Thischri

Des Juden Katechismus ist sein Kalender. Auf die Fittiche der Zeit, die uns durch´s Leben tragen, hat Gott die ewigen Worte seiner beseligenden Lehre gegraben, und Tage und Wochen und Monate und Jahre zu Herolden seiner Wahrheiten gemacht. Den scheinbar flüchtigen Elementen hat Gott die Pflege seiner Heiligtümer anvertraut und hat ihnen damit unverwüstlichere Dauer und unbedingtere Zugänglichkeit gesichert, als Priestermund und Denkmals-Erz und Tempel und Altar vermöchten. Priester sterben, Denkmäler verwittern, Tempel und Altäre zerfallen, aber die Zeit bleibt ewig, und ewig frisch und ewig neu tritt jeder junge Tag aus ihrem Schoß. Nur zu Wenigen kann der Priester wandern, Priester und Denkmäler, Tempel und Altäre müssen warten, bis du zu ihnen kommst, - und noch weit mehr bedarfst du ihrer ja, gerade, wenn du nicht zu ihnen kommst, wenn du nicht einmal den Zug zum Heiligtum fühlst, oder die Schranken des Elendes dich vereinsamen. Nicht also die Kinder der Zeit. Sie warten nicht bis du zu ihnen kommst; sie kommen zu dir, unangemeldet, unabweisbar zu dir, sie wissen dich zu finden mitten im geschäftigen Markte des Lebens, mitten im rauschenden Gewühle der Freuden, oder in einsamer Kerkerstille, oder auf schmerzreichem Krankenlager, wissen dich zu finden und reichen dir überall das Wort deines Gottes, mahnend und warnend, beseligend, tröstend, - und allgegenwärtig wie die Gottheit, die sie sendet, treten sie zu Allen zu gleicher Zeit heran und erfüllen in Einem Momente, in Ost und West in Süd und Nord, auf jeder Höhe, in jeder Tiefe des Geschickes und Alters, Millionen in Einem Momente mit Einem Gefühle und Einem Gedanken. Siehe da den Monat Thi-schri, diesen „Anfang-“ und „Löse- Monat!“ Welch ein Gottesherold stehet in ihm vor dir, und welch eine Fülle von Ernst und von Freude, von Erschütterung und Frieden, von Mahnung und Trost will er dir bringen! Ein zweifaches Jahr hat der Kalender der Juden, so wie er auch einen zweifachen Tag kennt. Ein Jahr das mit dem Herbst beginnt, und, wie sehr es sich auch durch den Winter zum Frühling und Sommer hindurch ringt, doch wieder mit dem Herbste endet; - und ein Jahr, das mit Frühling anhebt, und wenn auch dem Sommer Herbst und Winter folgen, dennoch wieder zum heiter lachenden, sich neu verjüngenden Frühling hinführt. Und eben so einen Tag, dessen Anfang Nacht ist, wie über die Wiege der Schöpfung der Schleier der Nacht gewoben, und der, wie hoffnungsreich auch die Morgenröte dämmert und zum hell strahlenden Mittag hinführt, dennoch wieder endet mit Nacht; - und einen Tag, der mit dem Morgen anbricht und zum Mittag steigt und mitten durch die Schatten der Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet. Der Nacht-tag, der von Nacht zu Nacht führende Tag, ist der Tag der Erdschöpfung; nach ihm zählst du in allen Räumen alle Zeiten deiner irdischen Wallfahrt. Aber im Tempel deines Gottes, im Mikdasch, im Heiligtum, gilt der Licht-tag, der dich von Morgen zu Morgen geleitet; Alles beginnt dort mit dem Morgen und Alles endet mit dem Morgen. Das Herbstjahr, das mit Thischri beginnende Jahr, das mit dem Herbst einleitet und mit dem Herbst endigt, ist das Jahr der Erdschöpfung; nach ihm zählst du die Jahre der Welt, die Jahre deiner Welt, deiner Geschäfte, deines Schaltens und Waltens mit den Dingen der Erde. Das Frühlingsjahr, das mit dem Lenzmonat Nissan beginnt und mit dem Lenzmonat endet, ist das Jahr des Judentums, das Jahr der Israel- und Menschheitserlösung; nach ihm zählst du dein jüdisches Leben, deine jüdischen Monate und Feste. Diese Doppelzählung der Jahre und Tage, siehst du nicht, wie sie der Posaunenruf des Todes und des Lebens, der Vernichtung und der Auferstehung, der Vergänglichkeit und der Ewigkeit ist, wie sie dich ewig wach rufen soll zu dem lebendigen Bewusstsein von deinem Doppelwesen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen deiner Natur, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen aller deiner Beziehungen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen des ganzen Menschheitswesens auf Erden? Streiche weg aus deinem Leben alles, was dich zum Juden macht, streiche aus dem Leben der Menschheit weg alles, was ihr das Judentum gebracht, alles was dem Judentum entgegenreift, - und wahrlich du zählst von Nacht zu Nacht, und von Nacht zu Nacht zählt mit dir die Geschichte der Menschheit; blütenloser Herbst ist alles Entstehen und zum blütenlosen Herbst welkt alles zum Tode; und wie auch die Sonne der irdischen Hoheit steigt, der Schatten der Nacht hüllt zuletzt doch mit seinem endlichen Schleier alles ein; und wie auch der Baum des irdischen Lebens sich prangend entfaltet, dem üppigen Sommer folgt der Herbst, die Zeit der Stürme kommt, und entblättert steht das Prangendste da. Was vom Staube geworden wird zum Staube, „auf der Weide des Todes gehen sie alle“ und „Vergänglichkeit“ predigt das Gerölle und der Schutt der Zeiten. Wehe dir, wenn du dich über diese Vergänglichkeit täuschest, wenn du an die Ewigkeit der Jugend, an die Dauer der Blüten, an die Erznatur des Markes, an den Bestand der Hoheit, an die Unverwüstlichkeit des Genusses und der Freuden, an die Sicherheit des Besitzes, an die Ewigkeit irdischer Größen glaubst, ihnen, als deinen ewigen Göttern dich in die Arme wirfst, „nachwandelst dem Vergänglichen – und vergehst!“ Wehe dir, wenn du die Thischrizählung deiner Jahre erst am Ende deines Lebens, wenn es zu spät ist, lernest! Dreimal aber wehe dir, wenn dich der jüdische Geist nicht die Frühlingszählung deiner irdischen Jahre gelehrt, wenn dir die Erde ein Leichenhaus wird, in welchem dich überall Gräber anstarren, der lauernde Tod über alles das Grauen der Verwesung wirft, und die Heiterkeit dir Sünde und der Genuss zum Verbrechen und die Freude eine Torheit wird, und du entmutigt dich zur Erde setzt und mit erstorbenem Blick und mit verkohltem Herzen nur den Seufzer kennst: „Alles, ach alles ist eitel!“ Denn siehe! im jüdischen Geiste, im jüdischen Heiligtum ist nichts eitel. Nicht über Gräbern ward das jüdische Heiligtum gebaut, der Tod und die Zeichen des Todes blieben fern aus seinen Räumen. Nicht mit Trauerschmerz waren seine Hallen zu betreten, der Freude ward´s erbaut. Von Morgen zu Morgen zählte man in seinen Kreisen. Nach Frühlingen zählt der jüdische Geist. Das Frühlingsparadies – nicht erst das jenseitige – setzt er an den Anfang der Menschengeschichte, und das Frühlingsparadies zeigt er als Ziel der Geschichte, und ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem nichts vergänglich, in welchem alles ewig, alles vom Hauche ewiger, freudiger Göttlichkeit durchweht werde, ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem selbst Mühe und Arbeit, Trauer und Schmerz sich zu seliger Heiterkeit verklären und der vergänglichste Keim und die flüchtigste Minute, vom ewigen Gottesgeist des Menschen erfasst, als eine ewige Blüte in den Kranz der Vollendung sich fügt, und schon hier auf Erden die Seligkeit blühet und schon hier auf Erden die Ewigkeit taget und mitten durch Sturm und Nacht einer ewig herrlichen Frühlings- und Tages-Verjüngung entgegenreift – von Morgen zu Morgen, von Frühling zu Frühling zählen und leben zu lehren, das ist die Summe der jüdischen Botschaft des Heiles. Aber bevor die Seligkeitswahrheit Eingang finden kann, muss die Täuschung geschwunden sein, der Frühlingsbotschaft muss die Herbstposaune voran gehen, die Thischrizählung musst du beherzigt haben, wenn du Frühlingsjahre zählen und leben willst; darum tritt dir der Thischri entgegen am Anfang deiner irdischen Wallfahrtsjahre und will die Täuschung vernichten, und den Wahn verscheuchen und will dich lehren, auf von Täuschung und Wahn befreitem irdischen Boden, mitten in der Vergänglichkeit, mit dem Vergänglichen, heiter und selig die Hütte deines Lebens zu bauen. Zerbrochen lagen einst die Tafelscherben des göttlichen Gesetzes am Sinai; denn es hatten die Väter wahnumnebelt das sichtbare Vergängliche über das ewige Unsichtbare gesetzt, hatten von dem ewigen Schöpfer und Walter ihr Herz der vergänglichen Kreatur zugewendet, hatten die sichtbare Natur im goldenen Kalbe vergöttert, und „Elch“ diese sinnlich erkennbare Welt, dieser Kosmos, und seine irdisch waltenden Mächte, sie sind deine Götter Israel! hallte im sinnlichen Rausch der Jubel der tanzenden Chöre. Darum lagen zerbrochen die Tafeln des göttlichen Gesetzes. Denn wo aus der Brust des Menschen geschwunden ist das Bewusstsein seiner eigenen höheren göttlichen Natur, wo ihn dies Bewusstsein nicht über die sinnliche Welt zu dem Einen Einzigen unsichtbar Allgegenwärtigen Höchsten und Nächsten Einen hebt, wo der Mangel dieses Bewusstseins den Menschen der sinnlichen Natur zu Füßen wirft, der Natur zu Füßen, zu deren Herrn und Meister, nicht zu deren Sklaven und Diener Gott ihn gesandt – da fehlt der Boden, auf welchem das göttliche Gesetz seine Stätte finden und ein göttlich menschliches Leben auf Erden erzeugen könnte, das durch und durch von Gottes Geist getragen, das ganze sinnlich Leben selbst zu Einem Gott verherrlichenden Hymnus umwandeln und ein Heiligtum auf Erden bauen sollte, in welchem Gottes Herrlichkeit beseligend wohne. Da liegen zerschmettert die Tafeln des göttlichen Gesetzes. Aber der Wahn ward vernichtet, der Schleier ward zerrissen, der Vergänglichkeit fielen die Verehrer des Vergänglichen anheim, Staub ward das Götterbild der Vergänglichkeit, und zu dem Ewigen richtete sich der Geist der Väter wieder auf, und „Sfalachti“ „Ich habe verziehen“, rief die Gnade aus Himmels Höhen, und das Band ward wieder geknüpft, und des Gesetzes Tafeln kehrten wieder und die Hütte des Heiligtums war wieder zu erbauen. Der 10. Thischri wars, als das: „Sfalachti“ die Wiedererhebung aus verworfenster Sinnlichkeitsvergötterung besiegelte, und das drückte für alle Zeit dem Monat Thischri die Weihe des ernstesten Ernstes und der seligsten Freude auf. Theruah, u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah, Emunah und Simchah, Erschütterung und Rückkehr, Verzeihung, Sühne und Reinheit, Vertrauen und Freude, das ist das siebenfarbige Angebinde, das der Neujahrsherold am Thischri jeder jüdischen Hütte, jeder jüdischen Brust läuternd und weihend, kräftigend, beseligend bringt; Theruah u. Theschubah, Selichah, Kaparah u. Taharah, Emunah u. Simchah, das ist der Baum des Lebens, den der Thischri immer neu in unserer Mitte aufrichtet, und alle, alle in seinen Schatten ladet. Theruah u. Theschuwah die Wurzel, Selichah, Kaparah u. Taharah der Stamm, Emunah u. Simchah die nährenden und beglückenden Früchte des Lebens. Willst du die Früchte pflücken, darfst du die Wurzel nicht scheuen. Sollen dir die Früchte reifen, pflanze die Wurzel mit Ernst in dein Gemüt. Der Posaunenruf der Theruah soll den Traum, die Täuschung zerstören, mit welcher die Sinnlichkeit uns in ihren Armen lullt, soll das Götterbild zerschmettern, das wir der Sinnlichkeit in unserem Herzen errichten, soll uns wach rufen, und aufrufen zu dem Einen, der unser wartet. Und die Tage der Theschuwah lehren uns den Weg wieder finden, der in die Arme des Vaters zurück führt und uns zum Jom hakipurim leitet, der die Brücke mit der Vergangenheit abbricht, mit Selichah, Kaparah u. Taharah uns einen reinen, neuen Boden gibt, auf dem wir am Suckoth–Feste ruhig und sicher, fröhlich und heiter die Hütten unseres Lebens bauen lernen. Jom theruah, der Tag des Posaunenrufs geht voran. Wie im Schofarruf Gott am Sinai uns zusammen rief, wie Gott mit Schofarruf einst uns wieder um sich sammeln wird, wie der Schofarruf den Sklaven zur Freiheit, den Armen zum Besitz, den Entfremdeten zu seiner Heimat rief, so ruft der Schofarton mit jedem Thischri uns alle, alle zu Gott, ruft den Sklaven der Sinnlichkeit zur göttlichen Freiheit, ruft Arm und Reich zum wahren Reichtum, ruft den Verirrtesten zur eigenen Heimat, ruft zur Jobelhöhe jedes Herz und jeden Geist. Wie der rufende Thekiahton die Väter zu dem Führer rief, die schmetternde Theruah sie zum Aufbruch und zum Kriege lud, und der Thekiah schließender Ruf sie zu dem neuen Ziele leitete, wo Gott ihrer wartete und wohin die Wolke seiner Gnade und die Lade seines Bundes zog – so ruft uns die Thischrithekiah zu unserem Lebenshirten, den wir verlassen, und die Theruah schmettert uns zum Aufbruch und Kampf, - zum Aufbruch von jeder Stätte, zum Abbruch jedes Verhältnisses, auf welchen Gottes Segen nicht ruht, und zum Kampfe wider alles, was sich scheidend stellt zwischen uns und unseren Gott – und wiederum die Thekiah lockt uns dort hin, wo das göttliche Gesetz seine Stätte findet, und die Herrlichkeit Gottes mit ihrer Segenswolke schirmend deckt. Aber Theruah, der schmetternde Aufbruch- und Kampfesruf, ist der Grundton des Tages. Vergebens erscheinst du auf seinen Ruf vor deinem Gott und deinem Führer, wenn du zu schwach bist seiner Theruah zu folgen, wenn dich seine Theruah nicht wach rüttelt aus deinem Schlafe, in welchem du sorglos am Abgrunde träumst, wenn dich die Blumen, die Sodomsblumen, die am Abgrunde blühen, so süß berauschen, dass du die Warnstimme überhörst, die dich retten will, dass du dich nicht losreißest aus den Banden des Vergänglichen, das du vergötterst, nicht den Mut hast zu rütteln an lieb gewonnene Gedanken, Pläne, Entschlüsse, Verhältnisse, Zustände, Bande, Vorteile, Genüsse, in denen Gott nicht wohnet, nicht den Mut hast zu kämpfen gegen Gewohnheiten, Leidenschaften, Triebe, die dich in die Fesseln der Vergänglichkeit jochen, nicht den Mut hast für Gott mit Vergänglichem zu kämpfen und doch den Mut hast für Vergängliches gegen Gott anzukämpfen, wenn dir dein Gott, zu welchem die Thekiab dich ruft, nur eine eitle Hoheit ist, der du doch einmal im Jahre deine Aufwartung machen müssest, der du zum Neujahr wenigstens den Huldigungsgruß zu bringen hättest, und du den Ernst seiner Theruah überhörst, mit welcher er dein ganzes Wesen, deine ganze Zeit, deine ganze Kraft, das ganze Reich deiner Gedanken, Gefühle, Genüsse, Worte, Taten fordert, in alle Fugen deines ganzen Wesens dringt, alles umwandeln, alles umschaffen will, und allem Vernichtung gebietet, was nicht vor der Wahrheit seiner Prüfung, was nicht vor der Wahrheit seines Wortes besteht, - um dich, dein ganzes Ich mit allen seinen Beziehungen für das Reich der Ewigkeit zu retten, und nicht das flüchtigste Moment deines irdischen Schaffens dem Grabesgang der Vergänglichkeit zu überlassen. Und auf den Theruahtag folgt die Theschuwah–Woche – und Rückkehr, Rückschritt, heißt die Losung, die sie bringt. „Rückkehr, Rückschritt?“ Wer wagt das Wort in unserer Zeit des Fortschrittes zu nennen, wer wagt zur Rückkehr, zum Rückschritt zu mahnen, wo alles dem Fortschritt huldigt? Wer es wagt? Gemach! Es ist dein Gott, der es wagt, es ist dein Gott, der dich zur Rückkehr ruft. Und bist du nicht ein Tor, dich von Wortgespenstern necken zu lassen? Wie? Wenn du nun dich geirrt, wenn nun etwa dein Fortschritt ein Rückschritt gewesen, wird dann nicht dein Rückschritt ein wahrer Fortschritt sein, wirst du dann nicht, wenn du auf deinem bisherigen Wege beharrest, nur ewig fortschreiten im Rückschritt, nur ewig fortfahren auf dem Wege, der dich immer mehr von dem eigentlichen Ziele deiner Vollendung entfernt, dem du im vermeintlichen Fortschritt den Rücken zugewendet? Kommt ja alles darauf an ob du dein wahres Ziel vor Augen, oder hinterm Rücken habest. Ewig fortschreiten, so du auf dem rechten Wege bist, ewig zum rechten Wege zurückkehren, sobald du ihn verlassen, das ist die ganze Summe aller Lebensweisheit. Und du brauchst auch nur einmal in einem schwachen Augenblicke vom rechten Pfade abgekommen zu sein, um, wenn du nicht umkehrst, dich ewig weiter von deinem göttlichen Ziele zu verlieren – und du wolltest nicht inne halten, wolltest dem „Zurück!“ deines Gottes vornehm sorglos entgegen lächeln, „Ich irre mich nie!“ und nicht einmal die Möglichkeit zulassen, du könnest auf Irrwegen, auf Abwegen sein, wolltest nicht, wie der Theruahtag dich gelehrt, einmal die prüfende Hand an alle deine Lebensverhältnisse, an alles Schaffen deines Geistes und deines Leibes, an deine Gedanken, Gefühle, Worte, Taten, Genüsse, Bestrebungen, an dein Haus, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien-, dein Gemeinde-, dein Bürgerleben legen, und im ganzen Ernst der Gottesmahnung dich fragen, ob du auch mit allem und jedem auf rechtem Wege, auf geradem Wege zum gottgefälligen Ziele, dass du mit allem und jedem im bisherigen Wege nur fortschreiten dürfest um deines Zieles gewiss zu sein, - und wenn du den rechten Weg verloren, wolltest du nicht zurück, mit allem Ernst zurück? Woran aber erkennen den rechten Weg? Wie aber wissen, wo das wahre Ziel? Wo der Kompass auf uferlosem Meere? Wo der Wegweiser, wenn in tausend Richtungen der Irrtum und der Wahn, die Leidenschaft und der Leichtsinn ihre Signale ausgesteckt, und keinem faschen Wege mehr der falsche Priester fehlt, der den falschen Pfad als den rechten preist? Du kannst nicht irren! Deine Gesetzeslade ist die Bundeslade, auf deinem Gottesgesetz ruhet der Gottesbund, und wohin die Bundeslade voran zieht, dort zieht auch die Gnadenwolke deines Gottes hin, dort liegt dein Weg, nur dort wohnt der Segen, nur dort dein und der Deinigen Heil. Schreite fort, wo deines Gottes Wort dir voranleuchtet, schreite zurück zu ihm, wo du sein Licht vermissest. Aber du kannst nicht mehr zurück? Du hast schon zu sehr deinen Vater im Himmel erzürnt, Er kann dir nicht verzeihen, und verziehe Er dir, es nützte dir nichts mehr, zu sehr hast du bereits all dein Tun und Lassen, dein Haus und dein Gewerbe, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien- und dein Einzelleben auf Sünde gebaut, und wo Unrecht gesät, kann kein Heil aufblühen, und wo die Lüge gepflegt, kann der Fluch nicht ausbleiben; und wolltest du zurück, du könntest schon nicht mehr, es fesselt dich die falsche Scham, es fehlt dir der Mut, vor deinem Weib, deinem Kinde, deinen Freunden, deinen Genossen inkonsequent zu erscheinen, ihr mitleidiges Spötteln zu ertragen, - und mehr noch als alles, es fehlt dir der Sinn, du hast längst schon eingebüßt das Gefühl für Heiliges, Sittliches, Göttliches, stumpf fühlst du dich und fremd ist dir die Seligkeit des Bewusstseins erfüllter Pflicht, und wild tobt die Leidenschaft und kraftlos stehst du den eigenen Feinden im eigenen Busen gegenüber. Und doch komme zurück! Jom hakipurim ist da! und wärst du ergrauet in Sünde, und wäre jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat bis jetzt eine Höhnung deines Gottes gewesen, liegen längst auch die Gesetzestafeln deines Gottes zerschmettert in deinem Hause, und hättest du mit den Deinen nur im Taumel des Wahnes das goldene Kalb vergötterter Sinnlichkeit umtanzt, hättest überall nur Fluch dir gesät, und bis auf den letzten Funken, jede Lauterkeit und Reinheit des Denkens und Fühlens verlöscht – Jom hakipurim ist da! Der Gott, der einmal „Sfalacht“ gesprochen, Er spricht es wieder – Er verzeihet und sühnet und reinigt. Tu du nur das Deine, mache nur gut, was noch wieder gut zu machen, den unrechten Pfennig schaffe aus deinem Hause, den beleidigten Bruder versöhne, den Gekränkten richte auf, das Ungesetzliche, Ungöttliche in dem Leben deiner Ehe, deiner Erziehung, deines Erwerbs- und Genusslebens verbanne, und dann komme zu Ihm, dem Einen, dich nie verstoßenden Vater, der, „so wahr ich lebe, ewig spricht, ich will nicht den Tod und Untergang des Sünders, sondern dass er zurück komme und neues Leben gewinne,“ der so gnädig ist, wie er gerecht ist, und so allmächtig ist wie gnädig, und darum nicht nur verzeihet mit seiner Gnade, sondern wenn er verziehen, mit seiner freien Allmacht eingreift in die Speichen deines Geschickes, eingreift in das Gewebe deines Innern, und jede Saat des Fluches, die du in den Acker deines Geschickes selbst gesät, ausreißt mit seiner Sühne, und jedes Gift der Sünde, mit dem du deine reine Seele befleckt, und trüb, siech und krank und stumpf gemacht, austilgt mit seiner Reinigung und Heiligung, und „Titharu“ „Seid wieder rein!“ zu allen und über alle spricht, die lephanav, die vor seinem Angesichte die Wiederreinheit, den neuen Geist und das neue Leben suchen. Die ganze Zukunft ist wiederum dein; die ganze Vergangenheit übernimmt dein Gott. Und hat dich so der Schofarruf geweckt und bewegt und zu deinem Gotte dich gebracht, hast du Theruah u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah errungen, und hat der Jom hakipurim dich am Herzen deines Vaters im Himmel gefunden, siehe dann setzt dich dein Vater im Himmel wieder zum zweiten Male auf seine Erde und lehrt dich: auf reinem, durch erneuten Kräften, ruhig und mutig die Hütte deines Lebens bauen, und auf Erden, mit irdischen Gütern und Mitteln heiter und froh die Aufgabe deines Lebens zu lösen und dich zu freuen, Usemachtem, auf Erden dich zu freuen vor dem Angesichte deines Gottes. Emunah und Simchah, Vertrauen und Freude, das sind die Schätze, mit denen dein Vater im Himmel dich beglückt. Mit Emunah baust du Hütten und mit Simchah übst du deine Kraft und freust dich deines Lebens und Strebens. Suckah, der Hüttenbau, lehrt dich Emunah, das Gottvertrauen! Auf welcher Stufe der Glücksleiter du dich auch befindest, ob reichlich oder spärlich dir die Güter der Erde zugemessen sind, dich blendet nicht die Fülle, dich schreckt nicht der Mangel, die Güter der Erde sind deine Güter nicht, mipsoleth gorn´eha, mit dem, was andere verschmähen, verachten, baust du dir die Hütte des Lebens, weißt´s ja, dass in Hütten und Palästen nur Pilger wohnen, Hütten und Paläste nur Dirath arai, nur unsere vorübergehende Heimat bilden, weißt´s ja, dass auf dieser Pilgerfahrt nur Gott unser Schutz, und seine Gnade uns schirmt, schrecktest ja nicht, und müsstest mit Weib und Kind durch Wüsteneien du wandern, weißt´s ja, dass der Gott, der vierzig Jahre lang die Väter mit Weib und Kind durch die Wüste geleitet, in Hütten geschirmt, mit Manna gespeist, dass der Gott noch dein Gott ist, und auch mit dir durch Wüsteneien wandert, auch jede Seele deiner Hütte kennt und für jede das Manna seiner Gnade zu spenden weiß. Und ob wir untereinander nach Maß des Besitzes uns tausendfältig auch abstufen, mit quadersteinernen Mauern der Eine, mit bescheidenem Bretterzaune der Andere sich abgrenzt, und dem Dritten nur Schtajim kehilchathan uschelischith afila tefach, zwei Wände zu bauen und die dritte nur anzudeuten vergönnt ist, in unserem eigentlichen Schutz, in dem, was uns deckt und schirmt, darin sind wir alle gleich, das ist nichts, was von Menschenkünstlichkeit zeugt, das ist nicht das, was mekabbel tumah ist, was den Hauch der Vergänglichkeit zu scheuen hat, in den Defanoth unterscheiden wir uns, im Sechach sind wir alle gleich; denn es ist der Menschenbesitz, und die Menschenkraft und die Menschenklugheit, es ist Gottes Gnade und Gottes Segen, der uns schützt, und Paläste und Hütten mit gleicher Liebe deckt. Und nicht bekümmert und sorgenvoll, nicht trübe und traurig, nicht miztaer lebt sich´s in der Hütte, die das Gottvertrauen erbaut und die Gottesliebe deckt. Was kümmert´s dich, dass es nur Dirath arai, dass es nur vergängliche Hütte ist, dass sie dich, oder du sie einmal verlässt; die Mauern mögen fallen, der Schutz im Sturm verwehen, hinaus dein Gott dich rufen, die schirmende Liebe Gottes ist überall und ewig mit dir, und wo sie dich weilen lässt, wo sie dich schützt, da teschwu keen t´duru da wohnst du im flüchtigsten Moment der flüchtigsten, vergänglichsten Stätte so ruhig, so sicher, als wäre sie für die Ewigkeit dein Haus. Aber nicht nur ruhig und sicher will dich dein Gott, zur Freude, Simchah, zur reinen, menschlichen ungetrübten Freude, hat Er dich berufen, lässt nicht umsonst die Blüten duften und die Früchte reifen, hat die Erde lo letahu beraah nicht zu einer Öde, zu einem Tale der Tränen und des Jammers, hat sie zu einem heiteren fröhlichen Wohnplatz fröhlich heiterer Wesen geschaffen, auf welchem jeder seines Daseins froh werden und seines Wirkens und Schaffens sich freuen solle. Freilich, vergötterst du die Erde, berauschen dich ihre Blüten, benebeln dich ihre Reize, dass du um Erdenblütenreiz deines Gottes und deines eigenen göttlichen Berufes vergisst – dann freilich, dann ist die Erde dein Feind, und Feind sind dir ihre Blüten, ihre Güter, ihre Genüsse, zur Sünde führt dich alles, und Sünde untergräbt dein Heil. Jedoch, wenn deines Gottes Theruah die irdischen Götter von dem Altar deines Herzens gestürzt, wenn du zu dem einen Einzigen zurückgekehrt bist, nur ihn allein verehrst, auf ihn allein nur baust, nur die Erfüllung seines Willens als die einzige Aufgabe deines Lebens kennst, in jeder Spanne Zeit, mit jeder Kraft, mit jeder Tat, mit jedem Gut, mit jedem Genuss nur ihm dienen, nur die von ihm dir gesetzte Aufgabe lösen willst und das Bewusstsein dieser Aufgabe und das Bewusstsein ihrer Lösung und das Bewusstsein der Gottesnähe deine Seligkeit ist, siehe, dann reicht dir Gott selbst den Strauß der irdischen Blüten und spricht: Ulekachtem lachem, nehmet euch nur, fliehet nicht, was ich für euch reifen lasse, nehmet´s euch, und lernt euch dessen freuen vor meinem Angesichte. Freude bringt´s euch, wenn es lachem, wenn es rechtlich und redlich euer, wenn ihr´s mit rechtlichem, redlichem Fleiße erworben, wenn ihr´s mit reinen Händen fassen und vor Gottes Angesicht das Eure nennen dürft. Freude bringt´s euch, wenn ihr nicht selbstsüchtig es nur euch und nur der Erde zuwendet, wenn es in euren Händen nur Mittel wird, damit eurer ganzen Umgebung in Ost und Süd und West und Nord Segen zu reichen, wenn ihr an euch zuletzt nur denket, und wenn ihr es erst dem Himmel und für den Himmel der Erde weihet. Freude bringt´s euch, wenn ihr mit allem euch nur im Kreise des göttlichen Willens, im Kreise seines Wortes euch bewegt, sein Gesetz, sein Wort, sein Wille der Mittelpunkt bleibt, aus dessen Kreis ihr euch nicht mit dem kleinsten Gut, nicht mit der leisesten Tat entfernt. Freude ist euer Los, ewig ungetrübte Freude, wenn ihr erwerbt und nehmt, verwendet und genießt die Blüten und Früchte der Erde, wie es Lekichah und Nianua und Hakafoth des Lulaw euch lehrt. Und die Vollendung des Ganzen ist Azereth, das Fest des Verharrens, des Festhaltens, des Bleibens bei Gott, azaro milazeth, dass du noch einmal dich sammelst vor deinem Gotte und nun alle die großen Gedanken der Weihe, der Heiligung, der Ermutigung und Beseligung, die diese Tage und Wochen dir gebracht, noch einmal sammelst und fest hältst, auf dass du sie mit hinüber nehmest in das dir nun geöffnete tägliche Leben des Jahres, und froh der Thora, des Gotteswortes froh, das solche Heiles- und Segensschätze fürs Leben dir reicht, dir´s und deinem Gotte gelobest, fest zu verharren bei ihm, durch nichts dich von ihm reißen zu lassen, und in dem nun eröffneten Jahre, welche Stürme und Prüfungen es dir auch bringen möge, den Geist der Besonnenheit, der Heiligung, des Vertrauens und der freudigen Tätigkeit im Dienste deines Gottes zu bewähren, der dir am Eingang des Jahres als Herold deines Gottes entgegengetreten.

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