Cheschwan

Der ernste, heitere Festmonat ist vorüber, und der stille, schweigende Cheschw-an nimmt dich auf. Aber eine Fülle von Klängen und Tönen nimmt deine Brust mit hinüber in diese Stille, und dieser Monat ist so recht geeignet, all das Herrliche des jüdischen Stilllebens zu belauschen. Welch ein Monat ist dieser Cheschwan, wenn der Thischri dich durch und durch mit seinem Geiste durchdrungen! Schule und Haus, Gewerbe und Gemeinde treten nun den Halbkreis ihres still winterlichen Schaffens und Wirkens, Strebens und Genießens an. Mit erneuter Lust wandert Knabe und Mädchen zur Schule, geht der Jüngling und die Jungfrau wieder die Bahn ihres vorbereitenden Strebens, mit neuem Mut der Mann an seinen Beruf und das Weib die stillseligen Pfade des häuslichen Priestertums. Und der Abend sammelt sie alle wieder, und jeder Atemzug ein Lobgesang Gottes und ein Geist des Friedens und der Liebe, der Seligkeit und der still bewussten Kraft füllt den Mann und das Weib, füllt den Jüngling und die Jungfrau und strömt in seiner Fülle in das unbewusst lächelnde Gemüt der kleinen über. O, dass wir Juden wären! Dass wir uns einmal entschlössen Juden zu sein, in der ganzen herrlichen Fülle dieses Namens, mit dem ganzen Ernst und der Entschiedenheit, die dieser Weg des Heiles bedingt! Dass wir einmal ließen das splitterrichtende Kritteln, und das Wort Gottes und die segnende Kraft seiner Lehre da erprobten, wo sie allein erprobt werden können, im Leben, in der Wirklichkeit, in der Tat! Dass wir es einmal wagten unsere Häuser jüdisch zu bauen, unsere Ehen jüdisch zu gründen, unsere Kinder jüdisch zu erziehen, unsere Geister jüdisch zu erleuchten, unsere Herzen jüdisch zu erwärmen, unsere Reden jüdisch zu begeistern, unsere Taten jüdisch zu leiten, unsere Genüsse jüdisch zu weihen – dass wir es einmal wagten mit dem jüdischen Geiste, mit dem vollen jüdischen Geist, und einmal des Segens harrten, der daraus erblühen würde! Wie fest würden wir stehen in diesem schwankenden Geschlechte, wie innig sich alle heilige Bande uns schürzen in dieser alles lockernden Zeit, welche Kraft würde sich bei uns entfalten, wenn auch alles der Schwäche, welche Wahrheit, wenn auch alles dem Truge, welche Liebe, wenn auch alles der Selbstsucht erläge, welcher Segen, welches Heil, welch heiteres Heil würde bei uns wohnen, wenn auch alles der Sorge und der Betrübnis verfiele! Hat denn das Hinüberschwanken ins unjüdische Leben uns so viel Segen gebracht, dass wir uns dem Wahne nicht entreißen möchten, der uns mit seinen Banden umstrickt? Sind denn unsere Herzen leichter, unsere Geister heiterer, unsere Ehen glücklicher, unsere Familien inniger geworden, seitdem wir noch mehr die Pfade des jüdischen Lebens verlassen? Sind unsere Kinder besser, unsere Jünglinge und Jungfrauen reiner, unsere Männer und Frauen wackerer, als es die Väter und Mütter gewesen? Sind es denn so heilverkündende Zustände, mit denen wir unser jüdisches Stillleben vertauscht? Ist es denn ein so fester Boden, an den wir aus unserem jüdischen Nachen gelandet? Sind es heiter gesunde Kreise, in die wir getreten? Ist es ein fröhlich blühender Lebensbaum, der uns in seinen Schatten aufgenommen? Schwankt doch überall die Zeit krank umher und sucht Arznei für ihr siech gewordenes Leben, blickt doch überall das matte Auge der Sehnsucht nach dem neuen Saatkorn aus, das ihr den Lebensbaum ersetzen möge, der ihr welk geworden! Wie? Wenn uns diese Arznei längst gegeben, wir dieses Saatkorn längst schon hätten – wenn der Herr der Zeiten auch für solche Zeit der Erschlaffung und des Siechtums längst uns seinen ewig verjüngenden Balsam des Lebens bereitet, und dieses Saatkorn, diese Arznei, dieser Balsam eben nichts anderes wäre, als – unser so lange verkanntes, verschmähtes Judentum? Lass dich die Miene der Männer der vornehmen Wissenschaft nicht irren! Die Rezepte studieren sie, grübeln aufs Haar nach dem Geburtstag der Amme des Pharmazeuten – um der Arznei zu entraten. Lass sie studieren und grübeln! Trinke die Arznei und gesunde, und beweise durch deine Gesundheit, dass die Arznei echt und gesund. Während sie mit aller Weisheit die Unmöglichkeit beweisen, dass ein so altes Samenkorn noch Triebkraft und Leben in sich trage, sät der lebenskräftige Jude das Saatkorn seines alten Glaubens in den frischen Acker seines unentnervten Lebens, pflegt es mit der Sonnenglut der alten Begeisterung, tränkt es mit dem Lebenstau aus dem alten ewigen Borne der Kraft, und zeigt lächelnd durch die Blüte und Frucht, wie flach das Urteil der Beschränktheit. So geschwunden ist der jüdische Geist noch nicht auf Erden, dass es nicht noch Stätten gebe, wo du sein stilles Wirken belauschen und an den Früchten, die selbst das einfachste Saatkorn des jüdischen Geistes in einfachsten Kreisen trägt, ermessen könnest, zu welcher Herrlichkeit sich unsere Zustände entfalten würden, wenn sie der vollen kraftreichen Saat des jüdischen Geistes ihren Schoß öffnen möchten. Willst du heutigen Tages den Segnungen des Judentums begegnen, suche es einmal da auf, wo es fast die einzige geistige Potenz im Gedanken- und Gefühlskreise bildet, und siehe, welche Früchte auch nur seine einfachsten, aber großen Grundzüge in einem Lebenskreise erzeugen, bei dem du sonst alle anderen Hebel des Heiles und des Segens vermisst. Das jüdische Proletariat suche auf, - nicht das wandernde, heimatlose, - in großen, volkreichen Städten suche es auf, wo die Armut das Elend, die Verkümmerung und Entartung sonst in ihrem Gefolge hat. Dort gehe in die Hütten der jüdischen Armen, und lasse dir von ihren Pflegern das Bild des Lebens entrollen, das dort gelebt wird. Da wird dein Herz warm werden, da wird dein Auge leuchten, da wirst du stolz werden Jude zu sein und da wirst du die erhaltende, erhebende, veredelnde, geistige Kraft des Judentums ahnen lernen. Da wirst du lernen, welch einen Geist der Sittlichkeit, der Redlichkeit, der Aufopferung, der Liebe, des Edelmutes, des Seelenadels, welch einen Geist der Freudigkeit, der Heiterkeit, der Zufriedenheit es auf Lebensstufen zu entfalten weiß, wo es den einzigen Reichtum, und das einzige Licht und die einzige Lebenspulsader bildet. Da wirst du die Gattenliebe und Elternliebe und Kindesliebe, und die opferfreudige, gegenseitige Menschenliebe ihre schönsten Triumphe feiern sehen, dort wirst du im groben Kittel, in unscheinbaren Hütten Menschen sittlich, wacker, groß und glücklich finden, weil sie Juden und nichts als Juden sind. Und hast du das Judentum auf diesen niedrigsten Stufen der gesellschaftlichen Gestaltung besucht, dann suche dir die wenigen Edlen auch auf, die, wie wiedererstandene Denkmäler vergangener Größen, vereinsamt, und doch als Muster dem kommenden Geschlechte entgegenleuchtend zeigen, zu welcher Fülle von Größe, zu welchem Gehalte und Inhaltsreichtum ein Leben sich entfalte, wo nun dem jüdischen Geist ein heiterer, reicherer Kreis sich geöffnet, wo der Wohlstand sich des Judentums nicht schämt, wo Gold und Glanz den Horebschmuck Israels nicht verdrängt, wo der jüdische Geist und das jüdische Herz in jedem geistigen und leiblichen Gute nur ein willkommenes Mittel begrüßt, in größerem Maßstabe jüdische Pflichten, Mizwoth, zu üben! Dann wirst du dir sagen, welch eine herrliche Erscheinung das Judentum heute wäre, wenn alle Juden, Juden wären, wenn die Freiheit und Bildung und Wohlhabenheit, und Wissenschaft und Kunst, die in so größerem Maße unserem heutigen Geschlechte zugefallen, sich nicht dem Judentum entfremdet hätten, nicht die schützenden, erleuchtenden, leitenden und segnenden Genien verlassen hätten, die das Stillleben des Juden auf allen Stufen, durch alle Entwicklungsphasen begleiten und göttlich weihend gestalten sollten. Milah, Ziezith, Thfillin, Mesusah, Shabbath, Berachoth sind diese Genien des Stilllebens, deren Führung du dich hingeben mögest, wenn du dich zum Juden, zum Sohne Jeschuruns erziehen willst. Milah wird dich lehren keusch zu bleiben und die sittlich reine Unschuld bewahren, - Ziezith durch Beherrschung des Auges und des Herzens die Humanitätserziehung an dir zu vollenden, die der barmherzige Gott mit dem ersten Gewande begonnen, das er um die Blöße des verirrten Menschen schürzte, - und die reine Hand und das reine Herz und das reine Auge weihen. Thfillin dir mit jedem neuen Morgenrot einem tätigen, recht- und lieberfüllten jüdischen Leben, - und den ganzen Kreis deines häuslichen Lebens grüßt der Name Schaddai an der Tür und weiht dein Haus zu einer Abrahamshütte, der der allmächtige Gott als der alleinige Schutzherr genügt, und in welcher die Lehre von dem einig einzigen Gott und von der Hingebung an diesen Einzigen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, und von der Erziehung deiner Kinder zu solcher Lehre, ihre Verwirklichung findet, - und mit jedem siebten Tag kehrt der Sabbath bei dir ein und bringt dir Ruhe und Frieden, Trost und Seligkeit als Paradieseslohn für solches Streben, und ewig frische, ewig neue Begeisterung zum Fortstreben in solchem Leben. Alle Momente deines Lebens aber durchdringen Berachoth mit dem Geiste der Erkenntnis und der Weihe, und lassen dein ganzes Leben dich als einen fortgesetzten Gottesdienst begreifen und vollenden. Was du siehst oder hörst, was du empfängst oder verlierst, was du genießt oder übst, nichts findet dich gedankenlos, alles weckt und mahnt dich und stärkt dich in dem Entschlusse, in allem und mit allem nicht nur gesegnet, sondern selber Segen, segnende Förderung dem heiligen Willen des zu werden, der dich in allem und mit allem segnend umgibt und hinwieder selbst durch dich „baruch“ werden will, selbst von dir Segen erwartet, - auf dass dein ganzes Leben in Lösung des einen Wortes aufgehe, welches er zu deinem Ahn gesprochen: „Hejeh Berachah“, „werde Segen!“