Teweth

Der zehnte Teweth. Der zehnte Teweth ist der erste der vier Fasttage, die die zweimalige Katastrophe des jüdischen Staatsunterganges im jüdischen Kreise verewigen. Und dieses Andenken ist kein müßiges. Nicht zur müßigen Trauer bist du geladen. Etwa zurückzuschauen, Flor um den Arm zu binden und eine Träne der Wehmut der Erinnerung vergangener Größe zu weihen. Fastend finden dich die Jahrestage von Jeruschalaim – Zions Fall. Und vorwärts ruft dich dies Fasten. Mahnt dich, dass Jeruschalaim – Zion nicht für immer gefallen. Mahnt dich, dass es nur an dir liege, und „der Fasttag des vierten, und der Fasttag des zehnten Monats werden dem Hause Juda zu Wonne und Freude.“ Mahnet dich, du brauchst nur zu wollen – und Jeruschlaim – Zion stehet wieder da! Denn siehe! du fastest an den Tagen dieser Erinnerung, um dir zu sagen, dass dein Geschick und deine Aufgabe noch heute an diese Katastrophe geknüpft ist, und dir dieses so oft und so lange zu wiederholen, bis dein Geschick erfüllt ist und du deine Aufgabe begreifst und lösest. Dein Geschick heißt: Galuth – deine Aufgabe: Theschuwah! Wenn du an solchen Tagen der Erinnerung die letzten zwei Jahrtausende deiner Geschichte zurück schaust, - du gehörst zu dem einzigen lebenden Menschenstamm, der in´s vierte Jahrtausend seiner Geschichte zurück blicken kann – welches großartige Bild stellt dir sich dar! Überall heimisch und doch überall fremd, überall fremd und doch überall heimisch, - verwebt in alle Geschicke und doch nicht in ihnen wurzelnd, - mit deinem Denken und Fühlen, mit deinem Hoffen und Fürchten, mit deinem Schaffen und Wirken jeder Zeit angehörig und doch alle Zeiten überragend, - teilnehmend, tätig teilnehmend an allen Sorgen und Bestrebungen der Völker und doch nicht die Katastrophen ihrer Schicksale teilend, - der schmerzensreichste und doch der heiterste Menschenstamm, der gequälteste und der siegreichste zugleich, die verachtetste Menschenfamilie und zugleich die geachtetste auf Erden! „Das zerzerrteste und zerraufteste Volk, und doch die gefürchtetste Nation von ihrem Dasein an auf Erden!“ wie der Prophet spricht. Würdest du auch nichts weiter als diese deine Geschichte kennen, müsstest du dich da nicht nach dem ganz absonderlichen, erhaltenden, alles andere überwindenden Elemente umsehen, das im jüdischen Kreise lebendig ist, und das eben in der Erhaltung dieser Menschenfamilie inmitten und trotz aller widerstrebenden Kräfte und Verhältnisse, inmitten und trotz der vollendetsten, entschiedensten Ungunst aller die geschichtliche Existenz sonst bedingenden Umstände, sich dem blödesten Auge sichtbar verkündet? Und nimmst du nun noch deine Thora, diese „Weisung“ und „Unterweisung“ deines Gottes zur Hand und liest, wie dieses Galuth, dieses durchaus einzige geschichtliche „Wandergeschick“ kein zufälliges, kein im Laufe der Zeiten überraschendes ist, liest, wie diese so wundervoll einzige geschichtliche Erscheinung bereits mehr als ein Jahrtausend zuvor, mitt all´ ihrem Trüben und all´ ihrem Herrlichen im Voraus warnend und mahnend verkündet, - liest, wie dein ganzes, ganzes Volksgeschick bis auf den heutigen Tag herab dir in dem Augenblick bereits verkündet worden, als du zum ersten Eintritt an der Grenze des Landes standest, auf dessen Boden du deine völkergeschichtliche Erscheinung beginnen solltest, und vergleichst nun dein und dieses Landes Geschick bis auf den heutigen Tag mit den Verkündigungen die dir damals geworden – dann wirst du in diesem Lande, in dir, in jedem Juden ein ewiges, überall gegenwärtiges Denkmal, Zeugnis und Beweis der allmächtig, überall und ewig waltenden, die Geschicke der Völker und Menschen bestimmenden und lenkenden Vorsehung erkennen, und mit Innigkeit dich deines so herben und so herrlichen Geschickes freuen. Und diesem, deinem Galuthgeschicke entziehst du dich nicht, und gerade dann am wenigsten, wenn du müde geworden es zu ertragen, und durch Abstreifen deines Jüdischen Berufes eine Änderung, und, wie du meinst, eine Besserung deines Geschickes zu erhandeln vermeinst. So wahrlich änderst und besserst du es nimmer! Siehe, als Prüfstein hat dein Gott dich in die Mitte der Völker gestreut, machtlos, waffenlos, schutzlos dich an die Stimme des Gott verehrenden Rechtes und der Gott verehrenden Liebe in der Brust der Menschen gewiesen. Das Recht und die Liebe und das Gottbewusstsein der Menschen sind deine einzigen Vertreter auf Erden. Je lauter die Stimme des Rechtes, je allmächtiger die Stimme der Liebe in der Brust der Menschen spricht, um so heiterer, um so milder gestaltet sich deine Galuthwanderung auf Erden; je reiner aber, je entschiedener, je gewaltiger der Gottgedanke wach ist, um so lauter spricht das Recht, um so mächtiger die Liebe. Und nur in dem Recht, das man dem Schwächsten nicht verkümmert, in der Liebe, die man dem Schwächsten zollt, erweist sich die Wahrhaftigkeit des Rechtsinnes, erprobt sich die Reinheit der Liebe. Das Recht und die Liebe, die der Jude auf Erden findet, ist somit der Höhenmesser der Erziehung des Menschengeschlechtes, und seine Erlösung geht Hand in Hand mit der Erlösung des Menschengeschlechtes von Unrecht, Lieblosigkeit und Gott verleugnendem Wahn. So ist deine Zukunft an die endliche, wahrhaftige Veredlung des Menschengeschlechtes geknüpft, - aber zunächst und zu allererst an deine eigene. Rufst du aus der lautlosen Galuthnacht zum Wächter und Lenker der Zeiten: „Wächter! was wird aus der Allnacht? was wird aus meiner Nacht? Wächter!“ Dann antwortet der Wächter: „es kommt der Morgen, freilich auch noch Nacht. Wollt ihr aber; - und wahrhaftig ihr solltet wollen! – so kehret zurück und kommet gleich!“ Wenn einst über dich alle diese Worte, der Segen und der Fluch, den ich dir vorgelegt habe, gekommen sein werden, dann wirst du dir´s unter allen Völkern, unter welche dein Gott dich verwiesen, zu Herzen nehmen, wirst zu deinem Gotte zurück kehren und du und deine Kinder seiner Stimme mit ganzem Herzen und ganzer Seele, ganz so wie ich dir heute befehle, gehorchen. Dann wird auch Gott, dein Gott, wieder mit deinen Vertriebenen sein und wird sich dein erbarmen und dich wieder aus allen Völkern sammeln, wohin er dich zerstreut. Wenn deine Verweisung bis an Himmels Ende wäre, von dort wird dich dein Gott sammeln und von dort dich wieder zu sich nehmen, und zu dem Lande dich führen, das du und deine Väter besessen, und dir noch größeres Heil und größere Fülle als deinen Vätern gewähren. Beschneiden wird Gott, dein Gott, dein und deiner Kinder Herz, ihn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele um deines Lebens willen zu lieben. … Du kehrst zurück und gehorchst der Stimme Gottes und erfüllst alle seine Gebote, die ich dir heute befehle... Dann wird dich Gott, dein Gott, in all deinem Schaffen, in den Kindern deines Leibes, in der Frucht deiner Herden, in der Blüte deines Bodens zum Guten auszeichnen; denn er wird sich wieder über dich freuen, wie er sich deiner Väter gefreut; denn du wirst, der im Buche dieser Thora niedergeschriebenen Stimme deines Gottes gehorsam, seine Gebote und Gesetze beobachten; wirst zu Gott, deinem Gotte, zurück kehren mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Siehe da, von Gott, von dem Wächter und Lenker der Zeiten, von dem Gründer und Leiter deines Geschickes, von deinem Gotte, deine Zukunft unwandelbar gezeichnet. Und wie noch kein Wort, das er über dich ausgesprochen, zu Boden gefallen, wie noch bis auf diesen Augenblick alles, alles sich erfüllt, siehe, so wird die Zeit der Menschheit sich nicht erfüllen, ehe nicht dieses Wort deines Gottes, das Er über dich und über die Zukunft seiner Thora und über dein an diese Thora geknüpftes Heil ausgesprochen, in herrlichste Erfüllung gegangen. Wie die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, so leuchtet dieses Wort dir die Bahn in deiner Galuthnacht und ebnet alle Höhen und hebet alle Tiefen und verzehret alle Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahnes, die deinen Fuß auf deiner Wanderung zu dem herrlichsten Ziele hemmend umstricken. Fastend finden dich die Gedächtnistage des Unterganges deines völkergeschichtlichen Glückes, und dieses Fasten soll dich an dieses Wort deines Gottes mahnen, soll dir sagen, dass du in dich gehen, und zu ihm und seiner heiligen Lehre zurück kehren sollst, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, zu dem ganzen unverkürzten Inhalte seines Wortes du mit deinen Kindern zurück kehren müssest, wenn du dich je aus diesem Untergange wieder erheben wollest. Irrtum und Wahn sind es, die deinen zur Rückkehr gehobenen Fuß umstrickend sprechen: antiquiert ist diese Thora, der Vergangenheit gehört sie an, manches, vieles, das meiste ihres Inhaltes gilt nicht mehr für dich, gilt für deine Kinder nicht, du musst dich von ihr emanzipieren, wenn du dich von deinem Galuth emanzipieren willst. „Es ist nicht wahr!“ spricht deines Gottes Wort. Nicht der Vergangenheit, der lebendigen vollen Zukunft gehört die Thora mit ihrem vollen unverkürzten Inhalte an. Deine Rückkehr, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte ist das Ziel deiner ganzen Galuthwanderung, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte, die einzige Bedingung deines künftigen Heiles. Thoren, die wir sind, wenn wir nach diesem Gottesworte noch meinen, wir könnten unser und unserer Kinder Heil begründen, indem wir den Weg der Thora verlassen. Jeder Schritt von ihr führt zum Verderben. Jeder Schritt zu ihr führt zum Heil. Warum bist du in´s Galuth gewandert? Weil du die Thora deines Gottes verlassen. Warum dauert dieses Galuth noch? Weil du zu seiner Thora noch nie mit ganzem Herzen und ganzer Seele zurückgekehrt, ihren Gesamtinhalt noch nie dauernd zur Wahrheit gebracht. Was wird dieses Galuth enden? Nur die volle Rückkehr zur ganzen Thora erlöst dich. Es ist Gott, der dieses spricht. und diesen Gott, und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, und die überall und immer waltende Vorsehung dieses Gottes musst du erst verleugnen, wenn du auf anderem Wege dein und deiner Kinder Heil finden zu können glauben willst. Schlage dir am Fasttage die Bücher deiner Propheten und die Worte deiner Weisen auf und lies, was dich in´s Unglück gebracht! „sie mischten sich unter die Völker und lernten ihre Sitten“ ist die Grabschrift aller Prophetenstimmen auf Jeruschalaim – Zions erstem Leichensteine, und: Menschenfeindseligkeit hat uns begraben, tönt´s aus dem Schutt des zweiten Jeruschalaim – Zionfalls. Siehe da, die Grundzüge unserer Nationalsünden, an denen wir bis auf den heutigen Tag herab kränkeln! Der Mangel an Mut, der Mangel an Selbstständigkeit, mit entschiedenem Ernste den eigenen Weg rein und entschieden zu wandeln, der Mangel an Kraft, der Mangel an Begeisterung, der Mangel an Selbstkenntnis und Selbstachtung, der Mangel an felsenfest vertrauendem Festhalten an Gott und sein heiliges Wort, die uns alle befähigen würden, mitten unter allen Völkerfamilien der Erde zu leben, an ihren Sorgen, an ihren Bestrebungen teil zu nehmen, uns harmonisch und freundlich und heilstätig ihnen anzuschließen, und doch keinen Zug der eigentümlich jüdischen Gottespflichten einzubüßen, Mensch unter Menschen zu sein und doch oder vielmehr um so mehr durch und durch Jude, wie es unsere ursprüngliche Bestimmung gewesen: „Haltet und übet, denn das ist eure Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker, die alle diese Chuckim, alle diese Gesetze hören und sagen werden: ist doch eine weise und einsichtsvolle Nation dieses ganze große Volk!“ – und also: dieser Mangel an Gott verehrender Selbstachtung, an richtiger, hochschätzender Würdigung unseres göttlichen Lebensgesetzes, dies ist die eine Nationalsünde. Eine unselige Zerfällung und Scheidung des einheitlichen Gottesgesetzes, eine unselige Übertragung einer unseligen unkritischen Teilung der unteilbaren Thora, in Pflichten zwischen Mensch und Mensch, aus unseliger Theorie in noch unseligere Praxis, das ist die andere. Verletzung der speziell jüdischen Pflichten gegen Gott hat unser erstes Grab gegraben und die Verletzung der Pflichten gegen die Menschenbrüder unseren Zweiten Ruin erzeugt. Und so wird nimmer und nimmer das Heil bei uns einkehren bis wir ganze Juden geworden sein werden, bis wir das Leben in seiner Ganzheit und Einheit begreifen und so auch die Gotteslehre für´s Leben in ihrer Einheit und Ganzheit „halten und erfüllen!“ Nur die ganze, unverkürzte Thora bringt Heil. Ob du böse zum Himmel oder böse zu dem Menschen bist, in jedem Falle versündigst du dich gegen Gott und untergräbst dein Heil, und nimmer darfst du dich, nimmer darf deine Zeit sich des Fortschrittes rühmen, so lange wir nicht mit gleich entschiedenem Ernste in beiden Kreisen fortschreiten, so lange wir immer wieder die Tugenden des einen Kreises durch Versündigungen im anderen Kreise beflecken, so lange wir nicht dadurch sühnen, dass wir ganze Juden werden, gegen Gott und Menschen alle unsere Pflichten erfüllen, „unverkürzt und ganz wie es uns Gott befohlen, wir und unsere Kinder mit ganzem Herzen und ganzer Seele!“