu Ihm, dem Einen, dich nie verstoßenden Vater,
der, „so wahr ich lebe, ewig spricht, ich will nicht den
Tod und Untergang des Sünders, sondern dass er zurück
komme und neues Leben gewinne,“ der so gnädig ist, wie
er gerecht ist, und so allmächtig ist wie gnädig, und
darum nicht nur verzeihet mit seiner Gnade, sondern wenn
er verziehen, mit seiner freien Allmacht
eingreift in die
Speichen deines Geschickes, eingreift in das Gewebe
deines Innern, und jede Saat des Fluches, die du in den
Acker deines Geschickes selbst gesät, ausreißt mit
seiner Sühne, und jedes Gift der Sünde, mit dem du deine
reine Seele befleckt, und trüb, siech und krank und
stumpf gemacht, austilgt mit seiner Reinigung und
Heiligung, und „Titharu“ „Seidwieder rein!“ zu
allen und über alle spricht, die lephanav, die vor
seinem Angesichte die Wiederreinheit, den neuen Geist
und das neue Leben suchen. Die ganze Zukunft ist
wiederum dein; die ganze Vergangenheit übernimmt dein
Gott.
Und hat dich so der
Schofarruf geweckt und bewegt und zu deinem Gotte dich
gebracht, hast du Theruah u. Theschuwah, Selichah,
Kaparah und Taharah errungen, und hat der Jom hakipurim
dich am Herzen deines Vaters im Himmel gefunden, siehe
dann setzt dich dein Vater im Himmel wieder zum zweiten
Male auf seine Erde und lehrt dich: auf reinem, durch
erneuten Kräften,
ruhig und mutig die Hütte
deines Lebens bauen,
und auf Erden, mit irdischen Gütern und Mitteln heiter
und froh die Aufgabe deines Lebens zu lösen und dich zu
freuen, Usemachtem, auf Erden dich zu freuen vor
dem Angesichte deines Gottes.
Emunah und Simchah,
Vertrauen und Freude,
das sind die Schätze,
mit denen dein Vater im Himmel dich beglückt. Mit Emunah
baust du Hütten und mit Simchah übst du deine Kraft und
freust dich deines Lebens und Strebens.
Suckah,
der
Hüttenbau, lehrt dich Emunah, das Gottvertrauen!
Auf welcher Stufe der Glücksleiter du dich auch
befindest, ob reichlich oder spärlich dir die Güter der
Erde zugemessen sind, dich blendet nicht die Fülle, dich
schreckt nicht der Mangel, die Güter der Erde sind deine
Güter nicht, mipsoleth gorn´eha, mit dem, was andere
verschmähen, verachten, baust du dir die Hütte des
Lebens, weißt´s ja, dass in Hütten und Palästen nur
Pilger wohnen, Hütten und Paläste nur Dirath arai, nur
unsere vorübergehende
Heimat bilden, weißt´s
ja, dass auf dieser Pilgerfahrt nur Gott unser Schutz,
und seine Gnade uns schirmt, schrecktest ja nicht, und
müsstest mit Weib und Kind durch Wüsteneien du wandern,
weißt´s ja, dass der Gott, der vierzig Jahre lang die
Väter mit Weib und Kind durch die Wüste geleitet, in
Hütten geschirmt, mit Manna gespeist, dass der
Gott noch dein
Gott ist,und
auch mit dir
durch Wüsteneien wandert, auch jede Seele deiner
Hütte kennt und für jede das Manna seiner Gnade zu
spenden weiß.
Und ob wir
untereinander nach Maß des Besitzes uns tausendfältig
auch abstufen, mit
quadersteinernen Mauern der Eine, mit bescheidenem
Bretterzaune der Andere sich abgrenzt, und dem Dritten
nur Schtajim kehilchathan uschelischith afila tefach,
zwei Wände zu bauen und die dritte nur anzudeuten
vergönnt ist, in unserem eigentlichen Schutz,
in dem, was uns deckt und schirmt, darin sind wir
alle gleich, das ist
nichts, was von Menschenkünstlichkeit zeugt, das ist
nicht das, was mekabbel tumah ist, was den Hauch der
Vergänglichkeit zu scheuen hat, in den Defanoth
unterscheiden wir uns, im Sechach sind wir alle gleich;
denn es ist der
Menschenbesitz, und die Menschenkraft und die
Menschenklugheit, es ist Gottes Gnade und Gottes Segen,
der uns schützt, und Paläste und Hütten mit gleicher
Liebe deckt.
Und nicht bekümmert
und sorgenvoll, nicht trübe und traurig, nicht miztaer
lebt sich´s in der Hütte, die das Gottvertrauen erbaut
und die Gottesliebe deckt. Was kümmert´s dich, dass es
nur Dirath arai, dass es nur vergängliche Hütte ist,
dass sie dich, oder du sie einmal verlässt; die Mauern
mögen fallen, der Schutz im Sturm verwehen, hinaus dein
Gott dich rufen, die schirmende Liebe Gottes ist überall
und ewig mit dir, und wo sie dich weilen lässt, wo sie
dich schützt, da teschwu keen t´duru
da wohnst du
im flüchtigsten Moment der flüchtigsten, vergänglichsten
Stätte so ruhig, so sicher, als wäre sie für die
Ewigkeit dein Haus.
Aber nicht nur ruhig
und sicher will dich dein Gott, zur
Freude,
Simchah, zur reinen, menschlichen ungetrübten Freude,
hat Er dich berufen,
lässt nicht umsonst die Blüten duften und die Früchte
reifen, hat die Erde lo letahu beraah nicht zu einer
Öde, zu einem Tale der Tränen und des Jammers, hat sie
zu einem heiteren fröhlichen Wohnplatz fröhlich heiterer
Wesen geschaffen, auf welchem jeder seines
Daseins froh werden und seines Wirkens und Schaffens
sich freuen solle.
Freilich, vergötterst du die Erde, berauschen dich ihre
Blüten, benebeln dich ihre Reize, dass du um
Erdenblütenreiz deines Gottes und deines eigenen
göttlichen Berufes vergisst – dann freilich, dann ist
die Erde dein Feind, und Feind sind dir ihre Blüten,
ihre Güter, ihre Genüsse, zur Sünde führt dich alles,
und Sünde untergräbt dein Heil. Jedoch, wenn deines
Gottes Theruah die irdischen Götter von dem Altar deines
Herzens gestürzt, wenn du zu dem einen Einzigen
zurückgekehrt bist, nur ihn allein verehrst, auf ihn
allein nur baust, nur die Erfüllung seines Willens als
die einzige Aufgabe deines Lebens kennst, in jeder
Spanne Zeit, mit jeder Kraft, mit jeder Tat, mit jedem
Gut, mit jedem Genuss nur ihm dienen, nur die von ihm
dir gesetzte Aufgabe lösen willst und das Bewusstsein
dieser Aufgabe und das Bewusstsein ihrer Lösung und das
Bewusstsein der Gottesnähe deine Seligkeit ist, siehe,
dann reicht dir Gott selbst den Strauß der
irdischen Blüten und spricht:
Ulekachtem lachem, nehmet euch nur,
fliehet nicht, was ich für euch reifen lasse, nehmet´s
euch, und lernt euch dessen freuen vor meinem
Angesichte. Freude bringt´s euch, wenn es lachem, wenn
es rechtlich und redlich euer,
wenn ihr´s mit rechtlichem, redlichem Fleiße erworben,
wenn ihr´s mit reinen
Händen fassen und vor Gottes Angesicht das Eure nennen
dürft. Freude bringt´s euch, wenn ihr nichtselbstsüchtig es
nur euch und nur der Erde zuwendet, wenn es in euren
Händen nur Mittel wird, damit eurer ganzen Umgebung in
Ost und Süd und West und Nord Segen zu reichen,
wenn ihr an euch zuletzt nur denket, und wenn ihr es
erst dem Himmel und für den Himmel der Erde weihet.
Freude bringt´s euch,
wenn ihr mit allem euch nur im Kreise des
göttlichen Willens, im
Kreise seines Wortes euch bewegt, sein Gesetz, sein
Wort, sein Wille der Mittelpunkt bleibt, aus dessen
Kreis ihr euch nicht mit dem kleinsten Gut, nicht mit
der leisesten Tat entfernt. Freude ist euer Los,
ewig ungetrübte Freude, wenn ihr erwerbt und nehmt,verwendet und genießt die Blüten und Früchte der
Erde, wie es Lekichah und Nianua und Hakafoth des Lulaw
euch lehrt.
Und die Vollendung des Ganzen
ist Azereth, das Fest
des Verharrens,
des Festhaltens, des Bleibens bei Gott, azaro milazeth,
dass du noch einmal dich sammelst vor deinem
Gotte und nun alle die
großen Gedanken der Weihe, der Heiligung, der Ermutigung
und Beseligung,
die diese Tage und Wochen dir gebracht, noch einmal
sammelst und fest hältst, auf dass du sie mit
hinüber nehmest in das
dir nun geöffnete tägliche Leben des Jahres, und
froh der Thora, des
Gotteswortes froh, das solche Heiles- und Segensschätze
fürs Leben dir reicht, dir´s und deinem Gotte gelobest,
fest zu verharren bei ihm,
durch nichts dich von
ihm reißen zu lassen, und in demnun eröffneten Jahre, welche Stürme und Prüfungen
es dir auch bringen möge, den Geist der Besonnenheit,
der Heiligung, des Vertrauens und der freudigen
Tätigkeit im Dienste deines Gottes zu bewähren, der dir
am Eingang des Jahres als Herold deines Gottes
entgegengetreten.
1. Dass wir erkennen, dass nur ein G‘tt sei. 2. B. M.
20,2. -- 2. Dass G‘tt einig sei. 5. B. M. 6,4. -- 3.
Dass wir G‘tt lieben sollen. 5. B. M. 4,5. -- 4. Dass
wir uns vor G‘tt fürchten sollen. 5. B. M. 6,13 und
10,20. -- 5. Dass wir G‘tt dienen, d.h. wir sollen
beten. 5. v 23,25. -- 6 Dass wir G‘tt anhängen sollen.
5. B. M. 10,20. -- 7. Dass wir bei G‘ttes Namen schwören
sollen. 5. B. M. 6,13 und 10,20. -- 8. Dass wir G‘tt, in
Hinsicht des Guten und Rechten, ähnlich sein sollen. 5.
B. M. 28,9. -- 9. Dass wir seinen Namen heiligen sollen.
3. B. M. 22,32. -- 10. Dass wir das Schma zweimal des
Tages lesen sollen. 5. B. M. 6,4,7. -- 11. Dass wir das
Gesetz lernen und lehren sollen. 5. B. M. 6,7. -- 12.
Dass wir die Tephilin an den Kopf anlegen sollen. 5. B.
M. 6,8. -- 13. Dass wir die Tephilin auf den Arm binden
sollen. 5. B. M. 6,8. -- 14. Dass wir die Schaufäden an
die Ecken der Kleider machen sollen. 4. B. M. 15,38. --
15. Dass wir eine Mesusah an die Pfosten der Türen
befestigen. 5. B. M. 6,9. -- 16. Dass sich das Volk am
Ende eines jeden siebenten Erlassjahres versammeln soll,
um das Gesetz zu hören. 5. B. M. 31,13. -- 17 Dass sich
ein jeder Jisraelite eine Gesetzrolle schreibe. 5. B. M.
31,19. -- 18. Dass der König deren zwei haben müsse. 5.
B. M. 17,18. -- 19. Dass man nach der Mahlzeit den Segen
sprechen soll. 5. B. M. 8,18. -- 20. Dass man einen
Tempel zu Jeruschalajim bauen soll. 2. B. M. 25,8. --
21. Sich vor dem Tempel zu fürchten. 3. B. M. 19,30. --
22. Den Tempel immerfort zu bewahren, d.h. dass er
bedient werde von den Priestern und Leviten. 4. B. M.
18,23. -- 23. Die Leviten sollen in dem Heiligtum
dienen. 4. B. M. 18,23. -- 24. Die Priester sollen sich
zurzeit des Dienstes im Tempel die Hände und Füße
waschen (heiligen). 2. B. M. 30,19. – 25. die Priester
sollen Lichter im Heiligtum zubereiten. 2. B. M. 27,21.
-- 26. Die Priester sollen Jisrael segnen. 4. B. M.
6,23. -- 27. Jeden Sonnabend vor dem Angesicht des Herrn
(im Tempel) Schaubrote und Weihrauch zu ordnen. 2. B. M.
25,30. -- 28. Dass man täglich zweimal das Rauchwerk auf
dem Altar mache. 2. B. M. 30,1, 3. B. M. 4,7. -- 29 Dass
immerwährend Feuer auf dem Altar im Tempel beim
Ganzopfer brennen soll. 3. B. M. 6,2. -- 30 Den Altar
von Asche zu reinigen. 4. B. M. 13. -- 31. Aus dem Lager
(der G‘ttheit, dem Tempel) alle Unreinen fortzuschicken.
4. B. M. 5,2. -- 32. Dass man den Nachkommen Aarons Ehre
erzeuge und ihnen bei allen heiligen Sachen den Vorzug
geben soll. 3. B. M. 21,8. -- 33. Dass die Priester zum
Dienst mit priesterlichen Kleidern versehen sein müssen.
2. B. M.28,2. -- 34. Dass die Bundeslade während der
Reise (in der Wüste nach dem Auszug von Micrajim) auf
den Achseln getragen werden müsse. 4. B. M. 7,9. -- 35.
Dass die Hohepriester und die Könige mit Salböl gesalbt
werden. 2. B. M. 30,31. -- 36. Dass die Priester im
Dienst (des Tempels) abwechseln, bei hohen Festen aber
sollen sie alle aufwarten. 5. B. M. 18,6 ,8. -- 37. Die
Priester können sich verunreinigen bei dem Tod ihrer
nahen Anverwandten, und können um sie trauern. 3. B. M.
19,3. -- 38. Der Hohepriester muss eine Jungfrau
heiraten. 3. B. M. 21,13. -- 39. Dass täglich zwei
Schafe als Brandopfer gebracht werden müssen. 4. B. M.
28,3. -- 40. Der Hohepriester muss täglich ein
Speiseopfer bringen. 3. B. M. 14. -- 41. Am Sonnabend
muss ein Opfer mehr gebracht werden. 4. B. M. 28,9. --
42. Ebenso am Rosch Chodesch und am Rosch Haschanah. 4.
B. M. 28,11. -- 43. Ebenso, und zwar ein ganz besonderes
Feuer, Opfer am Pessachfest. 3. B. M. 23,8. -- 44. Dass
man am zweiten Pessachtag die Erstlinge der Ernte nebst
einem Lamm opfere. 3. B. M. 23,10. -- 45. Dass man am
Schawuoth ein Opfer mehr als gewöhnlich darbringt. 4. B.
M. 28,26. -- 46. Dass man am Schawuoth zwei Brote mehr
bei den Opfern als gewöhnlich darbringe. 3. B. M. 23,17.
-- 47. Dass man ein besonderes Opfer am Rosch Haschanah
bringen solle. 4. B. M. 28,1. -- 48. Dass man ein
besonderes Opfer am Fasttage (am 10. Tag des Monats
Tischri, des jom Kippur) bringen solle. 4. B. M. 28,7.
-- 49. Dass dieser Tagesdienst fleißig getan werde. 3.
B. M. 16,3, das ganze Kapitel. -- 50. Am Sukkoth noch
ein besonderes Opfer zu bringen. 4. B. M. 28,13. -- 51.
Auch ein besonderes Opfer mehr zu bringen am achten Tag
von Sukkoth. 4. B. M. 28,35. -- 52. Drei Hauptfeste im
Jahr zu feiern. 2. B. M. 23,14. -- 53. Alles was
männlich ist, soll an diesen drei Festen in
Jeruschalajim erscheinen. 5. B. M. 16,16. -- 54 Dass man
sich an diesen Feste freuen soll. 5. B. M. 16,14. -- 55.
Dass man das Pessachlamm schlachten müsse. 2. B. M.
12,6. -- 56. Dass man das Pessachlamm gebraten essen
soll. 2. B. M. 12,8. -- 57. Dass die Unreinen, welche
abgehalten worden sind, das Pessachfest zu feiern,
solches am 14. Tag des zweiten Monats feiern müssen. 4.
B. M. 9,11. -- 58. Dass man an diesem (eben erwähnten
Feste) das Lamm mit ungesäuertem Kuchen und bitteren
Kräutern essen müsse. 4. B. M. 9,11. -- 59. Dass man bei
den Opfern, und wenn Jisrael Trübsal ist, mit den
Trompeten blasen soll. 4. B. M. 10, 9, 10. -- 60. Das
Vieh zum Opfern darf nicht unter acht Tage alt sein. 3.
B. M. 22,27. -- 61. Das zu opfernde Vieh muss ohne
Fehler sein. 3. B. M. 22,21. -- 62. Das Opfer muss mit
Salz besprengt werden. 3. B. M. 2,13. -- 63.
Wie das Verfahren bei einem Brandopfer sei. 3. B. M.
1,3. -- 64. Bei einem Sündopfer. 3. B. M. 6,25. -- 65.
Bei einem Schuldopfer. 3. B. M. 7,4. -- 66. Bei einem
Dankopfer. 3. B. M. 7,2. -- 67. Bei einem Speiseopfer.
3. B. M. 2,1. -- 68. Dass Sanhedrin muss ein Opfer
bringen, wenn es in der Lehre des Gesetzes sich geirrt
hat. 3. B. M. 4,13. -- 69. Dass eine einzelne Person ein
Sündopfer bringt, wenn sie wider die Verbote gesündigt
hat und die Strafe der Ausrottung darauf steht. 3. B. M.
4,27 und Kap. 5,1. -- 70. Dass eine einzelne Person ihr
Opfer bringe, wenn sie zweifelt, ob sie eine Sünde
begangen hat, deretwegen sie ein Sündopfer schuldig sei.
3. B. M. 5,17, 17. -- 71. Dass derjenige, welcher geirrt
hat, in einer Übertretung (die Schuld einer Untreue). 3.
B. M. 5,15, 16, oder einen Diebstahl begangen hat, 3. B.
M. 6,2, oder mit einem, ihm verbotenen Frauenzimmer
Sünde beging, 3. B. M. 19,20, oder das bei ihm zum
Aufbewahren Gegebene ableugnet und schwört, 3. B. M.
6,2, 3, ein Opfer bringen müsse. -- 72. Dass derjenige,
welcher unvermögend ist, ein großes Opfer zu bringen,
auch ein kleines Opfer bringen Könne. 3. B. M. 5,7--11.
-- 73. der Sünder bei dem Opferbringen alle seine Sünden
bekenne. 3. B. M. 5,7. -- 74. Dass ein Samenflüssiger,
wenn er rein geworden ist, ein Opfer bringen müsse. 3.
B. M. 15,13. -- 75. Dass eine Frau, welche einen
Samenfluss hatte, wenn sie rein geworden ist, ein Opfer
bringen müsse. 3. B. M. 15,13. -- 76. Ebenso ein
Aussätziger. 3. B. M. 14,10. -- 77. Ebenso eine
Wöchnerin. 3. B. M. 12,6. -- 78. Dass alles Vieh
verzehnt werden müsse. 3. B. M. 27,32. -- 79. Dass die
Erstgeburt vom reinen Vieh geheiligt und dem Herrn
dargebracht werden müsse. 5. B. M. 15,19. -- 80. Dass
die Erstgeburt von Menschen (männlichen Geschlechts)
gelöst werden müsse. 4. B. M. 18,15. -- 81. Dass die
Erstgeburt eines Esels gelöst werden müsse. 2. B. M.
13,13. -- 82. Dass das Genick dem erstgeborenen Esel
gebrochen werden müsse, wenn man solche nicht löst. 2.
B. M. 13,13. -- 83. Dass man alle Opfer, welche man zu
bringen schuldig ist, ebenso die, welche man freiwillig
bringt, beim nächsten Fest (die drei Hauptfeste: Pessach,
Schawuoth und Sukkoth) nach Jeruschalajim im Tempel
bringen müsse. 5. B. M. 12,5, 6. -- 84. Dass alle Opfer
nach Jeruschalajim in den Tempel gebracht werden müssen.
5. B. M. 12,14. -- 85. Dass man alle Opfer, zu welchen
sich Jemand (außer dem gelobten Land) durch ein Gelübde
zu bringen verpflichtet, nach Jeruschalajim bringen
müsse, 5. B. M. 12,26; übrigens ist dies durch Tradition
entstanden. -- 86. Dass alle heiligen Tiere, an welchen
ein Fehler ist, gelöst werden müssen. 5. B. M. 12,15. --
87. Ein Tier, welches zum Opfer bestimmt war, soll man
nicht vertauschen, sonst sind beide dem Herrn verfallen.
3. B. M. 27,10. -- 88. Dass Aaron und seine Söhne das
vom Speiseopfer übrig gebliebene essen sollen. 3. B. M.
6,16. -- 89. Dass die Priester das Fleisch der Sünd- und
Schuldopfer essen sollen. 2. B. M. 29,33. -- 90. Dass
das heilige Fleisch, welches unrein geworden ist,
verbrannt werden müsse. 3. B. M. 7,19. -- 91. Dass das
übrige reine Fleisch am dritten Tag verbrannt werden
müsse. 3. B. M. 7,17. -- 92. Dass ein Nasiräer (ein G‘tt
Geweihter) sein Haar wachsen lassen müsse. 4. B. M. 6,5.
-- 93. Dass ein Nasiräer sein Haar scheren lassen könne,
wenn er unrein geworden ist, oder wenn die Zeit seines
Gelübdes vorüber ist und er ein Opfer bringt. 4. B. M.
6,9. -- 94. Alles was Jemand verspricht, zu opfern oder
Almosen zugeben, muss er halten. 3. B. M. 23,23. -- 95.
Über Aufhebung eines Gelübdes muss das Gericht
entscheiden. 4. B. M. 30,3. -- 96. Ein Jeder, der ein
totes und selbst krepiertes Vieh berührt, ist unrein. 3.
B. M. 9,39. -- 97. Acht Arten von kriechenden Tieren
verunreinigen nach ihrem Tode. 3. B. M. 11,9. -- 98.
Alle Speisen können auch dadurch verunreinigt werden. 3.
B. M. 11,34. -- 99. Dass eine Frau, welche ihre Periode
hat, unrein ist und auch andere verunreinigt. 3. B. M.
15,19. -- 100. Ebenso eine Wöchnerin. 3. B. M. 12,2. --
101. Ebenso ein Aussätziger. 3. B. M. 13,3. -- 102.
Ebenso ein aussätziges Kleid. 3. B. M. 13,47. -- 103.
Ebenso ein aussätziges Haus. 3. B. M. 14,35. -- 104.
ebenso ein Samenflüssiger. 3. B. M. 12,2. -- 105. Ebenso
Jemand, dem Damen abgeht. 3. B. M. 15,16. -- 106. Ebenso
eine solche Frau. 3. B. M. 15,25. -- 107. Dass ein Toter
verunreinigt. 4. B. M. 19,14. -- 108. Das Wasser einer
blutflüssigen Frau verunreinigt einen reinen Menschen
und reinigt einen unreinen Menschen von der Unreinigkeit
eines toten. -- 109. Dass alle Unreinigkeiten durch
Wasser (Baden) wieder rein werden, 3. B. M. 15,16, durch
Tradition weiß man, dass Untertauchen des ganzen Körpers
im Wasser gemeint sei. -- 110. Die Reinigung vom Aussatz
geschieht durch zwei reine lebendige Vögel und durch
Zedernholz und hochrote Wolle, sowie Ysop und lebendigen
(frischem) Wasser. 3. B. M. 15,2. -- 111. Dass ein
aussätziger sein Haar abscheren lassen müsse. 3. B. M.
14,9. -- 112. Ein aussätziger soll seine Kleider
zerreißen, sein Haupt entblößen, dass man ihn kennen
kann; ebenso alle übrigen Unreinen, damit man sich nicht
an ihnen verunreinige. 3. B. M. 13,45. -- 113. Dass man
eine rote Kuh verbrenne und deren Asche außer dem Lager
bringen müsse. 4. B. M. 19,9. -- 114. Wenn Jemand den
Wert eines Menschen dem Heiligtum zu geben gelobt, so
soll nach dem Gesetz verfahren werden. 3. B. M. 27,2. --
115. Ebenso den Wert eines unreinen Tieres. 3. B. M.
17,11. -- 116. Ebenso den Wert seines Hauses. 3. B. M.
17,14. -- 117. ebenso seinen Acker. 3. B. M. 17,16. --
118. Weraus
Irrtum Jemanden betrog, muss ein Fünftel über den Ersatz
erstatten. 3. B. M. 5,16. -- 119. Dass die Pflanzen des
vierten Jahres dem Herrn heilig sein sollen. 3. B. M.
19,24. -- 120. Man soll den Armen die Winkel (Ecken) des
Feldes lassen. 3. B. M. 19,9. -- 121. Man soll die
Nachernte für die Armen lassen. 3. B. M. 19,9. -- 122.
Man soll die vergessenen Garben nicht wider nehmen. 5.
B. M. 14,19. -- 123. Man soll die kleinen Weintrauben,
welche im Weinberg unter den Blättern blieben, hängen
lassen (für die Armen). 3. B. M. 19,10. -- 124. Man soll
auch die einzelnen Beeren nicht wieder ablesen, denn von
allen diesen heißt es in der Schrift: Den Armen und
Fremdlingen sollst du es lassen. 3. B. M. 19,10. -- 125.
Man soll die Erstlinge von der ersten Frucht in den
Tempel bringen. -- 126. Dass man die große Hebe
absondere und dem Priester geben müsse. 5. B. M. 18,4.
-- 127. Dass man den Zehnten von der Frucht den Leviten
gebe. 4. B. M. 18,21. -- 128. Der zweite Zehnte soll
abgesondert und in Jerusalem von den Eigentümern
verzehrt werden. 5. B. M. 15,2, durch die Tradition ist
dies noch besonders gelehrt worden. -- 129. Dass die
Leviten von ihrem Zehnten wieder den Zehnten den
Priestern geben müssen. 4. B. M. 18,26. -- 130. Dass der
Zehnte für die Armen abgesondert werden müsse, statt der
zweite Zehnte im dritten und sechsten Jahre. 5. B. M.
14,28. -- 131. Dass man bei dem Zehntengeben das
Sündenbekenntnis ablegen müsse. 5. B. M. 26,13. -- 132.
Dass gelesen werden müsse (im Gesetz) beim Darlegen der
Erstlinge der Früchte. 5. B. M. 26,5. -- 133. Dass man
von jedem Teig einen Kuchen für den Priester absondern
müsse. 4. B. M. 15,20. -- 134. Dass man jedes Feld im
siebenten Erlassjahre brach liegen lassen müsse, und
Alles, was von selbst wächst (für die Armen) preisgebe.
2. B. M. 23,11. -- 135. Dass man im siebenten
Erlassjahre das Feld nicht pflügen und bearbeiten solle.
2. B. M. 14,21. -- 136. Dass das Jubeljahr - alle
fünfzig Jahre - geheiligt werde durch Ruhe und
Unterlassung der Arbeit. 3. B. M. 25,10. -- 137. Dass
man im Jubeljahre mit den Trompeten blase. 3. B. M.
25,9. -- 138. Dass man das Feld im siebenten Jahre löse,
d.h. den ersten Eigentümer zurückgeben müsse. 3. B. M.
25,34. -- 139. Dass der Verkäufer eines Hauses in einer
befestigten Stadt ein ganzes Jahr lang ein solches
wieder zurückfordern könne. 3. B. M. 25,29. -- 140. Dass
alle siebenmal sieben Jahre, das darauf folgende Jahr
(das fünfzigste) ein Jubeljahr sei. 3. B. M. 25,8. --
141. Dass man in jedem siebenten Erlaßjahr alle Schulden
erlasse. 5. B. M. 25, 2, 3. -- 142. Dass man wohl von
einem Fremden (Nichtjuden) die Schuld eintreiben könne,
aber nicht von einem Nächsten (Juden). 5. B. M. 15,3. --
143. Dass man dem Priester von den Opfertieren den Bug,
die Kinnbacke und den Magen geben müsse. 5. B. M. 18,3.
-- 144. Dass dem Priester die Erstlinge von der
Schafschur geben müsse. 5. B. M. 18,4. -- 145. Von allen
verbannten Gütern soll Etwas G‘tt und Etwas den
Priestern gehören. 3. B. M. 27,28. -- 146. Dass alles
Vieh und Geflügel ordentlich geschlachtet werden müsse,
um das Fleisch essen zu dürfen. 5. B. M. 12,21. -- 147.
Das Blut der Tiere und der Vögel müsse zugedeckt werden.
3. B. M. 17,13. -- 148. Dass man aus einem Vogelnest
nicht die Mutter samt den Jungen nehmen dürfe, sondern
die Erstere wegschicken müsse. 5. B. M. 22,7. -- 149.
Dass man die Zeichen der reinen Tiere gehörig
untersuchen müsse. 3. B. M. 9,2. -- 150. Ebenso die
Zeichen der reinen Vögel. 5. B. M. 14,11. -- 151 Ebenso
die der reinen Heuschrecken. 3. B. M. 11,21. -- 152.
Ebenso bei den Fischen. 3. B. M. 11,9. -- 153. Dass die
ersten Tage der Monate geheiligt werden, und dass das
hohe Gericht (Sanhedrin) allein die Monate und Jahre
berechne. 2. B. M. 12,2. -- 154. Dass man am Shabbath
ruhe. 2. B. M. 23,12. -- 155. Dass man den Shabbath
heilige. 2. B. M. 20,8. -- 156. Dass man am Vorabend des
Pessachfestes allen Sauerteig aus den Häusern
wegschaffe. 2. B. M. 12,15. -- 157. Dass man am ersten
Pessachabend die Geschichte des Auszugs aus Mizrajim
seinen Kindern erzählen müsse. 2. B. M. 13,8. -- 158.
Dass man diesen Abend ungesäuertes Brot essen müsse
(sowie den folgenden Tagen des Festes). 2. B. M. 12,18.
-- 159. Dass man den ersten Pessachtag ruhen müsse. 2.
B. M. 12,16. - 160. Ebenso am siebenten Tage des
Pessachfestes. 2. B. M. 12,16. -- 161. Dass man von der
Ernte an 49 Tagen zählen solle. 3. B. M. 23,15. -- 162.
Dass man am 50. Tage ruhen solle. 3. B. M. 23,21. (Schawuoth)
-- 163. Dass man am ersten Tage des siebenten Monats
ruhen soll. (Rosch Haschanah) -- 164. Dass man am
zehnten Tage desselben Monats sich peinigen müsse. 3. B.
M. 16,29. -- 165. Dass man an diesem Festtage ruhen
müsse. 3. B. M. 23,32. -- 166. Dass man am ersten Tag
von Sukkoth ruhen müsse. 3. B. M. 23,25. -- 167. Ebenso
am achten Tage desselben Festes. 3. B. M. 23,36.
-- 168. Dass man an diesem Feste sieben Tage in
Laubhütten wohne. 3. B. M. 23,42. -- 169. Dass man den
ersten Tag dieses Festes einen Lulaw (Palmzweig) trage.
3. B. M. 23,40. -- 170. Dass man am ersten Tage des
Rosch Haschanah die Stimme des Schofar (Horns) hören
solle. 3. B. M. 29,1. -- 171. Dass jeder Jisraelite alle
Jahre einen Schekel Kopfgeld im Tempel geben müsse. 2.
B. M. 30,13. -- 172. Dass man jeden Propheten seines
Zeitalters gehorchen müsse, wenn er nämlich das Gesetz
unverändert läßt. 5. B. M. 28,15. -- 173. Dass Jisrael
einen König über sich setzen solle. 5. B. M. 27,15. --
174. Dass man dem großen Rat (Sanhedrin) gehorchen
müsse. 5. B. M. 17,11. -- 175. Dass beim Gericht jede
Sache nach der
Mehrheit der Stimmen entschieden werde. 2. B. M. 23,2.
-- 176. Dass man Richter und Büttel in jeder Gemeinde
Jisraels setzen solle. 5. B. M. 16,18. -- 177. Dass
beim Gericht kein unterschied, Vorzug, hinsichtlichs der
streitenden Personen stattfinden darf. 3. B. M. 19,15.
-- 178. Dass man seinem Nächsten vor dem Gericht zeugen
müsse, wenn man es wahrhaft kann. 3. B. M. 5,1. -- 179.
Dass das Gericht die Zeugen gehörig ausforsche, um zu
sehen, ob sie war zeugen. 5. B. M. 13,14. - 180. Man
soll die falschen Zeugen mit eben der Strafe belegen,
die sie ihrem Nächsten durch ihr falsches Zeugnis
verursachen wollten. 5. B. M. 19,19. -- 181. Dass man
der jungen Kuh das Genick brechen soll (wenn Jemand
unversehens einen Totschlag begangen hat). 5. B. M.
21,4. -- 182. Dass man sechs Freistädte errichte. 5. B.
M. 19,3. -- 183. Dass man den Leviten Städte zum
Bewohnen geben müsse, und dass diese Städte auch
Schutzörter sein sollen. 5. B. M. 35,2. -- 184. Dass man
um die Dächer Geländer machen müsse. 5. B. M. 22,8. --
185. Dass man diejenigen ausrotten müsse, welche
Abgötterei mit den Sternen und den Planeten treiben. 5.
B. M. 14,2. -- 186. Dass diejenigen Jisraeliten, die
sich verleiten ließen, zur Abgötterei überzugehen,
getötet und ihre Städte verbrannt werden sollen. 5. B.
M. 13,16. -- 187. Dass man die bekannten sieben Völker
im Lande Jisrael ausrotte. 5. B. M. 20,17. -- 188. Dass
man den Samen von Amalek ausrotte. 5. B. M. 25,19. --
189. Dass man jederzeit in Erinnerung behalte, was
Amalek an Jisrael tat. 5. B. M. 25,17. -- 190. Dass man
Krieg führe nach dem vorgeschriebenen Gesetz. 5. B. M.
20,10. -- 191. Dass man den Priester zum Krieg salbe. 5.
B. M. 20,2. -- 192. Dass man einen Ort außerhalb des
Lagers bezeichne, um Notbedürfnisse zu verrichten. 5. B.
M. 23,12. -- 193. Außer den Waffen eine kleine Schaufel
noch zu haben, um mit derselben die Ausleerungen zu
bedecken. 5. B. M. 12,10. -- 194. Den Raub wieder
zurückzugeben. 3. B. M. 6,4. -- 195. Almosen zu geben.
3. B. M. 15,8-11. -- 196. Einen jüdischen Knecht wohl zu
belohnen, ebenso eine jüdische Magd. 5. B. M. 15,14. --
197. Dass man dem Armen Geld leihen soll, 2. B. M.
22,25, das Wort Im, bedeutet nicht ein Wille, sondern
Gebot nach 5. B. M. 15,8. -- 198. Dass man dem Fremden,
der Abgötterei treibt, auf Wucher leihen soll, 5. B. M.
23,20. 199. Dass man das Pfand seinem Eigentümer
zurückgeben soll. 5. B. M. 24,13. -- 200. Dass man dem
Taglöhner seinen Taglohn zu rechter Zeit geben soll. 5.
B. M. 24,15. -- 201. Dass man den Arbeiter im Weinberg
von der Frucht essen lasse während der Zeit wenn er
arbeitet. 5. B. M. 23, 24, 25. -- 202. Dass man dem Vieh
des Nächsten, das unter der Last fällt, aufhelfen solle.
2. B. M. 23,5. -- 203. Dass man dem Nächsten helfe, die
heruntergefallene Last von seinem Vieh wieder
aufzuladen. 5. B. M. 22,4. -- 204. Dass man eine
verlorene Sache dem Verlustträger zurückgeben soll. 5.
B. M. 22,1. -- 205. Dass man den sündigen Nächsten
zurechtweise, ermahne. 3. B. M. 19,17. -- 206. Dass man
alle seine Bundesgenossen lieben soll. 3. B. M. 19,18.
-- 207. Dass man den Fremden lieben soll. 5. B. M.
10,19. -- 208. Dass man eine richtige Waage und ein
richtiges Gewicht führen soll. 3. B. M. 19,36. -- 209.
Dass man die Weisen ehren soll. 3. B. M. 19,32. -- 210.
Dass man Vater und Mutter ehren soll. 2. B. M. 20,12. --
211. Dass man sich vor ihnen fürchten soll. 3. B. M.
19,3. -- 212. Dass man fruchtbar sei und sich mehre. 1.
B. M. 1,18. -- 213. Dass man sich verheirate mit
vorhergehendem Eheverlöbnis. 5. B. M. 24,1. -- 214. Dass
der Mann sich mit seiner jungen Frau im ersten Jahre
seiner Verheiratung freue, frei sei vom Kriege und von
allen öffentlichen Geschäften. 5. B. M. 24,5. -- 215.
Dass man die Söhne am achten Tage nach der Geburt
beschneide. 3. B. M. 12,3. -- 216. Dass man die Witwe
des ohne Kinder verstorbenen Bruders heiraten müsse. 5.
B. M. 5,5. -- 217. Dass man besagter Witwe Chalizah
(Schuhausziehen) gebe, wenn man sie nicht heiratet. 5.
B. M. 25,9. -- 218. Dass man eine Jungfrau, welche man
genotzüchtigt hat, heiraten müsse. 5. B. M. 22,29. --
219. Und diese Frau muss er Zeit seines Lebens behalten,
er kann ihr niemals den Scheidebrief geben. 5. B. M.
22,19. -- 220. Wer eine Jungfrau beredet, und wohnt ihr
bei, und der Vater will sie ihm nicht zur Frau geben,
der muss dem Vater 50 Schekel zahlen nebst den anderen
kosten. 2. B. M. 22,16. -- 221. Mit einer schönen Frau,
welche man im Krieg gefangen hat verfahre man nach der
Vorschrift des Gesetzes. 5. B. M. 21,11. -- 222. Dass
die Ehescheidung mittelst eines Scheidebrief geschehen
müsse. 5. B. M. 24,1. -- 223. Mit einer Ehebrecherin
verfahre man nach dem Gesetz. 4. B. M. 5,30. -- 224. Den
G‘ttlosen soll man mit Schlägen (39) züchtigen. 5. B. M.
25,2. -- 225. Dass man einen, der unversehens einen
Todschlag beging, in das Exil verweise (in einen der
Schutzörter), siehe Gebot 182. 4. B. M. 35,25. -- 226.
Das Gericht kann durch das Schwert richten lassen. 2. B.
M. 21,20. -- 227. Auch durch den Strang. 3. B. M. 20,10.
-- 228. Auch durch Feuer. -- 3. B. M. 20,14. -- 229.
Auch durch Steinigen. 5. B. M. 22,24. -- 230. Auch durch
Hängen. 5. B. M. 21,22. -- 231. Der Getötete muss
denselben Tag noch begraben werden. 5. B. M. 21,23. --
232. Dass man einen hebräischen Knecht nach dem Gesetz
richte. 2. B. M. 21,2. -- 233. Dass Jemand eine gekaufte
hebräische Magd heiraten soll. 2. B. M. 21,8. -- 234.
Wenn sie ihm nicht gefällt, so soll er sie freigeben. 2.
B. M. 21,8. -- 235. Dass ein kananäischer Knecht ewig
dienen müsse. 3. B. M. 25,46. -- 236. Ein
Verwunder muss Geldstrafe zahlen. 2. B. M. 21,18. --
237. Dass der Eigentümer eines Viehs, welches Schaden
verursacht hat, solchen ersetzten müsse. 2. B. M. 21,35.
-- 238. Dass derjenige, der Schaden durch eine ihm
gehörige Grube verursacht hat, solche ersetzen müsse. 2.
B. M. 21,35. -- 239. Ein Dieb muss entweder bezahlen
oder den Umständen nach muss er auch getötet werden. 2.
B. M. 21, 1, 2, 16. -- 240. Wenn Jemand des Nächsten
Acker durch sein Vieh beschädigen lässt, so muss das
Gericht darüber urteilen. 2. B. M. 22,5. -- 241. Dass
das Gericht über Feuerschaden urteilen müsse. 2. B. M.
22,6. -- 242. Ebenfalls soll man urteilen, wenn ein
unbelohnter Verwahrer einer Sache dieselbe
vernachlässigt hat und dadurch Schaden verursacht. 2. B.
M. 22,7. -- 243. Ebenfalls bei einem belohnten Verwahrer
einer Sache. 2. B. M. 22,10. -- 244. Desgleichen bei
einem Leiher einer Sache. 2. B. M. 22,14. -- 245. Dass
das Gericht über kaufen und verkaufen Recht sprechen
müsse. 3. B. M. 25,14. -- 246. Ebenfalls über den Kläger
und Beklagten. 2. B. M. 22,9. -- 247. Dass man einen
Verfolgten retten müsse, selbst auf kosten des Lebens
des Verfolgers. 5. B. M. 25,12. -- 248. Dass man über
Erbschaft Recht sprechen müsse. 5. B. M. 27,8.
1. Dass man an keinem
anderen G‘tt außer dem Ewigen unserem G‘tt glauben soll.
2. B. M. 20,3. -- 2. Dass man weder selbst, noch durch
Andere Bildnisse desselben machen lasse. 2. B. M. 20,4.
-- 3. Dass man nicht Sternen- und Planetendienst treibe,
auch nicht Anderen zu Gefallen. 2. B. M. 34,17. -- 4.
Dass man (auch nicht zur Zierde) Bilder den Cuthäern
(Heiden) mache, obgleich sie dieselben nicht verehren.
2. B. M. 20,23. -- 5. Dass man sich nicht bücke, den
Sternen und Planeten zu dienen, wenn auch dieser
Sternendienst nicht im Bücken bestände. 2. B. M. 20,5.
-- 6. Dass man nicht solchen Sachen diene, welche zu den
Sternen und Planeten gehören. 2. B. M. 20,5. -- 7. Dass
Niemand seinen Sohn (oder Tochter) dem Moloch (durch das
Feuer) gehen lasse. 3. B. M. 18,21. -- 8. Dass man kein
Werk Obh (d.i. Wahrsagerei) treibe. 3. B. M. 19,31. --
9. Dass man nicht das Werk Jidoni treibe (d.i.
Zeichendeutung). 3. B. M. 19,31. -- 10. Dass man nicht
Sternen- und Planetendienst schaue. 3. B. M. 19,4. --
11. Dass man keine Säule (Astarte) aufrichte. 5. B. M.
16,22. -- 12. Dass man keinen Bildnissen (d.i. gemalten
Stein) aufrichte. 3. B. M. 26,1. -- 13. Dass man keinen
Baum pflanze in dem Tempel. 5. B. M. 16,21. -- 14. Dass
man nicht bei Sternen und Planeten (d.i. bei falschen
Göttern) schwören oder veranlassen, dass die Abgötter
selbst dabei schwören. 2. B. M. 23,13. -- 15. Dass
Niemand die Kinder jisraels zum Sternen- und
Planetendienst verleite. 2. B. M. 23,13. -- 16. Dass
Niemand einen Anderen zum Götzendienst zwinge. 5. B. M.
13,11. -- 17. Dass man keinen Betrüger liebe. 5. B. M.
13,8. -- 18. Dass man nicht aufhöre, einen Betrüger zu
hassen. 5. B. M. 13,8.– 19. Dass man einen
Betrüger nicht befreie (wenn er in Gefahr ist), sondern
demselben vielmehr zum Tode helfe. 5. B. M. 13,8. – 20.
Das der Betrogene nicht die Sache des Betrügers
verteidige. 5. B. M. 13,8. – 21. Dass der Betrogene die
Schuld des Betrügers (d.i. dessen Betrug) nicht
verschweige, wenn er Kenntnis davon hat 5. B. M. 13,8. –
22. Dass Niemand derjenigen Sache sich bediene, mit
welchen die Götzen geziert und bekleidet werden. 5. B.
M. 7,25. – 23. Dass eine abgöttische Stadt nicht wieder
gebaut werde (wenn sie einmal zerstört worden ist, wie
es das Gesetz gebiete). 5. B. M. 13,16. – 24. Dass man
nicht den Raub von einer abgöttischen Stadt gebrauche.
5. B. M. 13,17. – 25. Dass man sich weder derjenigen
Sachen bediene, welche zum Götzendienst gehören, noch
dieselben gebrauche; auch keine Geschenke annehme, auch
keinen Wein, welcher ihm geweiht ist. 5. B. M. 7,26. –
26. Dass Niemand durch ihren Namen (nämlich der
Abgötter) weissage. 5. B. M. 18,20. – 27. ‚Dass Niemand
falsch prophezeie. 5. B. M. 18,20. – 28. Dass Niemand
den anhöre, welcher in der Abgötter Namen prophezeit. 5.
B. M. 13,3. – 29. Dass Niemand abwehre, wenn ein
falscher Prophet getötet wird und man sich nicht
fürchte, denselben zu töten. 5. B. M. 18,22. – 30. Dass
Niemand in den Sitten der Abgötter und in ihren
Gebräuchen wandle. 3. B. M. 20,23. – 31. Dass Niemand
sich aufs Weissagen verlege. 5. B. M. 18,10. – 32. Dass
Niemand zaubere. 3. B. M. 19,26. – 33. Dass Niemand Tage
wähle. 3. B. M. 19,26. – 34. Dass Niemand magische
Künste treibe. – 35. Dass Niemand Geister beschwöre. 5.
B. M. 18.11. – 36. Dass Niemand das Orakel (Obh)
befrage. 5. B. M.18,11. – 37. Dass Niemand das Orakel (Jidoni)
befrage. 5. B. M.18,11. – 38. Dass Niemand im Traum die
Toten frage. 5. B. M.18,11. – 39. Dass ein Weib keine
Männerkleidung trage. 5. B. M. 22,5. – 40. Dass ein Mann
nicht Weiberkleider trage. 5. B. M.22,5. – 41. Dass
niemand etwas an seinem Leibe schreibe (ätze, einbeize),
wie Diejenigen, welche den Sternen und Planeten diene.
3. B. M. 19,28. – 42. Dass niemand sich kleide mit
Zweierlei (Leinen und wolle in einem und demselben Zeuge
gewebt). 5. B. M. 22,11 – 43. Dass Niemand sein Haupt
rundum abschere, wie die abgöttischen Priester tun. 3.
B. M. 19,27. – 44. Dass niemand seinen Bart verderbe,
wie die abgöttischen Priester tun. 3. B. M. 19,27. – 45.
Dass sich Niemand (ein Mal, Zeichen) einschneide oder
ritze, wie die Abgötter. 5. B. M. 14,1. – 46. Dass man
nicht nach Ägypten wieder zurückkehre, um daselbst zu
wohnen. 5. B. M. 17,16. – 47. Dass Niemand den Lüsten
seines Herzens und seiner Augen nachwandle. 4. B. M.
15,39. – 48. Dass man kein Bündnis mache mit den sieben
Völkern. 5. B. M. 20,16. – 49. Dass man nicht Einen aus
den sieben Völkern leben lasse. 5. B. M. 24,6. – 50. Du
sollst keine Barmherzigkeit haben mit den
Abgöttertreibenden. 5. B. M. 7,2. – 51. Dass man die
Abgöttischen nicht wohnen lasse im Lande. 2. B. M.
23,33. – 52. Dass man sich nicht verschwägere mit den
Abgöttern. 5. B. M. 7,3. – 53. Dass eine israelitische
Tochter niemals einen Amoniter oder einen Moabiter
heirate. 5. B. M. 23,33. – 54. Nach dem dritten
Geschlecht soll man einen Edomiter aus der Gemeinde
nicht entfernen. 5. B. M. 23,7. – 55. Dass man die
Ägypter nur bis zum dritten Geschlecht aus der Gemeinde
schaffe. – 56. Dass man zur Zeit des Krieges den
Amonitern und Moabitern nicht, wie anderen Völkern,
Frieden anbiete. 5. B. M. 23,7. – 57. Dass man zur
Kriegszeit nicht fruchtbare Bäume verderbe. 5. B. M.
20,19.-- 58.
Dass sich die Soldaten nicht fürchten, auch nicht vor
ihren Feinden im Kriege. 5. B. M. 2,3; 7,21; 3,22. – 59.
Dass wir nicht vergessen des Bösen, das uns Amalek getan
hat. 5. B. M.25,19. – 60. Dass wir uns bestreben sollen,
G’tt zu loben. 2. B. M. 22,28. – 61. Dass Niemand einen
unbesonnenen Eid tue. 3. B. M. 19,12. – 62. Dass Niemand
vergeblich schwöre. 2. B. M. 20,7. – 63. Du sollst den
Namen des Hochgelobten G’ttes nicht vergeblich führen
(entweihen). – 64. Du sollst den Herrn nicht versuchen.
5. B. M. 6,16. – 65. Dass Niemand das Heiligtum
(Tempel), die Synagoge, die Lehrschule verderbe; auch
soll Niemand Heilige Namen G’ttes auslöschen oder
heilige Schriften verderben. 5. B. M.12, 2, 4. – 66.
Dass der Gehenkte nicht über Nacht am Galgen bleibe. 5.
B. M. 21,23. – 67. Dass man nicht aufhöre, den Tempel zu
bewachen. – 68. Dass der Priester nicht zu aller Zeit in
den Tempel gehe. 3. B. M. 16,12. – 69. Dass kein
Fehlerhafter am Körper zum Altar und weiter in den
Tempel hineingehe. 3. B. M. 21,23. – 70. Dass kein
Fehlerhafter im Tempel diene. 3. B. M. 21,17. – 71. Dass
kein Fehlerhafter auch nur auf eine kurze Zeit im Tempel
diene. 3. B. M. 21,21. – 72. Dass die Leviten nicht das
amt der Priester verrichten sollen und umgekehrt. 3. B.
M. 28,3. – 73. Wer wein getrunken hat, darf nicht in den
Tempelgehen, auch nicht das Gesetz lehren. 3. B. M. 10,
9, 11. – 74. Kein Fremder darf im Tempel dienen. 4. B.
M. 28,4. – 75. Kein unreiner Priester darf aufwarten im
Tempel. 3. B. M. 22,2. – 76. Auch kein Priester, der
denselben Tag, wenn es Abend ist, sich wegen
Unreinigkeit waschen muss. 3. B. M. 22,2. – 77. Kein
unreiner Priester darf in den Vorhof des Tempels gehen.
4. B. M. 5,3. – 78. Dass kein Unreiner in das Lager der
Leviten gehe. 5. B. M. 23,10. – 79. Dass man den Altar
nicht von zugehauenen Steinen bauen soll. 2. B. M.
20,25. – 80. Dass man nicht mittels Stufen auf den Altar
steifen darf. 5. B. M. 20,26. – 81. Dass man nicht
räuchern, noch Opfer bringen darf auf einem goldenen
altar. 2. B. M. 30,9. – 82. Dass man das Feuer auf dem
Altar nicht ausgehen (erlöschen) lassen darf . 3. B. M.
6,13. – 83. Dass man das Salböl recht mache nach dem
Gewicht. 2. B. M. 30,32. – 84. Dass sich kein Fremder
mit solchem Salböl salben dürfe. 2. B. M. 30,32. – 85.
Dass kein Privatmann sich das Rauchwerk machen soll, wie
es im Tempel erforderlich ist. 2. B. M. 30,37. – 86.
Dass man die Stangen aus der Bundeslade nicht
herausziehen dürfe. 2. B. M. 25,15. – 87. Dass der
Brustschild vom Leibrock (des Hohenpriesters) nicht
losgemacht werden darf. 2. B. M. 28,28. – 88. Das
Oberkleid (des Hohepriesters) darf nicht zerissen
werden. 2. B. M. 28,32. – 89. Dass man außerhalb des
Tempels nicht opfern darf. 5. B. M. 12,13. – 90. Dass
man auch die Opfer nicht außerhalb des Tempels
schlachten darf. 3. B. M. 17, 3, 4. – 91. Dass man keine
fehlerhaften Sachen auf den Altar bringen dürfe. 3. B.
M. 22,22. – 92. Dass fehlerhafte Opfer nicht
geschlachtet werden dürfen. 3. B. M. 22,22. – 93. Dass
das Blut unreiner Tiere nicht auf den altar gesprengt
werden darf. 3. B. M. 22,24. – 94. Dass man die
fehlerhaften Opferstücke nicht beräuchern dürfe. 3. B.
M. 22,22. – 95. Dass man kein Tier opfern dürfe, an
welchem auch nur ein zufälliger, vorübergehender Fehler
sich befindet. 5. B. M. 17,1. – 96. Man darf kein
fehlerhaftes Tier opfern, welches man von der Hand der
Heiden empfangen hat. 3. B. M. 22,25.-- 97. Man darf keinen
Fehler machen an einem Tier, welches zum Opfer bestimmt
ist. 3. B. M. 22,2. – 98. Man darf kein Gesäuertes oder
Honig opfern. 3. B. M. 2,11. – 99. Dass man nicht
Ungesalzenes opfere. 3. B. M. 2,13. – 100. Dass man
keinen Hurenlohn oder Hundegeld opfere. 5. B. M. 23,18.
– 101. Ein Tier mit seinen Jungen soll man nicht an
einem und demselben Tage schlachten. 3. B. M. 22,28. –
102. Dass man kein Olivenöl an ein Sündopfer tue. 3. B.
M. 5,11. – 103. Auch keinen Weihrauch darf man darauf
tun. 3. B. M. 5,11. – 104. Dass man kein Öl an das Opfer
einer Ehebrecherin tun dürfe. 4. B. M. 5,15. – 105. Auch
keinen Weihrauch. – 106. Dass die Opfertiere nicht
verwechselt werden dürfen. 3. B. M. 27,10. – 107. Dass
man ein für eine Sache bestimmtes Opfer nicht für eine
andere Sache verwenden dürfe. 3. B. M. 27,26. – 108.
Dass man die Erstgeburt des reinen Viehes nicht löse. 4.
B. M. 18,17. – 109. Dass man den Zehnten des Viehs nicht
verkaufen darf. 3. B. M. 27,33. – 110. Dass man einen
gebannten Acker nicht verkaufen darf. 3. B. M. 27,28. –
111. Denselben auch nicht einlösen dürfe. – 112. Dass
man das Haupt vom Versöhnungsvogel (Opfer) nicht
abschneiden dürfe. 3. B. M. 5,8. – 113. Dass man nicht
arbeite mit einem geheiligten Vieh. 5. B. M. 15,19. –
114. Dass man die heiligen Tiere nicht scheren dürfe. –
115. Dass man das Pessachlamm nicht schlachten dürfe, so
lange noch gesäuertes Brot im Hause sich befindet. 2. B.
M. 23,18. – 116. Dass nichts vom Pessachlamm aufbewahrt
bleibe und die Nacht über entheiligt werde. 2. B. M.
23,18. – 117. Dass nichts vom Fleische des Pessachlamms
übrig bleibe. 2. B. M. 12,10. – 118. Dass nichts von dem
Opfer des 14. Tages (am Vorabend vor Pessach, welcher im
Monat Nisan fällt) übrig bleibe bis auf den dritten Tag.
5. B. M. 16,4. (Nämlich bis den zweiten Tag von Pessach,
der dritte Tag, dass es geschlachtet worden, so will es
die Tradition.) – 119. Dass nichts vom Fleische des
anderen Pessachlamms (siehe 4. B. M. 9,12) übrig bleibe
bis den anderen Morgen. 4. B. M. 9,12. – 120. Dass man
nichts vom Schuldopferfleische und ebenso vom Fleische
aller anderen heiligen Opfer übrig lasse bis zum morgen.
3. B. M. 7, 15; 2. B. M. 12, 10. – 121. Dass man dem
Pessachlamm kein Bein zerbreche. 2. B. M. 12,46. - 122.
Dass man dem anderen Pessachlamm (wenn Jemand durch
Unreinigkeit oder durch eine lange Reise verhindert
ward, das Pessachlamm am 14. Tage des ersten Monats zu
essen, so muss er solches am 14. Tage des zweiten Monats
essen) auch kein Bein zerbrechen. 4. B. M. 9,12. – 123.
Dass man von dem Pessachlamm nichts aus der Gesellschaft
wegtrage. 2. B. M. 12,46. – 124. Dass die übrigen Opfer
nicht gesäuert werden dürfen. 3. B. M. 6,16. – 125. Dass
das Pessachlamm nicht roh oder gekocht, sondern gebraten
gegessen werden müsse. 2. B. M. 12,9. – 126. Dass das
Pessachlamm keinem Fremden Einwohner zu essen gegeben
werde. 2. B. M. 12,46. – 127. Dass kein Unbeschnitterner
das Pessachlamm esse. 2. B. M. 12,46. – 128. Dass das
Pessachlamm nicht zu essen gegeben werde einem
Abtrünnigen (Jisraeliten), der sich der Abgötterei
gewendet hat. 2. B. M. 12,43. – 129. Dass kein Unreiner
heilige Sachen esse. 3. B. M. 7,20. – 130. Dass man
heiliges Fleisch, welches unrein geworden, nicht essen
darf. 3. B. M. 7,12.-- 131. Dass man
dasjenige nicht esse, was vom Opfer übrig bleibt. 3. B.
M. 19,8. – 132. Dass man keine Sachen esse, die
verflucht, ein Gräuel ist. 3. B. M. 7,18 . – 133. Kein
Fremder soll vom heiligen Opfer essen. 3. B. M. 22,10. –
134. Dass kein Hausgenosse von den Priestern oder ein
Taglöhner vom Heiligen (darunter wird hier und in den
folgenden drei Verbote verstanden, was den Priestern als
Geschenk gegeben werden muss) esse. 3. B. M. 22,10. –
135. Dass kein Unbeschnitterner vom Heiligen esse. 2. B.
M. 12,48. (Hier ist eigentlich nur vom Pessachlamm die
Rede, aber die Talmudisten haben dieses Verbot auf alles
angewendet, was nur irgend eine Heiligkeit hat.) – 136.
Dass kein unreiner Priester vom Heiligen esse. 3. B. M.
12,4. – 137. Dass kein Entheiligter (d.i. eines
Priesters Tochter, welche einen Fremden geheiratet hat)
vom heiligen Opfer esse, werde von der Brust, noch von
dem Schenkel. 3. B. M. 22,12. – 138. Dass man ein
Speiseopfer eines Priesters nicht esse, sondern ganz
verbrenne. 3. B. M. 6,23. – 139. Dass das Fleisch eines
Versöhnungsopfers, dessen Blut ins Stiftszelt gebracht
wurde, um ein Heiligtum zu sühnen, nicht gegessen werde.
3. B. M. 6,23. – 140. Dass die absichtlich fehlerhaft
gemachten Opfer nicht gegessen werden dürfen. – 141.
Dass der zweite Zehent vom Getreide nicht außer
Jerusalem gegessen werden darf. – 142. Ebenso der zweite
Zehent vom Most. – 143. Ebensowenig der zweite Zehent
vom Öl. (5. B. M. 12,17. Für alle drei Verbote.) – 144.
Dass man eine fehlerhafte Erstgeburt (vom Vieh) nicht
außer Jerusalem esse. 5. B. M. 12,17. – 145. Dass die
Priester kein Versöhnungs- und Schuldopfer außer dem
Vorhof des Tempels essen. 5. B. M. 12,17. – 146. Dass
man das Fleisch des Brandopfers nicht esse. – 147. Dass
man vor dem Blutsprengen, selbst der geringeren Opfer,
deren Fleisch nicht essen dürfe. 5. B. M. 12,17. – 148.
Dass kein Fremder heiliges Fleisch essen dürfe. 2. B. M.
29,33. – 149. Dass der Priester die Erstlinge nicht
essen dürfe, bevor er solche in den Tempel gebracht hat.
5. B. M. 12,17. – 150. Dass man den zweiten Zehenten
nicht esse in Unreinigkeit, selbst in Jerusalem nicht,
bis sie gehoben ist. 5. B. M. 26,14. – 151. Dass man den
zweiten Zehenten nicht in Traurigkeit esse. 5. B. M.
12,14. – 152. Dass man von dem zweiten Zehenten nicht
etwas vertausche gegen etwas, was nicht gegessen wird.
5. B. M. 26,14. – 153. Dass man keine unverzehente
Speise essen dürfe. (alles, was aus der Erde seine
Nahrung hat, musste verzehentet werden.) 3. B. M. 22,15.
– 154. Dass man alles nach der Ordnung gebe, nämlich
zuerst muss man die Erstlinge, dann das große Opfer für
den Priester, dann den ersten und endlich den zweiten
Zehenten geben. 2. B. M. 22,29. – 155. Dass man die
Gelübde und freiwilligen Opfer nicht verspäte. 5. B. M.
23,21. – 156. Dass Niemand nach Jerusalem hinaufziehe
ohne Opfer. 2. B. M. 23,15. – 157. Dass Niemand
übertrete die Worte, durch welche er sich selbst etwas
verboten hat. 4. B. M. 30,3. – 158. Dass kein Priester
eine Hure zur Frau nehme; -- 159. auch keine
Geschwächte; -- 160. auch keine Vertriebene (von ihrem
Manne). 3. B. M. 21,7. Fürr alle drei Verbote. – 161.
Dass der Oberpriester auch keine Witwe heiraten darf. 3.
B. M. 21,14. – 162. Dass der Oberpriester auch keine
Witwe ohne Verlobung beschwägern darf. 3. B. M. 21,15. –
163. Dass der Priester ins Heiligtum mit entblößtem
Haupte gehen muss. 3. B. M. 10,6. – 164. Dass der
Priester nicht mit zerrissenen Kleidern ins Heiligtum
gehen darf. 3. B. M. 10,6.-- 165. Dass der
Priester während des Dienstes nicht aus dem Tempel gehen
darf. 3. B. M. 10,7. – 166. Dass kein Priester sich
wegen toter, die nicht seine angehörigen sind,
verunreinigen darf. 3. B. M. 21,1. – 167. Dass ein
Oberpriester sich auch wegen seiner verstorbenen Eltern
nicht verunreinigen darf 3. B. M. 21,11. – 168. Dass
derselbe nicht hingehe, wo ein toter sich befindet. 3.
B. M. 21,11. – 169. Dass der stamm Levi keinen Teil im
heiligen Lande nehme. 5. B. M. 18,2. – 170. Dass
derselbe auch keinen Teil an dem Raube bei der Einnahme
des gelobten Landes haben soll. 5. B. M. 18,1. – 171.
Dass man sich wegen eines Toten keine Glatze machen
(kahl scheren) lassen darf. 5. B. M. 14,1. – 172. Dass
man kein unreines Tier esse. 3. B. M. 11,4. – 173. Auch
keinen unreinen Fisch. 3. B. M. 11,11. – 174. auch
keinen unreinen Vogel. . B. M. 11,13. – 175. Auch kein
fliegendes Insekt. 5. B. M. 14,19. – 176. Auch kein
kriechendes Tier. 3. B. M. 11,44. – 177. Auch kein
kriechendes Gewürm. – 178. Auch keine Würmer, welche
sich in Früchten befinden. 3. B. M. 11,42. – 179. Auch
keine kriechenden Tiere, welche sich im Wasser befinden.
3. B. M. 11,43. – 180. Auch kein getötetes, nicht
ordentlich geschächtetes, von selbst gestorbenes Vieh.
5. B. M. 14,21. – 181. Auch kein zerrissenes Vieh. 2. B.
M. 22,31. – 182. Dass man kein Glied von einem noch
lebenden Tiere essen darf. 5. B. M. 22,23. – 183. Dass
man die Spannader nicht essen darf. 1. B. M. 32,32. –
184. Dass man kein blut esse. 3. B. M. 7,26. – 185. Dass
man kein Fett vom Ochsen oder von einer Kuh u.s.w. esse,
von allen reinen Tieren nicht, welche zum Opfer gerecht
sind. (Jetzt auch solches Fett nicht, welches sich an
gewissen Stellen des Viehs befindet) 3. B. M. 7,23. –
186. Dass man kein Fleisch mit der Milch koche. 2. B. M.
23,19 und 2. B. M. 34,26. – 187. Dass man kein Fleisch
mit Milch esse. Derselbe Vers. Aber im 5. B. M. 14,21. –
188. Dass man nicht das Fleisch eines gesteinigten
Ochsen esse. 2. B. M. 21,18. – 189. Dass man vor Pessach
kein Brot von der neuen Frucht esse. 3. B. M. 23,14. –
190. Dass man keinen gerösteten Weizen von der neuen
Frucht esse. – 191. Dass man keine Ähren von einer neuen
Frucht esse. – 192. Dass man keine Vorhaut (Frucht von
jungen Bäumen) esse, bevor solche drei Jahre alt sind.
3. B. M. 19,23.
-- 193. Man darf nicht essen Früchte zweierlei Samens,
welche in einem Weinberg gesät wurden 5. B. M. 22,9. –
194. Dass man keinen Abgötterwein trinke. 5. B. M.
22,38. – 195. Dass man nicht esse und trinke, wie
Fresser und Säufer. 5. B. M. 21,20. – 196. Dass man am
Jom Kippur faste. 3. B. M. 23,29. – 197. Dass man kein
Gesäuertes am Pessachfest essen dürfe. 2. B. M. 13,3. –
198. Auch nicht eine Vermischung von Gesäuertem. 2. B.
M. 12,20. – 199. Am Vorabend des Pessachfestes darf man
nach der sechsten Stunde des Tages kein Gesäuertes mehr
essen. 5. B. M. 16,3. – 200. Es darf auch kein Sauerteig
während der Dauer des Pessachfetes sich in den Häusern
befinden. 2. B. M. 13,7. – 201. Auch durchaus nichts
Gesäuertes. 2. B. M. 12,19. – 202. Dass kein Nasiräer
Etwas genieße, was mit Wein vermischt ist oder einen
Weingeschmack hat. 4. B. M. 6,3. – 203. Auch keine
frischen Trauben. – 204. Auch keine trockenen Trauben. –
205. Auch keine Weinkörner essen. – 206. Auch keine
Hülsen von Trauben. – 207. Auch sich an keinem Toten
verunreinigen. 4. B. M. 6,7. – 208. In kein Totenhaus
gehe. 4. B. M. 6,6; 3. B. M. 21 ,2 11. – 209. Sein Haar
nicht schere. 4. B. M. 6,5. – 210. Dass man nicht alles
Getreide am Felde abschneide. 3. B. M. 19,9. – 211. Dass
man die gefallenen Ähren nicht aufsammle. 4. B. M. 19,9.
– 212. Dass man die Weintrauben, welche abgefallen oder
am Stock unter den Blättern sitzen blieben, nicht
auflesen darf. 3. B. M. 18,10. – 213. Dass man auch die
abgefallenen Weinbeeren nicht auflese. – 214. Dass man
nicht zurückgehe, um vergessene Garben zu holen, auch
die Ältesten der Bäume nicht nachschütteln. 5. B. M. 20,
19, 20. – 215. Dass man nicht zweierlei Samen zugleich
säe. 3. B. M. 19,19. – 216. Dass man im Weinberg kein
Getreide oder keine Kräuter säe. 5. B. M. 22,9. – 217.
Dass man kein Tier sich vermischen lasse mit einem Tiere
anderer Gattung. 3. B. M. 19,19. – 218. Dass man keine
Arbeit tun lasse durch Tiere verschiedener Gattung. 5.
B. M. 22,10. – 219. Man soll des Tieres Maul nicht
verstopfen, dass es von dem esse, woran es arbeitet,
z.B. während des Dreschens. 5. B. M. 25,4. – 220. Dass
man das Feld nicht bearbeite im siebenten Jahre. 3. B.
M. 25,4. – 221. Auch die Bäume nicht. – 222. Dass man
das selbst Gewachsene im siebenten Jahre nicht
abschneide. 3. B. M. 15,5. – 223. auch die Baumfrüchte
nicht. 3. B. M. 25,11. – 224. Dass man weder Feld, noch
Bäume bearbeite im Jubeljahre. 5. B. M. 25,11. – 225.
Dass man auch in einem solchen Jahre nicht abschneide,
was von selbst gewachsen ist. – 226. Auch von der
Baumfrucht nicht. – 227. Dass kein Feld in Israel auf
ewig verkauft werden darf. 3. B. M. 25,23. – 228. Dass
die Vorstädte und die Felder der Leviten nicht verändert
werden dürfen. 3. B. M. 25,34. – 229. Dass man die
Leviten nicht verlassen, sondern ihnen helfen soll. 5.
B. M. 12,19. – 230. Dass man keine Schuld einfordern
darf, sobald das siebente Erlassjahr herangekommen ist.
5. B. M. 15,2. – 231. Dass man wegen des herannahenden
siebenten Erlassjahres nicht unterlassen soll, dem Armen
zu leihen. 5. B. M. 15,9. – 232. Dass man nicht
unterlassen soll, dem Armen Geld zu leihen; wer ihm
leiht, der erfüllt ein Gebot, aber wer solches
unterlässt, der übertritt ein Verbot. 5. B. M. 15,7. –
233. Dass ein hebräischer Knecht nicht leer entlassen
werde. 5. B. M. 15,13.-- 234. Dass man die
Schuld vom Armen nicht einfordere, wenn man weiß, dass
er kein Geld hat. 2. B. M. 22,25. – 235. Dass man keinem
Israeliten Geld auf Zins gebe. 3. B. M. 25,37. – 236.
Dass man vom Geliehenen keinen Zins nehme. – 237. Dass
Niemand Unterhändler sei zwischen dem, der Zins nimmt,
und dem, der ihn gibt, auch kein Bürge oder Zeuge oder
Schreiber des Kontrakts bei diesem Geschäft sei. 3. B.
M. 23,15. – 238. Dass des Taglöhners Lohn nicht
zurückbehalten werde. 3. B. M. 19,3. – 239. Dass der
Gläubiger kein Pfand mit Gewalt nehmen soll. 5. B. M.
24,10. – 240. Dass man nicht vorenthalte das Pfand des
Armen, wenn er es bedarf. 5. B. M. 15,12. – 241. Dass
man kein Pfand von einer Witwe nehme. 5. B. M. 24,17. –
242. Dass man keine Gefäße pfände, welche man zur
Speisebereitung bedarf. 5. B. M. 24,6. – 243. Dass
Niemand einen Israeliten stehle. 2. B. M. 20,15. – 244.
Dass man kein Geld oder Geldeswert stehle. 3. B. M.
19,11. – 245. Dass Niemand raube. 3. B. M. 19,13. – 246.
Dass man die Grenze nicht verrücke. 5. B. M. 19,14. –
247. Dass man seinen Nächsten nicht unterdrücken soll.
3. B. M. 19,13. – 248. Dass Niemand Geld ableugne,
welches er seinem Nächsten schuldig ist. 3. B. M. 19,11.
– 249. Dass Niemand deshalb falsch schwöre. – 250. Dass
Niemand betrüge im Handel und Wandel. 3. B. M. 25,14. –
251. Dass Niemand auch nicht mit Worten betrüge. 3. B.
M. 25,17. – 252. Dass Niemand einen Fremden mit Worten
betrüge. 2. B. M. 22,21. – 253. Dass Niemand einen
Fremden im Handel und Wandel betrüge. 2. B. M. 22,21. –
254. Dass kein Knecht, der ins Land Israel flieht,
seinem Herrn, welcher außerhalb desselben wohnt,
ausgeliefert werde. 5. B. M. 23,15. – 255. Dass Niemand
einen solchen Knecht betrüge. 5. B. M. 23,36. – 256.
Dass Niemand Waisen und Witwen betrüge. 2. B. M. 22,22.
– 257. Dass Niemand einen hebräischen Knecht als
Leibeigenen gebrauche. 3. B. M. 25,39. – 258. Dass
Niemand einen solchen als Leibeigenen verkaufe. 3. B. M.
25,42. – 259. Dass man keine Arbeit von einem
hebräischen Knecht mit Gewalt erzwinge. 3. B. M. 25,46.
– 260. Dass man nicht zulasse, dass ein Kuthäer (Heide)
einen Dienst von einem hebräischen Knecht, der ihm
verkauft worden, mit Gewalt erzwinge. 3. B. M. 25,53. –
261. Dass keine hebräische Magd einem anderen verkauft
werde. 2. B. M. 21,8. – 262. Dass Niemand seiner
verheirateten Magd die Nahrung, Bekleidung und
Beiwohnung entziehe. 2. B. M. 21,10. – 263. Dass Niemand
ein schönes Weib 8welches er im Kriege gefangen hat) als
Magd verkaufe. 5. B. M. 21,14. – 264. Dass Niemand eine
schöne Frau als Magd gebrauche. – 265. Dass Niemand
seines Nächsten Weibes begehre. 2. B. M. 20,17. – 266.
Dass Niemand Etwas von seinem Nächsten begehre. 5. B. M.
5,21. – 267. Dass ein Taglöhner, so lange er im Felde
arbeitet, nicht von der Frucht der Erde esse, abreiße,
abpflücke. 5. B. M. 23,25. – 268. Dass der Taglöhner
nicht mehr nehme (von dem, was nicht mehr an der Erde
fest ist), als er essen kann. 5. B. M. 23,24. – 269.
Dass sich Niemand entziehe, die verlorene Sache seines
Nächsten ihm wieder zu verschaffen. 5. B. M. 22,3. –
270. Dass man das Tier seines Nächsten nicht unter der
Last liegen lasse. 5. B. M. 22,4. – 271. Dass Niemand
betrüge mit Maß und Gewicht, zu wenig messe oder wiege.
5. B. M. 19,35.
-- 272. Dass man nicht zweierlei Maß und Gewicht habe.
5. B. M. 25, 13, 14. – 273. Dass man das Recht nicht
verdrehe. 3. B. M. 19,15. – 274. Dass die Richter kein
Bestechungsgeld nehmen sollen. 2. B. M. 23,8. – 275.
Dass die Richter keine der beiden Parteien vorzugsweise
ehren. 3. B. M. 19,15. – 276. Dass kein Richter einen
bösen Menschen fürchten und deshalb ihm Recht geben
soll. 5. B. M. 1,17. – 277. Dass man sich des Armen
nicht erbarme beim Gericht. 2. B. M. 23,3. – 278. Dass
kein Richter das Recht eines Sünders deshalb verkehre.
2. B. M. 23,6. – 279. Dass man sich desjenigen nicht
erbarme, der den Tod verdient hat. 5. B. M. 19,13. –
280. Dass Niemand das Recht der Fremdlinge oder Waisen
verdrehe. 5. B. M. 24,17. – 281. Dass man nicht einen
von den Parteien abhören soll, wenn der andere nicht
auch gegenwärtig ist. 2. B. M. 23,1. – 282. Dass man
sich nicht im Gericht zu der Partei neige, die die
verdammt (zum Tode), weil sie in Wahrheit ist. 2. B. M.
23,2. – 283. Dass niemand den verdammt, welchen man
vorher im Gericht losgesprochen hat. 2. B. M. 23,2. –
284. Dass man Niemanden zum Richter erwähle, der nicht
im Gesetze gelehrt ist, obgleich er sonst in anderen
Wissenschaften erfahren sei. 5. B. M. 6,17. – 285. Dass
man nicht falsch zeuge. 2. B. M. 20,16. – 286. Dass kein
Gottloser zum Zeugen zuzulassen sei. 2. B. M. 23,1. –
287. Auch kein Blutsfreund. 5. B. M. 24,16. – 288. Dass
die aussage eines Zeugen nichts entscheidet. 5. B. M.
19,15. – 289. Dass Niemand unschuldig zum Tode
verurteilt werde. 2. B. M. 20,14. – 290. Dass man nicht
nach Mutmaßung urteile, sondern zwei Zeugen müssen die
Sache gesehen haben. 2. B. M. 23,7. – 291. Dass Niemand
richten soll in einer Sache, wo er selbst vorher als
Zeuge aufgetreten ist. 4. B. M. 35,30. – 292. Dass der
Schuldige nicht getötet werde, wenn er nicht vorher
verhört worden ist. 4. B. M. 35,12. – 293. Dass sich
Niemand des Verfolgers erbarme, sondern man eile ihn zu
töten, bevor er den Verfolgten erreicht hat. 5. B. M.
20,12. – 294. Dass der nicht gestraft werde, welcher zu
sündigen gezwungen ward. 5. B. M. 22,26. – 295. Dass man
von einem Totschläger kein Geld nehme. 4. B. M. 35,31. –
296. Dass man kein Geld annehme von einem
unverschuldeten Totschläger. 4. B. M. 35,32. – 297. Dass
Niemand seinen Nächsten zu töten trachte. 3. B. M.
19,16. – 298. Dass Niemand eine –Blutschuld auf sein
Haus bringe. 5. B. M. 22,8. – 299. Dass man den
Einfältigen oder Blinden keinen Anstoß verursache. 3. B.
M. 19,14. – 300. Dass man bei Geißelung eines Schuldigen
nicht zu viel schlage. 5. B. M. 25,3. – 301. Dass
Niemand den Nächsten verleumde. 3. B. M. 19,16. – 302.
Auch nicht im Herzen hasse. 3. B. M. 19,17. – 303. Auch
nicht beschäme. – 304. Dass sich Niemand räche. 3. B. M.
19,18. – 305. Auch keinen Hass nachtrage. – 306. Dass
man nicht beim Fangen von Vögeln die Mutter mit den
Jungen nehme. 5. B. M. 16,6. – 307. Dass man den Grind
nicht beschere. 3. B. M. 13,33. – 308. Dass man die
Zeichen des Aussatzes nicht verheimliche. 5. B. M. 24,8.
– 309. Dass man weder baue noch behaue das felsige Tal,
in welchem eine junge Kuh totgeschlagen werden musste
(eines unentdeckten Totschlägers wegen). 5. B. M. 21,4.310. Dass man keinen
Zauberer leben lasse. 2. B. M. 22,18. – 311. Dass kein
Bräutigam verbunden werde, in Krieg zu gehen, die Mauern
zu bewachen, oder sonst für die Gemeindeangelegenheiten
etwas zu tun. 5. B. M. 24,11. – 312. Dass man gegen das
Gericht nicht ungehorsam sein darf. 5. B. M. 17,11. –
313. Dass Niemand zu den Geboten des Gesetzes etwas
hinzutue, weder zum geschriebenen noch zum mündlichen
Gesetz. 5. B. M. 12,32. – 314. Auch nichts von demselben
abtue. – 315. Dass Niemand dem Richter fluche. 2. B. M.
22,18. – 316. Auch nicht dem Fürsten, er sei nun König
oder das Haupt der Zusammenkunft im Lande Israel. – 317.
Dass Niemand auch sonst Jemanden von den Israeliten
fluche. 3. B. M. 19,14. – 318. Vater und Mutter nicht
verfluche. 2. B. M. 21,17. – 319. Dieselben auch nicht
schlage. 2. B. M. 21,15. – 320. Keinerlei Arbeit am
Shabbat verrichte. 2. B. M. 20,10. – 321. Dass Niemand
am Shabbat über die Grenze der Stadt gehe, als
Reisender. 2. B. M. 16,29. – 322. Dass Niemand Feuer
anzünde in seiner Wohnung am Shabbat. 2. B. M. 35,3. –
323. Dass Niemand am ersten Pessachtage eine Arbeit
verrichte. 3. B. M. 23,7. – 324. Auch nicht am siebenten
Tage dieses Festes. – 326. Am Wochenfest (Schawuoth)
keinerlei Arbeit zu verrichten. 3. B. M. 23,21. – 326.
Auch nicht am ersten Tage des siebenten Monats, Rosch
Haschanah. – 327. Auch nicht am Jom Kippur. – 328. Auch
nicht am ersten Tage von Sukkoth. – 329. Auch nicht am
achten Tage dieses Festes. – 330. Dass Niemand seiner
Mutter Scham enthülle. 3. B. M. 28,8. – 331. Auch nicht
der Schwester Scham. – 332. Auch nicht die seines Vaters
Weib. – 333. Auch nicht die der Schwester von Vater-
oder Mutterseite. – 334. Auch nicht die der Tochter
seines Sohnes. 3. B. M. 18,10. – 335. auch nicht die der
Tochter seiner Tochter. – 336. Dass Niemand die Scham
seiner Tochter enthülle. 3. B. M. 18,10. – 337. Dass
Niemand die Scham seines Weibes und zugleich die ihrer
Tochter. – 338. Auch nicht die der Tochter ihres Sohns,
oder – 339. die der Tochter ihrer Tochter. – 340. Auch
nicht die der Schwester seiner Mutter, oder – 341. die
der Schwester seines Vaters. – 342. Dass Niemand die
Scham des Weibes seines Vaters Bruders enthülle. 3. B.
M. 18,14. – 343. Auch nicht die Scham des Weibes seines
Sohnes. – 344. Dass Niemand die Scham seines Bruders
Weibes enthülle. – 345. Dass Niemand seines Weibes
Schwester Scham enthülle. – 346. Auch nicht die einer
unreinen Freu. – 347. Auch nicht die eines anderen
Weibes. – 348. Dass Niemand einem Vieh beiwohne. – 349.
Dass ein Weib sich nicht von einem Vieh beiwohnen lasse.
– 350. Dass Niemand mit einem Manne zu tun habe. – 351.
Dass Niemand die Scham seines Vaters enthülle. – 352.
Auch nicht die seines Vaters Bruder. – 353. Dass Niemand
aus Lust sich ihm verbotenen Weibern nahe, durch
Umarmung, Küssen, Augenzwinkern, Mundzuschließen u.s.w.
– 354. Dass kein Hurenkind eine israelitische Tochter
heirate. 5. B. M. 23,2. – 355. Dass keine hure unter
Israeliten sich befinde. – 356. Dass Niemand seine von
sich geschiedene Frau wieder heirate, wenn sie schon
einem anderen verheiratet war. 5. B. M. 24,4.-- 357. Dass des
Bruders Weib niemand Anderen heirate als ihren Schwager.
5. B. M. 25,5. 358. Dass man eine mit Gewalt geschwächte
Jungfrau nicht wieder verlassen soll. 5. B. M. 22,29. –
359. Wer seiner Frau einen bösen Ruf gemacht hat, darf
solche nie verlassen. – 360. Ein Verschnitterner darf
keine israelitische Tochter heiraten. 5. B. M. 23,1. –
361. Dass man nichts, was zum männlichen Geschlecht
gehört, verschneiden darf, es sei Mensch, Tier, Vogel.
3. B. M. 22,24. – 362. Dass über Israel kein Ausländer
zum König gewählt werde. 5. B. M. 17,16. – 363. Dass der
König sich nicht viele Pferde halte. – 364. auch nicht
viele Weiber nehme. – 365. Auch nicht viel Gold und
Silber anhäufe.
Einleitung. — Erziehung und Unterricht. —
Mädchen und Frauen.
Das soziale Leben der Juden Deutschlands unter
ihren germanischen Mitbürgern können wir bis zu
einer gewissen Zeit, besonders im Verhältnis zu
dem Schicksal, welches ihrer später wartet,
nicht als ein durchaus ungünstiges bezeichnen.
Wie die Juden schon früh bei der Grundlegung zum
Ausbau kommunaler Bildungen nicht völlig
unbeteiligt geblieben sein mögen, so scheint man
auch in der Folgezeit sie nicht selten als einen
wesentlichen Teil der Einwohnerschaft betrachtet
zu haben. Nicht vereinzelt stehen die Beispiele
einer besonderen Zuvorkommenheit da, mit welcher
man die Juden behandelte. So erinnert noch die
Lage des Rathauses in Köln am Eingange der
Judengasse und gegenüber dem Standort der
mittelalterlichen Synagoge an das ursprünglich
ungetrübte Einvernehmen. Diese Ortswahl wäre
völlig unverständlich, wenn sie nicht in eine
Zeit zurückreichte, in der Misstrauen, Hass und
Verachtung gegen die Juden noch nicht lebendig
waren.
Um die Bürger von Worms für ihre Treue zu
lohnen, erlässt unterm 18. Januar 1074 Heinrich
IV. wie den übrigen Wormsern auch den Juden den
Zoll, den sie bisher an allen der kaiserlichen
Gewalt unterstehenden Orten zahlen mussten.
Bischof Rüdiger von Speyer verpflanzt, als er
das Dorf Speyer zur Stadt zieht, auch Juden
dorthin in der Überzeugung, dass er dadurch den
Glanz des Ortes vertausendfache. Nach
verschiedenen Privilegien und Rechten, die er
seinen Juden erteilt, will er seiner Gnade die
Krone aufsetzen, indem er ihnen endlich immer
das beste Recht gewährt, das die Judenschaft in
irgendeiner Stadt des deutschen Reiches hat.
Auch die Trauer, welche die Juden beim Tode
ihres Gebieters kundgeben, lässt auf das
dankbare Gefühl schließen, welches die gnädig
behandelten Juden dem dahingeschiedenen Fürsten
zu bewahren sich schuldig fühlten.
So wird berichtet, dass, als die Leiche des
Erzbischofs von Magdeburg von der gesamten
Geistlichkeit eingeholt wurde, auch eine große
Schar von Juden ihren Schmerz bezeugt haben.
Der Biograph des Bischofs Adalbero II von Metz
berichtet (c. 1015), derselbe habe sich soviel
Liebe erworben, dass er selbst von den Juden
noch immer täglich beweint werde. Die Mainzer
Juden ziehen der Leiche des Erzbischofs Bardo
entgegen, werfen sich vor ihr zu Boden und
bestreuen sich das Haupt mit Staub, indem sie
laut den Tod des Erzbischofs beklagen.
Als Erzbischof' Anno von Köln bei Einbruch des
Sabbats stirbt und in der ganzen Stadt die
tiefste Trauer herrscht, erheben auch die Juden
beim Morgengrauen in ihrer Synagoge lautes
Wehgeschrei und beklagen Anno's Tod, indem die
einen seinen Namen rufen, andere von der
Rechtlichkeit und der Reinheit seines Lebens
sprechen.
Damals war der Fanatismus noch nicht in die
Massen gedrungen, eine Manifestation des
Volkshasses gegen die Juden kaum bekannt
geworden. Selbst noch bei der Eröffnung des
ersten Kreuzzuges hatte der Urheber desselben,
Peter von Amiens, sich gut gegen die Juden
benommen und nur auf Grund von
Empfehlungsschreiben der französischen Juden
Wegzehrung von ihnen erbeten. Die besseren
Bürger und die Stadtherren, letztere sogar mit
Gefahr des eigenen Lebens, waren nach Kräften
für die Juden eingetreten.
Erst als der maßlos aufgestachelte religiöse
Fanatismus den Gedanken erzeugte, dass die
Vernichtung der Feinde Christi nicht erst bei
den Nichtchristen im Morgenlande anzufangen
habe, wandten sich die wilden Pilgerhaufen, im
Bewusstsein ihrer Überzahl und ihrer
Straflosigkeit als Gottesstreiter gegen die
wehrlosen Juden, um sie zu berauben und dann zu
töten.
Die Scharen, die zum guten Teil aus Leuten
bestanden, die nichts zu hoffen und nichts zu
fürchten hatten, die aus wüstem Pöbel der
schlimmsten Sorte sich gesammelt hatten, sie
zogen aus mit dem Geschrei, ein Grab erobern zu
wollen, — und auf diesem Wege bereiteten sie an
verschiedenen Orten tausenden von Lebenden, die
nichts verbrochen hatten, ein offenes Grab.
Wurde ja überall durch das Land verkündet, dass
jedem, der einen Juden tötet, alle Sünden
vergeben seien.
Das Mittelalter, im schrecklichsten Sinne des
Wortes, war hereingebrochen, mit allen jenen
traurigen Folgen, welche in immer gesteigertem
Masse bis dahin führten, dass mit dem Ausbruch
des zweiten Kreuzzuges ein trauriger Wendepunkt
in der Geschichte der deutschen Juden eintrat,
indem ihnen die ursprünglich rechtliche und
soziale Gleichheit ganz entzogen wurde.
Gegenüber der rohen Gewalt, welche nunmehr in
grausigen Verfolgungen sich zu üben suchte,
gewannen die Juden Kraft und Stütze einzig und
allein in der festen beharrlichen Liebe zu der
Lehre Gottes und in der mit Mut erfüllenden
Erhebung, welche das Leben im Sinne und im
Geiste dieser Lehre gewährt. Diese Erhebung war
es, welche die Juden des Mittelalters mit
Leichtigkeit alle die Martern, in deren
Erfindung die Verfolger sich überboten,
ertragen, ja häufig nicht einmal empfinden ließ.
„So Jemand den festen Entschluss gefasst hat“,
behauptet der einer mehrjährigen Haft in
Ensisheim i. J. 1293 erlegene R. Meir b. Baruch
Rothenburg, „in seiner Glaubenstreue standhaft
zu bleiben und im nötigen Falle für dieselbe als
Märtyrer zu bluten, empfindet er Nichts von den
Qualen der Tortur. Möge man ihn steinigen oder
brennen, lebendig vergraben oder hängen — er
bleibt empfindungslos, es entfährt nicht einmal
ein Wehruf seinen Lippen. Es ist überliefert,
dass hierauf die Worte des Weisen (Sprüche
Salomons 23, 25) sich beziehen: „Sie schlugen
mich, es schmerzt mich nicht! Sie hieben mich,
ich weiss es nicht!“ Eine merkwürdige
Übereinstimmung hiermit bietet der Ausspruch
eines Gelehrten der jüngsten Vergangenheit. „Und
wenn wir bei Märtyrern staunen über den
Gleichmut, mit dem sie wahre Höllenqualen für
eine Idee erdulden können, so liegt die
Erklärung dafür zum Teil darin, dass in der Tat
die Idee die Schmerzempfindungen aufzuheben
vermag.“ — Der Ruhm einer solchen
überzeugungsvollen und daher todesmutigen
Glaubenstreue zeichnete gerade die deutschen
Juden aus und verschaffte ihnen auch in der
weiten Ferne einen guten Ruf. „Die heiligen
Gemeinden Deutschlands,“ ruft ein in Frankreich
lebender Schüler Raschi's aus, „seien alle zu
tausendfachem Segen erwähnt, sie sind voll des
edelsten Gehalts, in ihren Taten ausgezeichnet,
sie neigen sich in Bezug auf erlaubten und
unerlaubten Genuss nach der erschwerenden Seite
bei gesetzlichen Entscheidungen über
zweifelhafte Fälle.“ Diese treue Anhänglichkeit
an den väterlichen Glauben erhielt sich während
der besseren Zeiten trotz des regeren Verkehrs,
in den sie Juden mit Christen treten ließen; sie
wich auch nicht in den traurigen Zeiten, in
denen solche Treue mit dem Leben gebüßt werden
musste. Zu allen Zeiten ward diese Treue genährt
durch die Freudigkeit des gedanklichen Schaffens
im Lehrhause, oder durch die Erhebung, welche im
täglichen dreimaligen Gebet des Gotteshauses
gewonnen wurde. Hier wie dort drückte keine
Sorge, war kein Trübsinn wahrzunehmen, auch wenn
von außen her die Fluten der Bedrängnis immer
höher gingen.
Darum konnte man im jüdischen Hause nicht früh
genug damit beginnen, das noch zarte Kind an die
Befolgung der religiösen Vorschriften zu
gewöhnen und es von jeder Übertretung fern zu
halten. Alles musste Mittel sein zu dem
hochheiligen Zwecke, das Kind in den väterlichen
Glauben einzuführen und die Quelle desselben,
die Gotteslehre, ihm zugänglich zu machen. Wie
jene Mutter in der alten Zeit die Wiege mit dem
darin ruhenden Säugling in das Lehrhaus trägt,
damit rechtzeitig sein Ohr an jene Stimmen vom
Jordan und Euphrat sich gewöhne und sie ihm
Heimatsklänge werden, so singt die Mutter im
Mittelalter dem Kindlein religiöse Weisen vor.
Ihre Schlummerlieder sind oft hebräische Gebete
und Schriftstellen, die jetzt nur einschläfernd
wirken, später aber wach erhalten sollen, wach
in der finsteren, lang andauernden Nacht der
Bedrückung. Sie meidet, dagegen, Lieder mit
heidnischen Anklängen, wie sie in der damaligen
Welt gebräuchlich waren, dem wenn auch hierfür
noch unerschlossenen Ohre laut werden zu lassen.
Und hat das Kind zu lallen begonnen, so spricht
ihm der Vater als Bekenntnis die Worte vor „die
Lehre hat uns Moses befohlen als Erbteil der
Gemeinde Jacobs“, er lehrt ihm, wie es hierbei
die Augen zudrücken solle, damit es auf die
ganze Welt mit ihren Grausamkeiten, auch mit
ihren Verlockungen zum Abfall nicht achte,
vielmehr immer laut bekenne „Höre Israel, der
Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Er
schärft ihm frühzeitig das Losungswort für den
bevorstehenden Kampf ein, er rüstet ihn bei
Zeiten mit dieser ewigen Wahrheit aus, dass sie
ihm ein Schild werde, mit dem er siegen oder auf
dem er sterben müsse.
Es ist dasselbe Wort, das sich unwillkürlich dem
gepressten jüdischen Herzen im Augenblicke der
Gefahr und Not entwindet. Geht der heilige
Versöhnungstag zu Ende, da im letzten
Augenblicke beschließt man zu gleicher Zeit
überall, wo sich jüdische Beter zusammengefunden
haben, mit diesem Ausrufe den heiligsten Tag des
Jahres. Und schließt der sterbende
Glaubensbruder seine Augen für immer, da
begleitet ihn dieses Bekenntniswort, von der
heiligen Genossenschaft, die das Lager umsteht,
laut ausgerufen, in die ewige Heimat.
Gewöhnlich mit dem fünften Lebensjahre fing der
regelmäßige Schulbesuch mit einer besonderen
vorangehenden Feierlichkeit an, die noch aus
alter Zeit her stammte, und zwar von Jerusalem
nach manchen Gemeinden verpflanzt worden war. Am
Wochenfeste, dem Tage der einstigen Offenbarung
auf Sinai, bei Tagesanbruch brachte man den
Kleinen nach der Synagoge oder nach dem Hause
des Lehrers. Auf dem Wege dahin verhüllte ihn
der Vater mit seinem Mantel, wofür ein ganz
eigentümlicher Grund angegeben wird, gewiss
aber, um jeden schädlichen oder störenden
Einfluss der kühlen Morgenluft von dem zarten
Kinde fernzuhalten. Der Lehrer nimmt den Knaben
auf den Arm, eingedenk jener Schriftstelle „wie
der Wärter den Säugling trägt“ (4. B. M. 11,
12), zeigt ihm dann eine Tafel von Pergament
oder Holz, worauf das hebräische Alphabet, je 4
Buchstaben zu einem Worte zusammengefasst, nebst
den Versen aus 5. B. M. 33, 4. und 3. B. M. 1, 1
nebst den Worten „Die Lehre sei meine
Beschäftigung“ aufgeschrieben waren. Die Wörter
des Alphabets und die Verse werden dem Kinde
rückwärts und vorwärts vorgesagt, worauf die
Buchstaben mit Honig bestrichen werden, damit es
die Süßigkeiten mit seiner Zunge koste. Auf
einem aus feinem Mehl, Honig, Milch und Öl
bereiteten Kuchen standen folgende Verse aus
Jecheskel 3, 3: Der Ewige sprach zu mir:
„Menschensohn, nähre deinen Bauch und deinen
Leib fülle mit dieser Rolle, die ich dir gebe.
Ich aß sie und sie war in meinem Munde wie Honig
so süß. Ferner (Jesaja 50, 4, 5): Gott der Herr
hat mir eine Zunge für Lehrlinge gegeben, dass
ich den Müden zu stärken wisse mit dem Wort; er
erweckt ja am Morgen, erweckt mir das Ohr wie
Lehrlinge zu horchen; Gott der Herr hat mir das
Ohr geöffnet, und ich sträube mich nicht, weiche
nicht.“ Außerdem standen noch 8 verschiedene
Verse aus dem 119. Psalm auf dem Kuchen, während
auf der Schale eines gekochten Eies 4 andere
Verse aus diesem Psalme geschrieben waren. Die
Inschriften auf Kuchen und Ei wurden mit dem
Knaben gelesen; eine kabbalistische Beschwörung
des so genannten Schutzgeistes gegen die
Vergesslichkeit, der jede geistige Beschränkung
beseitigt, fehlte hierbei auch nicht, worauf
Kuchen und Ei der anwesenden Schülerschar zum
Essen gegeben wurden. Man versprach sich von
einem solchen Genüsse, dass er dem Kinde eine
besondere Fassungskraft verleihe, wie auch der
große Pijutdichter Kalir von solchen Kuchen (collyris),
die sein Vater ihm gegeben, nicht allein den
Namen, sondern auch den hellen Geist empfangen
haben soll, — wie dem Pindar die Bienen von
Hymettos den Mund mit süßer Gesangesgabe
füllten, fügt Sachs in seinem herrlichen Buche
über die religiöse Poesie der Juden in Spanien
(S. 219) hinzu. Nach beendeter Feier für die
erste Einführung in den Unterricht geleitete man
den Knaben an das Wasser, welches als Symbol für
die Gotteslehre, als Quelle aller Erkenntnis
gilt, zugleich als günstige Vorbedeutung, dass
sich bei dem Knaben erfüllen werde das Wort der
Schrift „es mögen deine Quellen nach außen hin
sich verbreiten“ (Sprüche Sal. 5, 16).
Dem Jugendunterricht förderlich zu sein, galt
für hohes Verdienst. Man hielt es für löblicher,
zu diesem Zwecke als zur Unterhaltung der
Synagoge beizutragen. Alphabete für den ersten
Unterricht anzufertigen, die biblischen Bücher
oder einzelne Traktate des Talmuds zu schreiben
und für die Jugend herzugeben, ward als Pflicht
eines jeden Frommen angesehen. Alles, was nur
mit dem Unterrichte in Berührung kommt, galt als
heilig; so sollten die Hölzchen, mit denen auf
die Buchstaben des Alphabets gezeigt wird, nicht
zu profanem Zwecke, z. B. als Zahnstocher,
verwendet werden. Die Zeit des Unterrichts
sollte durch nichts gestört oder unterbrochen
werden; „selbst wenn der Bau des Tempels zu
Jerusalem in Frage stände (als das wichtigste
religiös-nationale Ereignis), darf um dessen
willen keine Schulversäumnis stattfinden“,
lautet ein talmudischer Ausspruch (Sabbat 119b).
Man hielt den Lehrer, der einzelne Stunden
erteilt, für verpflichtet, einen Stundenanzeiger
anzuschaffen, um genau die festgestellte
Unterrichtszeit innehalten zu können.
Der Lehrer sollte die individuellen Anlagen der
Schüler prüfen und hiernach den Unterrichtsstoff
für sie bemessen. „Gewöhne den Knaben nach
seiner Weise“, sollte als leitender Grundsatz
dem Lehrer stets vor Augen sein. Bemerkt er
keine Fortschritte des Schülers auf dem
schwierigen, talmudischen Gebiete, so sollte er
ihn nicht länger mit einem zwecklosen
Unterrichte quälen, vielmehr bei dem biblischen
Unterrichte verbleiben, nebenbei aber Auszüge
aus halachischen Werken, wie auch Kommentare zur
Schrift und den Vortrag des accentuierten Textes
in den Unterrichtsplan eines solchen Schülers
aufnehmen. So wurden immer nur Befähigtere zum
Studium des Talmud, für das es besondere
Lehrstätten gab, geführt. Hier widmete sich die
reifere Jugend unter der Leitung der Lehrer mit
ernstem Fleiße der Forschung, für die nicht
allein der ganze Tag, sondern zum Teil auch die
Nacht verwendet wurde; ja nicht selten geschah
es, dass man auch die Nächte einer ganzen Woche
im Lehrhause dem Studium opferte; man begnügte
sich, in einer kurzen Unterbrechung dem Schlafe
sich zu ergeben und erst in der Sabbatnacht der
erquickenden Ruhe vollständig zu gemessen. Die
studierende Jugend wurde zum größten Teile durch
die Unterstützung von Vereinen und Wohltätern,
aber auch durch die Lehrer selbst, bei denen die
Schüler nicht selten auch wohnten, unterhalten.
Fremden oder armen Studierenden gab man gerne so
genannte Freitische, eine Sitte, die nicht wenig
dazu beitrug, das Interesse für die Wissenschaft
in den Familien wach zu erhalten und Gelegenheit
bot, Manches in den Gesprächen am Tische zu
erfahren, was häufig der Hausherr aus Büchern zu
lernen nicht vermochte.
Die Liebe zum Thora-Studium blieb in allen
Kreisen heimisch; wandten sich auch nicht Alle
den spezifisch gelehrten Studien zu, so gab es
doch in der Heranbildung der Knaben zur Kenntnis
des Hebräischen und des väterlichen Glaubens
zwischen Reich und Arm keinen Unterschied.
„Meine Söhne und Töchter,“ so heißt es in einem
Testamente aus dem 14. Jahrhundert „sollen
womöglich in jüdischen Gemeinden wohnen, damit
ihre Kinder jüdisches Leben kennen lernen und
ihre Söhne, wie auch ihre Töchter, im göttlichen
Gesetze unterrichtet werden können; sollten sie
auch betteln müssen, um ihre Kinder durch
religiösen Unterricht erziehen zu können, und
sie nicht an Müßiggang gewöhnen!“ Auch die
Frauen sollten verpflichtet sein, die Vorlesung
aus der Thora mitanzuhören, daher auch Mädchen
schon im zarten Alter von den Müttern nach dem
Gotteshause zur Übung mitgenommen wurden.
Allerdings störten oft die kleinen Kinder die
Andacht. Sie lernten ebenfalls hebräisch lesen,
viele selbst den Pentateuch übersetzen und außer
der praktischen Übung der jüdischen Pflichten,
zu der alle von frühester Jugend an angehalten
wurden, strebte man, ihnen auch eine
theoretische Kenntnis vorzüglich der mit dem
jüdischen Hauswesen in Verbindung stehenden
religiösen Vorschriften beizubringen. Viele
hatten darin eine so weitgehende Kenntnis sich
erworben, dass sie von berühmten Gesetzeslehrern
in zweifelhaften Fällen befragt wurden. Es mögen
hierfür einige Beispiele folgen, wenn sie auch
nicht alle den deutschen Kreisen angehören.
Channa, die Tochter des Rab. Tam und Bellet, die
Schwester des R. Isaac b. Menachem,
unterrichteten die Frauen ihres Ortes in der
vorschriftsmäßigen Ausübung gewisser religiöser
Vorschriften. Die Frau des R. Juda Sir Leon in
Paris spann nach Anweisung ihres Gatten die
Schaufäden, wie dies in Deutschland die Frauen
überhaupt zu tun pflegten. R. Elieser b. Joel
halevi beruft sich in Betreff eines religiösen
Brauches auf seine Tante, die Frau des R. Samuel
b. Natronai. R. Samuel aus Falaise erhärtet
einen Ausspruch mit dem Zeugnisse seiner
Schwiegermutter und Chajim, der Sohn des R.
Isaac aus Wien, beruft sich auf seine eigene
Frau.
Alwina, eine Enkelin Raschi's, nämlich die
Tochter des R. Jehuda b. Natan, belehrte den
Isaac b. Samuel, wie sie für gewisse religiöse
Fragen den Brauch ihres großväterlichen Hauses,
wie sie ihn von ihrer Mutter Mirjam, der Tochter
Raschi's, erfahren, festhalte. Die Töchter des
R. Abraham aus Orleans vereinigten sich wie die
Männer zum gemeinsamen Tischgebet. — Der
Vorbeter Joseph Treves beruft sich auf seine
Mutter, welche die Tochter des R. Baruch war.
Mirjam, die Tochter Salomo Spiras, Gattin des
Jochanan Luria, trug mehrere Jahre hindurch,
hinter einem Gitter sitzend, der studierenden
Jugend den Talmud vor. Eine Handschrift des
kurzen Mordechai in der National-Bibliothek zu
Paris, von Samuel Schlettstadt, ist von Frommet
aus Ahrweiler für ihren Mann Samuel b. Moses am
7. November beendet worden. — Über die Tätigkeit
der römischen Abschreiberin in Paola sind in
meiner Geschichte der Juden in Rom verschiedene
Nachweisungen gegeben. — Die Vorbeterin Urania
in Worms, welche 1275 starb, ist durch Lewysohn
in seinem Buche der Epitaphien S. 85, und
Kayserling: Die jüdischen Frauen S. 12 bekannt.
Auch in Nürnberg wird eine Vorbeterin der Frauen
genannt; Frau Richenza, die am l. August 1298
als Märtyrerin ihr Leben aushauchte. Im Übrigen
wurde hauptsächlich darauf hingezielt, die
Mädchen für das Haus tüchtig heranzubilden. So
empfiehlt jener bereits angeführte Vater aus der
Mitte des 14. Jahrhunderts in seinem Testamente,
dass die Töchter stets im Hause ihre wahre Welt
finden mögen, dass sie nicht auslaufen oder an
der Tür des Hauses stehend, jeden
Vorübergehenden neugierig mit den Blicken
verfolgen. (War es ja die liebste Unterhaltung
der Frauen, an den Fenstern oder Söllern zu
stehen und in die Weite zu schauen, ob in den
Strassen Jemand nahe, der ihnen bunte Kunde in
das alltägliche Grau der häuslichen Geschäfte
bringe.) „Meine Bitte, ja mein Befehl, dass die
Frauen nicht müßig sitzen ohne Beschäftigung;
denn Müßiggang führt zu Lastern, sie mögen
spinnen, nähen oder kochen.“ — Ein altes
Sittenbuch, der Brandspiegel betitelt, empfiehlt
den jüdischen Frauen, Nähnadeln und Zwirn immer
im Hause vorrätig zu halten, damit, wenn vor
Eintritt des Sabbats am Gewände noch etwas
auszubessern sei, es zeitig und ohne Säumnis
geschehen könnte. Charakteristisch ist es, wie
auf dem Vorderblatte eines alten Buches bei den
verzeichneten Geburtstagen der Knaben der Wunsch
folgt: „Gott gebe, dass ich ihn erziehe zur
Lehre, zur Verehelichung und zu guten Taten,“
statt dessen bei dem Geburtstage der Mädchen der
Wunsch ausgedrückt ist: „Gott gebe, dass ich sie
erziehe zu nähen, zu spinnen und zu stricken —
und zu frommen Taten.“
Wir lesen auch wirklich von jüdischen
Weberinnen, Stickerinnen, Putzmacherinnen, die
nicht selten von der christlichen Damenwelt für
ihre Toilette in Anspruch genommen wurden.
Salomo Aderet gestattete den jüdischen
Kunststickerinnen, auch Kreuze in die seidenen
Gewänder der christlichen Damen zu sticken, da
sie in solcher Form nur zur Zier, nicht aber zur
religiösen Verehrung dienen. Aber auch nicht
minder wurden die jüdischen weiblichen Banquiers
aufgesucht, welche oft an der Spitze bedeutender
Handelshäuser standen. Jüdische Frauen
hausierten auch auf Dörfern und besuchten
Marktplätze, doch hielten sich die Mädchen
hiervon zurück. Allerdings klingt es noch immer
wie eine Reminiszenz aus der Zeit des
Minnedienstes, wenn berichtet wird, wie auch
jüdische Frauen in der Gefangenschaft von den
christlichen Rittern mit besonderer Rücksicht
behandelt werden; im Allgemeinen aber hatten die
jüdischen Frauen gar viel unter der
Sittenlosigkeit des Mittelalters zu leiden. Eine
besondere Abgabe leisteten die Juden beim
Einzüge des Fürsten in eine Stadt, dafür, dass
die mit ihm einziehenden rohen Söldner
zurückgehalten wurden, den Frauen die Hüte vom
Kopfe zu reißen. Galt ja als allgemeine Regel,
lieber in ein Kloster zu flüchten, als den
nachstellenden Barbaren in die Hände zu fallen.
Man erfährt auch oft von Beispielen
heldenmütigen Widerstandes, so z. B. in
Frankfurt am Main, wo in den Mordszenen vom
Jahre 1241 eine Braut nebst ihren Schwestern
fest und standhaft bleiben, bis ihnen endlich
nach mehrfachen Versuchen zu fliehen gelingt.
Unter den Verfolgten in Rockenhausen i. J. 1283
befanden sich auch einige Frauen, die wohl
gezwungen wurden, dem christlichen Gottesdienste
beizuwohnen, die aber nicht verdächtigt werden
konnten, ihren Übertritt erklärt zu haben oder
ihre eheliche Treue gebrochen zu haben. Daher
erlaubte ihnen R. Meir Rothenburg später ohne
weiteres, zu ihren Ehemännern wieder
zurückzukehren. Auch in der traurigen Affäre zu
Wien vom Jahre 1421 konnte den, allen
Versuchungen zur Untreue widerstehenden Frauen
nach ihrer Befreiung aus der Haft, die Rückkehr
zu ihren Männern ohne Weiteres gestattet werden.
Hören wir auch aus dem Jahre 1271 von einem
entgegen gesetzten Beispiel, dass nämlich einer
jüdischen Frau, während ihr Gatte in die Ferne
wandert, um den nötigen Lebensunterhalt zu
gewinnen, ein sträflicher Umgang mit Christen
nachgewiesen wird, so war dieses doch etwas so
Unerhörtes, dass der Vater der Verbrecherin mit
den Gelehrten sich beriet, ob er nicht seine
Tochter umbringen dürfe, was ihm aber nicht
gestattet wurde. Mit Recht hebt ein
nichtjüdischer Schriftsteller „dem durch
Saufgelage und unanständige Tanzunterhaltungen
hervorgerufenen sittlichen Verfall der löblichen
Reichsbürgerschaft gegenüber, hervor die strenge
Sittlichkeit, welche in Folge heiligen
Religionsverordnungen und weisen Lehren der
Rabbinen innerhalb der israelitischen Gemeinden
herrschte“. In Mitten einer Gesellschaft, deren
Grundlage auch nur des Scheines einer
Sittlichkeit entbehrte, inmitten einer Welt, die
mit den Merkmalen der niedrigsten Sittenrohheit
und Barbarei, behaftet war, in der, mit Weinhold
(die deutschen Frauen in dem Mittelalter S. 399)
zu sprechen, „die eheliche Treue ein Spott ward,
listiger Ehebruch und frevelhafte Unzucht in
unzähligen kleinen Gedichten gepriesen und
belacht wurden, die Tracht gemein ward und
schamlose Gestalten zum Schmuck der Tafel
dienten“, in solchen Zeiten kann es nur zum
hohen Verdienst angerechnet werden, wenn die
geistigen Führer der jüdischen Gemeinden in
ihrer eifrigen Sorge für reine Sitte und
Lebensheiligkeit mit aller Strenge darauf
hielten, dem Umgange mit dem anderen Geschlechte
einen Charakter zu verleihen, der unserer
heutigen Sitte fast entfremdet ist, der aber
darauf hinzielte, die Reinheit der Sitten zu
bewahren und die Keuschheit im ehelichen Leben,
von jeher Tugenden des jüdischen Stammes,
festzuhalten. Beide Geschlechter waren überall
streng von einander getrennt; selbst die auf der
Strasse spielende Jugend. Ängstlich wurde jede
noch so ferne Gelegenheit gemieden, welche
irgendwie die Leidenschaft erwecken und zur
Verletzung der Sittlichkeit führen könnte. Das
Tanzen von Jünglingen mit Mädchen wurde stets
missbilligt, oft verboten, war selbst bei der
Hochzeitsfeier nicht gestattet, indem man auf
solches Tun den Vers (Sprüche 11, 21) anwandte:
„Hand mit Hand bleibt nicht rein.“
II. Kapitel.
Spiele und Vergnügungen. — Unterhaltungen. —
Jagd und Waffen.
Nicht immer fanden die von den Gesetzeslehrern
getroffenen Maßregeln und Verordnungen zur
Befestigung der Sittlichkeit gehörige Beachtung.
Das allgemeine Tanzhaus, welches wie die Zünfte,
so auch jede größere Gemeinde zum geselligen
Vergnügen und zur Feier von Familienfesten
besaß, vereinigte oft das schöne Geschlecht zum
Tanze, wobei die möglichste Pracht entfaltet
wurde. Durften ja hier die jüdischen Töchter
ohne den mit zwei blauen Streifen kennbar
gemachten Schleier erscheinen und die Herren
ohne das Radzeichen am Gewande und den hornartig
gekrümmten oder trichterartig geformten Hut auf
dem Haupte! Dagegen sehen wir hier Damen und
Herren mit den beim Tanze unerlässlichen
kostbaren Gürteln geziert — wer desgleichen
nicht besaß, nahm zum Entleihen seine Zuflucht
und zahlte gewöhnlich zwei Denare als Leihgeld.
Hierbei ereignete es sich einmal, dass von einem
solchen Galan, mit dem erborgten Gürtel
geschmückt, wiederum eine Dame die Gefälligkeit
sich erbat, ihr den Gürtel während des Tanzes zu
überlassen, um einige Male an dem Umgange Teil
nehmen zu können, (der damalige Tanz bestand
nämlich vorzüglich darin, dass man reihen- oder
paarweise Umgänge mit schleifenden, leisen
Schritten hielt), wofür der Herr allerdings
einen sehr hohen Preis forderte, nämlich nichts
anderes, als die Einwilligung, die Dame, unter
Überlassung dieses Gürtels, als ihm angetraut in
Gegenwart der Anwesenden erklären zu dürfen. Ob
die Dame es nur als Scherz angesehen oder auch
als Ernst — genug, sie erklärte sich damit
einverstanden und es entstand eine schwierige
Aufgabe für die Gelehrten, über die
Rechtmäßigkeit eines solchen Modus für
Ehestiftung schlüssig zu werden. Jener
liebevolle Großvater wusste in seiner
letztwilligen Verordnung für seine Enkelin
nichts besseres zu hinterlassen, als 20 Wiener
Pfund, damit sie einen recht schönen,
reichbesetzten Gürtel sich anschaffen könnte.
Aus einer Sammlung von Volks- und
Gesellschaftsliedern in jüdisch-deutscher
Schrift, welche etwa in den Jahren 1595—1605 in
Worms entstanden ist, teilen wir folgendes
Tanzlied mit:
1. Jungfraulein, wolt ir nicht mit mir ein
tentzlein tun; ich bitt, ir wolt mirs nit vor
übel hon, frölich muss ich sein, dieweilen ich
es hab und kann.
2. Euer zarter junger leib hat mich in lieb
verwunt, auch euer euglein klar darzu euer roter
mund; schließt euer arme ein, feins lieb, wol in
die mein, so wird mein herz gesund.
3. Nun tanzen wir den lieblichen Reien und
wellen (mit) einander frisch fröhlich sein, weil
es geschieht und in eren allein.
4. Wer will uns weren ein frölichen mut, weil
uns solches das glück nit nemen tut? schöne
Jungfrau, schöne Jungfrau, nemt also vürgut.
Die ersten beiden Strophen sind für den „umbgehenden
Tanz“ bestimmt, Str. 3 u. 4 aber für den
Springtanz.
Dieses Lied, wie viele andere in jener Sammlung,
entstammen nichtjüdischen Vorlagen, bei denen
der Sammler zuvörderst alle Stellen entfernt
hat, die bei ihm als Juden Anstoß erregen, dann
hat er die entstandenen Lücken durch Worte
ersetzt, die allgemein-religiösen Vorstellungen
Ausdruck leihen.
Die Lust am Leben ging selbst in den
drückendsten Zeiten nicht verloren, wie dies
vorzüglich aus den Erholungen und Spielen sich
ergibt, an denen die große Menge Gefallen fand
und sich hierdurch ergötzte. Tragen diese Spiele
ganz das Gepräge des Heimatlandes, so bekunden
sie hierin zugleich, dass in den Fällen, wo
nicht gerade das eigentliche Religionsgesetz
strikt dagegen sich wandte, das außerjüdische
Leben und das tägliche Beispiel trotz aller
Abgeschlossenheit nicht wirkungslos blieben.
Wird ja schon im Buche der Frommen (No. 1301)
behauptet, dass auch die Sitten der
nichtjüdischen Umgebung großen Einfluss auf die
Juden hätten und dass da, wo die nichtjüdische
Welt in Sittenlosigkeit verfallen ist, auch bei
den Juden die Moral sinkt. Ganz deutlich lässt
sich dies erweisen, wenn man an der Hand der
allgemeinen Sittengeschichte die Klagen aus
gewissen Zeiten und Gegenden prüft, welche in
jüdischen Schriften über Verschlechterung der
Sitten auch in Mitten des jüdischen Kreises
vernommen werden. Vorzüglich aber lässt sich der
Einfluss von außen her in der Leidenschaft des
Spiels erkennen. Das Würfelspiel, welches bei
den Deutschen, wie nicht minder bei anderen
Völkern, sehr beliebt war, konnte bei den Juden
sich nicht einbürgern. Man sprach einem
gewerbsmäßigen Würfelspieler die Fähigkeit ab,
glaubwürdiges Zeugnis abzulegen. Überdies
erinnerte sie der Würfel an die fortwährenden
Plackereien, denen die Juden in den einzelnen
Städten und Landschaften ausgesetzt waren. Sie
mussten nämlich jedem Zollaufseher oder
Zollknecht drei Würfel überreichen. Gar sehr oft
wurden sie von den Lanzenknechten angehalten und
von ihnen Würfel gefordert. Sie waren daher
genötigt, überall Würfel mit sich zu führen, um
dem oft gefährlichen Verlangen sofort Genüge
leisten zu können. Aber das Kartenspiel war in
jüdischen Kreisen seit der Zeit heimisch
geworden, als nach dem Aufhören des großen
Sterbens im Jahre 1349, des so genannten
schwarzen Todes, eine ungeheure Vergnügungs- und
Spielsucht die damaligen Menschen ergriffen
hatte. Die Limburgische Chronik schreibt
hierüber: „Darnach da das Sterben, die Geissel-
und die Römerfahrt, die Judenschlacht ein Ende
hatte, da hub die Welt an, wieder zu leben und
fröhlich zu sein.“ Die Gewalt der Leidenschaft
wurde immer mächtiger, mächtiger als alle
Verbote und Strafandrohungen der Behörden gegen
das Spiel. Die Spieler selbst fühlten oft Reue
über ihre leidenschaftliche Neigung und legten
sich Strafen auf, wenn sie ihr Gelübde, nicht
mehr zu spielen, brechen sollten. Oft wurden
förmliche schriftliche Verhandlungen über solche
Gelübde aufgenommen. Auch von Seiten der
jüdischen Moralprediger wurde gegen das
verderbliche Spiel geeifert; allein die
Nutzlosigkeit solcher Verbote einsehend, und das
menschliche Wesen hierin richtiger erkennend,
beriefen sich Andere auf eine Stimme aus alter
Zeit, die bereits anempfohlen hatte, bei der
Verurteilung des Spiels gelinder zu verfahren.
Man beschränkte aber das Spiel auf gewisse
Zeiten und setzte einen Bann (Cherem) fest gegen
Übertretung. Im alten Mainzer Gemeindebuch war
bei einer solchen Gelegenheit das Wort ,rx
absichtlich mit einem k geschrieben worden, um
so den etwaigen heimlichen Übertreter im Voraus,
unbewusst, der himmlischen Strafe zu entziehen.
Wie von Seiten der Obrigkeit sehr häufig das
Kartenspielen verboten und dasselbe auf gewisse
festliche Tage beschränkt wurde, so war man auch
jüdischer Seits besorgt, die Anordnung zu
treffen, dass nur an gewissen festlichen Tagen,
an denen in dem Gottesdienst das Bußgebet
ausfällt, das Spielen gestattet sei. Interessant
ist es, wie hierbei die Frage in Anregung
gebracht wurde, ob dann noch in der Nacht nach
dem Schlusse des Weihefestes zu spielen erlaubt
wäre. An den Mittelfeiertagen des Pessachfestes
enthielten sich Manche des Spiels, mit Rücksicht
darauf, dass die Karten aus doppeltem, daher mit
Sauerteig zusammengeklebtem Papier beständen.
Dagegen hielt man es für recht, an den
Mittelfeiertagen des Laubhüttenfestes nur in der
Laubhütte, nicht außerhalb derselben zu spielen,
was man später, als die Spielwut nicht mehr so
mächtig war, als eine Profanisierung der
Laubhütte ansehen wollte. In den zehn Bußtagen
sollte man nicht spielen, wie es von dem Frommen
überhaupt erwartet wurde, das Spiel ganz zu
meiden. Aber nicht immer fand eine solche
Forderung ihre Berücksichtigung; in den
spielsüchtigen Zeiten konnten selbst fromme
Gelehrte das Spielen nicht unterlassen, wie sie
auch keinen Anstand nahmen, mit Jedermann,
selbst mit Apostaten, zu spielen. Man berief
sich hierbei zur Entschuldigung auf jenen
älteren Ausspruch (o. S. 19), nach dem in den
von den Einfluss der Spielwut beherrschten
Zeiten die Schwäche der menschlichen
Leidenschaft mehr zu berücksichtigen sei. Das
Beispiel eines Spielers und Zechers aus den
genusssüchtigen Zeiten des 15. Jahrhunderts
führt uns Jakob Weil in seinen Responsen n. 135
vor.
Bei Hochzeiten und andern Festlichkeiten, auch
während einer Epidemie, um die Angst vor
Ansteckung zu verscheuchen, wurde das Spielen
ohne jede Einschränkung gestattet. Den Frauen
war erlaubt, bei einer Wöchnerin, aber erst nach
zehn Tagen ihrer Genesung zu spielen, wie es
überhaupt Sitte war, eine solche Frau fleißig zu
besuchen und ihr die Langeweile zu kürzen.
Spiele um Geldgewinn wurden aber immerhin
getadelt; man war nur hierin gelinder, wenn das
Geld zu Genüssen an Festtagen verwendet werden
sollte. So spielten auch die Frauen an den
Neumondstagen, die noch im Mittelalter,
namentlich von den Frauen, durch Enthaltung von
Arbeit und durch sabbatliche Kleidung
ausgezeichnet wurden, um den Gewinn von Eiern.
Als ein besonders jüdisches Spiel erscheint das
Spiel mit Nüssen, das schon in talmudischer Zeit
in Damenkreisen sehr beliebt war Wiewohl es am
Sabbattage nicht zu gestatten sei, war man doch
später geneigt, bei den Frauen hierin eine
Ausnahme zu machen. Spielten doch Mädchen auch
zur Vesperzeit des Versöhnungstages, allerdings
nicht mehr wie in jener uralten Zeit (Taanith S.
29) um Freier, doch aber — um Nüsse zu gewinnen
und hierbei die Mäßigung an den Tag zu legen,
dass sie dieselben nicht genießen. Das Nussspiel
war aber auch bei Männern beliebt, um darin Geld
zu gewinnen, das aber in einem solchen Spiele
nach einem älteren Ausspruche dem Verlierenden
wieder zurückgegeben werden müsste.
„Ursprünglich, heißt es in dem betreffenden
Bescheide, sei nur den Kindern gestattet
gewesen, am ersten Pessachtage mit Nüssen zu
spielen, nämlich mit den Nüssen, die man, um
ihre Wachsamkeit am Sedertische zu erhöhen,
ihnen am Abend gegeben hatte. Erwachsene aber
sollten dergleichen Zeitverschwendungen meiden
und sich mit Wichtigerem beschäftigen“. Man
unterschied im Nussspiel eine zweifache Weise;
bei der einen, nicht näher bekannten, benutzte
man den Boden eines großen Maßgefäßes, das
Krotel genannt. Die andere Art war die, dass ein
Nusshaufen von einer Nuss getroffen und
umgeworfen werden musste. Man nannte dies vlede,
eine deutsche Bezeichnung, welche noch zu
erklären wäre, die entsprechende französische
Benennung wird mit la pourcel („Wurfspiel“ nach
du Cange I.) wiedergegeben. — Wie so häufig
gegen das Kartenspiel, so wurde auch gegen in
gewinnsüchtiger Absicht eingegangene Wetten
geeifert. Von andern Spielen, mit denen ein
Gewinn verbunden war, werden erwähnt das Spiel
„Ganz oder halb“, das Reisende bei den
Grönländern wiederfanden, ferner das Loosspiel
„Rück oder Schneid“, bei dem ein Messer
gebraucht wurde. Am meisten geehrt war und
erhielt sich in Ansehen das Schachspiel, welches
bereits im Talmud erwähnt wird, im Mittelalter
vielfach besungen wurde, sogar zu einem Bilde
der Regierung gemacht und als Spiegel für Zucht
und Lebensweisheit dargestellt wurde. Erst
später verbieten es spanisch-türkische Gelehrte
und wollen es nur noch als Mittel gegen die
Melancholie gestatten. Zu den Unterhaltungen
gehörten auch Rätsel aufgaben, vorzüglich für
die freien Abende des achttägigen Weihefestes;
man stellte aus einer neu gebildeten Reihenfolge
der einzelnen Buchstaben im Alphabete oder nach
dem Zahlenwerte derselben eine Rätselschrift
her, um vermittelst derselben den Namen einer
Person aus der Gesellschaft oder auch die Zahl
der an den Abenden des Weihefestes anzuzündenden
Lichter anzudeuten. Auch verwandte man hierzu
biblische Stellen oder halachische Sätze, wie
aus den in einer Handschrift aus dem 15.
Jahrhundert aufbewahrten Proben zu erkennen ist.
Diese Art von Scherz- und Rätselschrift ist
jedenfalls eine Nachbildung der seit dem 13.
Jahrhundert auch in der deutschen Literatur
auftretenden Rätselpoesie. Allerdings war ein
solches Unterhaltungsmittel nur in den Kreisen
gewöhnlich, in denen die Vertrautheit mit den
hebräischen oder talmudischen Stellen vorhanden
war; man entschädigte sich in dieser Weise für
alle anderen Gewinnspiele, denen die Größere
Menge sich ergab. So wurde auch als ein
angemessenes Unterhaltungsmittel das Spiel mit
Versen aus der Schrift empfohlen, dass nämlich
der Eine eine bestimmte Stelle aus der Bibel
hersagt, mit dessen Schlusswort der Andere eine
neue Schriftstelle beginnt und so fort. In
dieser Weise sollte einerseits für alle
verpönten Spiele ein Ersatzmittel geboten,
anderseits, wenn auch indirekt, eine größere
Vertrautheit mit der heiligen Schrift erzielt
werden. Weniger als Unterhaltungsmittel, mehr
als Erforschungsversuch der Zukunft erscheint
die Benutzung der Schrift vor dem Beginne eines
Unternehmens. Ähnlich war es bei den alten
Römern eingeführt, in schweren Lebensmomenten
Vergil aufzuschlagen und die Stelle, auf die der
Blick fiel, als Schicksalsspruch zu betrachten.
Wie man in talmudischer Zeit das aus der Schule
kommende Kind nach dem Verse fragte, den es an
demselben Tage gelernt hatte, um hieraus eine
prophetische Deutung für bevorstehende
Ereignisse zu gewinnen (s. Gittin 57b, Midrasch
Echa a. m. Stellen), so benutzte man hier die
heilige Schrift, indem man sie aufschlug und das
erste Wort des Blattes, welches das Auge traf,
als Antwort auf die Frage „ob man Dies oder
Jenes unternehmen solle“ deutete. Einen solchen
Gebrauch (unter der Bezeichnung sortes sanctorum)
findet man bei den Christen bereits vor dem 8.
Jahrhundert.) Ebenso scheint die Befragung von
Loosbüchern, welche darauf ausgehen, auf
vorgelegte Fragen über menschliche
Angelegenheiten die Zukunft vorherzusagen, indem
sie zeigen, wie durch das Loos in jedem
gegebenen Falle aus dem Vorrat der in dem Buche
enthaltenen Orakelsprüche der rechte zu finden
ist, in den jüdischen Kreisen unseres
Vaterlandes erst mit dem Beginn des 16.
Jahrhunderts beliebt zu werden. Wenigstens sind
jüdische Loosbücher aus einer früheren Zeit
bisher nicht bekannt geworden. Wir wären hier an
ein sehr wichtiges Kapitel der Kulturgeschichte
angelangt, das des Interessanten sehr viel
bietet, nämlich das Eindringen von fremden
Elementen in die jüdischen Kreise, von mancher
Seite, als mit der Strenge der religiösen
Anschauung nicht vereinbar, getadelt, von
anderer Seite dagegen als ein unschuldiges
Mittel zur Beruhigung des beängsteten Gemüts
bezeichnet. Ähnlich schließt Grimm das Kapitel
über den Aberglauben mit den Worten: „Wir sind
froh, des vielen Aberglaubens ledig zu gehn,
doch erfüllte er das Leben unserer Voreltern
nicht allein mit Furcht, sondern auch mit
Trost“. So haben auch manche Gesetzeslehrer
Verschiedenes als unabwehrbare Lebensgewohnheit
oder auch als nicht zu der Zahl der im Talmud
aufgeführten heidnischen Gebräuche gehörig für
zulässig erachtet. Dies näher darzustellen,
verdient aber als ein sehr wichtiger Beitrag zur
Geschichte des Aberglaubens für ein besonderes
Kapitel aufbewahrt zu bleiben.
Wir wollen nunmehr, nachdem wir die Vergnügungen
innerhalb des jüdischen Volkslebens dargestellt
haben, denjenigen Teil des geselligen Lebens in
der Umgebung vorführen, bei dem die heidnische
Sitte, weil mit der jüdischen Anschauung
durchaus nicht vereinbar, Raum und Geltung im
jüdischen Kreise sich nicht erringen konnten.
Schon in talmudischer Zeit galten römische
Theater, Circus und ähnliche Lustbarkeiten für
wertlose Beschäftigung müßiger Köpfe, auf die
der erste Vers der Psalmen anzuwenden sei. Wer
im „Stadion“, d. h. in der Rennbahn für
Wettkämpfe sitzt, der ist ein Blutvergießer,
lehren schon die alten Rabbinen, während im
zivilisierten Europa die Stiergefechte noch
heute zur Ergötzung des Volkes stattfinden
können. Hetzjagden und Tiergefechten nur als
Zuschauer beizuwohnen, war zu allen Zeiten
verpönt, viel weniger war es gestattet, daran
Teil zu nehmen. Man sprach dem Teilnehmer an
Hetzjagden und dergleichen Belustigungen den
Anteil am künftigen Leben ab. Nur die Rücksicht,
dass durch die Anwesenheit bei den Kämpfen im
„Stadion“ die Rettung eines jüdischen zum Kampfe
Verurteilten bewerkstelligt werden könne, (weil
er schreit, d. h. um Mitleid rufen und das Leben
retten kann) ist nach einer im Talmud
ausgesprochenen Meinung bedeutsam genug, um
dieselbe zu gestatten. Hiermit dürfte in
Verbindung stehen und zum Teil verständlich
werden eine dunkle Stelle in einem mehrfach
lückenhaften Midrasch der Pesikta ed. Buber S.
19l b. Man muss die Stelle daselbst in folgender
Weise auffassen: „Sei von den Sehenden“, d. h.
von den Zuschauern auf der Tribüne, weil man
nämlich da vielleicht Gelegenheit finden dürfte,
einen zum Kampfe Verurteilten retten zu können,
„und nicht von den Gesehenen“, d. h. von den
tätigen Teilnehmern an der Hetzjagd. In ähnlich
charakteristischer Weise motiviert ein
mittelalterlicher Autor die Erlaubnis, einem
Wettrennen beizuwohnen oder im Zureiten der
Pferde sich zu üben, um nämlich in Gefahren
leicht zu Pferde zu sein und um so rascher
entfliehen zu können. Das Beispiel eines
unverbesserlichen Pferdeliebhabers aus dem 15.
Jahrhundert wird uns durch Moses Menz in seiner
Responsen-Sammlung n. 73 aufbewahrt. Dagegen
dürften wir das Beispiel eines jüdischen
Jagdliebhabers wohl nicht finden, wenigstens
nicht zu einer Zeit, in der sich die Ansicht
geltend machte, dass man bei der Anschaffung
eines Pelzes oder neuer Stiefel, den sonst bei
neuen Kleidungsstücken üblichen Glückwunsch
unterlässt, weil da immer die Tötung eines
Tieres vorausgesetzt werden müsse, Gottes Liebe
aber sich über alle seine Geschöpfe erstreckt.
Die Hetzjagd mit Hunden, wie die Nichtjuden sie
zu betreiben pflegen, war bei den Juden verpönt.
Erst bei Schudt (Denkwürdigkeiten I. 395) hören
wir, dass der Graf von Hohenlohe-Oehringen seine
jüdischen Untertanen „zu Jagdarbeiten employiren
lässt“, und bei Ezechiel Landau (Noda bihuda
Teil II. 2, 10) lesen wir von einer an ihn
gerichteten Anfrage, ob ein Jude sich gestatten
dürfe, das Vergnügen der Jagd zu genießen.
Landau konnte in seiner Antwort das Befremden
nicht unterdrücken, wie ein Nachkomme Abrahams,
Isaks und Jacobs an der Beschäftigung Nimrods
und Esaus Gefallen finden könne. Die Mitteilung
im Maassebuch (ed. Nürnberg, Bl. 49), dass
nämlich R. Jehuda der Fromme bis zu seinem
achtzehnten Lebensjahre ein Jagdliebhaber
gewesen sei und nichts anderes getan habe, „als
mit der Armbrust und mit Pfeilbogen zu
schießen“, erst durch die eindringlichsten
Vorstellungen Seitens seines Vaters dahin
gebracht worden sei, der Jagd vollständig zu
entsagen und sich dem Thora-Studium eifrig
zuzuwenden, ist selbst als Sage charakteristisch
genug, um die schroffen Gegensätze zu
bezeichnen, die in der Metarmophose des R.
Jehuda sich kundgeben. Dagegen werden wir die
Juden nicht selten in der Führung von Waffen
geübt und tüchtig finden. War auch im
Allgemeinen den Juden verboten, Waffen zu
führen, so finden sich doch vereinzelte Spuren,
dass sie durch Streitbarkeit und kriegerische
Tüchtigkeit ihren christlichen Zeitgenossen
Achtung abgewannen. Näheres hierüber hat Karl
Seifart in einem Aufsatze „Streitbare Juden im
Mittelalter“ (in der Zeitschrift für deutsche
Kulturgeschichte und hieraus im Jeschurun von
Hirsch, Jahrg. 3, abgedruckt) mitgeteilt. Wir
ergänzen die dortigen Angaben mit dem Hinweis
auf die böhmischen Juden, von denen berichtet
wird, dass sie stets bewaffnet einhergehen, die
spanischen Juden, die im Fechtspiel sich üben,
mit dem Könige und seinem Heere in den Kampf
ziehen, die wormser Juden, welche, als die Stadt
feindlich belagert wurde, gemäß der Entscheidung
des R. Elasar selbst am Sabbat die Waffen
ergreifen durften, um der Bürgerschaft Beistand
zu leisten. Ein von Juden im Jahre 1386 zu
Weissenfels veranstaltetes Turnier (vgl. Hecht
in Wertheimers Jahrbuch 3 S. 169) wird auch in
der Schöppenchronik von Magdeburg als ein Hof
bezeichnet, „wo die Juden stachen und tornierten
und da der Hof zerginge, da wurden die fremden
Juden auf ihrer Heimat verhalten von Claus von
Trote und Koler von Krosick und nahmen ihnen
groß Gut“, allein von Sidori, die Juden in
Sachsen S. 26 und nach ihm von Zunz, zur
Geschichte S. 184 und synagogale Poesie S. 40
wird es nur als eine Zusammenkunft bezeichnet,
zu der sich auch Juden aus entfernten Ländern
hinbegaben, die aber bei ihrer Heimkehr von
Raubrittern gefangen und geplündert wurden. —
Kampfspiele zu Pferde bei der feierlichen
Einholung des Bräutigams, wobei es nicht selten
zum Zerreißen der Kleidung oder zur Verwundung
der Pferde kam, waren bei den französischen und
spanischen Juden, wie bei der dortigen
christlichen Bevölkerung heimische Sitte. Von
den deutschen Juden ist uns dies weniger bekannt
geworden, wiewohl auch in Deutschland zur Zeit
des ausgebildeten Ritterwesens bei den
Hochzeiten der Vornehmen unter den Christen
ritterliche Spiele ein bedeutender Teil der
Unterhaltung waren.
Vögel aus Liebhaberei zu halten, rechnete man zu
den unnützen, eitlen Dingen, deren Kosten besser
für Arme zu verwenden wären, ähnlich wie im
Midrasch (Kohelet Rabba VI, 11) Affen, Katzen,
Eichhörnchen, Seehunde, Falken u. a. m. zu den
unnützen Dingen gerechnet werden, mit denen
Manche sich beschäftigen oder an denen man Lust
findet. Doch hielten die Juden der Provence
abgerichtete Falken und betrieben mit denselben
die Beizjagd, die dort heimisch war. Nach Hai
Gaon's Erklärung zu Sabbat 94a, angeführt bei
Aruch s. v. ]dyyz, ist auch im Talmud von dem
Falken die Rede, der zur Jagd abgerichtet wird,
indem der Jäger zu Pferde sitzt und den Falken
bei sich hat, den er beim Anblick eines anderen
Vogels loslässt. Die provencalischen Juden
wurden daher ermahnt, die Schnur, mit dem der
Stossvogel festgehalten wird, nicht an den
Sattelgriff zu knüpfen, weil in dieser Weise
zweierlei Zeugstoffe zusammengebracht werden,
ein Verstoß gegen das Gesetz im dritten Buch
Moses 19, 19.