Jeschurun


jüdisches Schriftum und Lehre

Jeschurun ein Monatsblatt zur Förderung jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in Haus, Gemeinde und Schule


Teweth - Der zehnte Teweth. — Das »Wandergeschick« (Galuth) des — jüdischen Volkes und seine Bedeutung

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‎Der zehnte Teweth ist der erste der vier Fasttage, die die zwei-malige Katastrophe des jüdischen Staatsunterganges im jüdischen Kreise‏ ‎verewigen.‏
‎Und dieses Andenken ist kein müssiges.
‎Nicht zur müssigen Trauer bist du geladen. Etwa zurückzuschauen, Flor um den Arm zu binden und eine Thräne der Wehmut der Erinnerung vergangener Größen zu weihen. Fastend finden dich die Jahrestage von Jeruschalaim-Zions Fall. Und vorwärts ruft dich dies Fasten. Mahnt dich, daß Jeruschalaim-Zion nicht für immer gefallen. Mahnt dich, daß es nur an dir liege, und »der Fasttag des vierten, und der Fasttag des fünften, und der Fasttag des siebten und der Fasttag des zehnten Monats werden dem Hause Juda zu Wonne und Freude.« (Secharjah 8,19). Mahnet dich, du brauchest nur zu wollen — und Jeruschalaim-Zion steht wieder da!

‎Denn siehe! du fastest an den Tagen dieser Erinnerung, um dir zu sagen, daß dein Geschick und deine Aufgabe noch heute an diese Katastrophe geknüpft ist, und dir dieses so oft und so lange zu wiederholen, bis dein Geschick erfüllt ist und du deine Aufgabe begreifest und lösest.
‎Dein Geschick heißt: Galuth — deine Aufgabe: Theschuwah!
‎Wenn du an solchen Tagen der Erinnerung die letzten zwei Jahrtausende deiner Geschichte zurückschauest, — du gehörst zu dem einzigen lebenden Menschenstamm, der in’s vierte Jahrtausend seiner Geschichte zurückblicken kann — welches großartige Bild stellt dir sich dar! Ueberall heimisch und doch überall fremd, überall fremd und doch überall heimisch, — verwebt in alle Geschicke und doch nicht in ihnen wurzelnd — mit deinem Denken und Fühlen, mit deinem Hoffen und Fürchten, mit deinem Schaffen und Wirken jeder Zeit angehörig und doch alle Zeiten überragend, — teilnehmend, thätigteilnehmend an allen Sorgen und Bestrebungen der Völker und doch nicht die Katastrophen ihrer Schicksale teilend, — der schmerzensreichste und doch der heiterste Menschenstamm, der gequälteste und der siegreichste zugleich, die verachtetste Menschenfamilie und zugleich die geachtetste auf Erden! »Das ‎zerzerrteste und zerraufteste Volk, und doch die gefürchtetste Nation von ihrem Dasein an auf Erden!« wie der Prophet spricht.
Würdest du auch nichts weiter als diese deine Geschichte kennen, müßtest du dich da nicht nach dem ganz absonderlichen, erhaltenden, alles Andere überwindenden Elemente umsehen, das im jüdischen Kreise lebendig ist, und das eben in der Erhaltung dieser Menschenfamilie inmitten und trotz aller widerstrebenden Kräfte und Verhältnisse, inmitten und trotz der vollendetsten, entschiedensten Ungunst aller die geschichtliche Existenz sonst bedingenden Umstände, sich dem blödesten Auge sichtbar verkündet?
Und nimmst du und noch deine Thora, diese »Weisung« und Unterweisung deines Gottes zur Hand und liesest, wie dieses Galuth, dieses durchaus einzige geschichtliche »Wandergeschick« kein zufälliges, kein im Laufe der Zeiten überraschendes ist, liesest, wie diese so wundervoll einzige geschichtliche Erscheinung bereits mehr als ein Jahrtausend zuvor mit all ihrem Trüben und all’ ihrem Herrlichen im voraus warnend und mahnend verkündet, — liesest, wie dein ganzes, ganzes Volksgeschick bis auf den heutigen Tag herab dir in dem Augenblick bereits verkündet worden, als du zum ersten Eintritt an der Grenze des Landes standest, auf dessen Boden du deine völkergeschichtliche Erscheinung beginnen solltest, und vergleichst nun dein und dieses Landes Geschick bis auf den heutigen Tag mit den Verkündigungen, die dir damals geworden — dann wirst du in diesem Lande, in dir, in jedem Juden ein ewiges, überall gegenwärtiges Denkmal, Zeugnis und Beweis der allmächtig, überall und ewig waltenden, die Geschicke der Völker und Menschen bestimmenden und lenkenden Vorsehung erkennen, und mit Innigkeit dich deines so herben und so herrlichen Geschickes freuen.
Und diesem deinem Galuthgeschicke entziehest du dich nicht, und gerade dann am wenigsten, wenn du müde geworden, es zu ertragen, und durch Abstreifen deines iüdischen Berufes eine Aenderung und, wie du meinst, eine Besserung deines Geschickes zu erhandeln ver- meinest. So wahrlich änderst und besserst du es nimmer!

Siehe, als Prüfstein hat dein Gott dich in die Mitte der Völker gestreut, machtlos, waffenlos, schutzlos dich an die Stimme des Gott verehrenden Rechtes und der Gott verehrenden Liebe in der Brust der Menschen gewiesen. Das Recht und die Liebe und das Gottbewusztsein der Menschen sind deine einzigen Vertreter auf Erden. Je lauter die Stimme des Rechtes, je allmächtiger die Stimme der Liebe in der Brust der Menschen spricht, um so heiterer, um so milder gestaltet sich deine Galuthwanderung auf Erden; je reiner aber, je entschiedener, je gewaltiger der Gottgedanke wach ist, um so lauter spricht das Recht, um so mächtiger die Liebe. Und nur in dem Recht, das man dem Schwächsten nicht verkümmert, in der Liebe, die man dem Schwächsten zollt, erweist sich die Wahrhaftigkeit des Rechtsinnes erprobt sich die Reinheit der Liebe. Das Recht und die Liebe, die der Jude auf Erden findet, ist somit der Höhemesser der Erziehung des Menschengeschlechtes, und seine Erlösung gehet Hand in Hand mit der Erlösung des Menschengeschlechtes von Unrecht, Lieblosigkeit und Gott verleugnendem Wahn.
So ist deine Zukunft an die endliche, wahrhaftige Veredlung des Menschengeschlechtes geknüpft, — aber zunächst und zu allererst an deine eigne.
Rufst du aus der lautlosen Galuthnacht zum Wächter und Lenker der Zeiten: »Wächter! was wird aus der Allnacht? was wird aus meiner Nacht? Wächter!« Dann antwortet der Wächter: »es kommt der Morgen, freilich auch noch Nacht. Wollet Ihr aber, — und wahrhaftig Ihr solltet wollen! —- so kehret zurück und kommet gleich!« (Jesaias K. 21,11.)
»Wenn einst über dich alle diese Worte, der Segen und
»der Fluch, den ich dir vorgelegt habe, gekommen sein werden,
»dann wirst du dir es unter allen Völkern, unter welche dein
»Gott dich verwiesen, zu Herzen nehmen, wirst zu Gott deinem
»Gotte zurückkehren und du und deine Kinder seiner Stimme
»mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele ganz so, wie
»ich dir, heute befehle, gehorchen. Dann wird auch Gott, dein Gott,
»wieder mit deinen Vertriebenen sein und wird sich dein erbarmen
»und dich wieder aus allen Völkern sammeln, wohin Gott dein
»Gott dich zerstreut. Wenn deine Verweisung bis an des Himmels
»Ende wäre, von dort wird dich Gott dein Gott sammeln und von
»dort dich wieder zu sich nehmen, und zu dem Lande dich
»führen, das du und deine Väter besessen, und dir noch grö-
»ßere Fülle als deinen Vätern gewähren. Beschneiden wird Gott,
»dein Gott, dein und deiner Kinder Herz, Ihn, deinen Gott, mit
»deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele um deines Lebens
»willen zu lieben. — — — Du kehrst zurück und gehorchst
»der Stimme Gottes und erfüllst alle seine Gebote, die ich dir
»heute befehle . . . Dann wird dich Gott, dein Gott, in all
»deinem Schaffen, in den Kindern deines Leibes, in der Frucht
»deiner Heerden, in der Blüte deines Bodens zum Guten ans-
»zeichnen; denn Er wird sich wieder über dich zum Guten
»freuen, wie Er sich deiner Väter gefreut; denn du wirst, der
»im Buche dieser Thora niedergeschriebenen Stimme deines
»Gottes gehorsam, seine Gebote und Gesetze beobachten; wirst
»zu Gott, deinem Gotte, zurückkehren mit deinem ganzen Herzen
»und deiner ganzen Seele.« (vgl. 5. B. M. K. 30, V. 1—6. 8—10.)
Siehe da, von G tt, von dem Wächter und Lenker der Zeiten, von dem Gründer und Leiter deines Geschickes, von deinem Gotte, deine Zukunft unwandelbar gezeichnet Und wie noch kein Wort; das Er über dich gesprochen, zu Boden gefallen, wie noch bis auf diesen Augenblick Alles, Alles sich erfüllt, so wird die Zeit der Menschheit sich nicht erfüllen, ehe nicht dieses Wort deines Gottes, das Er über dich und die Zukunft seiner Thora und über dein an diese Thora geknüpftes Heil ausgesprochen, in herrlichste Erfüllung gegangen.
Wie die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, so leuchtet dieses Wort dir die Bahn in deiner Galuthnacht und ebenet alle Höhen und hebet alle Tiefen und verzehret alle Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahnes, die deinen Fuß auf deiner Wanderung zu dem herrlichsten Ziele hemmend umstricken.
Fastend finden dich die Gedächtnistage des Unterganges deines völkergeschichtlichen Glückes, und dieses Fasten soll dich an dieses Wort deines Gottes mahnen, soll dir sagen, daß du in dich gehen, und zu Ihm und Seiner heiligen Lehre zurückkehren sollst, mit ganzem Herzen ‎und ganzer Seele, zu dem ganzen unverkürzten Inhalte seines Wortes du mit deinen Kindern zurückkehren müssest, wenn du dich je aus diesem Untergange wieder erheben wollest.
Irrtum und Wahn sind es, die deinen zur Rückkehr gehobenen Fuß umstrickend sprechen: »antiquiert ist diese Thora, der Vergangenheit gehört sie an, Manches, Vieles, das Meiste ihres Inhaltes gilt nicht mehr für dich, gilt für deine Kinder nicht, du mußt dich von ihr emancipieren, wenn du dich von deinem Galuth emancipieren willst.«

»Es ist nicht wahr!« spricht deines Gottes Wort. Nicht der Vergangenheit, der lebendigen rollen Zukunft gehört die Thora mit ihrem vollen unverkürzten Inhalte an. Deine Rückkehr, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte ist das Ziel deiner ganzen Galuthwanderung, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte die einzige Bedingung deines künftigen Heiles. Thoren die wir sind, wenn wir nach diesem Gottesworte noch meinen, wir könnten unser und unserer Kinder Heil begründen, indem wir den Weg der Thora verlassen. Jeder Schritt von ihr führt zum Verderben. Jeder Schritt zu ihr führt zum Heil. Warum bist du in’s Galuth gewandert? Weil du die Thora deines Gottes verlassen. Warum dauert dieses Galuth noch? Weil du zu seiner Thora noch nie mit ganzem Herzen und ganzer Seele zurückgekehrt, ihren Gesamtinhalt noch nie dauernd zur Wahrheit gebracht. Was wird dieses Galuth enden? Nur die volle Rückkehr zur ganzen Thora erlöset dich. Es ist Gott, der dieses spricht. Und diesen Gott, und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, und die überall und immer waltende Vorsehung dieses Gottes mußt du erst verleugnen, wenn du auf anderm Wege dein und deiner Kinder Heil finden zu können glauben willst.
Schlage dir am Fasttage die Bücher deiner Propheten und die Worte deiner Weisen auf und lies, was dich in’s Unglück gebracht!
‏ ,ויתערבו בגוים וילמדו מעשיהם
»sie mischten sich unter die ‎Völker und lernten ihre Sitten« ist die Grabschrift aller‏ ‎Prophetenstimmen auf Jeruschalaim-Zions ersten Leichensteine, und:‏
מפני שנאת חנם
‎Menschenfeindseligkeit hat uns begraben, tönt’s‏ ‎aus dem Schutt des zweiten Jeruschalaim-Zionfalls.‏
‎Siehe da, die Grundzüge unserer Nationalsünden, an denen wir bis auf den heutigen Tag herab kränkeln!
Der Mangel an Mut, der Mangel an Selbständigkeit, mit entschiedenem Ernste den eigenen Weg rein und entschieden zu wandeln, der Mangel an Kraft, der Mangel an Begeisterung, der Mangel an Selbsterkenntnis und Selbstachtung, der Mangel an felsenfest vertrauendem Festhalten an Gott und seinem heiligen Wort, die uns alle befähigen würden, mitten unter allen Völkerfamilien der Erde zu leben, an ihren Sorgen, an ihren Bestrebungen Teil zu nehmen, uns har- monisch und freundlich und heilesthätig ihnen anzuschließen, und doch keinen Zug der eigentümlich jüdischen Gottespflichten einzubüßen, Mensch unter Menschen zu sein und doch oder vielmehr um so mehr durch und durch Jude, wie es unsere ursprüngliche Bestimmung gewesen: »Haltet und übet, denn das ist eure Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker, die alle diese Chuckim, alle diese Gesetze hören und sagen werden: ist doch eine weise und einsichtsvolle Nation dieses ganze große Volk!« — also: dieser Mangel an gottverehrender Selbstachtuug, an richtiger, hochschätzender Würdigung unseres göttlichen Lebensgesetzes, dies ist die Eine Nationalsünde.
Eine unselige Zerfällung und Scheidung des einheitlichen Gottesgesetzes, eine unselige Uebertragung einer unseligen, unkritischen Teilung der unteilbaren Thora in ‏מצות שבין אדם לחברו ובין אדם למקום‎ in Pflichten zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch, aus unseliger Theorie in noch unseligere Praxis, das ist die Andere.
Verletzung der speziell jüdischen Pflichten gegeg Gott hat unser erstes Grab gegraben, und die Verletzung der Pflichten gegen die Menschenbrüder unseren zweiten Ruin erzeugt. Und so wird nimmer und nimmer das Heil bei uns einkehren, bis wir ganze Juden geworden sein werden, bis wir das Leben in seiner Ganzheit und Einheit begreifen und so auch die Gotteslehre für’s Leben in ihrer Einheit und Ganzheit »halten und erfüllen!«
‏ ,תורת ד’ תמימה ‏ נפש
‎nur die ganze, unverkürzte Thora ‎bringet Heil.‏
‎Ob du ‏רע לשמים‎ oder ‏רע לבריות‎ bist, in jedem Falle versündigst du dich gegen Gott und untergräbst dein Heil, und nimmer darfst du dich, nimmer darf deine Zeit sich des Fortschrittes rühmen, so lange wir nicht mit gleich entschiedenem Ernste in beiden Kreisen fortschreiten, so lange wir immer wieder die Tugenden des einen Kreises durch Versündigungen im andern Kreise beflecken, so lange wir nicht ‏חורבן בית‎ ‏ראשון‎ und ‏חורבן בית שני‎ dadurch sühnen, daß wir ganze Juden werden, gegen Gott und Menschen alle unsere Pflichten erfüllen, »unverkürzt und ganz wie es uns Gott befohlen, wir und unsere Kinder mit ganzem Herzen und ganzer Seele!‎«


Kislew — Minoritäten in der Geschichte

enter image description here Von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Die Minorität — Minoritäten in der Geschichte. — Die Regel der Mehrzahl im Gesetze. — Umfang und Grenze des Majoritätsprinzips. — Licht- und Schattenseiten der Minoritätsstellung.

Ihr seid die Minorität — — אתם המעט‎ —

»Ihr seid die Minorität!« hören wir nicht selten uns entgegenhalten, »Ihr seid die Minorität!« — Ob wir es wirklich sind, ob in der großen Gemeinde der allzerstreuten jüdischen Gesamtheit die Bekenner des alten jüdischen Gesetzes in der Tat heutzutage die Minderzahl bilden, wir wissen es nicht, wir glauben es nicht einmal. Da man uns jedoch dafür hält — und in gewissen, bestimmten Kreisen sind wir ja unleugbar die Minorität, — da man unsere Sache damit in den Augen unserer jüngeren Zeitgenossen zu diskreditieren strebt, — hält sich doch der Gedankenlose am meisten geborgen, wenn er dem breitgetretenen Geleise der Menge folgt, — und da wir endlich, wie bemerkt, in bestimmten, einzelnen Kreisen unleugbar die Minderzahl bilden — so ist ja wohl Veranlassung genug, darauf einzugehen und einmal ernst und ruhig unsere Lage und unsere Aufgabe von dem Standpunkte einer Minorität aus zu würdigen, und zu ermitteln, wie viel Wohl oder Wehe, wie viel Niederschlagendes oder Ermutigendes in dem Bewußtsein liege: zur Minorität zu gehören, vor allein aber sodann uns klar zu machen, welche Gefahren wir zu vermeiden, welche Pflichten wir zu erfüllen haben, wenn wir denn von der Gegenwart irgendwo und irgend einmal auf den Standpunkt einer Minorität uns zurückgedrängt erblicken. Bringt uns doch ohnedies dieser Monat das Makkabäer-Fest des Sieges der ‏מעטים‎ über die ‏,רבים‎ der Minorität über die Majorität, weil es ‏טהורים‎ gegen ‏טמאים‎ waren, weil es der Sache der Gesetzestreue gegen den Abfall galt, und kann keine Stimmung geeigneter sein, die Vorteile, Gefahren und die eigentümliche Aufgabe einer Minorität in dem rechten Lichte zu betrachten, als eben die, die der Geist eines solchen Erinnerungsfestes über uns verbreitet.

1.

Wir sind also die Minorität; wohl! Sollen wir darum unserer eigenen Sache mißtrauen, an unserer eigenen Sache verzweifeln? Lasset uns sehen! Sind es die quantitativ größeren Massen, denen wir überall die edleren, wichtigeren, zukunftreicheren Zwecke und Tätigkeiten überantwortet sehen? Ist es vorzugsweise das Unedlere, Bedeutungslosere, das der Verkümmerung und dem Vergehen Anheimfallende, für welches wir das massenhaft Geringere überall als Träger und Werkzeug erblicken? Und waren es die Majoritäten und Minoritäten, die uns die Geschichte unserer Vergangenheit als die jedesmaligen Retter unserer Zukunft verkündet?

Welch’ eine verschwindende Größe ist die Masse der Knospen, der Blüten, des Samens, des Samenstaubes gegen die Masse der Zweiges der Äste und des Stammes; und wo haben wir die Zukunft des Baumes, wo die edleren, weitreichenden, zweckschasffenden, zukunftbauenden Tätigkeiten zu suchen, im massigen Stamme, oder im Kreise der stoffarmen, schwachen, kleinen, zarten Blüte und ihrer verduftenden Genossen?

Welche Majoritäten und Minoritäten erscheinen uns im Wunderbau des menschlichen Organismus! Welche Majoritäten und Minoritäten, wenn wir die Träger des Empfindens, Wahrnehmens, Denkens, Wollens, Bewegens, Lebens, der Masse des übrigen Leibes gegenüber messen und wägen — etwa wie 7 zu 1 steht die Masse des Fleisch- und Knochenleibes zur Masse des Blutes, wie 30 zu 1 zur Masse des Gehirns, wie 200 zu 1 zur Masse des Herzens, und nun gar zur Masse eines einzelnen, das Hören, das Sehen bedingenden Nerven. Hat der Schöpfer des Menschenorganismus Majoritäten oder Minoritäten zu Trägern des Lichtes und des Lebens bestellt, zu Werkzeugen der Erkenntnis und der Empfindung, zu Wahrern und Bildnern jedes göttlichen Gedankens und jeder Gott nachstrebenden Regung berufen, hat er Majoritäten oder Minoritäten die Wartung und Pflege, die Verwirklichung und Vollendung des Höchsten im Menschen anvertraut —?

Und nun gar die Geschichte! Unsere Geschichte! Mit welcher Minorität beginnt unsere Geschichte! Welch’ eine Minorität unter allen Minoritäten hatte sich der Hort Israels und der Menschheit herausgegriffen und auf sie, auf diese kleinste, winzigste aller Minoritäten, Israels und der Menschheit ganze Heileszukunft gelegt! Die Gesamtmenschheit und — Abram: Da habt ihr eine Majorität und Minorität! »Abram der Ibri« — ‏,כל העולם כולו מעבר אחד והוא מעבר אחר‎ wie R. Jehuda dieses Epitheton deutet — die ganze Welt auf der einen Seite, die ganze Welt auf der Seite polytheistischer Lüge und Entartung, und er allein auf der andern, er allein auf der Seite der Wahrheit und Reinheit bei seinem Gott! — Und nach einem solchen Anfang wollt ihr von Majorität und Minorität im Judentume reden?

Und nun weiter nach Abraham, in welch’ kleine Kreise blieb Geschlechter hinab die Erkenntnis des Wahren und Guten geflüchtet, mit welch’ kleinen Minoritäten muß sich noch Jahrhunderte hindurch die Wahrheit begnügen, deren endliche Bestimmung das Bereich der Gesamtmenschheit ist und die, wie sie mit der kleinsten aller kleinen Minoritäten, mit der Überzeugung eines einzigen Mannes begonnen, ihr Ziel nicht erreicht hat, solange sie nicht die größte aller großen Majoritäten, so lange sie nicht das Herz aller Menschen für sich gewonnen! Jahrhunderte hindurch sieht sie sich noch nur von einem einzelnen Hause, von einer einzelnen Familie — Isaak, Jakob — gekannt, anerkannt und vertreten, und als diese Bekenner der härtesten Probe in dem Schmelzofen der Knechtschaft, des Drucks und der Verhöhnung hingegeben werden sollten, zählte ihre Minorität nicht mehr als 70 Seelen! Ja, so sehr, scheint es fast, soll die Geschichte des Reichs der göttlichen Wahrheit auf Erden es von vornherein an der Stirne tragen, daß sie des materiellen Übergewichts der Massen nicht bedarf, daß sie selbst innerhalb ihrer kleinen Minorität die materiell bevorzugten Persönlichkeiten — die Ältesten, Erstgeborenen — übergeht und ihre Träger, Vertreter und Verfechter in den Jüngeren, Nachgeborenen findet. Nicht Ismael: Isaak, nicht Esau: Jaakob wird Fortträger des göttlichen Bundes. Nicht Reubens, des Erstgeborenen, Josefs des Jüngeren, Scheitel schmückt der Kranz des göttlichen Wohlgefallens. Selbst Moses war der Jüngste unter den von Gottes Geist berührten Geschwisterm und David — »der Kleine«, Jüngste, Letzte unter den kraftstrotzenden Söhnen Jsais!

אתם המעט, Ihr seid die Minorität, sprach Gott zu Israel, als er‏ ‎es als sein Volk in den Kreis der Völker einführte und auch in‏ ‎Israel waren es meist nur Minoritäten, die seine Sache in Israel und‏ ‎Israel für seine Sache retteten. Moses mit seinen Leviten beim gol‎denen Kalbe, Josua und Kaleb bei den Kundschaftern, Pinchas mit‏ seinem Feuereifer, die Richter und Retter alle, die Gott seinem Volke in Zeiten des Verfalls weckte, Jerubaal, der seines Vaters Baalsaltar umstürzte und dann mit den 300 Nichtknieenden Israels Rettung vollbrachte, Obadja, Achabs Haushofmeister, der an Isabels Hof der Gottessache lebte und der Propheten des Herrn Retter ward, Elijahu am Karmel, Elischa und die Dreitausend, deren Knie sich nicht dem Baal gebeugt und deren Mund nicht den Baal geküßt, alle Propheten, alle die Männer, die Gott »mit der Macht feines Geistes erfaßte und sie zurückhielt, nicht in dem Weg der Masse zu gehen und zu ihnen sprach: Nennet nicht Verrat, was dieses Volk Verrat nennt, und was es fürchtet, fürchtet nicht und haltet nicht für stark! ’‏ד’ צבאו‎ Den heiliget, Er sei, was ihr fürchtet, Er, was euch Kraft und Stärke gibt!« (Jesaias K. 8). Sie alle und Esra und Nechemia und die Männer der großen Versammlung, die »der Gotteserkenntnis und der Gesetzesverehrung die alte Krone wieder verschafften« (Jona 69), und Mathithjahu und sein Haus, die ihr Volk vor dem Untergehen ins hellenische Unwesen retteten, — was waren sie anders, als kleine, winzige Minoritäten, die den Mut hatten, der großen, bedeutenden Volksmajorität gegenüber Opposition zu machen und, Gott und der Wahrheit ihrer Sache vertrauend, in der Zuversicht lebten und starben, für diese Majorität selber, jedenfalls aber für deren Nachkommen die heilige Gottessache durch ihre Treue und Festigkeit siegreich hinüber zu retten?

Und für die Gegenwart, für die fernere Zukunft? Schlaget doch die Bücher der Propheten auf, sind es Majoritäten, auf die sie für die fernen und fernsten Zeiten die Hoffnungen ihres Volkes, die Siegeszuversicht ihrer Gottessache bauen?

»Ein armes und erschöpftes Volk lasse ich in dir übrig, die werden ihre Zuversicht setzen in den Namen: Gott! Jsraels Rest wird kein Unrecht üben, und keine Täuschung reden, in ihrem Munde wird sich keine Sprache des Truges finden, denn sie, sie werden weiden und ruhen und Keiner stört.« (Zephanja.)

»Ihr sagt, Torheit ist’s, Gott zu dienen, was kommt dabei heraus, wenn wir sein Gebot beachten und wenn wir trüb und ernst in Angst vor Gott wandeln, die Mutwilligen preisen wir glücklich u. s. w.. Da sprachen sich Gottesfürchtige einer gegen den andern aus und Gott merkte auf und hört und es wird ins Gedächtnisbuch vor ihm verzeichnet, für die Gottesfürchtigen und Denker seines Namens. Und das werden die Meinen für die Zeit, da ich mir einen Kern bilde u. s. w.« (Maleachi.)
— — — — — Die Schweinefleisch essen und verworfener Speisen Brühe in ihren Geräten haben und dabei sprechen: bleibe für dich, komme mir nicht nahe, denn ich bin heiliger als du, die sind Dampf in meinem Zorne, loderndes Feuer jeden Tag! — — — Wie man Most in der Traube findet und spricht: vernichte sie nicht, es ist noch Segen daran, so tue ich auch um meiner Diener willen, um nicht alles zu verderben, und entwickele noch aus Jaakob eine Saat und aus Jehuda einen Erben meiner Berge, meine Erwählten werden es erben und meine Diener dort wohnen — — — Ihr aber, die ihr Gott verlasset, meines heiligen Berges vergesset, die ihr dem Glücke den Tisch decket und der Bestimmung Trankopfer füllet, Euch u. s. w. (Jesaias K. 65.) — — — Höret das Wort Gottes, die ihr ängstlich seinem Worte zustrebet! Eure Brüder, die euch hassen und verachten, sagen freilich: »wegen meines Ansehens wird Gott geehrt!« In eurer Freude wird Er sich zeigen und sie werden beschämt. Hört ihr die Stimme des Aufruhrs aus der Stadt, die Stimme aus dem Tempel? Es ist Gottes Stimme, der seinen Feinden Vergeltung lohnt u. s. w. Wie ein Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch und in Jeruschalaim findet ihr Trost. Ihr sehet es, und es geht euch euer Herz auf u. s. w. Denn siehe, in Feuer kommt Gott und wie Sturm seine Gespanne u. s. w. u. s. w. Die sich eine Heiligkeit, eine Reinheit erträumen, den Lustgefilden nach, der weiblichen, abhängigen zwischen Gott und Menschen gestellten Menschen (Welt-)Einheit nach, Schweinefleisch essend, Wurm und Nagetier, sie nehmen zusammen ein Ende, spricht Gott u. s. w. (das. K. 66.) — — — Meinen Leib gab ich den Schlägern, meine Wange den Raufern, hab’ mein Angesicht nicht vor Schimpf und Speichel geborgen, und Gott, wird mir beistehen, darum scheute ich mich nicht, darum machte ich kieselfest mein Angesicht, wußte ich doch, ich würde nicht zu Schanden u. s. w. u. s. w. Wer darum unter euch, der gottesfürchtig und seines Dieners Stimme gehorsam, im Dunkel wandelt und ihm kein Lichtstrahl leuchtet, er vertraue auf den Namen: »Gott«, und stütze sich auf seinen Gott u. s. w. u. s. w. (Das. K. 50.) Schauet hin auf den Fels, aus dem ihr gehauen, und auf den Bornhammer, mit dem ihr gegraben, schauet auf Abraham hin, euren Vater, auf Sara, die euch gebären sollte: es war eben nur ein Einziger, den ich berief, auf daß Ich ihn segnen, Ich ihn wollte viel lassen werden! (Das. K. 51.) — — — Nur ein Rest wird zurückkehren, ein Rest Jaakobs zum allmächtigen Gott, (Das. K. 10). — — — Noch ist ein gottgeweihtes Zehnt darin, werde es auch wieder und wieder der Vernichtung, wie Eiche und Buches, die wie Blätter-Abwurf den Stamm doch bewahren, so bleibt Heiligtumssaat sein Stamm! (Das. K. 6.) — — Einen aus der Stadt und Zwei aus der Familie nehme ich euch und bringe euch nach Zion und gebe euch Hirten nach meinem Herzen, die weiden euch mit Erkenntnis und Verstand! (Jeremias K. 3.) — — —
und die jüdische Sache, die Saches des jüdischen Gottesgesetzes wäre verloren, wenn nur noch eine Minorität ihm ihre Treue bewährte, es dürfte der letzte, vereinzeltste Jude verzweifeln und nicht auf Abraham hinschauen, der auch nur Einer war, als Gott ihn rief, auf Moses nicht, auf dessen Treue allein zuletzt Gott noch seinem Gesetze wieder das Volk der Verheißung erbauen wollte? Das Gottesgesetz zählt seine Anhänger nicht!

Nicht? Lehrt denn nicht eben dieses Gottesgesetz: ‏,אחרי רבים להטות‎ »Entscheide nach der Mehrzahl!« heiligt es nicht eben diesen Grundsatz des Majoritäts-Ausschlages als das wichtigste, unerschütterliche Prinzip des ganzen von ihm errichteten Gebäudes! Müssen wir nicht der Mehrheit folgen? Ist nicht ‏יחיד ורבים הלכה כרבים‎ schwindet nicht die Einzelansicht in die Ansicht der Mehrheit und verdankt nicht eben diesem Prinzip das Judentum seine Einheit und Festigkeit, seine Reinheit und Dauer? Und es bräche nicht eine solche Minorität wie ihr eben in demselben Momente den ersten Grundsatz des Gesetzes, für dessen Unverletzlichkeit sie der Majorität gegenüber in die Schranken träte?

Gemach, gemacht Freilich lehrt dieses Gesetz: ‏אחרי רבים להטות‎ aber unmittelbar zuvor warnt es: ‏לא תהיה אחרי רבים לרעות‎ »folge nicht der Majorität zum Bösen!« und hat eben damit jenem Majoritätsprinzip die Grenze gezogen, über welche hinaus es aus einem Grundsatz des Heiles sich zu einem Prinzipe des Bösen umwandelt und statt eines Werkzeugs der Erhaltung als ein Mittel der Zerstörung und des trostlosesten Unterganges sich darbieten würde. Ja wohl hat die Minorität der Majorität sich zu fügen. Wann? Wenn beide, Majorität und Minorität, auf gleichem Boden der Gesetzlichkeit stehen, wenn beide mit gleich hingebender Treue das göttliche Gesetz als die einzig geltende Norm über sich anerkennen, wenn ‏,אלו ואלו דברי אלדי' חיים‎ wenn es sich innerhalb des Gesetzes um Entscheidung aus dem Munde eines Tribunals, dessen Glieder durch Kenntnis und Charakter in gleich berechtigter Kompetenz dastehen und über Fragen handelt, hinsichtlich deren eben dieses Gesetz die Majoritätsentscheidung funktioniert. Wenn es sich aber um Sein oder Nichtsein des Gesetzes selber handelt, wenn Dinge in Frage gestellt sind, die eben innerhalb dieses Gesetzes über alle Fragen erhaben sind, wenn der Majorität der Abfall vom göttlichen Gesetze beliebt, die Minorität auf dem Boden des göttlichen Gesetzes verharrt, da heißt es: ’‏,אין חכמה ואין עצה ואין תבונה נגד ד‎ gegen Gott gilt keine Weisheit und keine Klugheit und keine Einsicht, gegen Gottes Gesetz kein Lehrer und Priester, keine Majorität und keine Minorität, ‏במקום שיש חלול השם אין חולקין כבוד לרב‎ und ‏,קשר של רשעים אינו מן המנין‎ die größte Vereinigung von Gesetzesübertetern ist eine völlig verschwindende Größe auf der Wagschale der Gewissensentscheidung.

Aber wir tun euch Unrecht, wenn wir euch vom göttlichen Gesetze Abgefallene nennen, eure Orakel lehren euch aus dem Gesetze selber die Selbstentthronung dieses Gesetzes, lehren euch unter dem Banner der Thora den am Sinai geschworenen Fahneneid brechen, — wohl, mag darüber euch und eure Orakelspender — Gott richten. Uns zeigt ihr eben mit diesem eurem »Prinzipe« die tiefe Kluft, die uns von einander trennt, zeigt uns, wie wir längst schon nicht mehr aus gleichem Boden des Gesetzes zusammenstehen, zeigt uns, wie wir längst bereits an den Punkt gekommen sind, wo wir die Stimmen nicht mehr zählen dürfen, wo uns — verzeiht, wir können nicht anders — das alte Gesetz vom Sinai zuruft: »Folgt nicht der Majorität zum Bösen!« ‏לא תהיו אחרי רבים לרעות — — —

So sehr verzweifelt steht’s also wohl noch um keine Sache der Wahrheit und des Rechts, wenn sie auch zeitweilig nur eine Minorität zu ihren Trägern findet, wenigstens liegt in diesem Minoritätsverhältnis kein Grund zur Verzweiflung und am allerwenigsten dürfte so ohne weiteres eine jede Majorität zu einer jeden Minorität in jeder Sache auf ihre Mehrzahl pochend, sprechen: Ihr habt mit euren Ueberzeugungen und Ansichten kein Recht, keine Berechtigung, ihr seid die Minderzahl, ihr müßt euch, fügen. Israels ganze, mehr als vierthalbtausendjährige Geschichte ist hierfür Bürge, sie ist ja nichts, als die Geschichte der siegreichen Ausdauer einer winzigen, ohnmächtigen Minorität gegenüber der immensen Übermacht einer Majorität, die nicht weniger als die ganze übrige Gesamtmenschheit zu ihren Gliedern zählt.

2.

Allein eben die Tatsache, daß sich der Vater der Menschheit für das Kleinod seiner die Menschheit erlösenden Wahrheit eine so winzige Minorität zu Trägern erkoren, berechtigt zu der Annahme, es müsse die Sache der Wahrheit in dem Schoße einer Minorität sich in ihrer Existenz und in ihrem endlichen Siege nicht nur nicht gefährdet sehen, vielmehr eben dort Bedingungen ihrer Pflege und Erhaltung finden, deren eine erst zum Kampf und Siege berufene Wahrheit inmitten zahlreicher widerstrebender Elemente so sehr bedarf, die ihr aber im Schoße einer Majorität seltener und jedenfalls in geringerem Maße zu erwarten stünden. Kurz, wir glauben uns berechtigt, uns nach den günstigen Verhältnissen umzuschauen, die sich eben im Schoße einer Minorität für die sichere Pflege der Wahrheit als vorhanden darstellen dürften, glauben uns fragen zu dürfen: was liegt in einer Minoritätsstellung Günstiges für die Sache der Wahrheit, die sie trägt?

Und da treten uns sogleich zwei der bedeutendsten Momente entgegen:

»In dem Schoße einer Minorität findet die Wahrheit immer 1) treuere Pflege und 2) reinere Träger!«

Eine siegreiche Majorität wird zu allererst ihrer eigenen Sache untreu. Sie hat gesiegt, sie ist die Mehrzahl, ihre Sache ist geborgen, sie ist ihr etwas Abgemachtes, Zurückgelegtes, — Zurückzulegendes; anderen Bestrebungen, anderen Erkenntnissen mögen fortan Geister und Gemüter sich zuwenden; die alte Wahrheit, für die sie so viel gekämpft, so viel gerungen, deren Sieg so viel gekostet, steht nun sicher unter dem Palladium einer Majorität; von ihrer weiteren geistigen Pflege ist nichts mehr zu erwarten, sie ist über alle weitere Anfechtung erhaben, die Majorität steht ja für sie ein, und — gibt sie eben damit selber preis. Die Majorität vergißt, daß sie ihren Sieg nur der Sache verdankt, sie wähnt, die Sache habe nur ihr, nur der Mehrzahl ihren Sieg zu verdanken, es genügt ihr, fortan die Zahl ihrer Anhänger zu erhalten, zu vermehren; der geistige Gehalt der siegreichen Wahrheit wird nicht mehr angebaut, wird vergessen; als Wortschall, als Name steht sie noch auf dem Majoritätspanier gezeichnet, geht sie noch, als äußere Erkennungsparole, von Generation zu Generation; ihr Inneres ist aber hohl oder oft von mißgestalteten Larven ihres Gegenteils erfüllt; für die Geister und Gemüter ist sie verloren, — ihr Sieg hat sie begraben.

Treten wir dagegen in den Kreis einer Minorität — dort ist die Sache alles, muß sie alles sein; denn wenn ihnen die Sache entschwände, was bliebe ihnen übrig? Nur in dem geistigen Wert ihrer Sache vermag eine Minorität den gegenwiegenden Ersatz für das zu gewinnen, was ihr an materieller Zahlengröße abgeht; nur in dem lebendigsten Bewußtsein eben dieser ihrer geistigen Bedeutung vermag sie jenes Selbstgefühl sich zu erringen, das zu jeder spezifischen Fortexistenz so notwendig ist. Das Dasein der Minorität ist daher wesentlich daran geknüpft, daß sie in allen ihren Gliedern stets den ganzen geistigen Fonds der von ihr vertretenen Sache wach halte, und wie der Leib zu seinem lebendigen Dasein des Atmens bedarf, so muß die Minorität in jedem Augenblick aufs neue sich die frische Begeisterung, den frischen Mut, die ausdauernde Kraft und die im engen und engsten Kreis sich auslebende Energie des Geistes und Herzens aus dem geistigen Born ihrer Sache schöpfen. Ja eben der Gegensatz zur Majorität treibt sie von selbst dazu, immer neu sich in den geistigen Gehalt ihrer Sache zu versenken, sie immer neuer Forschung zu unterziehen, ihren Inhalt nach allen Seiten hin immer aufs neue zu verfolgen, sie immer neu in ihren Einzelheiten, wie in ihrer Gesamtbedeutung sich zum Bewußtsein zu bringen und sich immer neue Antwort auf die alte, sie seit ihrem Auftreten notwendig begleitende Frage zu schaffen: warum denn nicht auch zur Fahne der Majorität schwören, warum denn nicht auch dorthin übertreten, wo die Zahl und die Macht und das materielle Übergewicht glänzt? Nie wird eine Minorität ihre Sache nur zu dem geistigen Standesgut weniger Eingeweihten machen wollen, ohne ihre ganze Existenz aufs Spiel zu setzen. Wie sie den geistigen Strom der Erforschung und Erkenntnis bei ihren Gliedern hemmt, gibt sie dieselben dem Absterben und dem welken Hinüberfallen in den Schoß der zu jeder Aufnahme stets bereiten Majorität haltungslos preis. Zur geistig-wachen Selbsterkenntnis muß sie ihre Glieder erziehen, wenn sie die ihrigen bleiben sollen, ein jeder muß sich selbst sagen können, wofür er einsteht und wofür er duldet. Und wie den Geist, so vor allem muß sie den Mannescharakter in jung und alt groß zu ziehen verstehen, der nicht nur Wahres zu erkennen, sondern die erkannte Wahrheit um jeden Preis zu erkaufen und um keinen Preis des Himmels und der Erde feil zu geben bereit ist. Und wenn nun erst eine solche Minorität für ihre Sache große Opfer, langjährige Opfer gebracht, wenn sie als Märtyrertum vom Vater zum Enkel sich vererbt, wenn der Sohn seines Vaters, wenn der Enkel seines Ahns nicht zu gedenken vermag, ohne zugleich jener Sache in ihrem ganzen Glanze, in ihrem ein ganzes Mannesleben ausfüllenden Werte zu gedenken, wenn diese Sache sich erst bereits auch in Wahrheit in ihrer göttlichen, obsiegenden und alles andere mit seligstem Bewußtsein ersetzenden Kraft bewährt hat, wenn sie triumphierend ihre kleine Schar zum Kampf und zum Siege durch Jahrhunderte geführt, dann — ja dann wird sie also in Fleisch und Blut, in Geist und Seele ihrer kleinen Phalanx hineingelebt sein, daß sich diese von ihr wie auf geistigen Adlersflügeln fortgetragen fühlt und — die materiellen Halte und Hebel einer größeren Majoritätszahl gar nicht mehr vermißt.

Diese Folgerungen ergeben sich so natürlich aus der eigentümlichen Natur einer jeden Minoritätsstellung, daß wir uns wahrlich nicht zu wundern brauchen, sie in der ganzen historischen Erscheinung der ältesten und »hartnäckigsten« Minorität, wir meinen in der ganzen historischen Erscheinung der Judenheit bis auf die allerneueste Zeit herab verwirklicht zu sehen. Wir sagen mit Bedacht, bis auf die allerneueste Zeit. Denn wenn unsere Vergangenheit die glänzendsten Belege von der erhaltenden Kraft des Geistes bietet, den eine Minorität durch Forschung und Erkenntnis in allen ihren Gliedern wach zu halten weiß, so bestätigt die Erschlaffung der Gegenwart dasselbe durch den Gegensatz, indem sie zeigt, wie verloren die Minorität ist die, der Majorität nachahmend, noch den Namen ihrer Sache auf ihre Parteifahne schreibt, aber ihre Erkenntnis und ihren Geist einem Stande überantwortet und ihrer Gesamtheit entzieht. Indem Gott zu Jsrael: ‏,אתם המעט‎ ihr seid eine Minorität sprach, sprach er zugleich: '‏,לא ימוש ספר התורה הזה מפיך וגו es weiche das Buch dieser Lehre nicht von deinem Munde, forsche darin Tag und Nacht, schärfe sie deinen Kindern ein und sprich davon, wenn du zu Hause sitzest und wenn du des Weges gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. Wohl hatte Gott auch in Israel, in dieser Minorität, noch eine engere Minorität, einen Stamm, zur noch spezielleren Pflege seiner heiligen Sache im Kreise seiner Minorität erwählt, und entzog derselben noch den letzten übrigen materiellen Boden, auf daß er von ihr sagen konnte: ‏,ד’ הוא נחלתו‎ »Gott ist ihr Erbteil«. Allein nicht zum Standeseigentum machte er diesem Stamm seine heilige Sache, zu Herolden, Lehrern, Predigern seines Wortes an sein Volk rüstete er sie aus, ließ Jsraels Geistliche und Priester die Verbreitung der »Theologie«, der theologischen Erkenntnis und Wissenschaft bis in die niedrigsten Volkesschichten als ihre höchste Ausgabe erkennen, ließ sie dahin kommen, daß Jsraels Geistliche als ihren höchsten Triumph den erstrebten — durch allverbreitete Lehrerkenntnis — sich überflüssig zu machen, und gewiß hätte man keiner Majorität also wie der winzigen jüdischen Minorität vertrauen können, daß in ihr »das Studium ihrer Sache«, ‏,חלמוד תורה‎ das Lernen, noch mehr das Lehren der Thora, als das höchste, glänzendste, alles überragende Verdienst für alle dastehen würde, ‏.תלמוד תורה כנגד כולם‎

3.

Ist Geist und Gemüt ihrer Bekenner in der Tat der einzige, wirkliche und wahrhaftige Lebensboden einer zum Siege zu tragenden Wahrheit, ist das immer neue und frische Durchforschen und Durchdenken derselben die einzige, wirkliche und wahrhaftige Pflege, deren sie bedarf und deren sie fähig ist, so haben wir nach allem Obigen wohl nicht zu viel gesagt, indem wir meinten, in dem Schoße einer Minorität fände die Wahrheit immer eine treuere Pflege.

Allein siegende Erkenntnis einer Wahrheit ist nicht nur durch die geistige Hingebung ihrer Bekenner bedingt, die sittliche Reinheit ihrer Träger, insbesondere die Reinheit der Gesinnung, die zu ihrem Bekenntnis leitet und die ihre Forschung begleitet, ist ein zweites nicht minder wesentliches Moment, und auch in Betreff dieses Momentes erblicken wir die Sache der Wahrheit im Schoße einer Minorität in entschiedenem Vorteil Sie kann im Schoße einer Minorität immer auf reinere Träger rechnen.

Freilich befinden wir uns mit der ganzen Hervorhebung dieses Moments in entschiedenem Gegensatz zu den genialen stimmführenden Leitern unserer Zeit. Freilich ist ihnen der kritische Lehrstuhl der Gelehrsamkeit so sehr etwas vom praktischen Leben abseit liegendes, daß ihnen Charakter und Wissenschaft, Bekenntnis und Erkenntnis, praktischer Lebensgrundsatz und theoretisches Axiom, mit einem Worte Sittlichkeit und Wahrheit so sehr geschiedene Gebiete sind, daß sie wissenschaftliche Wahrheit von dem praktischen Verleugner derselben erwarten, daß sie das schmutzigste Gefäß für tauglich erachten, das reine Wasser der lebendigen Wahrheit zu wahren, und ihnen der nicht auf der Höhe der Zeit zu stehen scheint, dem die Rechtschaffenheit des Forschers nicht gleichgiltig ist für die zu erwartende Richtigkeit des Ergebnisses der Forschung.
Trägt uns nicht alles, so sind sie selbst für rein theoretische Erkenntnis solcher Wahrheiten, deren Gegenstand vom praktischen, sittlichen Leben durchaus fern liegt, völlig im Irrtum. Wer kann sagen, daß er Wahrheit, absolute Wahrheit gefunden! Aber Wahrheit suchen, Wahrheit wollen, Wahrheit um ihrer selbst willen wollen, um keines Vorteils willen, um keiner Ehre willen, sich dem Ergebnis der Wahrheit von vornherein gefangen geben, mag dies Ergebnis zum Vorteil oder Nachteil, zum Ruhmeskranz oder zur Beschämung des Forschers ausfallen, mögen Bequemlichkeiten und Unbequemlichkeiten, Süßigkeit oder Bitterkeiten des Lebens sich an die Ferse des Ergebnisses knüpfen, das sind die Bedingungen, von welchen in hohem Grade die Ergebnisse einer jeden Forschung bedingt sind, und das sind Bedingungen, die zu allererst in dem sittlichen Charakter des Forschers wurzeln.

Und nun Wahrheiten, die so wenig von dem praktischen Leben getrennt sind, daß vielmehr dieses praktische Leben selbst ihr vornehmliches Objekt ist, daß in ihrem Gebiete kaum ein Ergebnis der Forschung sich herausstellen kann, das nicht mit der Erkenntnis sofort auch das praktische Bekenntnis, und meist durch opferfreudige Tat im Leben gebieterisch fordert — Wahrheiten, die eben durch das praktische Leben ihrer Bekenner zur Veranschaulichung und eben nur dadurch zur endlichen siegreichen Verbreitung gebracht werden wollen — die Erkenntnis und der Sieg solcher Wahrheiten ist vor allem nicht sowohl von der Zahl ihrer Träger, als von der Reinheit derselben bedingt, und auch für diese Bedingung ist der Schoß einer Minorität der entschieden günstigere.

Gebt einer Wahrheit eine siegreiche Majorität zur Seite, in 99 von hundert Fällen wird der Einfluß dieser Majorität ein nicht zu verfschmähendes Gewicht in die Wagschale aller materiellen und mit den materiellen sich kordial verbindenden Bestrebungen werfen; Glück und Fortkommen, Ehre und Ansehen, selbst literarischer Ruhm und Beifall wird meistens leichter im Gefolge der Majorität zu finden sein; die Wege des Lebens und das Urteil der Menge vermögen sichs dem Einflusse einer Majorität nicht zu entziehen — sofort ist die von einer Majorität getragene Wahrheit eine reiche Braut, die ihren Freiern nicht zu verachtende Angebinde zur Mitgift beut — wer will fortan die Huldigungen prüfen, die die unter ihre Fahne sich drängenden Massen ihr zujubeln, wieviel davon ihr, wieviel den Aussichten gelten, die ihr Dienst eröffnet? Es gehört eben nicht viel Märtyrertum dazu, sich zu der Ansicht einer Majorität zu bekennen.

Stellt aber die Wahrheit arm und einsam auf rauhen, unwirtsamen Fels, von dem nicht eben viele Wege zu den Gütern der Erde und zu den Ehren der Menschen gebahnt sind, — machet sie nur von wenigen gekannt, von noch wenigern bekannt, von einer geringen, seinflußarmen Minderzahl vertreten, deren Anerkennung und Beifall nicht eben schwer wiegt auf der Schale der öffentlichen Meinung, — machet sie zum Stich- und Witzblatt und ihre Bekenner zum Gelächter der triumphierenden gedankenloser Masse, zum mitleidigen Achselzucken der tonangebenden Führer des Trosses — machet Entbehrung und Opfer, Vereinsamung und Selbstverleugnung zu ihrem Angebinde — so werden nur wenige sich zu ihr gesellen, noch weniger bei ihr ausharren, aber diese wenigen wird sie in Wahrheit die Ihrigen nennen können. Denn was hätten sie sonst bei ihr zu suchen?

Wer sind die Priester, die Gott an seinem Altare erwartet? Nicht die Leviten, ‏,אשר רחקו מעלי בתעות ישראל‎ die sich vom Volke ins Schlepptau nehmen und in die allgemeine Verirrung mit hinei reißen ließen; sondern ‏והכהנים הלוים בני צדוק אשר שמרו את משמרת‎ ‏,מקדשי בתעות בני ישראל מעלי‎ die mit echtem Levitengeist bei Gott ausharrten, wenn auch das Volk das goldene Kalb umtanzte, und als Zadoqssöhne ihre Treue nicht dahin wandten, wohin das Glück und die Volksgunst sich neigten, die Wache hielten bei meinem Heiligtume als Jsraels Söhne von mir sich verirrten, ‏המה יקרבו אלי לשרחני ועמדו‎ ‏להקריב לי הלב ודם נאם ד’ אלדי‎ ‏לפני!

Die erwartet Gott bei seinem Altare.

Es gibt keine größere Prüfung und Läuterung, als mit seinen Überzeugungen einsam und allein zu bleiben, und es gibt für die Sache der Wahrheit kein größeres Glück, als von Zeit zu Zeit ihre Bekenner dieser Minoritätserwähnung auszusetzen. Solche Zeiten sind freudelos, ernst und — reinigend wie der Sturm. Entastet und vereinsamt steht die Eiche da. Kinder weinen über die Verödung. Männer wissen, was den Sturm nicht aushält, was im Sturme abfällt, ist schon ohnehin dem Stamme entfremdet, ist schon ohnehin in seinem Mark nicht mehr mit dem Mark des Stammes verwachsen, ist welk und dürr. Es fällt? Es muß ja fallen, was soll dem Stamm das dürre Reisig! Was im Sturme bleibt, ist frisch und markig, rettet die Zukunft herrlicher als je, ‏!כאלה וכאלון אשר בשלכת מצבת בם זרע קדש מצבתה‎! — — —

4.

Wir haben einige Lichtseiten an der Minoritätsstellung betrachtet, wollen wir uns nicht auch nach den Schattenseiten umsehen, nicht auch die Gefahren uns vergegenwärtigen, die vielleicht der Sache der Wahrheit erwachsen könnten, wenn sie sich eine Zeit lang von einer Minorität getragen und vertreten sehen würde? Irren wir nicht, so sind auch diese Gefahren ernst genug, als daß eine Minorität, die es ernst mit ihrer Sache meint, vor ihnen ihre Augen schließen und sich sorgloser Ruhe überlassen dürfte.

Heben wir nur die eine oder die andere hervor, wie sie sich uns aus der Natur der Sache von selbst ergeben und von der Erfahrung der Zeiten bestätigt erscheinen.

Jede Minoritätsstellung ist eine Prüfung, und in jeder Prüfung liegt Gefahr, wenn auch nicht unmittelbar für die Sache, so doch Gefahr für ihre Träger, die aber doch wieder indirekt ihre Sache gefährdet. Einer Wahrheit, deren Bestimmung die allgemeinste Verbreitung und Anerkennung ist, kann es doch nicht ganz gleich gelten, wie viel sie Anhänger und Bekenner zählt, und noch weniger ihr gleichgiltig sein, welche Begriffe und Vorstellungen sich von ihr die Kreise ihrer Nichtbekenner bilden. Sie ist doch hinsichtlich ihres äußeren Bereichs noch umso ferner vom Ziel, je beschränkter annoch der Kreis ihrer Anhänger ist, und je entstellter und getrübter die Vorstellungen, sind, die ihre Nichtbekenner von ihr hegen, umso geringer und ferner ist noch ihre Hoffnung, sie dereinst alle durch die ihr innewohnende Macht zu gewinnen.

Es ist nun zuerst das freilich natürliche, aber doch eigentümliche Geschick einer jeden Minorität, daß mehr als irgendwo sonst in ihr von ihren Gegnern die Sache mit den Personen durchaus verselbert wird. Natürlich! Die Majorität, die, wie wir bemerkt, sich sehr bald kaum noch mit dem geistigen Inhalt ihrer eigenen Sache durchdringt, gibt sich noch viel weniger Mühe, die Sache ihrer Gegner in Wahrheit und Wirklichkeit kennen zu lernen. Sie beurteilt die Sache der Minorität nur nach der Erscheinung, in welcher sie durch deren Träger zur Anschauung gebracht wird, und ist dann in der Regel so gedankenlos ungerecht, noch dazu ein jedes einzelne, beliebige, ihr zufällig zu Gesicht kommende Glied der Minorität als Repräsentant der kleinen Gesamtheit zu betrachten. Das ist das Geschick einer jeden Minorität. Das war z. B. das Geschick der jüdischen Minorität inmitten der großen Völkermajorität seit Jahrtausenden. Man beurteilte das Judentum nach der Judenheit und die Judenheit nach dem ersten besten Juden, der in den Wurf kam. Und obgleich wir so viel unter dieser vorurteilsvollen Gedankenlosigkeit gelitten, wiederholt sie sichs doch heutzutage unter uns selber in den Parteiungen, in welche die Judenheit selber im Innern auseinander getreten.

Wir hätten dieses eigentümliche Geschick der Minorität eigentlich zu ihren Lichtseiten zählen dürfen. Es ist ein Glück, ein nicht zu berechnendes Glück für die Sache der Wahrheit, wenn nicht nur die Gesamtheit ihrer Träger, wenn jeder einzelne derselben der schärfsten Kritik der Gegner ausgesetzt ist, wenn jeder es fühlt, wenn es jedem zum Bewußtsein gebracht wird, daß die Ehre der Gesamtheit, ja daß die Ehre der Gesamtheitssache von der Gediegenheit und Tadellosigkeit jedes einzelnen bedingt ist. Es ist das ein unendlicher Sporn für jeden einzelnen, sich nicht gedankenlos gehen zu lassen, sich vor jeder Geistes- und Charakterverirrung zu hüten, um nicht durch seinen Einzelfehl seine Gesamtheit und ihre Sache zu gefährden. Es ist das eben die Eigentümlichkeit, die der jüdischen Minorität jene hohen Begriffe vom ‏קידוש השם‎ und ‏חילול השם‎ gebracht hat, die sich an das Geistes- und Tatenleben jedes einzelnen knüpfen, die es jedem Juden tief in die Seele geschrieben hat, daß auch nach außen ‏,כל ישראל עדבים זה לזה‎ jeder Jude Bürge für den andern sei und jeder Jude nicht nur für sich, sondern um seiner Gesamtheit und ihrer Sache, um der Judenheit und des Judentums willen untadelhaft und rein dazustehen habe.

Diese Höherschätzung eines jeden einzelnen und infolge davon eine schärfere Kritik seiner Denk- und Handlungsweise ist ein ganz natürliches Zubehör zur Minoritätsstellung. Gehöre der Majorität an und kein Mensch wird sich um dich kümmern, du müßtest denn ganz besonders im Guten oder Schlechten hervorragen, sonst fragt dich kein Mensch deinen Katechismus ab, du bedarfst keiner Rechtfertigung für deine Denk- und Lebensweise, es versteht sich ja von selbst, daß man der Mehrzahl folge, auf der breitgetretenen Heerstraße der Menge wirst du nach keinem Pass gefragt. Aber wage es einmal, wenn auch noch so still bescheiden, einen Seitenweg für dich zu wandeln, gleich hast du die Augen aller von der Heerstraße auf dich gerichtet, dein Sonderwandel erscheint einem jeden als Anmaßung, als Protest und Vorwurf gegen ihn und seine Masse, der jüngste Majoritätengassenbube fühlt sich berechtigt, dich nach deinem Paß, nach deiner Berechtigung des Alleinwandelns zu fragen. »Wenn du nicht besser bist, als einer von uns, wenn du deine Schwächen »und Gebrechen hast, so gut wie unser einer, warum denn so stolz dich »absondern?« Diese Frage liesest du in aller Blicken. Und was das Schlimmste ist, Dinge, die nicht im Entferntesten mit dem Prinzipe, mit der Sache in Verbindung stehen, die dich von der Heerstraße der Menge trennt, Eigentümlichkeiten, Zufälligkeiten, die dir wie jedem ankleben, die dir eben so eigen wären, wenn du auch mit der Menge wandelst, die aber dann unbemerkt und ungerügt als menschliche Muttermäler dir verziehen werden würden, kurz der ganze Habitus deines Denkens und Lebens, auch wie du dich »räusperst und wie du spucks«, setzt man auf Kosten deines Sonderprinzips, in allem und mit allem sieht man bei der Minorität ihre Sache repräsentiert und daher kommt es wohl, daß so selten die Majorität eine gerechte Anschauung von dem Prinzipe und der Sache der Minorität sich bildet, daß ihr diese Anschauung sie vielmehr größtenteils zur Karrikatur gestaltet. Sollen wir wieder aus das Geschick des Judentums im Kreise der nichtjüdischen Massen seit Jahrhunderten hinweisen? Dieselbe wiederholt sichs aber heutzutage unter uns, wo wir zufällig die gesetzestreuen Juden als Minderzahl einer modernen Majorität gegenüber sehen. Und das ist ein Malheur. Eine Minorität darf keinen Plebs und keinen Ausschuß, ja sie darf keine Schwächen und Gebrechen haben, es soll die Reinheit und Wahrheit ihrer Sache in dem Geistes- und Tatenleben eines jeden einzelnen ihrer Glieder zur Erscheinung kommen, und man vergißt, daß jedes Prinzip, jede Lehre, jedes Gesetz ein Ideal ist, dessen Verwirklichung dem Ernstesten und Besten unablässig als ein zu erstrebendes, wohl aber nimmer in seiner Vollkommenheit zu erreichendes Ziel vorzuschweben habe und zu dessen Reinheit und Vollkommenheit sich das wirkliche Lebensbild auch des Besten wohl stets nur wie der gebrochene, farbige Lichtstrahl zu dem blendenden, reinen Glanze des Sonnenlichts verhalten werde.

5.

Allein eine Minoritätsstellung hat nicht nur Gefahren für die Vertretung ihrer Sache nach außen, sie hat auch ernste Gefahren für die Pflege derselben im eigenen inneren Kreise.

Sollen wir denn nicht des Kleinmuts gedenken, der dennoch nicht selten und gerade nicht immer die schlechtesten Glieder einer Minorität beschleicht, wenn ihre Begeisterung ihnen zeigt, zu welcher weitreichenden Herrschaft über die Gemüter die Wahrheit, der sie anhängen, gelangen müßte,und sie sich auf immer kleinere und kleinste Kreise beschränkt sehen, immer weniger die Wahrheit erkannt, immer mehr die Wahrheit verleugnet, und immer größer die Majorität der Abgefallenen? Werden sie sich immer des Kleinmuts erwehren, der, wenn er auch nicht an dem endlichen Siege seiner Sache verzweifelt, doch zuletzt Mißtrauen in die eigene Kraft, in die eigene Fähigkeit und Würdigkeit sie zu vertreten erhält, jenes Mißtrauen in sich selber, das unsere Weisen uns schon in dem Gemüte der Würdigsten und Besten der vereinsamten Vertreter einer Minoritätssache mit dem Zweifel enthüllten: ‏שמא יגרום החטא‎ jenes Mißtrauen, das aber mit dem Vertrauen zu uns selbst uns zugleich der freudigen Kraft rüstiger Tätigkeit für die Sache beraubt?

Und nun jener Kleinmut, der sich so leicht der eben fso treuen aber geistig minder begabten Genossen bemeistert, denen denn doch zuletzt die Majorität mit ihrer Masse und ihrem kecken, wegwerfenden Urteil imponiert, die die Fähigkeit und Tüchtigkeit nach dem Erfolg, und den Erfolg nicht nach eigener Einsicht, sondern nach dem Beifall der Menge und der eigenen ruhmredigen Verkündung der Meister beurteilen, die mit unendlichem Respekt zur Majorität und ihren Meistern und Leitern aufblicken und so leicht, wenngleich nicht die Treue, doch den Mut und die Zuversicht in die eigene Sache verlieren.

Jener Kleinmut endlich, hinter den sich so gerne die Schwäche, die Trägheit und die Kargheit verkriecht und die sträflichste Untätigkeit mit den frommen, gottverleugnenden Seufzern beschönigt: es nützt ja leider doch nichts, die Zeit ist nicht zu ändern und mit der Majorität nicht zu streiten. — —

O, es hat die Minorität keinen größeren Feind, als diesen Kleinmut und es gehört wahrlich nicht wenig dazu, in einer kleinen Schar, den immer frischen Mut und die Zuversicht der Begeisterung und jenes unzerstörbare, heitere Pflichtgefühl wach zu halten, dem eben in dem Kampfe und in Schwierigkeiten die Kraft, und da, wo andere verzweifeln, die Hoffnung und die Zuversicht wächst, das sich immer vergegenwärtigt: gerade das Schwerste hat zu geschehen, für das Schwierigste ist die Tatkraft zu üben; das Leichte, das auf der Hand liegende macht sich von selbst, — das überhaupt an den Erfolg nicht denkt, den Erfolg in Gottes Hand stellt, das selbst im Angesicht völliger Erfolglosigkeit ungeschwächt und voll seine Pflichten erfüllen würde und mit seinem ältesten Meister spräche: ‏הנסתרות לד' אלדינו, והנגלוח לנו ולבנינו עד עולם לעשות את כל‎ ‏!דברי התורה הזאת‎

Geht aber durch Kleinmut der Minorität die Tatkraft verloren, so büßt sie, wenn auch nicht die Kraft zur Tat, so doch den Willen und den Trieb zur Tat nicht selten auch durch die entgegengesetzte Richtung ein. Wir meinen jene ungerechtfertigte Sorglosigkeit, die aus zu großem Vertrauen in ihre Sache entspringt. Je tiefer eine Minorität von der Wahrheit und Heiligkeit ihrer Sache durchdrungen ist, je ernster sie von dem endlichen Siege derselben überzeugt ist, je mehr sie sich berechtigt glaubt, ihre Sache für Gottes Sache zu halten, je schlagender ihr auch die Erfahrung vieler Jahrhunderte zur Seite steht, wie aus den schwierigsten Lagen, über die drohendsten Gefahren und fast ohne menschliches Zutun eine gütige Allmacht ihre Sache siegreich emporgetragen, umso leichter kommt eine solche Minorität zu der sträflichen Verirrung, die Hände in den Schoß zu legen, weder mit Wort noch Tat die Sache zu verfechten, Gott, dem sie doch ohnehin das Meiste überlassen muß, nun auch alles anheim zu geben und im gläubigsten Vertrauen — ihre heiligsten Pflichten zu verabsäumen. Freilich, ist ihre Sache Gottes Sache, wird auch Gott seine Sache so wie trotz des Abfalls der Menge, so auch trotz der untätigen Schlaffheit der treuen Minderzahl retten. Aber diese schlaffe Untätigkeit bleibt darum doch nicht minder verwerflich, ist darum doch nicht minder pflichtvergessene Versündigung gegen Den, der seine Wahrheit durch Menschen gelehrt und vertreten wissen will, der nicht nur zur Vergangenheit, der zu jeder Gegenwart spricht: ‏,עשו משמרת למשמרתי ,ושמרתם את משמרתי‎ »Bewachet, schützet, rettet mein euch anvertrautes Gut!« und meins — ‏ממקדשי תחלו‎ — der mit seinen Treuesten zuerst ins Gericht geht, wenn sie nur der eigenen Lebensreinheit gelebt und nicht bis zum letzten Ausmaß ihrer Kraft das Ihrige getan, auch die Lebensreinheit der Gesamtheit zu retten. —

6.

Untätigkeit hat eine Minorität zu fürchten, aber in noch höherem Grade eine aus bester Absicht mißleitete Tätigkeit. Eine Minorität ist schwach und gar leicht meint der Schwache, er müsse durch Klugheit, Gewandtheit, Diplomatie, List ersetzen, was ihm an materieller Kraft des Masseneinflusses abgeht. Eine schwache Minorität kommt leicht in die Versuchung, krumme Wege zum vermeintlichen Besten ihrer Sache zu versuchen, und vergißt, daß sie mit jedem krummen Wege selbst die Reinheit und Göttlichkeit ihrer Sache verleugnet. Ist ihre Sache rein, ist ihre Sache wahr, ist ihre Sache Gottes Sache, so bedarf sie der Krümme nicht, so verabscheut sie jede Ungeradheit, so sieht sie sich entweihet durch jede Abweichung vom Geraden und Wahren; denn sie ist die Tochter Des, der gesprochen: ‏!כי תועבת ד’ כל עושה אלה כל עושה עול‎ Aus diplomatischer Verschlagenheit und listiger Gewandtheit blühet nirgends Heil, der Sache des Reinen und Guten am allerwenigsten Gemeines und Schlechtes lasset klug sein, lasset schlau seine wahren Absichten verbergen und gewandt auf Umwegen eine Lücke erschleichen, in welche es das Ei seiner Zukunft niste. Göttliches und Wahres hat das Licht nicht zu scheuen, darf das Licht nicht scheuen, braucht und darf sich nimmer verleugnen, braucht und darf für seine Zukunft nur das Gerade und offen Darliegende erstreben und benützen; denn wofür wäre es sonst göttlich und wahr? Wir haben oben jene Sorglosigkeit getadelt, die, im Vertrauen auf die Göttlichkeit ihrer Sache, Gott deren Zukunft ganz überläßt und untätig die Hände in den Schoß legt. Hier ist dieses sorglose Vertrauen, hier diese vertrauensvolle Ruhe an ihrer Stelle, hier Untätigkeit Tugend und Ruhe Verdienst, ‏!והיתה מנוחתו כבוד‎ An der Grenze des Redlichen und Geraden angelangt, legen wir ruhig unsere Zukunft Gott in Händen, der seine Sache nicht mit unreinen Händen gehandhabt, nicht mit unreinen Waffen vertreten wissen will. »Nur durch Pflichttreue sollst du dich begründen! Halte dich fern von Unrecht, denn du hast nichts zu fürchten, und von Bestürzung, denn die soll dir nicht nahen. Siehe, nichts weilt auch nur im flüchtigsten Dasein ohne Mich, wer neben dir weilt, fällt einst dir zu«! Siehe, ich habe den Meister geschaffen, der das Kohlenfeuer anbläst und der Gerät für sein Wirken herschafft und ich habe auch den Verderber geschaffen, Kreißen zu fördern. Jedes Gerät, das gegen dich geschmiedet wird, wird nicht gelingen, und jede Zunge, die mit dir zu Gericht aufsteht, wirst du des Unrechts zeihen. Das ist das Los der Diener Gottes und deren Pflichttreue von mir stammt, spricht Gott!« (Jesaias K. 54 V. 14—17.)

7.

Eine eigentümliche Gefahr hat eine Minorität zu fürchten, die wir theoretische und praktische Einseitigkeit nennen möchten, eine Gefahr, die gerade umsomehr nahe liegt, je inniger eine Minderzahl ihrer Sache anhängt und je ängstlicher sie um die Erhaltung derselben besorgt ist. Wir haben uns schon gesagt, wie eine Minderzahl schon durch ihre Minoritätsstellung darauf hingewiesen ist, in allen ihren Gliedern fort und fort den Geist der von ihr vertretenen Sache wach zu halten, sich ganz in die geistige Erfassung ihrer Wahrheit zu versenken und sie zu immer vollkommenerer und verbreiteterer Erkenntnis in ihrem Kreise zu bringen. Wir haben in dieser regen, geistigen Beschäftigung mit ihrer Sache die erste Bedingung ihrer Existenz erkannt und haben dieselbe als den bedeutendsten Vorteil begrüßt, den eine Wahrheit aus der Pflege einer Minorität zu erhoffen hat. Allein eben diese geistige gänzliche Hingebung an ihre Sache führt die Minorität leicht zu einer geistigen Einseitigkeit, die sich leicht in verkümmerter Entfaltung ihres eigentümlichen Geisteslebens in eignem Kreise, mehr aber noch in untüchtigerer, erfolgloserer Vertretung ihrer Sache nach außen rächt, und somit jedenfalls der eigenen Sache selbst zu bedeutendem Nachteil gereicht. Je reicher an Licht und Wahrheit die Sache ist, die eine Minorität vertritt, je unerschöpflicher der Born ist, der sich ihr dort für ihre geistige Tätigkeit eröffnet, und je beglückender, Geist erleuchtend, Herz erwärmend, Leben gestaltend die Erkenntnis ist, die ihr dort blüht, umso höher wird sie diese Erkenntnis schätzen — umso leichter aber auch dazu kommen, jede andere Kenntnis als entbehrlich, als völlig wertlos zu achten, ja, jede auf eine andere Erkenntnis gerichtete geistige Tätigkeit schon als eine Versündigung an ihrer Sache, als eine Schmälerung der ihr gebührenden Hingebung, als eine Beeinträchtigung ihrer Gerechtsame eifersüchtig zurückzuweisen.

Sie bleibt aber bei dieser bloßen Geringschätzung anderer geistiger Bestrebungen nicht stehen. Natürlich entgeht ihr die richtige Beurteilung und wahrheitsgetreue Würdigung aller jener geistigen Gebiete, die sie nicht anbaut, deren Pflege sie aber im Kreise der ihr gegenüberstehenden Majorität mit eifriger Hingebung betrieben sieht, und kommt bald dazu das — aus Unkenntnis — zu fürchten, was sie zuerst aus bloßer Geringschätzung vernachlässigt. Weil sie diese geistigen Gebiete nicht kennt, weil sie ihrer Pflege vorzugsweise im Kreise ihrer Gegner begegnet, und weil sich ihre Gegner derselben im Kampfe gegen sie zu wohlfeilem, leichtem Siege bedienen, da es so leicht ist, sich einem Gegner in einem Gebiete überlegen zu zeigen, auf welchem dieser fremd ist, und aus Grundsatz fremd bleiben will, so ist nichts natürlicher, als daß die Minorität eine innere, enge Verwandtschaft dieser geistigen Erkenntnisse mit dem oppositionellen Gegensatz der Majorität vermutet, ja in ihnen die Wurzel der von ihr beklagten Verirrung der Mehrzahl erkennen zu müssen glaubt und dahin kommt, eine jede andere geistige Bestrebung als einen Feind ihrer eigenen Sache und als eine Gefahr für die Reinheit und Treue ihrer Anhänger mit sorgenvoller Angst zu fürchten. Sie bedenkt nicht, daß, wenn sie im Besitze der Wahrheit ist, sie das Wahre in allen anderen geistigen Bestrebungen nicht zu fürchten, vielmehr in aller Wahrheit, wo immer sie gefunden werde, den entschiedensten Freund zu erwarten habe. Denn alle Wahrheit ist eins. Sie sieht nicht, daß es auch nicht das Wahre, daß es eben nur das in sich Unwahre, Fälsche, von dem Aberwitz der Oberflächlichkeit ausstaffirte Hohle ist, das man ihr aus andern Gebieten zum schreckenden Popanz entgegen hält, dem sie nur darum die triumphierende Larve abzureißen nicht imstande ist, weil sie sich aus Unkenntnis, aus unbegründeter Scheu, ängstlich in der Ferne hält. Sie sieht endlich nicht, daß selbst die, ihrer inneren Wahrheit halber, ihr befreundetsten Disziplinen ein ihr so feindliches Antlitz gewonnen haben und gewinnen mußten, weil sie deren Anbau nur mit von ihren Parteiansichten geblendetem Auge betrieben, und dessen Ernte nur im Interesse ihrer Parteibestrebungen ausgebeutet.

Indem sie sich aber geistig isoliert, büßt sie alle jene Vorteile ein, die ihrer eigenen geistigen Entwickelung befruchtend zugute kommen würden und verkürzt selber die Anerkennung ihrer eigenen Sache, die, wie jede Wahrheit, nicht durch ängstliche Scheu, sondern durch überwältigende Meisterschaft zum Siege gebracht werden kann.

Noch trübere Folgen trägt die Gefahr in ihrem Schoße, die wir die praktische Einseitigkeit genannt. Sie kann, gottlob, bei jeder Minorität nur vereinzelt vorkommen, indem sie, in größerer Ausdehnung sofort die ganze sittliche Existenz der Minorität aufheben würde, die wir aber gleichwohl, eben ihrer Verderblichkeit halber, mit Wenigem anzudeuten uns nicht erübrigen können. Ist die Sache, welche eine Minorität vertritt, nicht rein theoretischer Natur, greift sie tief ins praktische Leben ein, fordert sie gebieterisch die Dahingabe des praktischen Lebens an die Verwirklichung ihres Prinzips, ja, gewinnt sie eben in Gestaltung und Beherrschung der verschiedensten Seiten des praktischen Lebens ihr wirkliches, wahrhaftiges Dasein, so muß in natürlicher Folge eine solche Minorität auf diese praktische Verwirklichung ihrer Grundsätze das bedeutendste Gewicht legen, ja, sie wird eben an dieser entsprechenden Lebensgestaltung die Ihrigen erkennen und erkennen müssen. Sie wird, wenn das Prinzip, das sie durchdringt, ein wahres ist, mit der ihr gegenüberstehenden Majorität in Verwirklichung alles Guten und Wahren, das sie beide gemeinschaftlich anerkennen, wetteifern; ja in ihren Triumphen auf dieser beiderseitig anerkannten Arena wird sie der Gegnerin bewundernde Huldigung auch des von dieser verleugneten Prinzipes abnötigen. Allein sie wird doch, eben weil die Majorität dieses Prinzip verleugnet, auf dessen Verwirklichung in ihrem Kreise mit doppeltem Nachdruck bestehen, ja dessen Verwirklichung entschieden in die Oeffentlichkeit tragen. Hier läuft sie nun Gefahr, allmählich Glieder in ihrem Kreis sich ansammeln zu sehen, die, die Reinheit ihrer Grundsätze mißkennend, die Verwirklichung dieser streitigen Grundsätze als ihre alleinige Aufgabe begreifen, verachten und eben nur das schätzen zu dürfen vermeinen, was nach außen als »Parteiabzeichen« erscheint und worin sich eben die Anhänger der Minorität als solche bekunden. Selbst wenn diese in praktischer Einseitigkeit Befangenen es aufrichtig meinen und nur aus Unwissenheit sündigen, sind sie ihr im höchsten Grade verderblich. Weist sie nicht entschieden die Gemeinschaft mit diesen Einseitigen von sich, so läuft sie die doppelte Gefahr, im eigenen Kreise das Bewußtsein von ihrer reinen, vollen Aufgabe allmählich getrübt zu sehen, nach außen aber allen möglichen Mißdeutungen und Verdächtigungen anheimzufallen.

Wir wollten nun noch die Gefahr der Zersplitterung einerseits und des Juste-Milieu-Wahns andererseits betrachten, wollten noch eine und die andere Klippe beleuchten, die eine Minorität zu fürchten, Berge, die sie zu ersteigen, Schwierigkeiten, die sie zu überwinden, Prüfungen, die sie zu bestehen hat; allein das nahende Makkabäerfest mahnt mit seiner heiteren, immer steigenden Lichtfeier, diesen ernsten Gedanken nicht allzusehr sich hinzugeben. Es tritt in unsern Kreis, und wie ernst und gefahrdrohend auch die Zeiten für unsere »Minorität« sich gestalten, wie drohend die Klippen, wie ernst die Prüfungen, steil die Berge scheinen und wie sehr auch, was nur immer durch Zahl- und Machtübergewicht imponiert, auf die andere Seite tritt und seinen Einfluß in die entgegengesetzte Schale wirft — ‏,,,לא בחיל ולא בכח כי אם ברוחי״‎ »Nicht durch Massen, nicht durch Gewalt, sondern durch meinen Geist!« rief Gott einst den Führern der winzigsten Minorität zu, mit welcher er den Wiederaufbau seines in Schutt liegenden Heiligtums beginnen ließ, — ‏,לא בחיל ולא בכח כי אם ברוחי‎ das wiederholt uns das Prophetenwort zur Würdigung der Bedeutung unseres Makkabäerfestes, dieses Siegesfestes eines Minoritätenhäufleins über eine auf Bildung, Macht, Einfluß und Anhang trotzende Majorität, — ‏לא בחיל ולא בכח כי אם ברוחי‎ ruft ‏ד' צבאו’‎ auch dem Häuflein seiner heutigen Treuen zu, — und wenn sie im Geiste dieses Rufes leben, im Geiste dieses Rufes sterben, was sind da die Klippen, die sie zu fürchten, die Berge, die sie zu ersteigen hätten! Vor diesem Geiste werden Klippen und Berge zur Ebene! ‏למישור‎ — ‏!מי אתה הר הגדול‎ Und gelingt es ihnen, auch nur einen, einen Stein wiederum neu zu legen; auch Serubabel hatte nur einen, den ersten, den Hauptgrundstein zu legen, ‏;והוציא את האבן הראשה‎ aber diesem einen, ersten, in solchem Geist gelegten Steine ward die Fülle der heilesspendenden Gnade verheißen, ‏תשואוח חן חן לה‎ —

!תשואות חן חן לה


Kislew - ‎Weihe und Begeisterug im Judentum חנכה

enter image description here Von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Chanuckah, Chanuckah! Morgenroth und Frühlingsschimmer liegt auf deinem Worte, Morgenlicht und Frühlingshauch fächelt der Gedanke! Chanuckah, — eine große Chanuckah ist die Knaben- und die frühste Jünglingszeit, in welcher die Knospe des Geistes und Gemüthes sich aufschließt und das verschleierte Allerheiligste der Seele für das Aller-Heiligste gewonnen und der ‏»wach«‎ werdende Mensch »gerüstet« und »geweiht« werden soll für das, »was ihn noch als Mann und als Greis soll durchs Leben geleitete.«

Chanukah ist jeder erhabene und erhebende Moment, in welchem der Mensch ein Werk hat vollbracht, das nicht das Ende, das der Anfang einer Zukunft voller Hoffnung und voller Lebenskeime für ihn werden soll, und er nun mit dem Anknüpfen dieser Zukunft an dieses Werk den Anfang dieser Hoffnungen und dieser Lebenskeime zu erndten gedenke.

»Chanuckah? — so spricht die engbrüstige Weisheit der Sterblichen — »Chanuckah« die Jugend und die Weihe, nur einmal!
Unwirderbringlich ist die Jugend wenn einmal verscherzt, unwiederbringlich die Weihe wenn einmal verloren! Der Mensch ist nur einmal begeistert für das Hohe, der Mensch nur einmal empfänglich für die Weihe. Kindesgemüt, Jünglingsglut, Bräutlichkeit, Weihestimmungen — Poesien sind’s, vom barmherzigen Vater dem armen Menschenherzen zum Troste verliehen, um wenigstens über jeden Anfang den Rosenschimmer der Hoffnung zu decken und das Ende noch mit dem süßen Schmerz der Erinnerungswehmut zu laben. Allein die Wirklichkeit hat nichts von dem Perlentau, der in der Morgensonne glänzte. Die poetischen Keime müssen zertreten werden, wenn die Wirklichkeit sich aufbauen soll, der Mann wird zum Narren, der sich das Kindesgemüt und die Jünglingsglut bewahren wollte. Des Weibes Herz wird gebrochen, das die bräutlichen Träume im Sorgenhaus der Familie erfüllt sehen möchte. Das Haus, der Tempel wird unpraktisch wenn der Inhalt ihrer Einweihungsgedichte wollte mehr als Gedichte bedeuten.«

Und doch steht Chanucka, Chanucka, immer wieder und wieder in dem Kalender unserer Jahre, und doch ist’s diesem Kalender vollendeter Ernst, mit jeder Chanucka eben »Chanucka«, neue Weihe, frische Rüste, erneuten, frischen Anfang dem Tempel- und Familienleben jeder Zeit zu bringen! Und doch straft die Chanucka-Geschichte selbst alle jene engbrüstige Blasphemie von dem blos »Gemachten«, von der bloßen Poesie des Poetischen im Leben Lüge! In der achtzigjährigen Brust eines Greises loderte die Chanucka-Flamme der Begeisterung auf, an der sich das Feuer eines ganzen Volkes entzündete, die Wahrheit und die Weihe, die Heiligkeit und die Heiligung seines Lebens zu retten. Und es war das beginnende Greisenalter dieses Volkes, in welchem es der Begeisterung fähig war, für seines Lebens höchste Güter das Leben mit allen seinen Gütern einzusetzen und eben mit dieser Begeisterung den Anfang, die Chanucka seines — Greisenalters zu beginnen. Und es wäre euch Chanucka, es wäre euch Begeisterung und Weihe Dichtung und Unwahrheit, mit denen man Kinder ergötzt und Jünglinge berauscht, bis sie zur Nüchternheit des Lebens erwachen?

Warum sind euch Begeisterung und Weihe nichts als abgepflückter Blüten Guirlanden, mit denen ihr eure sogenannten »Weihestunden« des Lebens verbrämt, die aber den morgenden Tag nicht erleben und schon Tags darauf wie die welken Kränze einer gestrigen Tempelweihe, einer gestrigen Konfirmation, einer gestrigen Hochzeit ihr: sic transit selbst all der Gefühle und Gesinnungen, all der Entschlüsse und Weihegedanken predigen, die ihr in den »Weihestunden« doch als die ewigen und unvergänglich gepriesen? Warum? Weil eure Begeisterung und Weihe selbst von vornherein eine Lüge. Ihr begeistert, aber es fehlt euch der Gegenstand, für den ihr begeistert, ihr weihet, aber es ist euch das Leben abhanden gekommen, zu dem ihr weihet. Ihr begeistert nicht das Kind für das Pflichtleben der Knaben und Mädchen, den Knaben und das Mädchen nicht für das Pflichtleben der Jünglinge und Jungfrauen, den Jüngling und die Jungfrau nicht für das Pflichtleben des Mannes und der Frau, den Mann und das Weib nicht für das Pflichtleben des Greises und der Greisin, den Greis und die Greisin nicht für das Leben ihrer diesseitigen und jenseitigen Ewigkeit.

Das Entzücken eurer Braut- und Flitterwochen liegt nicht in dem kommenden Ernst der Ehe, die Begeisterung eurer Tempelweihen nicht in dem kommenden Ernst des Tempellebens, ihr versteht es nicht ‏,חנוך על פי ידרכו‎ Dinge und Menschen für ihre Zukunft zu rüsten und in dieser Zukunft zu begeistern und durch diese Zukunft zu weihen, eure Weihe ist stets ein Gipfelpunkt, von dem es nur ein Herabsteigen gibt, und sie soll doch ein Anfang sein, der zum hinanklimmenden Fortschritt führt. Eurer Begeisterung und Weihe fehlt der inhaltsvolle Kern, sie haben keinen Gegenstand als sich selbst, sie sind euch Selbstzweck und darum verpuffen sie und lassen euch in Nacht wie die Rakete, wenn ihr Brennstoff verzehrt. Die Liebe eurer Braut war Tändelei, die Liebe eurer Kinder Zärtlichkeit, das Interesse an eurem Tempelbau der Glanz und der Stolz der Einweihungsfeier; aber ihr herzet in der Braut nicht das einstige Weib, ihr liebet in dem Kinde nicht den einstigen Mann, ihr weihet eure Tempel nicht — um sie zu besuchen, ihr setzet die Wahrheit nirgends an den Anfang, darum habt ihr Täuschung und Lüge an allen Enden.

Wie anders die jüdische Begeisterung und Weihe, wie anders die jüdische Chanucka, wo und wann immer sie auftritt! ‏,חינון‎ die jüdische Menschen-Chanucka speist das Kind nicht mit Märchen, den Knaben nicht mit Fabeln, nicht mit Romantik den Jüngling, gängelt Kindheit und Jugend nicht mit Anschauungen einer Welt, die nicht ist, gewinnt nicht ihren Geist und ihr Herz für ein Leben, das die Wirklichkeit nie bietet. Sofort an das »Gesetz«, unmittelbar an denselben Ernst, zu derselben Wahrheit führt sie den Knaben, die sein Leben lang seine Führer und die Zielpunkte seines Lebens bleiben sollen, ”‏— על פי דוכו‎ ”גם כי יזקין לא יסור ממנו” — für »Gott und Pflicht« weckt sie seine Begeisterung und weiht sie ihn von dem ersten Dämmerstrahl seines Bewußtseins; und hat sie die Begeisterung getroffen, ist ihr die Weihe gelungen, so leuchten »Gott und Pflicht« ihm sein lebelang als die leuchtenden Sterne seines Weges. Immer mehr zu wachsen in Erkenntnis Gottes und seiner Pflicht, immer mehr zu wachsen im Dienste Gottes und Erfüllung seiner Pflicht, das heißt dem Kinde Knabe, dem Knaben Jüngling, dem Jünglinge Mann, dem Manne Greis werden, dem Greise Greis sein und indem er die Schätze der Erkenntnis und des Lebens, die ihm gereift, dem jungen Geschlechte hinieden geweiht, nimmt er das, wofür sein erstes kindliches Bewußtsein aufgedämmert und wofür er sein Leben lang mit immer wachsender Begeisterung gelebt, als den Garbenkranz hiniediger Vollendung mit hinüber in den neuen Anfang der jenseitigen Chanucka, zu welcher ihm der Tod an der Pforte der Ewigkeit leuchtet. Seht das jüdische Volk so lange es ein jüdisches ist. Die weite Erde bietet kein zweites. An derselben Quelle der Begeisterung und Weihe sehet ihr den Greis wie das Kind, den Jüngling wie den Mann. Dasselbe Buch, dieselben Bücher, dasselbe Gesetz, dieselben Wahrheiten, an welcher sich zuerst des Kindes Geist und Begeisterung, Lust und Lebensweihe entzündet, nähren das Feuer des Jünglings, fesseln den Ernst des Mannes, verklären den Blick des Greises, und der Siebzigjährige bückt sich noch emsig über denselben Folianten, trinkt noch Begeisterung aus denselben Worten, die der Fünf- und Zehnjährige zuerst mit leuchtendem Blicke stammeln gelernt. Seht die Ehe des Juden! Nicht Galanterie, Tändelei und täuschende Liebesvergötterung knüpft des jüdischen Mannes und des jüdischen Weibes Herz und Hand. In dem vollen Bewußtsein des ganzen kommenden Ernstes des Lebens und für diesen Lebensernst treten Mann und Weib zusammen, und ihre Liebe heißt Begeisterung für die gemeinsame Pflichterfüllung des Lebens und für die Beglückung des einen durch den andern und mit dem andern, und darum wächst ihre Liebe je länger die Ehe, wächst ihre Lebensweihe je ernster des Lebens Ernst. Ihre Hochzeit ist nicht ihre Höhezeit, ist der Lenz, ist der Keimtag ihrer Liebe. So wie der jüdische Mann sein jüdisches Weib, wie der jüdische Greis seine greise Gattin liebt, so hat der Jüngling nimmer die Jungfrau geliebt; denn jeder Tag, jedes Jahr — und die ernsten, rauhen Tage und Jahre wahrlich nicht am ärmsten, — haben immer Ring an Ring in die Kette gefügt, die ihre Geister und Herzen auf ewig verbindet. — Seht jüdische Tempel zur jüdischen Zeit. Vom großen Weihegepränge ihres ‏חינוך‎ wissen sie nicht viel zu erzählen. Orgelklang und Choralgesang, Kränze und Weihegedichte, selbst die Weihepredigt samt dem Weiheprediger fehlt zumeist. Die Rollen des Gesetzes hineingetragen, die kürzeste Dankberacha dem »Guten und Gutes gewährenden« gesprochen, der erste Minchagottesdienst gehalten — und die Synagogenweihe, die Chanucka war vollbracht. Dagegen ward aber nun fort und fort das Gotteshaus besucht, dagegen ward es nun aber auch der Zufluchtsort und das Rüsthaus des täglichen Lebens, ward die Sammelstätte des gemeinsamen Lebens vor Gott und die Lehrstätte zur Durchdringung des ganzen Lebens mit Gott. Es war das Bedürfnis und der Ernst, der die alten Synagogen baute; ihre Weihe endete nicht mit dem letzten Amen einer Weihepredigt oder mit dem letzten Halleluja eines Schlußchorals am Weihetage. Der ‏חינוך‎ war die Wiege, nicht das Testament der Synagogenweihe. Eine unjüdische Zeit weiß freilich schönere, prächtigere Weihefeier zu begehen. Allein die mit so vielem Gepränge geweihte Luxus-Synagoge sieht meist die begeisterten Leiter ihre Weihe höchstens einmal am Versöhnungstage — wo wir uns ja alle wieder zusammenfinden — wieder, sieht ihre Räume an den Wochentagen des täglichen Lebens geschlossen, oder — wie eine Sterbende, eine Kranke, erfreut sie sich eines Minjan-Vereins, oder eines besoldeten Minjan-Decemvirats, die die begeisterten Prunkworte der Weihechorale und Weihereden, von »Andachi« und »Tempelseligkeit« etc. in den neun Zehnteln des Jahres, in welchen die Prachtsynagoge der wirklichen Gemeinde Luxus ist, stellvertretend zu verwirklichen bestellt werden.

Seht die jüdische Geschichte! Von Anfang an ward diesem Volke die von ihm zu lösende weltgeschichtliche Aufgabe in ihrer ganzen Herrlichkeit, aber auch in ihrem ganzen Ernst, in ihrer ganzen, noch erst durch Jahrhunderte, Jahrtausende der Verirrungen und des Wehes zu erklimmenden Höhe gezeigt. Für keine Täuschung, für das jüdische Leben und das jüdische Geschick mit all seinem Schweren und Herben ward das begeisterte »Ja«! am Sinai gefordert, und es wußte es von vornherein, daß sein bevorstehender Lebensberuf durch Klippen und Talgründe sich aufwärts windender Felsengang sein, daß erst ‏,באחרית הימים‎ erst am fernen Ende der Tage es auf den vollen Höhen dieses gelösten »Ja«! sich befinden werde. Es ist das einzige Volk, das eine wahrhaftige Chanucka hat, und bei dem Chanucka in immer steigendem, hellerem, reinerem Lichte durch alle Phasen seiner Geschichte wiederkehrt, um es immer frischerer Weihe und immer steigendem Fortschritte zuzuführen Es sollte nicht wie die Hellenen als das Volk der Begeisterung für das »Schöne und Gute« beginnen, um als trauriges, nur von dem Schein einer untergegangenen Vergangenheit glorifiziertes Klephtenvolk zu enden. Es sollte nicht wie die Römer als das von Wolfsmilch genährte welterobernde Volk des Schwerts und der Politik die Schaubühne betreten, um als kläglicher von Pfaffen und Fremden unterjochter Völker-Jammer zu enden. Israels Schmach liegt in seinem Anfange und sein ewiger Ruhm winkt ihm von den Höhengipfeln seine Zukunft.

Als ‏,קשה ערף‎ in hartnäckigster Opposition stand es zuerst selbst der ihm gewordenen großen Aufgabe gegenüber, und dieses Gesetz, das einst die Welt überwinden wird, hatte seinen ersten Sieg in Eroberung des Volkes zu feiern, das das geistige Werkzeug seines Weltenkampfes werden sollte. Und Jahrhunderte waren ihm für diesen Sieg bestimmt. Wie sein Moses vor der ersten Chanucka siebenmal die Stiftshütte seines Heiligtums aufrichten und abbrechen mußte, ehe am achten Tage die erste Chanucka durch Eintritt der Gottesherrlichkeit besiegelt wurde; wie bei dieser ersten Chanucka sofort die ersten Priestersöhne der Heiligung des Heiligtums zum Opfer fielen, weil sie die Aufgabe dieses Gesetzesheiligtums nicht in der Ferne vor sich, nicht in der Höhe über sich, sondern unter sich und in sich, somit jeden zu jeder Zeit aus der Höhe dieser Aufgabe vermeinten; so wird diesem Volke ja von vornherein gesagt und durch den Untergang des ganzen Zeitgeschlechtes, das die erste Chanucka erlebte, mit ernstestem Ernst zum Bewußtsein gebracht, daß es mit allem dem noch nicht ‏המנוחה ואל הנחלה‎ אל, noch nicht zur Ruhe, geschweige zum ewigen Ziele gekommen, daß es mit allem diesem erst an einen Anfang gestellt, der, mit wandelloser Begeisterung rasch zum Höhenziele führen könnte, mit unterbrochener und immer wieder unterbrochener, aber auch immer wieder gewonnener Begeisterung, wenngleich spät und scheinbar im Rückgange, doch unwiderruflich und in immer steigendem Fortschritt zum Ziele führen werde.

In der Wüste, in Schilo, in Nob, in Gibea, in Jerusalem durch Salomo, durch Esra, durch die Hasmonäer, bereits siebenmal ist das Gesetzesheiligtum neu errichtet und eingeweiht worden, und während das äußere politische Geschick des Volkes abwärts ging, war die Chanucka innerlich doch immer eine geistig höhere. Je mehr Israel seine politische Bedeutung verlor, um so mehr ward sein Gesetz von dem Bündnis mit einer Aristokratie befreit, die es meist nur zur Förderung ihrer Interessen mißbrauchte oder verriet, und um so mehr Boden gewann es im Volke, das bald nichts anderes als dies Gesetz, sein Studium und seine Erfüllung haben sollte, die sich ihm als die Adlerflügel seines Gottes erwiesen, es über eine in Nacht versinkende Welt von fast Jahrtausenden gegen alle dämonische Gewalt einer seine Vernichtung erstrebenden Völkerfeindseligkeit, hell und lebenskräftig siegreich emporzutragen.

Als die Hasmonäer die letzte Chanucka feierten, da gaben sie das Weihelicht jedem jüdischen Hausvater in die Hand, auf daß in jedem Hause sich erst recht die Tempelweihe vollziehe, auf daß diese Weihe sich von Jahr zu Jahr immer neu und jung wiederhole, jedes Geschlecht immer aufs neue und in immer höherem Fortschritt die Weihe des Heiligtums durch die Weihe des Hauses vollbringe, bis einst das Haus des Gottesheiligtums von allen Häusern Israels, von dem ganzen »Hause Jakobs« getragen werde und die letzte wirkliche und wahrhaftige Chanucka auf dem Gipfel des errungenen Ziels beginnen könne.

Und nun, nachdem alle Jahrtausende unserer geschichtlichen Vergangenheit den siegreichen Geist der Chanucka in Israel verbürgen, nachdem Israel allein nicht nur die Chanucka, sondern die Wieder-Chanucka, die Wieder-Weihe kennt, die ewig wiederkehrende und dann in gesteigerter Begeisterung wiederkehrende Weihe und fortschreitende Hingebung an das von Anfang an in siebenfacher Höhe hoch aufgesteckte Ziel: wollen wir gleichwohl — wer weiß wie nahe am Ziele — den Mut verlieren, wollen unsere Chanucka nur kalt als Erinnerung vergangener alter Tage, nicht aber als unser ‏,חינוך על פי דרכו‎ nicht als »Rüste und Weihe für unsere Zukunft« feiern, wollen das Licht der Chanucka in unseren Häusern nicht in der Zuversicht anzünden, es werde, wenn auch siebenmal die Weihe verloren, endlich dennoch in immer steigenderem Lichte das Ziel gewonnen, und während Israels Chanucka damit begann; das Licht des Hauses am Lichte des Tempels zu entzünden, die neue, endliche Chanucka damit gewonnen werden, an dem siegreich gepflegten Lichte des Hauses das Tempelllicht dann zum wahrhaftigen ewigen ‏נר תמיד‎ sich entzünden zu lassen?

Sagen uns denn nicht alle Zeichen der Zeit, daß uns eine neue wirkliche Chanucka von nöten? Und ist diese Chanucka je in Israel ausgeblieben, wenn sie von nöten gewesen? Hat nicht wieder antiochäische Gefahr Tempel und Häuser Israels ergriffen und schreit das Heiligtum nicht laut auf nach einem Hasmonäergeist, der es und seine Kinder vor dem Eindringen jüdische Wahrheit und jüdisches Leben tötenden hellenistischen Hauches rette? Hat hellenistischer Schwindel, der dem Menschen sich selbst zur Anbetung gibt, der das Menschenideal mit all seinen Schwächen und Gebrechen zum Gott und den Anstand und das menschliche Wohlgefallen zum Maßstab der Sitte und der Pflicht setzt, der, statt den Menschen zum Lichte des Göttlichen zu erheben, das Göttliche hinabzieht in die Dämmerung der schönen Sinnlichkeit des Menschen — hat dieser ganze, den Menschen um seine Würde und den Juden um seine Pflicht betrügende Schwindel nicht wieder gerade die Regionen ergriffen, die als die Leiter und Lehrer der Gemeinde die eherne Phalanx bilden sollten um das Gottesheiligtum, das Heiligtum in seiner Wahrheit und das Volk in seiner Treue vor jedem Andringen unjüdischen Wesens zu retten? Ist die jüdische Aristokratie und der jüdische Priesterkreis nicht fast bereits wieder vom jüdischen Gesetze abgefallen, hat sie nicht bereits, wie ‏,בימים ההם בזמן הזה‎ das ihren Händen anvertraute Heiligtum des Tempels und der Lehre, der Schule und der Gemeinde, nicht ihre bevorzugte Stellung in der Nähe der Macht habenden Gewalten bereits mißbraucht um ihren Geist des Abfalls dem Geiste der Gesetzestreue zu substituieren und durch Tempel und Schule das Haus und die Familie dem jüdischen Gesetzesheiligtum zu entfremden? Und ist ihr das Werk dieses Verrats nicht bereits fast gelungen, so gelungen, daß selbst die Treue der Treusten unter den Treuen erschüttert, das ganze Bewußtsein von der Bedeutung der jüdischen Pflicht so getrübt, daß kaum die Gesetzestreue es noch wagt, in der alten Treue für die Gottespflicht aufzutreten, und das jüdische Volk sich vergebens umsieht nach Lehrern seiner Pflicht, wie nach Vertretern seines Rechts — — und da sollte uns die neue Chanucka fehlen, da sollte die neue Chanucka noch fern sein, da sollte sich der jüdische Geist nicht wieder aufraffen und dem Volke sein Recht und dem Heiligtum seine Reinheit und Weihe wieder erstreiten, daß, wenn die Enkel ihr Chanucka-Licht in ihren Häusern anzünden werden, sie auf eine ganz nahe Vergangenheit hinschauen können, wo Gott wieder seine Wundernähe bewiesen und ihre Väter wieder als »seine Kinder in die Wortstätte seines Hauses gegangen, und haben seinen Tempel von allem Unjüdischen geräumt und sein Heiligtum von allem Ungöttlichen gereinigt und haben die Weihelichter in den Häusern wieder zur Geltung gebracht, die sich als die Um- und Vorhöfe um das Heiligtum Gottes reihen — — —«?


Adar

Sachor. Purim. regenjacken test 2017 Keinem Menschenstamme ward also wie dem jüdischen das Loos, mit offenem, vorwärts schauendem Blicke durch die Geschicke der Zeiten zu wandern. Gleich beim Beginn seines völkergeschichtlichen Daseins führte Gott ihm Ereignisse zu, auf die, wie auf einen prophetischen Spiegel, immer wieder sein Blick sich wenden sollte, darin sich zu erkennen, sein Verhalten zu seiner Aufgabe, seine Stellung zu den Brüdervölkern, sein jederzeit von ihm selbst zu säendes, züchtigendes, erziehendes, prüfendes, lohnendes Geschick. Der seine Aufgabe und seine Geschichte kennende Jude wird von keinem Ereignis überrascht, von keinem bestürzt, von keinem geblendet. Ein Rückblick in den ihm von Gott immer neu vorgeführten Spiegel seiner Vergangenheit - und er findet sich überall und in Allem zurecht, weiß jedes Ereignis seiner Zeit zu würdigen und steuert mit ruhigem Auge auf glatter See wie durch Sturm und Brandung, dem einen Ziele zu, zu welchem Gott ihn leitet. Vorbereitet ist er auf alles. Er traut keinem Augenblicke und fürchtet keinen. Nicht in den politischen Gestaltungen der Verhältnisse, in der eigenen Brust sucht er den Grund zur Hoffnung oder Furcht. Ein unverdientes Glück kann ihn nicht beruhigen, ein unverdientes Leid nicht beugen. Nur das Zeugnis, das ihm die eigene Brust ausstellt, kann ihn heben oder niederschlagen. Er kennt nur einen Feind: die Sünde; er kennt nur einen Panzer: die Unschuld. Der Sabbat vor dem Purimfeste ist der zweite, für den großen Frühlingsmonat vorbereitende Sabbat. Sabbat Schekalim rief in uns das jüdische Gesamtbewusstsein wach, das Bewusstsein, dass wir alle einer großen Gesamtaufgabe angehören, und wie zerstreut, wie verschieden nach Kraft, Vermögen, Stand, Beruf auch immer, doch alle gleich berufen sind an einem heiligen Gotteswerk zu arbeiten. Was wird unser Geschick sein mit solchem Beruf? was haben wir mit solch´ eigentümlicher Sendung im Kreise unserer Menschenbrüder zu erwarten? „Sachor!“ spricht dieser Sabbat, „schau zurück, gedenke was dir Amalek getan, auf dem Wege, als ihr aus Mizrajim zogt!“ Was dich in aller Zukunft treffen wird? Was dir bei deinem ersten Schritt, auf deiner geschichtlichen Wanderung begegnet! Durch den geschichtlichen Zusammenhang des Ereignisses im 2ten Buche der Thora und die Zusammenstellung des Gedächtnisgebotes mit den anderen Gesetzen im 5ten Buche, hebt dieses „Sachor“, dieser Aufruf zum Rückblick auf den ersten Zusammenstoß Israels mit dem Brudervolke, warnend und ermutigend den Finger auf und spricht: Nicht die Treue, nicht das entschiedene Ausharren im jüdischen Berufe, nicht die unerschütterte Anhänglichkeit an das gottgebotene eigentümliche jüdische Leben zieht euch die Feindseligkeit der nichtjüdischen Brüder herbei; seiet Juden, volle, ganze Juden, erfüllet eure jüdischen Pflichten in der ganzen herrlichen Fülle des von Gott gezeichneten Lebens! So sehen es alle Völker der Erde, dass der Name Gottes über euch walte und wagen achtungsvoll es nicht euch anzutasten! Menschentäuschender Vorwand war es und ist es, wenn ein Haman seinen Judenhass durch die jüdische Absonderlichkeit beschönigt, die dieses so zerstreute Volk trotz seiner Zerstreuung doch so „gesondert“ unter den Völkern und so anhänglich an ihre von allen anderen Völkern abweichenden Gesetze und Sitten sein lässt, und nichtige Täuschung wäre es, wenn wir durch Abstreifen dieser jüdischen Eigentümlichkeit uns die Völkerfreundschaft zu erkaufen und für immer zusichern vermeinten. Hamans Ahn, Amalek, fiel über Israel her, als es noch nicht diese absondernden Gesetze am Sinai erhalten hatte, und wenn wir auch die ganze sinaitische Gesetzgebung wiederum preisgeben und das Positive unseres Judentums auf das Minimum unserer vorsinaitischen jüdischen Eigentümlichkeit reduzieren möchten, die letzte Faser in welche du dein „Jude sein“ im Gegensatze zum Nichtjuden flüchtest – und wäre es auch zuletzt nur noch der bloße Name „Jude“ – wird jederzeit einem Haman und Amalek genügen, um ihre Feindschaft und ihren Hass zu beschönigen. Ja, mit deinem entgegenkommenden Abfall gibst du diesem Vorwande des Judenhasses erst den rechten Schein einer Begründung. Durftest du so vieles, so das meiste vom Judentum preisgeben, warum denn so eigensinnig an das letzte Wenige halten! Durftest du so fast den ganzen Juden ausziehen, warum denn nicht wirklich den ganzen Juden fahren, und über das Grab des Judentums Jakob und Esau sich die Bruderhand zur ewigen Verbrüderung reichen lassen?! Nicht das ist das Ziel, das der Herr der Zeiten als Lösung diese Gegensatzes bestimmt. So lange es Nacht auf Erden ist, wird der Ringkampf dieser Gegensätze dauern, Jakob den Esau nicht und Esau nicht den Jakob überwinden, wohl aber Esau Jakob nicht den festen, selbstständigen Fuß zu Boden setzen lassen. Wenn aber der Morgen anbricht und der Kampf sein Ziel finden soll, dann wird dieses Ziel nicht in Aufgeben und Aufgehen des Jakobsberufes gefunden werden, dann wird nicht Jakob der Überwundene sein, dann wird Esau zum Jakob sprechen, lass mich frei, denn der Morgen ist angebrochen, die Zeit des Kampfes ist aus. Jakob aber spricht, wohl lasse ich dich, aber nicht eher lasse ich dich, bis du mich gesegnet, bis du mir die Anerkennung gezollt, dass ich nicht den Fluch und den Hass und die verfolgende Feindschaft verdient, bis du es voll anerkannt, welchen Segen ich verdiene – und du mich segnest. Bis zu diesem Morgenrot der Zeiten aber sollte Jakob vorbereitet und gerüstet sein für Gegensatz und Kampf; diese Mahnung sandte ihm Gott bei jedem Eintritt einer neuen Phase seiner geschichtlichen Wanderung in der Mitte der Völker. Edoms Genius trat entgegen als die erste Jakobsfamilie ein selbstständiges Plätzchen auf Erden suchte, Amalek hob das Schwert auf, als das befreite Israel seiner Nationalexistenz entgegen ging, und Haman grüßte Juda, als seine Söhne ihre weltgeschichtliche Zerstreuung in der Mitte der Nationen antraten. Nicht aber in der Erschlaffung, nicht in der laxeren Erfüllung jüdischer Pflichten liegt Juda´s Wehr und Panzer in diesem Kampfe; sondern in standhafter, treuer, voller Lösung der ihm von Gott gegebenen Aufgabe, liegt seine Stärke und sein Sieg. „So lange Moscheh´s Hand zu Gott gehoben bleibt, - wie es der Väter Weisheit erläutert, - so lange Israel nach oben blickt und sein Herz dem Dienste seines Vaters im Himmel weiht, so lange steht es gepanzert in eigener Macht. Erst wenn diese Hand und diese Kraft und dieser Sinn erschlafft, wird ihnen Amaleks Stärke fühlbar. Ja, jede unsanfte Berührung von Amaleks Finger, soll Juda die Mahnung sein, im eigenen Kreise sich umzuschauen, wo der jüdische Sinn erschlafft. Denn irgendwo muss Israel seine Pflichten verabsäumt haben, lehrt der Väter Weisheit, wenn Amalek kommen soll. In ,ydypr überkommt Israel Amaleks Kampf! Nur wenn Israel an der Göttlichkeit der eigenen Sendung zweifelt, zweifelt ob Gott unter uns waltet oder nicht, und in diesem Zweifel schlaff und nachlässig wird in Handhabung des göttlichen Wortes, - nur wenn Israels Söhne, nur wenn sie aus der Höhe der göttlichen Wege und darum aus dem Schutze der göttlichen Fittiche sinken, - oder, - wie die Zusammenstellung im 5ten B. M. lehrt, und die Weisheit der Väter sinnig hervor hebt, - wenn Israels Söhne im sozialen Menschenverkehr nicht die Redlichkeit und Rechtlichkeit bewahren, die den Grundcharakter Jeschuruns bilden soll, die zu ihnen spricht: „nicht zweierlei Gewicht sollst du haben in der Tasche und nicht zweierlei Maß sollst du haben im Hause!“ und deren ungetrübte Bewahrung Grundbedingung der göttlichen, schützenden Bundesnähe bildet, nur dann hat Israel Amalek zu fürchten! Wenn aber Israel seine Pflichten voll begreift und voll erfüllt, wenn es als „Priesterreich“ dasteht seinem Gotte und als „heilig Volk“ im Verkehr der Menschen, dann mag es immerhin, so lange es noch Nacht auf Erden, „zerstreut“ sein und auch „geschieden“ erscheinen in der Mitte der Nationen, dann mag auch immerhin dieser priesterliche heilige Wandel es noch „sondern“ von Sitten und Wegen der Völker, und – so lange es noch Nacht ist auf Erden – diese Absonderung einer selbstsüchtigen Hamansfeindschaft als willkommener Vorwand zur Verfolgung dienen – über Völkerwahn und Ministerränke und Fürstenschwäche steht Gott, der nicht nur den Wogen des Weltmeeres, der auch dem Wallen des Fürstenherzens zur Rettung seiner Treuen gebietet, der nur einen Schlummer von dem müden Lide eines Königsauges scheucht um noch nach Jahrtausenden zu zeigen, dass die wahre Macht doch auf Gottes Throne ruhet, der zu jeder Zeit für die schwache, preisgegebenen Unschuld gegen gottvergessene Amaleksgewalt streitet, dem daher auch noch das späteste Geschlecht seinen Altar bauen und in heiterer Zuversicht sprechen darf: ! “Gott ist mein Panier!“ 1. Paraschath Parah. „Dem Feste soll mit dem Bewusstsein der Reinheit des eigenen Menschenwesens von Jedem entgegengegangen, und deshalb mussten die inhaltsschweren Reinigungsgesetze von jedem beachtet werden!“ Dies das Motiv, welches für den dritten Vorbereitungssabbat die Paraschah der hmvda hrp, die große, die ewige Lebenswahrheit der hrhu, der „Reinheit“ lehrende Institution der „roten Kuh“, zum Vortrage bestimmte. Hier ist die Bedingung, die Basis, der Boden der ganzen Thora, welche Gott geboten! Hier ist die Voraussetzung, auf welcher das ganze göttliche Gesetz beruht! Die Lehre dieser Institution muss in uns lebendig werden, oder die ganze Tora ist vergebens für uns geschrieben, und Tempel und Altar und Opfer und Feste sind für uns bedeutungslos und schaal. Diese Bedingung, diese Basis, dieser Boden, diese Voraussetzung, mit welcher alles steht und fällt, heißt: „Taharah“ hrhu! Ein späterer Sprössling des Judentums hat einige abgefallene Blütenblätter von dem großen, das verlorene Paradies auf Erden wieder bringenden „Baume des Lebens“ in den Schoß der Menschen gestreut, und schon der Duft dieser wenigen Paradiesesblüten hat eine ersterbende Menschheit vom Grabe zurück gerufen, hat neues Leben den Gemütern, neues Licht den Augen, neue Kraft und neue begeisternde Ziele dem Streben der Menschen gebracht. Und weil schon diese wenigen Blütenblättchen, wenngleich abgerissen, und oft fletriert, schon solches Wunder geübt, vermeint man bald in ihnen den ganzen Baum des Lebens zu haben, sah nicht, wie dies eben nur abgefallene Blütenblätter waren, deren Tausende den heimischen Boden dieses Lebensbaumes decken, und wunderte sich, dass in dem heimischen Kreise derselben von diesen Blüten so wenig gesprochen wurde – weil man dort allerdings an den Früchten sich labte, die Früchte laut und ewig pries, den Duft der Blüten aber nur still selig, als süße Wonnezugabe atmete. Eines dieser Blütenblätter trägt das Wort: Unsterblichkeit! Einer in Jammer und Elend, einer in Gram und Kummer, einer in Täuschung und Hoffnungslosigkeit verzweifelnden, in Leichtsinn und Entartung versinkenden Welt brachte dieses Wort die Aussicht auf ein Jenseits, und mit ihr den Trost einer alles vergütenden Zukunft, einer alle Rätsel lösenden Erleuchtung, einer in die Unendlichkeit reifenden Vollendung jenseitiger Seligkeit – und mit ihr den Ernst einer mit irrungsloser Waage vergeltenden jenseitigen Gerechtigkeit, - und erzeugte die Wunder eines Märtyrertums, dem es ein Leichtes ward, auf die Erde zu verzichten um den Himmel zu gewinnen. Und doch ist dieses Blatt der Unsterblichkeit nur ein abgefallenes Blütenblatt vom Paradiesesbaume des vollen jüdischen Lebens! Und doch konnte dieses Blatt der Unsterblichkeit eben durch seine abgerissene Einseitigkeit zugleich auf die trostloseste Weise alle höhere Bedeutung des irdischen Daseins verneinen, und zugleich seine unbeschriebene Kehrseite zur Verbreitung der noch trostloseren Lehre darbieten, zur Einimpfung des trostlosesten Gedankens, den je der sterbliche Geist des Menschen erdacht, des Gedankens eines unfreien Versunkenseins aller Menschenseelen in die Sünde und Verdammnis schaffende Gewalt des Bösen! Nicht also im heimischen Kreise dieses Lebensbaumes der Menschheit, nicht also auf dem Paradiesesboden der jüdischen Lehre! Dort ist „Unsterblichkeit“ nur ein Blütenblatt, nur eine Konsequenz, nur eine Seite eines unendlich volleren, unendlich umfassenderen, unendlich seligeren und beseligenderen, unendlich heiligeren und heiligenderen, und darum unendlich wichtigeren Gedankens, - dort ist Unsterblichkeit nur eine Fortsetzung ins Jenseits des großen Gedankens der „Tahara“, der „Reinheit“, d. i., der ureigenen, unverlierbaren und darum schon hiniedigen Freiheit, der schon hiniedigen Göttlichkeit und Seligkeit menschlicher Seelen. „Unsterblichkeit“ heißt Freiheit der Seele nach ihrem Scheiden aus der Hülle des irdischen Leibes. „Reinheit“ aber heißt Freiheit der Seele selbst während ihrer hieniedigen Vermählung mit dem irdischen Leibe. „Unsterblichkeit“ verheißt, dass dereinst der Tod keine Gewalt habe über die der Erde enthobene Seele. „Reinheit“ gibt die Gewissheit, dass schon auf Erden keine Macht der Natur Gewalt habe über die auch in ihrer irdischen Hülle reine, freigöttliche Menschenseele, ja, dass dieser Seele die göttliche Energie, die freie Kraft von Gott verliehen, während ihrer Ehe mit dem irdischen Leibe, diesen Leib selbst aus dem unfreien Getriebe des Naturzwanges zu sich empor zu retten und ihn frei als Werkzeug ihres Willens, frei als Boten ihrer Gedanken und ihrer Zwecke zu gebrauchen, Unsterblichkeit lehrt den einstigen, jenseitigen Aufschwung der menschlichen Seele in die beseligende Gottesnähe, „Reinheit“ lehrt den schon hieniedigen Seelenbund des Menschen mit Gott, lehrt schon die hieniedige Paradiesesseligkeit der Seele, die ungetrübte Ebenbildlichkeit dieses Gotteshauches in seiner freien Meisterschaft über die zu seinen Herolden und Dienern bestimmten Kräfte und Mächte des irdischen Leibes. „Der eine, einzige, frei über die Natur waltende Gott“, so lautet der eine Eckstein der jüdischen Lehre. „Die reine, freie, nur diesem einen, einzigen Gott unterstehende, in göttlicher Ebenbildlichkeit über die mit ihr vermählte irdische Natur frei waltende, göttliche Menschenseele“, so lautet der andere Eckstein dieser Lehre. Dies ist der Eckstein, die Grundbedingung der Lehre, welche Gott geboten: Der Wahn, als ob das „lebenstrotzende“ „vollkräftige“ Tier, als ob der lebenstrotzende, vollkräftige Leib, nicht zu „meistern“ sei, für den Wahn gibt´s keine Stätte, gibt´s keine Stätte im jüdischen Kreis! Draußen, wo der Kreis des menschlichen Wirkens aufhört, und das Naturleben beginnt, dort waltet das Reich der jochlosen Gewalten unwandelbarer Notwendigkeit. Aber auf dem Boden des Menschenwirkens, im Menschenkreise, finde die lebendige Natur ihren Meister an der Priesterhand des gottdienenden Menschen; nur unter der priesterlichen Meisterschaft des gottdienenden Menschen finde auch die mit dem göttlichen Menschengeiste vermählte irdische Natur Eingang in den Menschenkreis, ja werde sodann mit ihm heilig geweiht und gehoben zu Werkzeugen Gottes Willen auf Erden frei vollbringenden Tuns. Sprich darum, so lautet die Grundforderung des göttlichen Gesetzes, sprich zu Israels Söhnen: dir, dem Herold und Vertreter des göttlichen Gesetzes, und durch dich diesem Gesetze, diesem Ausdruck des göttlichen Willens, übergebe die jüdische Gesamtheit zum Nationalbekenntnis, das „Tier“, „lebendstrotzend“, „vollkräftig“, das außerhalb des Menschenkreises „ungebändigte“, und ihr übergebet es dem Priester. Der führt es hinaus, außerhalb des Kreises jüdisch menschlichen Wirkens, und „vynpl“, unter dem „bewusstvollen“ Priesterblick, meistere man es mit der tötenden, opfernden Hand. Und hmymt hmvda sei es, ,vm hb ]ya rsa sei es! Nicht erst wenn die Lebensfarbe erblasst, selbst in der jugendlichen, männlichen Fülle des Lebens, - und nicht nur einzelne Seiten dieses pulsierenden Seins und Wollens, ohne Rückhalt, unverstümmelt, ausnahmslos muss erst das Tier unter dem unverwandten Priesterbewusstsein gemeistert werden, ehe es in jüdischen Lebenskreis Eingang finden darf. Ungemeistert ist jedes Moment des tierischen Lebens und jede Seite des tierischen Lebens gebannt aus dem jüdischen Lager. Hinaus weist der Priester das ungebändigte Tier aus dem Lager. Aber nur ungebändigt, ungemeistert ist das Tierleben aus dem jüdischen Kreise gebannt; unter dem Priesterbewusstsein, von der Meisterschaft des Menschen beherrscht, darf es nicht nur in den Menschenkreis des jüdischen Lagers einziehen, hinein in das Allerheiligste weist der Priesterfinger jedem menschlich beherrschten Blutestropfen die Bestimmung der Weihe, auf dass, wie die ganze sechstägige Erdschöpfung das Sabbatsiegel des Gottesbündnisses trägt, also dieses Gottesbündnis, diese Sabbatvermählung mit Gott sich in jedem Pulsschlag unseres Herzens, in jedem Blutstropfen jedes einzelnen Menschen wiederhole und wir nicht nur jenseits einst zu einem seligen Leben erwachen, sondern wir schon hinieden, mit unserem ganzen Dasein, auch mit dem hinieden vom irdischen Blute getragenen Sein und Wollen, ein nur Gott untergebenes, zur ewigen Freiheit gehobenes Leben in seliger Gottesnähe gewinnen! Freilich, was von diesem tierischen Wesen nicht die Richtung ins Allerheiligste gewonnen, was nicht in diese Weihe an Gott zur freien Erfüllung seines heiligen Willens eingegangen, auch was nur Träger des zu Gott emporstrebenden Lebens gewesen, das sehen wir vor unseren Augen zu Staube zerfallen wie es vom Staube gekommen, das verfällt der auflösenden Allmacht der Elemente; davor sollen wir ebenso wenig das Auge verschließen; aber diese Vergänglichkeit ist kein eigentümliches Los des sterblichen Menschenleibes, dieses Los der Vergänglichkeit teilt er mit allem, was von dem „Ysop bis zur Zeder“ in der Welt des vegetarischen Lebens, mit allem, was vom „Wurm bis zum Säugetier“ in der animalischen Welt zum zeitlichen Dasein erstanden. Alles geht ein in dieselbe Auflösung der Elemente - und von dieser ganzen irdisch entstehenden und irdisch zerfallenden Welt wird nichts für die Ewigkeit, nichts für die schon hiniedige Unsterblichkeit gerettet, als der mit dem in unsterblicher Freiheit Gott ebenbildlichen Menschengeiste vermählte, mit ihm zu Gott empor strebende, für Gott empor waltende, seiende und wollende Blutstropfen des menschlichen Herzens! Das ist die Lehre von der hamvm, von der Gebundenheit, der Unfreiheit, der Sterblichkeit alles nicht zum reinen Menschendasein erstandenen irdischen Wesens; und das ist die Lehre von der hrhu, von der Reinheit, von der Freiheit, von der Selbstständigkeit und Ewigkeit alles in dem Menschen mit Gott vermählten irdischen Lebens! Und siehe, so oft ein Mensch oder ein dem reinen Menschenwirken angehöriges Werkzeug und Mittel mit einer Menschenleiche in Berührung gekommen, dürfen sie nicht eingehen in das Heiligtum der Gotteslehre, es sei denn zuvor eben diese Lehre erneut in´s Bewusstsein gebracht, die Lehre: Dass der Tod, d. i. die Unfreiheit, das Erliegen der bezwingenden Gewalt äußerer Mächte, auch für den Menschenleib erst mit dem Tode beginne. Nur die Leiche, die von dem Gott ebenbildlichen Menschengeist verlassene, von ihm nicht mehr beseelte zu Staube zerfallende Hülle gehört dem Reiche der hamvm an. Aber im Leben, mit diesem Gott ebenbildlichen Menschengeiste zu seinem Boten und Werkzeug für den Dienst Gottes auf Erden vermählt, gehört selbst der irdische Leib dem Reiche der hrhu, dem Reiche der Freiheit und selbstständigkeit an, und so lange der Puls in deinem Herzen schlägt kannst du und sollst du mit freier, göttlicher Kraft jeden Pulsschlag deines Herzens, jeden Blutstropfen deiner Adern, jeden Reiz deiner Nerven, jede Spannung deiner Muskeln im Dienste deines Gottes meistern und selbst diese, sonst der Vergänglichkeit hinfallenden irdischen Gestaltungen in die beseligende Gottesnähe schon hinieden hinüber retten. Der Lebendige hat mit dem Tode nichts zu schaffen. Vom „ewig lebenden Quell“ in „irdische Umschränkung“ abgeschöpftes Leben – zu zeitweiliger Vereinigung mit „irdischem Aschenstaub“ gemischt – das ist der Mensch! Aber das dem ewigen Quell entsprungene Leben ist das Ursprüngliche, ihm wird das Irdische zur zeitlichen Ehe zugeführt, Wie auch in der irdischen Mischung das Irdische täuschend als das Ursprüngliche erscheine, - dies Irdische selbst ist tauxh tprs rpi, trägt während dieser Vereinigung die Bestimmung: von dem, dem ewigen Leben entstammten priesterlich beherrscht zu werden, - und kommt die Mischung einst zur Ruhe, sinkt der irdische Aschenstaub zu Boden und rein und ungetrübt scheidet das dem ewigen Leben entflossene Leben aus – zur Höhe.


Schewat

15ter Schewat. Am 15. Schewat ist „Neujahr der Bäume“. Die Kräftigung und Erholung, die die Winterszeit der Natur gebracht, ist zum größten Teil bereits erreicht, und schon zeigt sich der neue Saft treibend in den Lebensadern der Bäume. Vom 15. Schewat zählt daher das jüdische Gesetz das Geburtsjahr der Früchte und regelt danach die Pflichten und die Reihenfolge der Pflichten, die dem Juden die Jahresspenden der Natur bringen sollten. Im jüdischen Lande, wo die Gotteslehre ihren vollen Boden findet, sollte nichts keimen und blühen und reifen, das dem Juden nur Genuss ohne Pflicht zu bringen hätte. An jeden Genuss knüpft sich die Pflicht, und gibt dem Genuss erst die wahre Süßigkeit, indem sie das sonst selbstsüchtig Tierische, zum liebestätig menschlich Göttlichen weiht. Für uns ist der 15. Schewat nur noch eine Kalendernotiz, die in unserem Galuthleben nur darin noch ihre Bedeutung findet, dass sie dem Tage einen schwachen Anflug eines Festcharakters im Gottesdienste bringt, und im Zählen der Arlahjahre von einigem Einfluss sein kann. Gleichwohl verweilen wir bei dieser Notiz, weil sie die Gelegenheit zu einem Einblick in den Geist des Judentums bietet. Und jeder solcher Einblick ist uns willkommen. Denn an nichts leiden wir so sehr, als an dem Mangel einer richtigen und wahrhaftigen Erkenntnis unseres eigenen, jüdischen Glaubens. Gehetzt wie das Wild, gepfercht in die Gassen, geflüchtet in die Hütten des häuslichen Lebens oder in die vier bescheidenen Wände der stillen, religiösen Betrachtung, stellten wir dem oberflächlichen Beschauer nur das Bild eines trüben, scheuen, zurückgezogenen Lebens dar; öffentlich, rührig und lebendig, kannte man uns nur auf dem geschäftigen Markte des gewerblichen und erwerbenden Lebens. Aber das frische, lebenskräftig pulsierende, an den Brüsten der heiteren Gottesnatur erstarkende Leben suchte man bei dem Juden nicht. Hatte man den Juden ja in diese kränkelnde Erscheinung gewaltsam hineingebannt, und stellte nun auf Rechnung des jüdischen Geistes und des Geistes des Judentums, was nichts als das künstliche Erzeugnis einer wahngeborenen Gewalttat war. Wie ganz anders der Geist des Judentums, wo er sich frei entfalten kann. In die freie Natur stellt er uns hin, wo die Bäche rieseln, und die Wiesen grünen, und die Saaten reifen und die Bäume blühen und die Herden weiden, wo der Mensch im engen Bunde mit der Natur seine Kräfte übt und das Bemühen seiner Kräfte unmittelbar unter Gottes Schutz und Segen stellt. Äcker und Herden sind unsere natureigene Bestimmung. Zum wandernden Handelsmann hat uns das Galuth gemacht. O, dass wir zurück könnten aus diesem uns künstlich aufgezwungenen Getriebe, dass wir uns und unsere Kinder flüchten könnten in die Einfachheit eines vom jüdischen Gottesgeist getragenen ländlichen Lebens! Es würde die Einfachheit und der Friede, die Mäßigkeit und die Liebe, die Menschlichkeit und die Freude, die Gottesbegeisterung und die Seligkeit bei uns wohnen – und Davids Harfe tönte wieder und wieder fände Ruth die Ähren auf Boas gottgesegnetem Acker… Wie ladet das jüdische Gesetz zum ewigen Merken auf die Gesetze und Gänge der Natur und wie führt es immer aus der Natur in´s Menschenleben hinüber, und lehrt dort mit den auf dem Boden der Natur gereiften Gaben die noch herrlicheren Blüten und Früchte eines freien, gottdurchdrungenen Menschenlebens entfalten! Am 15. Schewat ist Neujahr der Bäume, ist der Geburtstag der Jahresfrüchte und dieser Tag regelt das Maaßergesetz. Auf jüdischem Acker reift keine Saat allein dem Besitzer, kein jüdischer Baum blüht für den Eigner allein, und wie man mit natürlichen Mitteln geistige Zwecke erstrebe und wie man den natürlichen Genuss selbst menschenwürdig veredle und wie, das wird dem jüdischen Eigner bei jedem Korn, jeder Frucht gelehrt, die von seiner Ernte ihm zufallen. Dem Geiste und dem reinen göttlich gehobenen Sinnesleben und der allweiten Menschenliebe grünet und blühet und reifet alles auf jüdischem Boden. An jede Stufe der naturbeherrschenden Menschenarbeit, und vor allem da, wo schon das „Haben“, das „Genießen“ und mit ihnen die Selbst- und Genusssucht, diese Feinde des göttlichen Menschenberufes, sich zu regen beginnen, knüpft das heilige und heiligende Gotteswort die Merkzeichen seiner erziehenden Lehre. Das ganze jüdische Land mit allen seinen im Thorageiste nach sorgfältig gesonderten Gattungen und Arten bestellten Äckern und Feldern und Gärten ist eine große Predigt von dem einen großen Schöpfer, Gesetzgeber und Ordner der Allnatur, und bei jeder Furche, die der jüdische Landmann zieht, bei jedem Korn, das der jüdische Landmann streut, wird der Natur beherrschende Mensch an den einen großen Gesetzgeber der Natur gemahnt, dessen Gesetzen auch der freie Mensch mit seiner freien Tat sich in allem unterordnen und von ihnen sich beherrschen lassen solle. „Gesetz“ ist das große Wort, das sich auf dem Thoraboden überall mit der jüdischen Freiheit vermählt und mahnt: dass Freiheit der Lebensodem der Menschheit sei, aber Willkür und Zügellosigkeit sie begrabe. Und wenn nun die freien Kräfte der Natur dem harrenden Menschen ihre gereiften Früchte in den Schoß schütteln und Besitz und Genuss des Menschen beginnen, da predigen Selbstbeherrschung: orla und chadosch. Sorgfältig hast du des Baumes gewartet und früh schon trägt er goldene Früchte; aber dein Gott spricht: „du beherrscht dich“, - und die Früchte der ersten drei Jahre verbleiben der Natur. Reif ist das erste Korn deines Ackers, das deinem leiblichen Dasein Nahrung verspricht, aber zuerst muss die „erste Garbe“ in dem Tempel deines Gottes die gottgeweihte Bestimmung deines ganzen leiblichen Daseins bekennen, ehe du vom „neuen Korne“ genießen darfst. Und wenn du nun die Sichel schwingst an´s Korn, und die fruchtbeladenen Bäume schüttelst und winzerst die traubenprangenden Stöcke, siehe, da tritt die „Liebe“ an dich heran und spricht: nimm von vorn herein nicht alles für dich, eine „Ecke“ des Ackers lasse den Armen, einen Zweig des Baumes lasse den Armen, was dir „entfallen“ lasse den Armen, was du „vergessen“ lasse den Armen, banne von vorn herein den selbstsüchtigen Geist aus deiner Habe, lerne von vorn herein liebend der Armen und Dürftigen, der Witwen und Waisen gedenken, denen Gott in dem Acker deines Herzens ihre Ernten angewiesen. Aber vor allem wenn deine Arbeit an der Frucht „vollendet“ ist und sie nun in dein Haus einzieht und dein „häusliches“ Dach sie als „die Sicherung der künftigen Existenz deines Hauses“ begrüßt, vor allem den Moment ergreift die heilige und heiligende Gotteslehre: um dir den vollen Ernst und die heitere Seligkeit der Pflichten zu bringen, die der jüdische Besitzer trägt. Drei Stufen der Reife geht die Frucht zu immer größerer Vollendung für den Nahrungszweck des Menschen durch: auf dem Felde durch die Natur, für den Speicher durch die Menschenarbeit, für den Tisch durch die häusliche Bereitung. Auf jeder dieser Stufen der Reife stehst du stille und weihest zuerst den Erstling des Segens und der Reife dem Quell alles Segens und dem Zwecke aller Reife, weihest in freudiger Abgabe, die ersten Früchte (Erstlingsfrüchte), deinen Acker, deine Arbeit, deinen Tisch deinem Gott und seinem heiligen Worte und mahnst, indem du diesen gottgeweihten Erstling in ihrem Namen dem Kohen gibst, diesen Diener deines Gottes und seiner Thora, dass er seiner Stellung und seiner Pflicht nicht vergesse, dass er nur deshalb keinen Anteil am Boden und dessen Arbeit habe, um ganz Gott und seinem heiligen Worte anzugehören, und dass er deines Geistes nicht vergessen dürfe, wie du seines Leibes zu gedenken habest – und mahnest zugleich dich, dass Ziel und Vollendung auch deines leiblichen Lebens nur der Dienst und die Erfüllung der Gotteslehre sei. Kein Ganzes, keine „Zehn“ durfte daher auf jüdischem Boden je ausschließlich dem leiblichen Genusse bestimmt bleiben. Maaßer, Eins von Zehn, ein volles Zehntel von jeder dem Speicher zugereiften Frucht gehörte der Erhaltung des Stammes, dessen Aufgabe die Wartung des Gottesgeistes in Israel geworden, der Träger der „Sittlichkeit und des Lichtes“ sein sollte und „rücksichtslos für Gott einzustehen und sein Wort zu hüten und sein Bündnis zu wahren hatte“. Dem Geiste in Israel gehörte das erste Zehntel. Aber ein fast eben so volles zweites Zehntel gehörte dem Leibe an, war dem leiblichen Genusse, der reinen, heiteren, sinnlichen Freude heilig und geweihet, und war vom Besitzer in Jerusalem, in dem Umkreis des Gottesheiligtums, froh und heiter zu genießen. Hier liegt der Nerv des Judentums, hier der Kern der ganzen Wundergröße dieser so vielfach verkannten Gottesstiftung. Nicht der Schmerz und die Trauer, nicht das Kasteien und Abhärmen ist der Höhepunkt des Judentums; Frohsinn, Heiterkeit und Freude ist sein heiligstes Ziel. „Nicht in der Trägheit und nicht im Schmerze und der Niedergeschlagenheit“, „auch nicht im Leichtsinne“ findet der jüdische Geist seine Stätte; nur wo die reine, besonnene Freude wohnet, wohnet auch er. Der Leichtsinn fliehet vor dem Ernst des jüdischen Gesetzes, und desselben Gesetzes göttliche Wahrheit scheuchet den Schmerz und die Trauer und lehret ein heiteres, glückliches Leben auf Erden zu leben. Der Geist des Judentums kennt keine Zerklüftung des Menschenwesens; dass etwa nur sein Geist Gott, sein Leib aber dem Satan angehöre, die Erde der Hölle verfalle – und die Seligkeit erst im himmlischen Jenseits beginne. „Bereitet mir hier auf Erden eine heilige Stätte, so wohne ich schon hier auf Erden bei euch“ spricht der Geist des Judentums im Namen Gottes, und nimmt das ganze sinnlich - geistige Wesen und Leben des Menschen in sein Bereich also auf, dass nicht nur der Gedanke, das Wort und die Tat, dass auch der sinnliche Genuss ein heiliger Gottesdienst wird, wenn er vom Geiste der Keuschheit, Mäßigkeit und Heiligkeit getragen, die Güter und Gaben und Reize der Erde in so reinem gottgefälligen Sinne, zu so heiligen gottgefälligen Zwecken genießt, dass er froh und heiter sein Auge zu Gott aufschlagen könne und die reine Nähe seines Heiligtums nicht zu fliehen brauche. Selbst mit seinem Genusse und seiner heiteren Freude im Gotteskreise weilen zu können, ist die höchste Vollendung des sittlichen Menschen auf Erden. In keinem Punkte also wie in diesem ist das Judentum verkannt worden und ward daher von der nach beiden Seiten ausschweifenden Lüge verworfen. Es war den leichtsinnig Sinnlichen zu ernst geistig, es war den in Abstraktionen Schwärmenden zu irdisch sinnlich, und es ist doch eben nichts: als die göttliche Wahrheit für den geistig - sinnlichen, himmlisch - irdischen ganzen Menschen! In jedem dritten und sechsten Jahre des siebenjährigen Landbau - Zyklus war dieses zweite Zehntel, statt dem eigenen Genusse, wiederum ganz den Armen, Witwen und Waisen und Dürftigen im Lande bestimmt: yni rsim; und eben die Frage, welchem Jahrgang eine Frucht angehöre, entschied das Fruchtkeimen vor oder nach dem 15. Schewat, dessen Kalendernotiz uns zu diesen Betrachtungen führte. In unser Wanderleben außer Palästina hallen nur schwache Klänge von diesen und den damit verwandten herrlichen Gesetzen herüber. Willst du aber die ganze Fülle von Herrlichkeit dieser Gesetze ahnen, so siehe nur die Wirkung des aus ihnen hervor gegangenen „Erwerbszehnten“, ,ypck rsim, wo er noch in echt jüdischem Geiste mit jüdischer Gewissenhaftigkeit gepflegt wird. Der wackere Jude führt zum Behuf des Zehnten gewissenhaft Buch über seinen jährlichen Verdienst. Der zehnte Teil des Kapitals zuerst, von da an der zehnte Teil seines jährlichen Verdienstes gehört den Armen, der Wohltätigkeit, der Menschenliebe. Gewissenhaft kehrt er diesen Zehnten aus seinem Eigentum aus und betrachtet sich fortan nur als Verwalter desselben. Welche herrlichen Folgen hat nicht schon diese Eine jüdische Verfahrungsweise! Jeder nur irgend selbstständige Jude hat eine Almosenkasse zu verwalten. Es ist freilich nur seine eigene, aber sie gehört doch nicht mehr ihm, und ist nur insofern sein, dass er das alleinige und ausschließliche Dispositionsrecht darüber hat. Willkommen ist ihm sofort jede Gelegenheit, mit dem nur noch seiner Verwendung anvertrauten Schatz der Wohltätigkeit Gutes zu tun. Er gibt der leidenden Menschheit, was schon ohnehin ihr ist und überlegt nur, das seinen Händen anvertraute kleine oder große heilige Gut möglichst zweckmäßig und wahrhaft heilbringend zu verwenden. Was der Jude auf diese Weise spendet, ist mehr eine heilige Schuld, als eine Liebestat augenblicklicher Anregung. Freilich bleibt Gottes Wort hierbei nicht stehen. Öffne, öffne deine Hand, und öffne wieder und wieder die Hand, spricht es, und verschließe nie die Hand und nie das Herz deinem dürftigen Bruder! Aber nicht dieser Liebesregung allein vertraute Gott das Geschick seiner Dürftigen, seiner Witwen und Waisen an. Durch uql,hxks,hap,yni rsib,tybr,tyiybs,lbvy, machte er die Versorgung und Wiedererhebung der Unglücklichen zugleich zu einer heiligen Schuld, vermählte die Gottesfurcht mit der Liebe und erst unter dem Schutz Beider findet das Leid und die Armut und das Elend wahrhaftigen Schutz. Und wie durch diese gottesfürchtige Menschenliebe die Wohltätigkeit möglichst unabhängig von der augenblicklichen Stimmung und Anregung des Gebenden gesichert ist, ebenso ist dadurch auch der dürftige Empfänger möglichst vor Erniedrigung geschützt. Den jüdischen Dürftigen drückt nicht die Gabe, die er aus frommer jüdischer Hand empfängt. Nicht dem Armen, „Gott gibt, wer dem Armen spendet“, und nicht vom Geber, aus heiliger Gotteskasse empfängt der Arme. „Zedakah“ heißt das Almosen, ein Wort, das mehr an Recht, als an Liebe erinnert. yb ykz „gewinne durch mich“, „empfange durch mich“, „erwirb dir ein Verdienst durch mich“, lautete das bittende Wort der jerusalemischen Armen und in diesem Worte war alles gesagt. Hier liegt wieder die göttliche Größe der jüdischen Lehre. Weder die sozialistische Lüge, die alle Einzelpersönlichkeit und mit ihr die beiden Faktoren der Menschenwürde, die freie Pflicht- und Liebestätigkeit vernichtet, noch das bloße Mitleid, Barmherzigkeit- und Liebesgefühl, das dem Schwanken der augenblicklichen Stimmung nicht selten erliegt, und ebenso oft mit seiner Spende erniedrigt, indem es hilft, - mit Gottesfurcht gepaarte, ja von Gottesfurcht getragene Liebe, setzte Gott zu Pflegern der Wohltätigkeit in unseren Kreis, und hat damit die Heilsformel längst gegeben, nach welcher die stutzig gewordene Welt so lange bereits vergebens sucht. Paraschath Schekalim. Sobald der kommende Lenz sich durch seine Frühlingsboten, wie leise auch immer, angekündigt, bereiten uns die Anordnungen unserer großen Weisen auf das Fest unseres geschichtlichen Frühlings vor, das mit dem Lenzmonat eintreten wird. Das Fest unserer Nationalgeburt, das Fest, das den Erlöser in der Natur zugleich als den Menschheitserlöser in der Weltgeschichte offenbart, das große Pessachfest zieht heran, und soll uns mit all´ den Gefühlen, Gesinnungen und Gedanken vorbereitet finden, die diesem Geburtsfeste Israels geziemen. Vier Paraschioth bereiten auf das Pessachfest vor: Paraschath Schekalim, Sachor, Parah und Chodesch. Am Sabbat vor Adarneumond oder, wenn der erste Adarneumondstag am Sabbat ist, an diesem, wird Paraschath Schekalim gelesen. Paraschath Schekalim soll das jüdische Gesamtgefühl in uns wach rufen. Paraschath Schekalim mahnt uns: Alle gehören wir einer großen heiligen Gottesstiftung, alle haben wir an einem großen heiligen Gotteswerke zu arbeiten; jeder hat nach seinen Kräften für dieses Gesamtwerk zu leisten. Der Einzelne, der nur für sich und nichts für´s Gesamtheiligtum sein will, verliert eben damit auch die Berechtigung seines Einzeldaseins, und nur in dem vollen aufrichtigen Anschluss an dieses heilige Gesamtzusammenwirken gewinnt auch erst das Dasein und Wirken des Einzelnen seine Bedeutung. Denn wenig selbst für den Augenblick vermag der Einzelne; nichts aber für die Dauer; alles aber und für die Ewigkeit die Gesamtheit. Nicht daher nach dem, was einer ist und einer hat, ist er zu schätzen: sondern nach dem, was einer für dies Gesamtheiligtum leistet und schafft. Und nicht der alleinige Umfang des Geleisteten ist der Maßstab für die persönliche Wertschätzung des Einzelnen. Sondern, das Verhältnis der Leistung zu der Kraft und dem Vermögen des Leistenden. Hat der Reiche und Begabte viel, der Arme und der Schwache aber wenig geleistet, das Wenige des Armen und Schwachen ist aber das Aufgebot der ganzen ihm verliehenen Kraft und Begabung, das Viele des Reichen und Begabten ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was er nach seiner Kraft und seiner Begabung hätte leisten können: siehe, so wiegt vollwichtig auf der Gotteswaage des Heiligtums das Wenige des Schwachen und Armen, zu leicht aber wird das Viele des Begabten und Reichen befunden. Lesen wir die Paraschath: „Wenn du die Häupter der Söhne Israels für ihre Zählung aufnehmen willst“ – wenn du wissen willst, wie viele Söhne Israel als die Seinen zählen kann, wie viele in Israel gezählt, genauer: „gedacht“ werden dürfen - „so gebe jeder Gott eine Sühne seiner Person, indem man sie zählt; dann wird sie keine Vernichtung treffen, indem man sie zählt!“ Geben, spenden, wirken, leisten, - Gott leisten, für Gott wirken, Gott spenden und geben muss jeder, wer unter Israels Gezählten mit gezählt werden will; nur die Spende, die Leistung, die für Gott schaffende und wirkende Tat wird gezählt, nur in ihr findet jede Persönlichkeit in Israel ihre Bedeutung, ihre Berechtigung. Wehe dir, wenn Selbstsucht und Engherzigkeit und Hochmut dich lehren, nur dir, nur für dich zu leben! Je mehr du für dich lebst, je weniger lebst du. Je mehr du mit deinem selbstsüchtigen Streben dein Dasein, deinen Wert und deine Bedeutung zu begründen und zu sichern vermeinst, je mehr untergräbst du dein Dasein, je mehr tilgst du deinen Wert und löschest deine Bedeutung. Wer im Gottesreiche nicht für Gott lebt und schafft und wirkt und leistet, ist Null im Gottesreiche und Vernichtung trifft den, der sich leistungslos dennoch zählt! „Dies gebe jeder, der mit hinüber treten will zu den Gezählten! Die Hälfte eines Schekels nach dem Gewichte des Heiligtums, zwanzig Gerah der Schekel, die Hälfte eines solchen Schekels Gott als Hebe.“ Sinnig lautet hier das Wort der Weisen: Als Moscheh das Wort Gottes hörte: „Jeder gebe die Sühne seiner Person“, erschrak er und dachte, wer kann Sühne für sein persönliches Dasein leisten, wer mit seinen Leistungen voll sein Dasein lohnen! „Unerschwinglich ist das Lösegeld seiner Seele und in Ewigkeit unerreichbar!“ Was kann der Einzelne leisten, das dem Wert der ihm geschenkten Seele entspräche? – Nicht, wie du glaubst, erwiderte Gott ihm, sondern, dies sollen sie leisten, diese Schekelhälfte sagt, was ich von ihnen fordere. Siehe „Du allein kannst das Gotteswerk nicht vollenden, aber du darfst dich nie ihm entziehen zu leisten, was du kannst!“ – Was jeder zu leisten habe, der mit den zu Zählenden gezählt werden will? Nur die Hälfte eines Schekels erwartet das heilige Werk von ihm. Keiner kann allein ein Ganzes leisten, er bedarf der Genossen um ein Ganzes zu vollbringen. Der Schekel des Heiligtums rechnet auf vereintes Wirken, der Schekel des Heiligtums besteht aus zwei Halbganzen; zwanzig Gerah, zweimal Zehn, bilden den heiligen Schekel, und nur einen solchen halben Schekel kann jeder Einzelne leisten. Für die Aufgabe des Heiligtums ist, was du leisten kannst, immer nur ein Teil, und die Bruderleistung muss sich mit der Deinigen vereinen, auf dass sie ein Ganzes werden. Aber im Verhältnis zu dir und deinen Kräften und deiner Begabung muss sie „Zehn“, eine volle Summe, ein Ganzes, die ganze Summe des dir verliehenen Möglichen enthalten. Dann kannst du hinübertreten in die Reihen der von Israel in Israel für Israel Gezählten und Gedachten und erst durch solche Leistung hebst du und weihst du und heiligst du deinen ganzen irdischen Wandel, hebst du dein Vergängliches zum Ewigen, hebst du dein Menschliches zu Gott! „Jeder, der hinübertritt zu den Gezählten von zwanzig Jahren an und darüber gebe die Gotteshebe.“ Wir? Unsere Kinder höchstens und unsere Greise überweisen wir dem Heiligtum. Unsere Kinder, die noch nicht und unsere Greise, die nicht mehr der Erde dienen können, glauben wir unbeschadet mit Himmlischem nähren zu können, vielleicht auch nähren zu müssen. Aber kaum ist der Knabe zum Jüngling gereift, so eilt man sein Gemüt von der Schwärmerei der Kindheit zu säubern, zeigt ihm, dass im Leben eine andere Thora, die Thora des Erwerbens, die Thora des Genießens, die Thora der Menschenehre, des Menschenurteils, des Menschenansehens gelte, und wer fort kommen wolle in der Welt, wer verdienen und genießen und gelten wolle in der Welt, der müsse sich rasch die Hemmschuhe des jüdischen Heiligtums von den Füßen lösen und sie sich – für sein Greisenalter bewahren. Nicht also dein Gott: „von zwanzig Jahren an und weiter“, eben in der Vollkraft deiner Männlichkeit wartet Gott und sein Heiligtum auf dich, eben mit deinem rüstigsten Mannesstreben, mit der ganzen Begründung deiner Selbstständigkeit auf Erden sollst du Gott dienen, als Jüngling und Mann zur Wahrheit machen, was deine Knabenbrust heiligend erfüllt, dann wird dein Greisenalter noch männlich sein und im hohen Alter du noch im Heiligtum Gottes für Erd´ und Himmel blühen. „Der Reiche kann nicht mehr geben und der Arme nicht weniger als die Hälfte eines Schekels die Gotteshebe zu spenden für eure Personen zu sühnen.“ Siehe da die Gleichheit im Gottesreiche! Die einzige Gleichheit, die der Menschheit im Ganzen und jedem Einzelnen erreichbar! An Gaben und Kräften, an Gütern und äußeren Glücksstufen werden die Menschen je und je verschieden bleiben. Denn gar mancherlei Schaffner und Diener braucht der Meister für das große Werk des Heiligtums, an dem wir alle mit allem zu arbeiten berufen sind. Aber an Wert und Bedeutung, an innerer Würde und Hoheit, an sittlicher, ewiger Größe können und sollen wir alle gleich sein, gleich zu werden streben. Ob der Eine reich, der Andere arm, der Eine stark, der Andere schwach, gesund der Eine, krank der Andere, der Eine geistig begabt, von minderen Geistesgaben der Andere, das scheidet nicht die Rangesstufen im Gottesreich. Leiste nur jeder mit seinem Maß von Kräften, in seiner Lage, seiner Stellung, in dem ihm angewiesenen Kreise, für Gott und die Förderung seines heiligen Werkes auf Erden das volle Maß des Möglichen, sei jeder nur ein treuer Diener am Gottesheiligtum und wir wiegen auf der heiligen Gotteswaage alle gleich. Ob der Gebieter über Millionen Millionen gespendet, der Reichbegabte Welten erleuchtet, Welten erlöst, der nach Pfennigen Rechnende Pfennige geweiht, der bescheiden Begabte sei treues Wirken in dem engen Umkreis einer Menschenhütte begrenzt – und haben sie beide das volle Maß des Möglichen geleistet, einen vollen – halben Schekel hat jeder von ihnen gebracht. „Der Reichste kann nicht mehr, der Ärmste soll nicht minder leisten, als eine Schekelhälfte zur Gotteshebe des Heiligtums!“ Und wenn es eben keine andere reine, dauernde, nimmer zu trübende, immer zu findende Seligkeitsfreude gibt, als das frohe Bewusstsein erfüllter Pflicht, als das frohe Bewusstsein zu sein, seine Stelle auszufüllen, mitgezählt zu werden, von Gott in seinem Reiche mitgezählt zu werden, kein verlorenes Leben zu leben, in der Pflichttätigkeit den Zoll für´s gewährte Dasein zu leisten, „mit seiner Leistung für´s Heiligtum seine Person, sein Einzeldasein zu sühnen“ – siehe, so ist auch eben hiermit für alle auf jeder äußeren Stufe die gleiche Quelle ewig ungetrübter, seliger Heiterkeit schon hinieden geöffnet, alle gleich bedeutend, alle gleich selig im Gottesreiche, und alle mit gleicher Liebe von Gottes Vaterhuld bedacht! In Gottes Hände legt jeder seinen treuen halben Schekel nieder. Alle halbe Schekel fügt er zum Gesamtbau seines Heiligtums, und in diesem treuen Mitwirken an dem Gotteswerke auf Erden findet jeder seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seinen Segen! Die Spende der Sühne nimmst du von Israels Söhnen und verwendest sie zum Dienst des Stiftzeltes, so wird sie den Söhnen Israels zum Andenken vor Gott, eure Personen zu sühnen!“ – Das ist die Schekalim - Lehre des Gotteswortes, und alljährlich mit dem Eintritte Adars ging der Ruf durch alle Israels Kreise, den halben Schekel zum Gottesheiligtum zu senden, auf dass mit Beginn des Frühlingsmonates schon die Gesamtopfer aus dieser neuen Schekelsammlung bestritten werden könnten, in welcher jeder Jude nahe und fern durch seinen halben Schekel sich erneut als Sohn der jüdischen Gesamtheit, als Glied des jüdischen Bundes, als Mitträger und Mitarbeiter am jüdischen Heiligtum bekannt hatte. Und wenn auch das äußere Heiligtum in Trümmern liegt, und Schutt nur die Stelle des Altars bezeichnet, auf welchem unsere Gesamtopfer zu Gott empor duften durften, der Geist dieses Heiligtums, die Gesinnung dieser Opfer ist noch die Summe unserer Aufgabe hienieden. Alljährlich, vor oder mit dem Eintritte Adars, tritt daher diese Schekel – Lehre neu vor unsere Seele, das jüdische Gesamtgefühl und das Bewusstsein in uns zu erneuern, dass wir alle, alle dem großen jüdischen Gesamtheiligtum angehören, auf jeden von uns dieses auf Erden zu vollendende heilige Gotteswerk rechne, und nur in dem treuen Anschlusse an diese heilig jüdische Aufgabe jeder von uns seine Stelle, seine Bedeutung, seine Berechtigung, sein Andenken, seine Sühne finden könne und seinen Segen, auf dass wir dem großen Frühlingsmonate unserer Nationalgeburt mit jüdischen Gedanken, mit jüdischer Gesinnung, mit erneutem, frischem, lebendigem jüdischen Hochgefühle entgegen gehen mögen.


Teweth

Der zehnte Teweth. Der zehnte Teweth ist der erste der vier Fasttage, die die zweimalige Katastrophe des jüdischen Staatsunterganges im jüdischen Kreise verewigen. Und dieses Andenken ist kein müßiges. Nicht zur müßigen Trauer bist du geladen. Etwa zurückzuschauen, Flor um den Arm zu binden und eine Träne der Wehmut der Erinnerung vergangener Größe zu weihen. Fastend finden dich die Jahrestage von Jeruschalaim – Zions Fall. Und vorwärts ruft dich dies Fasten. Mahnt dich, dass Jeruschalaim – Zion nicht für immer gefallen. Mahnt dich, dass es nur an dir liege, und „der Fasttag des vierten, und der Fasttag des zehnten Monats werden dem Hause Juda zu Wonne und Freude.“ Mahnet dich, du brauchst nur zu wollen – und Jeruschlaim – Zion stehet wieder da! Denn siehe! du fastest an den Tagen dieser Erinnerung, um dir zu sagen, dass dein Geschick und deine Aufgabe noch heute an diese Katastrophe geknüpft ist, und dir dieses so oft und so lange zu wiederholen, bis dein Geschick erfüllt ist und du deine Aufgabe begreifst und lösest. Dein Geschick heißt: Galuth – deine Aufgabe: Theschuwah! Wenn du an solchen Tagen der Erinnerung die letzten zwei Jahrtausende deiner Geschichte zurück schaust, - du gehörst zu dem einzigen lebenden Menschenstamm, der in´s vierte Jahrtausend seiner Geschichte zurück blicken kann – welches großartige Bild stellt dir sich dar! Überall heimisch und doch überall fremd, überall fremd und doch überall heimisch, - verwebt in alle Geschicke und doch nicht in ihnen wurzelnd, - mit deinem Denken und Fühlen, mit deinem Hoffen und Fürchten, mit deinem Schaffen und Wirken jeder Zeit angehörig und doch alle Zeiten überragend, - teilnehmend, tätig teilnehmend an allen Sorgen und Bestrebungen der Völker und doch nicht die Katastrophen ihrer Schicksale teilend, - der schmerzensreichste und doch der heiterste Menschenstamm, der gequälteste und der siegreichste zugleich, die verachtetste Menschenfamilie und zugleich die geachtetste auf Erden! „Das zerzerrteste und zerraufteste Volk, und doch die gefürchtetste Nation von ihrem Dasein an auf Erden!“ wie der Prophet spricht. Würdest du auch nichts weiter als diese deine Geschichte kennen, müsstest du dich da nicht nach dem ganz absonderlichen, erhaltenden, alles andere überwindenden Elemente umsehen, das im jüdischen Kreise lebendig ist, und das eben in der Erhaltung dieser Menschenfamilie inmitten und trotz aller widerstrebenden Kräfte und Verhältnisse, inmitten und trotz der vollendetsten, entschiedensten Ungunst aller die geschichtliche Existenz sonst bedingenden Umstände, sich dem blödesten Auge sichtbar verkündet? Und nimmst du nun noch deine Thora, diese „Weisung“ und „Unterweisung“ deines Gottes zur Hand und liest, wie dieses Galuth, dieses durchaus einzige geschichtliche „Wandergeschick“ kein zufälliges, kein im Laufe der Zeiten überraschendes ist, liest, wie diese so wundervoll einzige geschichtliche Erscheinung bereits mehr als ein Jahrtausend zuvor, mitt all´ ihrem Trüben und all´ ihrem Herrlichen im Voraus warnend und mahnend verkündet, - liest, wie dein ganzes, ganzes Volksgeschick bis auf den heutigen Tag herab dir in dem Augenblick bereits verkündet worden, als du zum ersten Eintritt an der Grenze des Landes standest, auf dessen Boden du deine völkergeschichtliche Erscheinung beginnen solltest, und vergleichst nun dein und dieses Landes Geschick bis auf den heutigen Tag mit den Verkündigungen die dir damals geworden – dann wirst du in diesem Lande, in dir, in jedem Juden ein ewiges, überall gegenwärtiges Denkmal, Zeugnis und Beweis der allmächtig, überall und ewig waltenden, die Geschicke der Völker und Menschen bestimmenden und lenkenden Vorsehung erkennen, und mit Innigkeit dich deines so herben und so herrlichen Geschickes freuen. Und diesem, deinem Galuthgeschicke entziehst du dich nicht, und gerade dann am wenigsten, wenn du müde geworden es zu ertragen, und durch Abstreifen deines Jüdischen Berufes eine Änderung, und, wie du meinst, eine Besserung deines Geschickes zu erhandeln vermeinst. So wahrlich änderst und besserst du es nimmer! Siehe, als Prüfstein hat dein Gott dich in die Mitte der Völker gestreut, machtlos, waffenlos, schutzlos dich an die Stimme des Gott verehrenden Rechtes und der Gott verehrenden Liebe in der Brust der Menschen gewiesen. Das Recht und die Liebe und das Gottbewusstsein der Menschen sind deine einzigen Vertreter auf Erden. Je lauter die Stimme des Rechtes, je allmächtiger die Stimme der Liebe in der Brust der Menschen spricht, um so heiterer, um so milder gestaltet sich deine Galuthwanderung auf Erden; je reiner aber, je entschiedener, je gewaltiger der Gottgedanke wach ist, um so lauter spricht das Recht, um so mächtiger die Liebe. Und nur in dem Recht, das man dem Schwächsten nicht verkümmert, in der Liebe, die man dem Schwächsten zollt, erweist sich die Wahrhaftigkeit des Rechtsinnes, erprobt sich die Reinheit der Liebe. Das Recht und die Liebe, die der Jude auf Erden findet, ist somit der Höhenmesser der Erziehung des Menschengeschlechtes, und seine Erlösung geht Hand in Hand mit der Erlösung des Menschengeschlechtes von Unrecht, Lieblosigkeit und Gott verleugnendem Wahn. So ist deine Zukunft an die endliche, wahrhaftige Veredlung des Menschengeschlechtes geknüpft, - aber zunächst und zu allererst an deine eigene. Rufst du aus der lautlosen Galuthnacht zum Wächter und Lenker der Zeiten: „Wächter! was wird aus der Allnacht? was wird aus meiner Nacht? Wächter!“ Dann antwortet der Wächter: „es kommt der Morgen, freilich auch noch Nacht. Wollt ihr aber; - und wahrhaftig ihr solltet wollen! – so kehret zurück und kommet gleich!“ Wenn einst über dich alle diese Worte, der Segen und der Fluch, den ich dir vorgelegt habe, gekommen sein werden, dann wirst du dir´s unter allen Völkern, unter welche dein Gott dich verwiesen, zu Herzen nehmen, wirst zu deinem Gotte zurück kehren und du und deine Kinder seiner Stimme mit ganzem Herzen und ganzer Seele, ganz so wie ich dir heute befehle, gehorchen. Dann wird auch Gott, dein Gott, wieder mit deinen Vertriebenen sein und wird sich dein erbarmen und dich wieder aus allen Völkern sammeln, wohin er dich zerstreut. Wenn deine Verweisung bis an Himmels Ende wäre, von dort wird dich dein Gott sammeln und von dort dich wieder zu sich nehmen, und zu dem Lande dich führen, das du und deine Väter besessen, und dir noch größeres Heil und größere Fülle als deinen Vätern gewähren. Beschneiden wird Gott, dein Gott, dein und deiner Kinder Herz, ihn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und ganzer Seele um deines Lebens willen zu lieben. … Du kehrst zurück und gehorchst der Stimme Gottes und erfüllst alle seine Gebote, die ich dir heute befehle... Dann wird dich Gott, dein Gott, in all deinem Schaffen, in den Kindern deines Leibes, in der Frucht deiner Herden, in der Blüte deines Bodens zum Guten auszeichnen; denn er wird sich wieder über dich freuen, wie er sich deiner Väter gefreut; denn du wirst, der im Buche dieser Thora niedergeschriebenen Stimme deines Gottes gehorsam, seine Gebote und Gesetze beobachten; wirst zu Gott, deinem Gotte, zurück kehren mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Siehe da, von Gott, von dem Wächter und Lenker der Zeiten, von dem Gründer und Leiter deines Geschickes, von deinem Gotte, deine Zukunft unwandelbar gezeichnet. Und wie noch kein Wort, das er über dich ausgesprochen, zu Boden gefallen, wie noch bis auf diesen Augenblick alles, alles sich erfüllt, siehe, so wird die Zeit der Menschheit sich nicht erfüllen, ehe nicht dieses Wort deines Gottes, das Er über dich und über die Zukunft seiner Thora und über dein an diese Thora geknüpftes Heil ausgesprochen, in herrlichste Erfüllung gegangen. Wie die Wolken- und Feuersäule in der Wüste, so leuchtet dieses Wort dir die Bahn in deiner Galuthnacht und ebnet alle Höhen und hebet alle Tiefen und verzehret alle Dornen und Disteln des Irrtums und des Wahnes, die deinen Fuß auf deiner Wanderung zu dem herrlichsten Ziele hemmend umstricken. Fastend finden dich die Gedächtnistage des Unterganges deines völkergeschichtlichen Glückes, und dieses Fasten soll dich an dieses Wort deines Gottes mahnen, soll dir sagen, dass du in dich gehen, und zu ihm und seiner heiligen Lehre zurück kehren sollst, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, zu dem ganzen unverkürzten Inhalte seines Wortes du mit deinen Kindern zurück kehren müssest, wenn du dich je aus diesem Untergange wieder erheben wollest. Irrtum und Wahn sind es, die deinen zur Rückkehr gehobenen Fuß umstrickend sprechen: antiquiert ist diese Thora, der Vergangenheit gehört sie an, manches, vieles, das meiste ihres Inhaltes gilt nicht mehr für dich, gilt für deine Kinder nicht, du musst dich von ihr emanzipieren, wenn du dich von deinem Galuth emanzipieren willst. „Es ist nicht wahr!“ spricht deines Gottes Wort. Nicht der Vergangenheit, der lebendigen vollen Zukunft gehört die Thora mit ihrem vollen unverkürzten Inhalte an. Deine Rückkehr, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte ist das Ziel deiner ganzen Galuthwanderung, deine aufrichtige, dauernde Rückkehr zu ihrem ganzen Inhalte, die einzige Bedingung deines künftigen Heiles. Thoren, die wir sind, wenn wir nach diesem Gottesworte noch meinen, wir könnten unser und unserer Kinder Heil begründen, indem wir den Weg der Thora verlassen. Jeder Schritt von ihr führt zum Verderben. Jeder Schritt zu ihr führt zum Heil. Warum bist du in´s Galuth gewandert? Weil du die Thora deines Gottes verlassen. Warum dauert dieses Galuth noch? Weil du zu seiner Thora noch nie mit ganzem Herzen und ganzer Seele zurückgekehrt, ihren Gesamtinhalt noch nie dauernd zur Wahrheit gebracht. Was wird dieses Galuth enden? Nur die volle Rückkehr zur ganzen Thora erlöst dich. Es ist Gott, der dieses spricht. und diesen Gott, und die Wahrhaftigkeit seines Wortes, und die überall und immer waltende Vorsehung dieses Gottes musst du erst verleugnen, wenn du auf anderem Wege dein und deiner Kinder Heil finden zu können glauben willst. Schlage dir am Fasttage die Bücher deiner Propheten und die Worte deiner Weisen auf und lies, was dich in´s Unglück gebracht! „sie mischten sich unter die Völker und lernten ihre Sitten“ ist die Grabschrift aller Prophetenstimmen auf Jeruschalaim – Zions erstem Leichensteine, und: Menschenfeindseligkeit hat uns begraben, tönt´s aus dem Schutt des zweiten Jeruschalaim – Zionfalls. Siehe da, die Grundzüge unserer Nationalsünden, an denen wir bis auf den heutigen Tag herab kränkeln! Der Mangel an Mut, der Mangel an Selbstständigkeit, mit entschiedenem Ernste den eigenen Weg rein und entschieden zu wandeln, der Mangel an Kraft, der Mangel an Begeisterung, der Mangel an Selbstkenntnis und Selbstachtung, der Mangel an felsenfest vertrauendem Festhalten an Gott und sein heiliges Wort, die uns alle befähigen würden, mitten unter allen Völkerfamilien der Erde zu leben, an ihren Sorgen, an ihren Bestrebungen teil zu nehmen, uns harmonisch und freundlich und heilstätig ihnen anzuschließen, und doch keinen Zug der eigentümlich jüdischen Gottespflichten einzubüßen, Mensch unter Menschen zu sein und doch oder vielmehr um so mehr durch und durch Jude, wie es unsere ursprüngliche Bestimmung gewesen: „Haltet und übet, denn das ist eure Weisheit und Einsicht vor den Augen der Völker, die alle diese Chuckim, alle diese Gesetze hören und sagen werden: ist doch eine weise und einsichtsvolle Nation dieses ganze große Volk!“ – und also: dieser Mangel an Gott verehrender Selbstachtung, an richtiger, hochschätzender Würdigung unseres göttlichen Lebensgesetzes, dies ist die eine Nationalsünde. Eine unselige Zerfällung und Scheidung des einheitlichen Gottesgesetzes, eine unselige Übertragung einer unseligen unkritischen Teilung der unteilbaren Thora, in Pflichten zwischen Mensch und Mensch, aus unseliger Theorie in noch unseligere Praxis, das ist die andere. Verletzung der speziell jüdischen Pflichten gegen Gott hat unser erstes Grab gegraben und die Verletzung der Pflichten gegen die Menschenbrüder unseren Zweiten Ruin erzeugt. Und so wird nimmer und nimmer das Heil bei uns einkehren bis wir ganze Juden geworden sein werden, bis wir das Leben in seiner Ganzheit und Einheit begreifen und so auch die Gotteslehre für´s Leben in ihrer Einheit und Ganzheit „halten und erfüllen!“ Nur die ganze, unverkürzte Thora bringt Heil. Ob du böse zum Himmel oder böse zu dem Menschen bist, in jedem Falle versündigst du dich gegen Gott und untergräbst dein Heil, und nimmer darfst du dich, nimmer darf deine Zeit sich des Fortschrittes rühmen, so lange wir nicht mit gleich entschiedenem Ernste in beiden Kreisen fortschreiten, so lange wir immer wieder die Tugenden des einen Kreises durch Versündigungen im anderen Kreise beflecken, so lange wir nicht dadurch sühnen, dass wir ganze Juden werden, gegen Gott und Menschen alle unsere Pflichten erfüllen, „unverkürzt und ganz wie es uns Gott befohlen, wir und unsere Kinder mit ganzem Herzen und ganzer Seele!“


Kislew - 1. die Regenbitte Scha-alah 2. Chanukha (Band 1)

  1. Scha-alah. Mit dem 13. Kislew beginnt die Regenbitte im Gebete, so lautet die Notiz in deinem Kalender, „wer diese Bitte vergisst, hat noch einmal zu beten.“ Einen Augenblick verweile bei dieser Notiz und beherzige, um dein und deiner Kinder Heil beherzige die Wahrheit, die sie dir bringt. Ist es nicht ein herzzerreißender Gedanke sagen zu können, dass die Erinnerung dieser Kalendernotiz heutzutage ein Stein der Prüfung, eine Probe der Wardeiung, ein Schibboleth ist, woran du dich erkennen kannst, ob du noch gesund, ob dein Inneres, dein heiliges göttliches Innere noch gesund, noch unangegriffen ist von dem Miasma des Wahnes, mit dem geschäftige Boten des Todes das Leben der Menschengemüter zu untergraben sich bemühen? Bittet Gott um Regen, das ist die Forderung dieser Notiz, bittet Gott um Regen zur Regenzeit, es ist Gott, der die Wohlgestalten; des Regens Richtung gibt er ihnen, selbst für einen einzelnen Mann, für ein einzelnes Kraut auf dem Felde! (Secharjah 1) Siehe! das ist der lebendige Glaube des Juden! Er ist nicht blind für die Fülle von Kräften und für die Macht der Gesetze, die sein Meister und der Meister der Natur in das Werk seiner Schöpfung gesenkt. Eine Welt von Tat gewordenen Gottesgedanken ist ihm das All, Mlacháh, Malach, Botschaft, Bote von Gott ist ihm jedes Wesen und jede Kraft, und jedes Gesetz, das Wesen und Kräfte beherrscht. Gottesauftrag vollstrecken sie alle mit allem, und da am meisten, wo der blind gewordene Menschenmaulwurf dumpf hinmurmelt: es ist Naturgesetz, das sie regelt. Dieses Naturgesetz selber ist die lebendigste Offenbarung Gottes, und dass es uns so ewig dünkt, das unzweideutigste Wunder seiner Allmacht. Nicht daher nur, wenn Gottes Geheiß das Weltmeer spaltet und dem Feuer die verzehrende Kraft bändigt, lobsingt der Jude seinem Gott; sondern auch wenn zum millionsten Male der Morgen leuchtet, und zum sechstehalbtausendsten Male der Frühling lächelt, betet der Jude seinen Gott an, der der Sonne ihre Bahn und dem Lichtstrahl sein Gesetz und den Jahreszeiten ihren Wechsel vorgezeichnet. Die Erdwelt aber, die Adamah, dieser Adamsboden, diese dem Menschen vermählte Erdnatur, die Erdballrinde mit der Dunsthülle, die sie mütterlich umgibt, und alles, was in diesem Lebensringe keimet und lebet, stehet nicht nur unter dem Gesetz der einmal vom Meister bei der Schöpfung hingestellten und durch seinen allmächtigen Willen fest gehaltenen Ordnung, dem Menschen ist sie angetraut, dem Menschen, dem der Schöpfer mit dem freien Kusse seiner Gnade einen Funken seines freien ewigen Wesens eingehaucht, und mit diesem Gotteshauche die Macht und die Bestimmung gegeben, sich mit freier ewiger Kraft über das zwingende Muss zu erheben, dem alle andere Wesen und Kräfte nach des Allmächtigen Willen sich beugen, diesem, mit freier Gotteskraft die Naturgesetze überragenden Menschen, ist sie angetraut, als Boden und Reich seines freien Schaffens und Wirkens, aber auch zugleich als Erziehungsstätte seiner Veredlung, Entwicklung und seiner Heranerziehung zu Gott und zu seiner eigenen göttlichen Hoheit und Größe. Hier wacht das besondere Auge Gottes und sein allmächtiger Wille hält hier nicht nur die von ihm geschaffene Ordnung der Natur, sondern lenkt und leitet, gibt und nimmt, richtet und regelt die Erzeugnisse und Gänge ihrer Kräfte nach dem jeweiligen Erziehungsbedürfnisse der Menschheit, der Völker, der Familien, der Menschen. Wehe dir, wenn die Theraphim, die redenden dichtenden Götzen dich mit ihrer Lehre des Awen, der schöpferlosen meisterlosen Kraft betört, wenn die Kossemim, die Deuter der Naturzeichen, nur Lüge erschaut, nur traumgeborenen Wahn verbreiten und „Nichtigkeit“ zum Troste bieten und sie darum ins „Pfadlose wie Schafe wandern und sich damit rechtfertigen, dass es doch keinen Hirten gebe!“ (Secharjah 10, 2.) Wehe dir, wenn das herrlichste Geschenk des Menschheitsgottes, der Stolz des Menschengeistes, die denkende Anschauung der Wunder der Natur, dir den Schöpfer, und Meister und Lenker dieser Wunder, dir den Glauben an deinen Gott geraubt, und dir nicht mehr mit innigem Gefühle die Bitte über die Lippe gehet, „und gib Tau und Regen zum Segen der Fläche der Adamserde.“ Heil dir, wenn, je reicher und tiefer du die Wunder der Natur erschaut, um so tiefer und inniger dich die Verehrung ihres Meisters erfüllt, je deutlicher dir die deiner Welt inne wohnenden Gedanken hervor getreten, um so näher du eben ihn, den großen einzigen Denker dieser Gedanken erkennst, je mehr dir jeder Regentropfen die Wunderweisheit und Wundermacht deines und seines Schöpfers verkündet, umso anbetender du dich zu ihm hinwendest und betest: „o, gib Tau und Regen zum Segen der Welt des Menschen.“ Weil du mit freudigem Herzen es weißt und bekennst, „dass Gott die Wolken bildet, und ihnen die Richtung des Regens gibt, selbst für einen einzelnen Menschen, für ein einzelnes Kraut auf dem Felde.“
  2. Chanuckah. Mit dem Abend des 25ten Kislew zündest du das Chanuckahlicht in deinem Hause an, und mit immer steigendem Lichtgruß tritt 8 Tage lang die Erinnerung einer alten Geschichte aus einer alten Zeit in deinen Kreis. Immer wieder die alte Geschichte? Sterben denn die jüdischen Toten nie? Vergehet denn die jüdische Vergangenheit nimmer? Nein, die jüdischen Toten sterben nicht. Wer für´s Judentum gestorben, noch mehr, wer für´s Judentum gelebt, der stirbt nimmer; ewig dankbar bewahrt sein Andenken das seinen vergangenen Edlen dankbarste Geschlecht. Und die Vergangenheit, die Geschichte, die jüdische Vergangenheit, die jüdische Geschichte, - ewig frisch und ewig neu, tritt sie in ihren großen Zügen an jedes jüngere Geschlecht heran mahnend, warnend, tröstend und erhebend. Und nun gar diese Geschichte! O, dass sie alt wäre, mit ihrem Trüben und ihrem Herrlichen nun nach 2000 Jahren alt, so alt, dass uns das Trübe unbegreiflich und das Herrliche alltäglich erschiene! Es hat sich aber Jeschua lieber Jason nennen lassen, wie sein jüngster Bruder – (Beide waren sie nacheinander Hohepriester!) – für den Namen Chonjah lieber wollte Menelaos genannt werden… Als nun Menelaos samt des Tobias Söhnen solcher Gewalt (im Streit mit dem Bruder ums Hohepriesteramt) weichen mussten, sind sie zum König Antiochus getreten und haben sich erboten, ihre jüdischen Gesetze und Gewohnheiten allzumal abzuwerfen, und sich nach des Königs und der Griechen Satzungen und Gebräuchen zu halten und baten deswegen um Erlaubnis in der Stadt Jerusalem ein griechisches Gymnasium aufzurichten. Und nachdem sie solches erlangt, haben sie sich Vorhäute gemacht, damit sie auch nackt den Griechen gleich und ähnlich schienen, und haben so alle Sitten ihrer Ahnen fahren lassen und sich fremder Völker Gewohnheiten beflissen…) Ist´s eine alte Geschichte? In jenen Tagen traten aus Israel gesetzeswidrige Männer hervor und redeten dem Volke zu und sprachen: Lasset uns gehen mit den Völkern um uns her einen Bund machen: denn seitdem wir uns von ihnen gesondert, haben uns viele Leiden getroffen. Diese Rede gefiel den Augen der Menge und einige aus dem Volke waren bereit und machten sich auf den Weg zu dem König. Der König gab ihnen die Erlaubnis die Sitten der Heiden einzuführen. Da erbauten sie in Jerusalem ein Gymnasium nach griechischer Weise, und machten sich Vorhäute, und standen ab von dem heiligen Bunde und verbanden sich mit den Völkern und gaben sich ganz preis, das Böse zu üben. Ist´s eine alte Geschichte? …stand Jason, Onias Bruder nach dem Hohenpriesteramt, und ging zum König und versprach ihm 360 Talente Silbers und aus anderen Einkünften noch achtzig Talente. Überdies aber verhieß er ihm noch 150 Talente, wenn es seiner Machtvollkommenheit eingeräumt werden sollte, ein Gymnasium und eine Anstalt für die gymnastischen Übungen zu errichten, und Einwohnern von Jerusalem das Bürgerrecht von Antiochia zu verleihen. Da der König solches bewilligt und Jason die Macht erhalten hatte, fing er sogleich an, seine Landsleute zur Annahme der hellenischen Sitten zu verleiten, entfernte die von den alten Königen den Juden gestatteten löblichen Sitten, abrogierte die gesetzentsprechenden Weisen und führte gesetzwidrige Bräuche ein. Ja, er wagte es gerade unter die Burg ein Haus gymnastischer Spiele hin zu bauen und die Besten der Jünglinge zu den dortigen Übungen anzuhalten. Durch die alles überschreitende Frevelhaftigkeit des gottlosen und keineswegs hohenpriesterlichen Jason ward aber der Sporn zum Hellenismus und der Zugang fremder Sitten so stark, dass selbst die Priester nicht mehr um die Dienste des Altars sich kümmerten, sondern den Tempel verachteten, Opfer vernachlässigten, und hinliefen, um sich an den unerlaubten Aufführungen in der Palästra nach dem Aufruf der Wurfscheibe zu beteiligen. Die väterlichen Ehren achteten sie geringe, hellenischer Beifall dünkte ihnen das Höchste. Diejenigen aber, um deretwillen sie sich mit den schwierigsten Verhältnissen umgaben, deren Lebensart sie eifrig nachstrebten, und überhaupt, denen sie gleich werden wollten, die gerade waren ihre Feinde und die Rächer ihres Abfalls; denn gegen göttliche Gesetze zu freveln, ist nichts Geringes. Das aber offenbart erst die folgende Zeit. Ist´s eine alte Geschichte? Wenn dich der religiöse Verfall im jüdischen Kreise mit Schmerz und Trauer erfüllt, wenn du an unserer Zukunft verzweifeln möchtest, wenn du zagend ausrufst: war´s schon so arg zu Israel? dann schau auf diese Geschichte hin, siehe schon einmal vor zweitausend Jahren Hohepriester, Männer des jüdischen Heiligtums, Männer mit dem höchsten religiösen Amte betraut, selber die ersten Verräter an Gott und seinem heiligen Gesetze, die Gunst der Könige durch religiösen Verrat erbuhlen, Verführer des jüdischen Volkes und seiner Jugend, wetteifern mit den „Wohlhabenden und Gebildeten“ ihres Volkes in Verachtung göttlichen Gesetzes und jüdischer Sitte, in Verehrung und Pflege unjüdischer Weise und unjüdischer Bildung, - siehe schon einmal vor Jahrtausenden Bildungsschimmer und politischer Vorteil, „Bürgerrecht“ von Israels Verführern als Köder zum Abfall von Gott und seinem heiligen Worte missbraucht – und siehe wie dennoch diese Zeit des Verrates und des Abfalls überwunden worden, welche Jahrhunderte, Jahrtausende der Treue, der Hingebung, der Aufopferung für Gott und Judentum ihr doch gefolgt – und lerne: vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Denn siehe, dieser Abfall, von welchem dir soeben jene Stimmen aus alter Zeit berichteten, war kein von außen provozierter Abfall, war keine Folge des antiochischen Wütens gegen das Judentum; dieser Abfall der jüdischen Gotteslehrer und der höheren gesellschaftlichen Schichten in Judäa war ein freiwilliger, ging jenem Königswüten voran, ja, war ganz eigentlich Veranlassung, ja Urheber des späteren judenfeindlichen Fanatismus. Selbst nicht im Wahnsinn wäre es dem Antiochus eingefallen, Judentum und Juden griechisch reformieren zu wollen, hätten ihm nicht Juden und Judentumspriester zuvor gezeigt, dass bereits das Judenrum in ihren Herzen den Boden verloren, dass sie nur auf Königsbefehl harrten, um den Zeus auf des Ewig einzigen Altar zu stellen – und dass somit gewiss das Volk, die niedere Schicht, leicht hinüber geködert – und hinüber gemartert werden könne! So ist´s in den dunkelsten Jahrhunderten der Verfolgung keinem Machthaber eingefallen, Juden und Judentum reformieren zu wollen. Juden verfolgte man, aber an die Ewigkeit des Judentums glaubte man selbst. Priester und Jünger des 19. Jahrhunderts mussten erst selbst den Fürsten und Völkern das Schauspiel abtrünniger Juden vor die Augen führen, ehe ein Staatsmann an Reformierung des Judentums durch Dekrete und Maßregeln denken konnte. Natürlich! Achte dich selbst, achte deine Vergangenheit, achte dein Heiligtum selber, und wie man auch über dich denke, ob man dir geneigt oder abgeneigt sei, Achtung wird man dir nicht versagen. Achtest du aber selber dich nicht, blickst du selbst mit Verachtung auf die Gräber deiner Väter, hältst du dein eigenes Heiligtum nicht der Achtung, kaum der Kenntnis mehr wert, wie willst du, dass der Fremde dich achte und deine Väter achte? – Vieles magst du in der Welt finden, um Achtung bettelst du dann vergebens. Aber wie hatten „die Männer des Fortschrittes,“ „die Männer der Bildung,“ „die Priester der Reform,“ die politischen Religionshändler der antiochischen Zeit in Judäa sich verrechnet! Hörst du nicht, was dein Makkabäerlicht dir erzählt? Soweit hatten es die abgefallenen Söhne Judäas gebracht, dass zuletzt die Griechen selbst das Gottesheiligtum zum Zeustempel entehrten. Alle Öle der heiligen Gotteslampe hatten sie entweiht. Nur ein Krügchen fanden die siegenden Hasmonäer noch unentweiht; doch es reichte nur für einen Tag. Aber an diesem Einen Krügchen zeigte sich die rettende Wundermacht Gottes. Acht Tage lang versorgte man damit die heilige Lampe, bis man neues Reines bereiten konnte! Lass sie immerhin fanatisch gegen Judentum wüten, mögen links tausend und Myriaden rechts vom Judentum abfallen, so lange sie nicht den letzten Funken Judentum in der Brust des letzten Juden im letzten jüdischen Dorfe zertreten haben, so lange mögen wir, kurzsichtige Sterbliche, zittern; ein reiner Funke, in einer jüdischen Brust treu bewahrt, genügt Gott, um daran den ganzen Geist des Judentums wieder zu entflammen. Und wenn alles Öl, alle Kräfte, die das Gotteslicht in Israel nähren sollten, dem Lichte des Heidentums verfallen wären, ein Krügchen Öl, eine unter hohenpriesterlichem Siegel still und unentweiht in einem vergessenen Winkel treu gebliebene Brust genügt, um, wann Zeit und Stunde gekommen, das Heiligtum zu retten. „Und wenn schon alle Länder Antiochus gehorsam wären und jedermann abfiele von seiner Väter Gesetz, und willigte in des Königs Gebot: so wollen doch ich und meine Söhne und Brüder nicht vom Gesetz unserer Väter abfallen!“ sprach die treue Hasmonäerbrust eines Heldengreises – und Israels Heiligtum war gerettet. Darum gehe hin und zünde dein Licht an am Makkabäerfeste. Dass man es in deiner Synagoge, in deinem Tempel anzündet, das genügt nicht; „zu Hause du und dein Haus ein Licht!“ ist die Chanuckapflicht. Was kann es nützen, wenn wir in den Tempeln Hallelujas singen, wenn wir in den Tempeln in vorüber rauschender Andacht uns Juden nennen, wenn unsere Häuser unjüdisch sind, und wir zu Hause nicht des Lichtes des jüdischen Geistes warten. Nicht aus den Tempeln kam unser Heil und nicht aus den Tempeln kommt unser Heil; aus den Häusern kommt die Rettung. Wie deine Prediger predigen, wie deine Sänger singen, das macht´s nicht aus, wie deine Kinder und Säuglinge lallen, ob jüdischer Geist ihnen leuchtet, objüdischesMark sie kräftiger, ob jüdisches Leben sie erzieht, siehedarin liegt der Sieg und das Heil. Das Tempellicht? Die eigenen jüdischen Hohenpriester hatten es verraten. Das Licht in Mathathias Dorfstube war die Rettung. Zu Hause zünde darum dein Licht an. Und da achte dein Haus nicht gering. Und wärest du selbst der Einzige, der noch den alten Makkabäergeist in seinem Hause bewahrte, ein einzelner Jude, ein jüdisches Haus ist zuletzt selbst genug, um darauf das ganze jüdische Heiligtum wieder zu erbauen. Ja, je weniger Genossen du hättest, je mehr rings um dich der Hasmonäergeist wiche, umso treuer warte du sein, um so ernster bereite du ihm eine Zufluchtsstätte in deinem Hause. Aber vergiss es nicht: „du und dein Haus“, lautet die Forderung. Willst du für´s Judentum gelebt haben, darf es dir nicht genügen dich mit jüdischem Geist zu durchdringen; nur wenn du den jüdischen Geist in deinem Hause vererbt, hast du fürs Judentum gelebt, - und wenn du wie die Mohedrin deine Aufgabe recht verstehst, wird es dir nicht genügen, nur im allgemeinen das Licht des Judentums in deinem Hause leuchten zu lassen, wirst du anzünden, wirst auf jedes Kind, jedes einzelne Glied deines Hauses deine volle Aufmerksamkeit richten, es für´s Judentum zu gewinnen und das jüdische Licht in ihm fortleuchten zu lassen. Mathathiahu konnte ruhig sterben, er wusste, wer von seinen Kindern ihn auch überleben werde, Jochanan oder Simeon, Jehuda, Eleaser oder Jonathan, in jedem war die Flamme des jüdischen Gotteslichtes lebendig. Und stille wirst du nimmer stehen in diesem heiligen Streben, wirst dich nie begnügen mit dem, was du bereits gestern getan, immer vorwärts wirst du streben, immer heller solls in deinem Hause werden, und wenn du gestern ein Licht angezündet, zündest du heute zwei dir an; denn du weißt es ja: den Fortschritt, nicht den Rückschritt gilts im heiligen Streben, und wenn irgendwo, so heißt es hier, wer nicht fortschreitet, geht zurück! Und was du still im eigenen Hause wirkest und schaffest, das wird hinausleuchten über die Grenze deines Hauses, und das freundlich heitere Gotteslicht deines Hauses wird auch den Nachbar wecken zu gleicher lichterfüllten, jüdischen Häuslichkeit. Wirst dich nicht schämen Jude zu sein, wirst stolz darauf sein, dass man in dir, und deinem Hause den Juden erkenne, wirst dich nicht scheuen, dein jüdisches Licht über die Gasse leuchten zu lassen, und nur in der Ungunst der Zeiten, dich damit begnügen, wenigstens dein Haus für´s Judentum zu erhalten, und den Tisch deines häuslichen Lebens zu einem Altare des Gottesheiligtums zu weihen. So zünde denn Licht an in deinem Hause, und es sei dein und der Deinigen Weg, der Weg der Gerechten, wie strahlendes Licht, immer heller, immer lichter bis zum vollen ewigen Tage.

Cheschwan

Der ernste, heitere Festmonat ist vorüber, und der stille, schweigende Cheschw-an nimmt dich auf. Aber eine Fülle von Klängen und Tönen nimmt deine Brust mit hinüber in diese Stille, und dieser Monat ist so recht geeignet, all das Herrliche des jüdischen Stilllebens zu belauschen. Welch ein Monat ist dieser Cheschwan, wenn der Thischri dich durch und durch mit seinem Geiste durchdrungen! Schule und Haus, Gewerbe und Gemeinde treten nun den Halbkreis ihres still winterlichen Schaffens und Wirkens, Strebens und Genießens an. Mit erneuter Lust wandert Knabe und Mädchen zur Schule, geht der Jüngling und die Jungfrau wieder die Bahn ihres vorbereitenden Strebens, mit neuem Mut der Mann an seinen Beruf und das Weib die stillseligen Pfade des häuslichen Priestertums. Und der Abend sammelt sie alle wieder, und jeder Atemzug ein Lobgesang Gottes und ein Geist des Friedens und der Liebe, der Seligkeit und der still bewussten Kraft füllt den Mann und das Weib, füllt den Jüngling und die Jungfrau und strömt in seiner Fülle in das unbewusst lächelnde Gemüt der kleinen über. O, dass wir Juden wären! Dass wir uns einmal entschlössen Juden zu sein, in der ganzen herrlichen Fülle dieses Namens, mit dem ganzen Ernst und der Entschiedenheit, die dieser Weg des Heiles bedingt! Dass wir einmal ließen das splitterrichtende Kritteln, und das Wort Gottes und die segnende Kraft seiner Lehre da erprobten, wo sie allein erprobt werden können, im Leben, in der Wirklichkeit, in der Tat! Dass wir es einmal wagten unsere Häuser jüdisch zu bauen, unsere Ehen jüdisch zu gründen, unsere Kinder jüdisch zu erziehen, unsere Geister jüdisch zu erleuchten, unsere Herzen jüdisch zu erwärmen, unsere Reden jüdisch zu begeistern, unsere Taten jüdisch zu leiten, unsere Genüsse jüdisch zu weihen – dass wir es einmal wagten mit dem jüdischen Geiste, mit dem vollen jüdischen Geist, und einmal des Segens harrten, der daraus erblühen würde! Wie fest würden wir stehen in diesem schwankenden Geschlechte, wie innig sich alle heilige Bande uns schürzen in dieser alles lockernden Zeit, welche Kraft würde sich bei uns entfalten, wenn auch alles der Schwäche, welche Wahrheit, wenn auch alles dem Truge, welche Liebe, wenn auch alles der Selbstsucht erläge, welcher Segen, welches Heil, welch heiteres Heil würde bei uns wohnen, wenn auch alles der Sorge und der Betrübnis verfiele! Hat denn das Hinüberschwanken ins unjüdische Leben uns so viel Segen gebracht, dass wir uns dem Wahne nicht entreißen möchten, der uns mit seinen Banden umstrickt? Sind denn unsere Herzen leichter, unsere Geister heiterer, unsere Ehen glücklicher, unsere Familien inniger geworden, seitdem wir noch mehr die Pfade des jüdischen Lebens verlassen? Sind unsere Kinder besser, unsere Jünglinge und Jungfrauen reiner, unsere Männer und Frauen wackerer, als es die Väter und Mütter gewesen? Sind es denn so heilverkündende Zustände, mit denen wir unser jüdisches Stillleben vertauscht? Ist es denn ein so fester Boden, an den wir aus unserem jüdischen Nachen gelandet? Sind es heiter gesunde Kreise, in die wir getreten? Ist es ein fröhlich blühender Lebensbaum, der uns in seinen Schatten aufgenommen? Schwankt doch überall die Zeit krank umher und sucht Arznei für ihr siech gewordenes Leben, blickt doch überall das matte Auge der Sehnsucht nach dem neuen Saatkorn aus, das ihr den Lebensbaum ersetzen möge, der ihr welk geworden! Wie? Wenn uns diese Arznei längst gegeben, wir dieses Saatkorn längst schon hätten – wenn der Herr der Zeiten auch für solche Zeit der Erschlaffung und des Siechtums längst uns seinen ewig verjüngenden Balsam des Lebens bereitet, und dieses Saatkorn, diese Arznei, dieser Balsam eben nichts anderes wäre, als – unser so lange verkanntes, verschmähtes Judentum? Lass dich die Miene der Männer der vornehmen Wissenschaft nicht irren! Die Rezepte studieren sie, grübeln aufs Haar nach dem Geburtstag der Amme des Pharmazeuten – um der Arznei zu entraten. Lass sie studieren und grübeln! Trinke die Arznei und gesunde, und beweise durch deine Gesundheit, dass die Arznei echt und gesund. Während sie mit aller Weisheit die Unmöglichkeit beweisen, dass ein so altes Samenkorn noch Triebkraft und Leben in sich trage, sät der lebenskräftige Jude das Saatkorn seines alten Glaubens in den frischen Acker seines unentnervten Lebens, pflegt es mit der Sonnenglut der alten Begeisterung, tränkt es mit dem Lebenstau aus dem alten ewigen Borne der Kraft, und zeigt lächelnd durch die Blüte und Frucht, wie flach das Urteil der Beschränktheit. So geschwunden ist der jüdische Geist noch nicht auf Erden, dass es nicht noch Stätten gebe, wo du sein stilles Wirken belauschen und an den Früchten, die selbst das einfachste Saatkorn des jüdischen Geistes in einfachsten Kreisen trägt, ermessen könnest, zu welcher Herrlichkeit sich unsere Zustände entfalten würden, wenn sie der vollen kraftreichen Saat des jüdischen Geistes ihren Schoß öffnen möchten. Willst du heutigen Tages den Segnungen des Judentums begegnen, suche es einmal da auf, wo es fast die einzige geistige Potenz im Gedanken- und Gefühlskreise bildet, und siehe, welche Früchte auch nur seine einfachsten, aber großen Grundzüge in einem Lebenskreise erzeugen, bei dem du sonst alle anderen Hebel des Heiles und des Segens vermisst. Das jüdische Proletariat suche auf, - nicht das wandernde, heimatlose, - in großen, volkreichen Städten suche es auf, wo die Armut das Elend, die Verkümmerung und Entartung sonst in ihrem Gefolge hat. Dort gehe in die Hütten der jüdischen Armen, und lasse dir von ihren Pflegern das Bild des Lebens entrollen, das dort gelebt wird. Da wird dein Herz warm werden, da wird dein Auge leuchten, da wirst du stolz werden Jude zu sein und da wirst du die erhaltende, erhebende, veredelnde, geistige Kraft des Judentums ahnen lernen. Da wirst du lernen, welch einen Geist der Sittlichkeit, der Redlichkeit, der Aufopferung, der Liebe, des Edelmutes, des Seelenadels, welch einen Geist der Freudigkeit, der Heiterkeit, der Zufriedenheit es auf Lebensstufen zu entfalten weiß, wo es den einzigen Reichtum, und das einzige Licht und die einzige Lebenspulsader bildet. Da wirst du die Gattenliebe und Elternliebe und Kindesliebe, und die opferfreudige, gegenseitige Menschenliebe ihre schönsten Triumphe feiern sehen, dort wirst du im groben Kittel, in unscheinbaren Hütten Menschen sittlich, wacker, groß und glücklich finden, weil sie Juden und nichts als Juden sind. Und hast du das Judentum auf diesen niedrigsten Stufen der gesellschaftlichen Gestaltung besucht, dann suche dir die wenigen Edlen auch auf, die, wie wiedererstandene Denkmäler vergangener Größen, vereinsamt, und doch als Muster dem kommenden Geschlechte entgegenleuchtend zeigen, zu welcher Fülle von Größe, zu welchem Gehalte und Inhaltsreichtum ein Leben sich entfalte, wo nun dem jüdischen Geist ein heiterer, reicherer Kreis sich geöffnet, wo der Wohlstand sich des Judentums nicht schämt, wo Gold und Glanz den Horebschmuck Israels nicht verdrängt, wo der jüdische Geist und das jüdische Herz in jedem geistigen und leiblichen Gute nur ein willkommenes Mittel begrüßt, in größerem Maßstabe jüdische Pflichten, Mizwoth, zu üben! Dann wirst du dir sagen, welch eine herrliche Erscheinung das Judentum heute wäre, wenn alle Juden, Juden wären, wenn die Freiheit und Bildung und Wohlhabenheit, und Wissenschaft und Kunst, die in so größerem Maße unserem heutigen Geschlechte zugefallen, sich nicht dem Judentum entfremdet hätten, nicht die schützenden, erleuchtenden, leitenden und segnenden Genien verlassen hätten, die das Stillleben des Juden auf allen Stufen, durch alle Entwicklungsphasen begleiten und göttlich weihend gestalten sollten. Milah, Ziezith, Thfillin, Mesusah, Shabbath, Berachoth sind diese Genien des Stilllebens, deren Führung du dich hingeben mögest, wenn du dich zum Juden, zum Sohne Jeschuruns erziehen willst. Milah wird dich lehren keusch zu bleiben und die sittlich reine Unschuld bewahren, - Ziezith durch Beherrschung des Auges und des Herzens die Humanitätserziehung an dir zu vollenden, die der barmherzige Gott mit dem ersten Gewande begonnen, das er um die Blöße des verirrten Menschen schürzte, - und die reine Hand und das reine Herz und das reine Auge weihen. Thfillin dir mit jedem neuen Morgenrot einem tätigen, recht- und lieberfüllten jüdischen Leben, - und den ganzen Kreis deines häuslichen Lebens grüßt der Name Schaddai an der Tür und weiht dein Haus zu einer Abrahamshütte, der der allmächtige Gott als der alleinige Schutzherr genügt, und in welcher die Lehre von dem einig einzigen Gott und von der Hingebung an diesen Einzigen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen, und von der Erziehung deiner Kinder zu solcher Lehre, ihre Verwirklichung findet, - und mit jedem siebten Tag kehrt der Sabbath bei dir ein und bringt dir Ruhe und Frieden, Trost und Seligkeit als Paradieseslohn für solches Streben, und ewig frische, ewig neue Begeisterung zum Fortstreben in solchem Leben. Alle Momente deines Lebens aber durchdringen Berachoth mit dem Geiste der Erkenntnis und der Weihe, und lassen dein ganzes Leben dich als einen fortgesetzten Gottesdienst begreifen und vollenden. Was du siehst oder hörst, was du empfängst oder verlierst, was du genießt oder übst, nichts findet dich gedankenlos, alles weckt und mahnt dich und stärkt dich in dem Entschlusse, in allem und mit allem nicht nur gesegnet, sondern selber Segen, segnende Förderung dem heiligen Willen des zu werden, der dich in allem und mit allem segnend umgibt und hinwieder selbst durch dich „baruch“ werden will, selbst von dir Segen erwartet, - auf dass dein ganzes Leben in Lösung des einen Wortes aufgehe, welches er zu deinem Ahn gesprochen: „Hejeh Berachah“, „werde Segen!“


Thischri

Des Juden Katechismus ist sein Kalender. Auf die Fittiche der Zeit, die uns durch´s Leben tragen, hat Gott die ewigen Worte seiner beseligenden Lehre gegraben, und Tage und Wochen und Monate und Jahre zu Herolden seiner Wahrheiten gemacht. Den scheinbar flüchtigen Elementen hat Gott die Pflege seiner Heiligtümer anvertraut und hat ihnen damit unverwüstlichere Dauer und unbedingtere Zugänglichkeit gesichert, als Priestermund und Denkmals-Erz und Tempel und Altar vermöchten. Priester sterben, Denkmäler verwittern, Tempel und Altäre zerfallen, aber die Zeit bleibt ewig, und ewig frisch und ewig neu tritt jeder junge Tag aus ihrem Schoß. Nur zu Wenigen kann der Priester wandern, Priester und Denkmäler, Tempel und Altäre müssen warten, bis du zu ihnen kommst, - und noch weit mehr bedarfst du ihrer ja, gerade, wenn du nicht zu ihnen kommst, wenn du nicht einmal den Zug zum Heiligtum fühlst, oder die Schranken des Elendes dich vereinsamen. Nicht also die Kinder der Zeit. Sie warten nicht bis du zu ihnen kommst; sie kommen zu dir, unangemeldet, unabweisbar zu dir, sie wissen dich zu finden mitten im geschäftigen Markte des Lebens, mitten im rauschenden Gewühle der Freuden, oder in einsamer Kerkerstille, oder auf schmerzreichem Krankenlager, wissen dich zu finden und reichen dir überall das Wort deines Gottes, mahnend und warnend, beseligend, tröstend, - und allgegenwärtig wie die Gottheit, die sie sendet, treten sie zu Allen zu gleicher Zeit heran und erfüllen in Einem Momente, in Ost und West in Süd und Nord, auf jeder Höhe, in jeder Tiefe des Geschickes und Alters, Millionen in Einem Momente mit Einem Gefühle und Einem Gedanken. Siehe da den Monat Thi-schri, diesen „Anfang-“ und „Löse- Monat!“ Welch ein Gottesherold stehet in ihm vor dir, und welch eine Fülle von Ernst und von Freude, von Erschütterung und Frieden, von Mahnung und Trost will er dir bringen! Ein zweifaches Jahr hat der Kalender der Juden, so wie er auch einen zweifachen Tag kennt. Ein Jahr das mit dem Herbst beginnt, und, wie sehr es sich auch durch den Winter zum Frühling und Sommer hindurch ringt, doch wieder mit dem Herbste endet; - und ein Jahr, das mit Frühling anhebt, und wenn auch dem Sommer Herbst und Winter folgen, dennoch wieder zum heiter lachenden, sich neu verjüngenden Frühling hinführt. Und eben so einen Tag, dessen Anfang Nacht ist, wie über die Wiege der Schöpfung der Schleier der Nacht gewoben, und der, wie hoffnungsreich auch die Morgenröte dämmert und zum hell strahlenden Mittag hinführt, dennoch wieder endet mit Nacht; - und einen Tag, der mit dem Morgen anbricht und zum Mittag steigt und mitten durch die Schatten der Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet. Der Nacht-tag, der von Nacht zu Nacht führende Tag, ist der Tag der Erdschöpfung; nach ihm zählst du in allen Räumen alle Zeiten deiner irdischen Wallfahrt. Aber im Tempel deines Gottes, im Mikdasch, im Heiligtum, gilt der Licht-tag, der dich von Morgen zu Morgen geleitet; Alles beginnt dort mit dem Morgen und Alles endet mit dem Morgen. Das Herbstjahr, das mit Thischri beginnende Jahr, das mit dem Herbst einleitet und mit dem Herbst endigt, ist das Jahr der Erdschöpfung; nach ihm zählst du die Jahre der Welt, die Jahre deiner Welt, deiner Geschäfte, deines Schaltens und Waltens mit den Dingen der Erde. Das Frühlingsjahr, das mit dem Lenzmonat Nissan beginnt und mit dem Lenzmonat endet, ist das Jahr des Judentums, das Jahr der Israel- und Menschheitserlösung; nach ihm zählst du dein jüdisches Leben, deine jüdischen Monate und Feste. Diese Doppelzählung der Jahre und Tage, siehst du nicht, wie sie der Posaunenruf des Todes und des Lebens, der Vernichtung und der Auferstehung, der Vergänglichkeit und der Ewigkeit ist, wie sie dich ewig wach rufen soll zu dem lebendigen Bewusstsein von deinem Doppelwesen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen deiner Natur, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen aller deiner Beziehungen, von dem irdisch Vergänglichen und dem ewig Göttlichen des ganzen Menschheitswesens auf Erden? Streiche weg aus deinem Leben alles, was dich zum Juden macht, streiche aus dem Leben der Menschheit weg alles, was ihr das Judentum gebracht, alles was dem Judentum entgegenreift, - und wahrlich du zählst von Nacht zu Nacht, und von Nacht zu Nacht zählt mit dir die Geschichte der Menschheit; blütenloser Herbst ist alles Entstehen und zum blütenlosen Herbst welkt alles zum Tode; und wie auch die Sonne der irdischen Hoheit steigt, der Schatten der Nacht hüllt zuletzt doch mit seinem endlichen Schleier alles ein; und wie auch der Baum des irdischen Lebens sich prangend entfaltet, dem üppigen Sommer folgt der Herbst, die Zeit der Stürme kommt, und entblättert steht das Prangendste da. Was vom Staube geworden wird zum Staube, „auf der Weide des Todes gehen sie alle“ und „Vergänglichkeit“ predigt das Gerölle und der Schutt der Zeiten. Wehe dir, wenn du dich über diese Vergänglichkeit täuschest, wenn du an die Ewigkeit der Jugend, an die Dauer der Blüten, an die Erznatur des Markes, an den Bestand der Hoheit, an die Unverwüstlichkeit des Genusses und der Freuden, an die Sicherheit des Besitzes, an die Ewigkeit irdischer Größen glaubst, ihnen, als deinen ewigen Göttern dich in die Arme wirfst, „nachwandelst dem Vergänglichen – und vergehst!“ Wehe dir, wenn du die Thischrizählung deiner Jahre erst am Ende deines Lebens, wenn es zu spät ist, lernest! Dreimal aber wehe dir, wenn dich der jüdische Geist nicht die Frühlingszählung deiner irdischen Jahre gelehrt, wenn dir die Erde ein Leichenhaus wird, in welchem dich überall Gräber anstarren, der lauernde Tod über alles das Grauen der Verwesung wirft, und die Heiterkeit dir Sünde und der Genuss zum Verbrechen und die Freude eine Torheit wird, und du entmutigt dich zur Erde setzt und mit erstorbenem Blick und mit verkohltem Herzen nur den Seufzer kennst: „Alles, ach alles ist eitel!“ Denn siehe! im jüdischen Geiste, im jüdischen Heiligtum ist nichts eitel. Nicht über Gräbern ward das jüdische Heiligtum gebaut, der Tod und die Zeichen des Todes blieben fern aus seinen Räumen. Nicht mit Trauerschmerz waren seine Hallen zu betreten, der Freude ward´s erbaut. Von Morgen zu Morgen zählte man in seinen Kreisen. Nach Frühlingen zählt der jüdische Geist. Das Frühlingsparadies – nicht erst das jenseitige – setzt er an den Anfang der Menschengeschichte, und das Frühlingsparadies zeigt er als Ziel der Geschichte, und ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem nichts vergänglich, in welchem alles ewig, alles vom Hauche ewiger, freudiger Göttlichkeit durchweht werde, ein Leben auf Erden zu lehren, in welchem selbst Mühe und Arbeit, Trauer und Schmerz sich zu seliger Heiterkeit verklären und der vergänglichste Keim und die flüchtigste Minute, vom ewigen Gottesgeist des Menschen erfasst, als eine ewige Blüte in den Kranz der Vollendung sich fügt, und schon hier auf Erden die Seligkeit blühet und schon hier auf Erden die Ewigkeit taget und mitten durch Sturm und Nacht einer ewig herrlichen Frühlings- und Tages-Verjüngung entgegenreift – von Morgen zu Morgen, von Frühling zu Frühling zählen und leben zu lehren, das ist die Summe der jüdischen Botschaft des Heiles. Aber bevor die Seligkeitswahrheit Eingang finden kann, muss die Täuschung geschwunden sein, der Frühlingsbotschaft muss die Herbstposaune voran gehen, die Thischrizählung musst du beherzigt haben, wenn du Frühlingsjahre zählen und leben willst; darum tritt dir der Thischri entgegen am Anfang deiner irdischen Wallfahrtsjahre und will die Täuschung vernichten, und den Wahn verscheuchen und will dich lehren, auf von Täuschung und Wahn befreitem irdischen Boden, mitten in der Vergänglichkeit, mit dem Vergänglichen, heiter und selig die Hütte deines Lebens zu bauen. Zerbrochen lagen einst die Tafelscherben des göttlichen Gesetzes am Sinai; denn es hatten die Väter wahnumnebelt das sichtbare Vergängliche über das ewige Unsichtbare gesetzt, hatten von dem ewigen Schöpfer und Walter ihr Herz der vergänglichen Kreatur zugewendet, hatten die sichtbare Natur im goldenen Kalbe vergöttert, und „Elch“ diese sinnlich erkennbare Welt, dieser Kosmos, und seine irdisch waltenden Mächte, sie sind deine Götter Israel! hallte im sinnlichen Rausch der Jubel der tanzenden Chöre. Darum lagen zerbrochen die Tafeln des göttlichen Gesetzes. Denn wo aus der Brust des Menschen geschwunden ist das Bewusstsein seiner eigenen höheren göttlichen Natur, wo ihn dies Bewusstsein nicht über die sinnliche Welt zu dem Einen Einzigen unsichtbar Allgegenwärtigen Höchsten und Nächsten Einen hebt, wo der Mangel dieses Bewusstseins den Menschen der sinnlichen Natur zu Füßen wirft, der Natur zu Füßen, zu deren Herrn und Meister, nicht zu deren Sklaven und Diener Gott ihn gesandt – da fehlt der Boden, auf welchem das göttliche Gesetz seine Stätte finden und ein göttlich menschliches Leben auf Erden erzeugen könnte, das durch und durch von Gottes Geist getragen, das ganze sinnlich Leben selbst zu Einem Gott verherrlichenden Hymnus umwandeln und ein Heiligtum auf Erden bauen sollte, in welchem Gottes Herrlichkeit beseligend wohne. Da liegen zerschmettert die Tafeln des göttlichen Gesetzes. Aber der Wahn ward vernichtet, der Schleier ward zerrissen, der Vergänglichkeit fielen die Verehrer des Vergänglichen anheim, Staub ward das Götterbild der Vergänglichkeit, und zu dem Ewigen richtete sich der Geist der Väter wieder auf, und „Sfalachti“ „Ich habe verziehen“, rief die Gnade aus Himmels Höhen, und das Band ward wieder geknüpft, und des Gesetzes Tafeln kehrten wieder und die Hütte des Heiligtums war wieder zu erbauen. Der 10. Thischri wars, als das: „Sfalachti“ die Wiedererhebung aus verworfenster Sinnlichkeitsvergötterung besiegelte, und das drückte für alle Zeit dem Monat Thischri die Weihe des ernstesten Ernstes und der seligsten Freude auf. Theruah, u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah, Emunah und Simchah, Erschütterung und Rückkehr, Verzeihung, Sühne und Reinheit, Vertrauen und Freude, das ist das siebenfarbige Angebinde, das der Neujahrsherold am Thischri jeder jüdischen Hütte, jeder jüdischen Brust läuternd und weihend, kräftigend, beseligend bringt; Theruah u. Theschubah, Selichah, Kaparah u. Taharah, Emunah u. Simchah, das ist der Baum des Lebens, den der Thischri immer neu in unserer Mitte aufrichtet, und alle, alle in seinen Schatten ladet. Theruah u. Theschuwah die Wurzel, Selichah, Kaparah u. Taharah der Stamm, Emunah u. Simchah die nährenden und beglückenden Früchte des Lebens. Willst du die Früchte pflücken, darfst du die Wurzel nicht scheuen. Sollen dir die Früchte reifen, pflanze die Wurzel mit Ernst in dein Gemüt. Der Posaunenruf der Theruah soll den Traum, die Täuschung zerstören, mit welcher die Sinnlichkeit uns in ihren Armen lullt, soll das Götterbild zerschmettern, das wir der Sinnlichkeit in unserem Herzen errichten, soll uns wach rufen, und aufrufen zu dem Einen, der unser wartet. Und die Tage der Theschuwah lehren uns den Weg wieder finden, der in die Arme des Vaters zurück führt und uns zum Jom hakipurim leitet, der die Brücke mit der Vergangenheit abbricht, mit Selichah, Kaparah u. Taharah uns einen reinen, neuen Boden gibt, auf dem wir am Suckoth–Feste ruhig und sicher, fröhlich und heiter die Hütten unseres Lebens bauen lernen. Jom theruah, der Tag des Posaunenrufs geht voran. Wie im Schofarruf Gott am Sinai uns zusammen rief, wie Gott mit Schofarruf einst uns wieder um sich sammeln wird, wie der Schofarruf den Sklaven zur Freiheit, den Armen zum Besitz, den Entfremdeten zu seiner Heimat rief, so ruft der Schofarton mit jedem Thischri uns alle, alle zu Gott, ruft den Sklaven der Sinnlichkeit zur göttlichen Freiheit, ruft Arm und Reich zum wahren Reichtum, ruft den Verirrtesten zur eigenen Heimat, ruft zur Jobelhöhe jedes Herz und jeden Geist. Wie der rufende Thekiahton die Väter zu dem Führer rief, die schmetternde Theruah sie zum Aufbruch und zum Kriege lud, und der Thekiah schließender Ruf sie zu dem neuen Ziele leitete, wo Gott ihrer wartete und wohin die Wolke seiner Gnade und die Lade seines Bundes zog – so ruft uns die Thischrithekiah zu unserem Lebenshirten, den wir verlassen, und die Theruah schmettert uns zum Aufbruch und Kampf, - zum Aufbruch von jeder Stätte, zum Abbruch jedes Verhältnisses, auf welchen Gottes Segen nicht ruht, und zum Kampfe wider alles, was sich scheidend stellt zwischen uns und unseren Gott – und wiederum die Thekiah lockt uns dort hin, wo das göttliche Gesetz seine Stätte findet, und die Herrlichkeit Gottes mit ihrer Segenswolke schirmend deckt. Aber Theruah, der schmetternde Aufbruch- und Kampfesruf, ist der Grundton des Tages. Vergebens erscheinst du auf seinen Ruf vor deinem Gott und deinem Führer, wenn du zu schwach bist seiner Theruah zu folgen, wenn dich seine Theruah nicht wach rüttelt aus deinem Schlafe, in welchem du sorglos am Abgrunde träumst, wenn dich die Blumen, die Sodomsblumen, die am Abgrunde blühen, so süß berauschen, dass du die Warnstimme überhörst, die dich retten will, dass du dich nicht losreißest aus den Banden des Vergänglichen, das du vergötterst, nicht den Mut hast zu rütteln an lieb gewonnene Gedanken, Pläne, Entschlüsse, Verhältnisse, Zustände, Bande, Vorteile, Genüsse, in denen Gott nicht wohnet, nicht den Mut hast zu kämpfen gegen Gewohnheiten, Leidenschaften, Triebe, die dich in die Fesseln der Vergänglichkeit jochen, nicht den Mut hast für Gott mit Vergänglichem zu kämpfen und doch den Mut hast für Vergängliches gegen Gott anzukämpfen, wenn dir dein Gott, zu welchem die Thekiab dich ruft, nur eine eitle Hoheit ist, der du doch einmal im Jahre deine Aufwartung machen müssest, der du zum Neujahr wenigstens den Huldigungsgruß zu bringen hättest, und du den Ernst seiner Theruah überhörst, mit welcher er dein ganzes Wesen, deine ganze Zeit, deine ganze Kraft, das ganze Reich deiner Gedanken, Gefühle, Genüsse, Worte, Taten fordert, in alle Fugen deines ganzen Wesens dringt, alles umwandeln, alles umschaffen will, und allem Vernichtung gebietet, was nicht vor der Wahrheit seiner Prüfung, was nicht vor der Wahrheit seines Wortes besteht, - um dich, dein ganzes Ich mit allen seinen Beziehungen für das Reich der Ewigkeit zu retten, und nicht das flüchtigste Moment deines irdischen Schaffens dem Grabesgang der Vergänglichkeit zu überlassen. Und auf den Theruahtag folgt die Theschuwah–Woche – und Rückkehr, Rückschritt, heißt die Losung, die sie bringt. „Rückkehr, Rückschritt?“ Wer wagt das Wort in unserer Zeit des Fortschrittes zu nennen, wer wagt zur Rückkehr, zum Rückschritt zu mahnen, wo alles dem Fortschritt huldigt? Wer es wagt? Gemach! Es ist dein Gott, der es wagt, es ist dein Gott, der dich zur Rückkehr ruft. Und bist du nicht ein Tor, dich von Wortgespenstern necken zu lassen? Wie? Wenn du nun dich geirrt, wenn nun etwa dein Fortschritt ein Rückschritt gewesen, wird dann nicht dein Rückschritt ein wahrer Fortschritt sein, wirst du dann nicht, wenn du auf deinem bisherigen Wege beharrest, nur ewig fortschreiten im Rückschritt, nur ewig fortfahren auf dem Wege, der dich immer mehr von dem eigentlichen Ziele deiner Vollendung entfernt, dem du im vermeintlichen Fortschritt den Rücken zugewendet? Kommt ja alles darauf an ob du dein wahres Ziel vor Augen, oder hinterm Rücken habest. Ewig fortschreiten, so du auf dem rechten Wege bist, ewig zum rechten Wege zurückkehren, sobald du ihn verlassen, das ist die ganze Summe aller Lebensweisheit. Und du brauchst auch nur einmal in einem schwachen Augenblicke vom rechten Pfade abgekommen zu sein, um, wenn du nicht umkehrst, dich ewig weiter von deinem göttlichen Ziele zu verlieren – und du wolltest nicht inne halten, wolltest dem „Zurück!“ deines Gottes vornehm sorglos entgegen lächeln, „Ich irre mich nie!“ und nicht einmal die Möglichkeit zulassen, du könnest auf Irrwegen, auf Abwegen sein, wolltest nicht, wie der Theruahtag dich gelehrt, einmal die prüfende Hand an alle deine Lebensverhältnisse, an alles Schaffen deines Geistes und deines Leibes, an deine Gedanken, Gefühle, Worte, Taten, Genüsse, Bestrebungen, an dein Haus, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien-, dein Gemeinde-, dein Bürgerleben legen, und im ganzen Ernst der Gottesmahnung dich fragen, ob du auch mit allem und jedem auf rechtem Wege, auf geradem Wege zum gottgefälligen Ziele, dass du mit allem und jedem im bisherigen Wege nur fortschreiten dürfest um deines Zieles gewiss zu sein, - und wenn du den rechten Weg verloren, wolltest du nicht zurück, mit allem Ernst zurück? Woran aber erkennen den rechten Weg? Wie aber wissen, wo das wahre Ziel? Wo der Kompass auf uferlosem Meere? Wo der Wegweiser, wenn in tausend Richtungen der Irrtum und der Wahn, die Leidenschaft und der Leichtsinn ihre Signale ausgesteckt, und keinem faschen Wege mehr der falsche Priester fehlt, der den falschen Pfad als den rechten preist? Du kannst nicht irren! Deine Gesetzeslade ist die Bundeslade, auf deinem Gottesgesetz ruhet der Gottesbund, und wohin die Bundeslade voran zieht, dort zieht auch die Gnadenwolke deines Gottes hin, dort liegt dein Weg, nur dort wohnt der Segen, nur dort dein und der Deinigen Heil. Schreite fort, wo deines Gottes Wort dir voranleuchtet, schreite zurück zu ihm, wo du sein Licht vermissest. Aber du kannst nicht mehr zurück? Du hast schon zu sehr deinen Vater im Himmel erzürnt, Er kann dir nicht verzeihen, und verziehe Er dir, es nützte dir nichts mehr, zu sehr hast du bereits all dein Tun und Lassen, dein Haus und dein Gewerbe, deine Ehe, deine Erziehung, dein Familien- und dein Einzelleben auf Sünde gebaut, und wo Unrecht gesät, kann kein Heil aufblühen, und wo die Lüge gepflegt, kann der Fluch nicht ausbleiben; und wolltest du zurück, du könntest schon nicht mehr, es fesselt dich die falsche Scham, es fehlt dir der Mut, vor deinem Weib, deinem Kinde, deinen Freunden, deinen Genossen inkonsequent zu erscheinen, ihr mitleidiges Spötteln zu ertragen, - und mehr noch als alles, es fehlt dir der Sinn, du hast längst schon eingebüßt das Gefühl für Heiliges, Sittliches, Göttliches, stumpf fühlst du dich und fremd ist dir die Seligkeit des Bewusstseins erfüllter Pflicht, und wild tobt die Leidenschaft und kraftlos stehst du den eigenen Feinden im eigenen Busen gegenüber. Und doch komme zurück! Jom hakipurim ist da! und wärst du ergrauet in Sünde, und wäre jeder Gedanke, jedes Wort, jede Tat bis jetzt eine Höhnung deines Gottes gewesen, liegen längst auch die Gesetzestafeln deines Gottes zerschmettert in deinem Hause, und hättest du mit den Deinen nur im Taumel des Wahnes das goldene Kalb vergötterter Sinnlichkeit umtanzt, hättest überall nur Fluch dir gesät, und bis auf den letzten Funken, jede Lauterkeit und Reinheit des Denkens und Fühlens verlöscht – Jom hakipurim ist da! Der Gott, der einmal „Sfalacht“ gesprochen, Er spricht es wieder – Er verzeihet und sühnet und reinigt. Tu du nur das Deine, mache nur gut, was noch wieder gut zu machen, den unrechten Pfennig schaffe aus deinem Hause, den beleidigten Bruder versöhne, den Gekränkten richte auf, das Ungesetzliche, Ungöttliche in dem Leben deiner Ehe, deiner Erziehung, deines Erwerbs- und Genusslebens verbanne, und dann komme zu Ihm, dem Einen, dich nie verstoßenden Vater, der, „so wahr ich lebe, ewig spricht, ich will nicht den Tod und Untergang des Sünders, sondern dass er zurück komme und neues Leben gewinne,“ der so gnädig ist, wie er gerecht ist, und so allmächtig ist wie gnädig, und darum nicht nur verzeihet mit seiner Gnade, sondern wenn er verziehen, mit seiner freien Allmacht eingreift in die Speichen deines Geschickes, eingreift in das Gewebe deines Innern, und jede Saat des Fluches, die du in den Acker deines Geschickes selbst gesät, ausreißt mit seiner Sühne, und jedes Gift der Sünde, mit dem du deine reine Seele befleckt, und trüb, siech und krank und stumpf gemacht, austilgt mit seiner Reinigung und Heiligung, und „Titharu“ „Seid wieder rein!“ zu allen und über alle spricht, die lephanav, die vor seinem Angesichte die Wiederreinheit, den neuen Geist und das neue Leben suchen. Die ganze Zukunft ist wiederum dein; die ganze Vergangenheit übernimmt dein Gott. Und hat dich so der Schofarruf geweckt und bewegt und zu deinem Gotte dich gebracht, hast du Theruah u. Theschuwah, Selichah, Kaparah und Taharah errungen, und hat der Jom hakipurim dich am Herzen deines Vaters im Himmel gefunden, siehe dann setzt dich dein Vater im Himmel wieder zum zweiten Male auf seine Erde und lehrt dich: auf reinem, durch erneuten Kräften, ruhig und mutig die Hütte deines Lebens bauen, und auf Erden, mit irdischen Gütern und Mitteln heiter und froh die Aufgabe deines Lebens zu lösen und dich zu freuen, Usemachtem, auf Erden dich zu freuen vor dem Angesichte deines Gottes. Emunah und Simchah, Vertrauen und Freude, das sind die Schätze, mit denen dein Vater im Himmel dich beglückt. Mit Emunah baust du Hütten und mit Simchah übst du deine Kraft und freust dich deines Lebens und Strebens. Suckah, der Hüttenbau, lehrt dich Emunah, das Gottvertrauen! Auf welcher Stufe der Glücksleiter du dich auch befindest, ob reichlich oder spärlich dir die Güter der Erde zugemessen sind, dich blendet nicht die Fülle, dich schreckt nicht der Mangel, die Güter der Erde sind deine Güter nicht, mipsoleth gorn´eha, mit dem, was andere verschmähen, verachten, baust du dir die Hütte des Lebens, weißt´s ja, dass in Hütten und Palästen nur Pilger wohnen, Hütten und Paläste nur Dirath arai, nur unsere vorübergehende Heimat bilden, weißt´s ja, dass auf dieser Pilgerfahrt nur Gott unser Schutz, und seine Gnade uns schirmt, schrecktest ja nicht, und müsstest mit Weib und Kind durch Wüsteneien du wandern, weißt´s ja, dass der Gott, der vierzig Jahre lang die Väter mit Weib und Kind durch die Wüste geleitet, in Hütten geschirmt, mit Manna gespeist, dass der Gott noch dein Gott ist, und auch mit dir durch Wüsteneien wandert, auch jede Seele deiner Hütte kennt und für jede das Manna seiner Gnade zu spenden weiß. Und ob wir untereinander nach Maß des Besitzes uns tausendfältig auch abstufen, mit quadersteinernen Mauern der Eine, mit bescheidenem Bretterzaune der Andere sich abgrenzt, und dem Dritten nur Schtajim kehilchathan uschelischith afila tefach, zwei Wände zu bauen und die dritte nur anzudeuten vergönnt ist, in unserem eigentlichen Schutz, in dem, was uns deckt und schirmt, darin sind wir alle gleich, das ist nichts, was von Menschenkünstlichkeit zeugt, das ist nicht das, was mekabbel tumah ist, was den Hauch der Vergänglichkeit zu scheuen hat, in den Defanoth unterscheiden wir uns, im Sechach sind wir alle gleich; denn es ist der Menschenbesitz, und die Menschenkraft und die Menschenklugheit, es ist Gottes Gnade und Gottes Segen, der uns schützt, und Paläste und Hütten mit gleicher Liebe deckt. Und nicht bekümmert und sorgenvoll, nicht trübe und traurig, nicht miztaer lebt sich´s in der Hütte, die das Gottvertrauen erbaut und die Gottesliebe deckt. Was kümmert´s dich, dass es nur Dirath arai, dass es nur vergängliche Hütte ist, dass sie dich, oder du sie einmal verlässt; die Mauern mögen fallen, der Schutz im Sturm verwehen, hinaus dein Gott dich rufen, die schirmende Liebe Gottes ist überall und ewig mit dir, und wo sie dich weilen lässt, wo sie dich schützt, da teschwu keen t´duru da wohnst du im flüchtigsten Moment der flüchtigsten, vergänglichsten Stätte so ruhig, so sicher, als wäre sie für die Ewigkeit dein Haus. Aber nicht nur ruhig und sicher will dich dein Gott, zur Freude, Simchah, zur reinen, menschlichen ungetrübten Freude, hat Er dich berufen, lässt nicht umsonst die Blüten duften und die Früchte reifen, hat die Erde lo letahu beraah nicht zu einer Öde, zu einem Tale der Tränen und des Jammers, hat sie zu einem heiteren fröhlichen Wohnplatz fröhlich heiterer Wesen geschaffen, auf welchem jeder seines Daseins froh werden und seines Wirkens und Schaffens sich freuen solle. Freilich, vergötterst du die Erde, berauschen dich ihre Blüten, benebeln dich ihre Reize, dass du um Erdenblütenreiz deines Gottes und deines eigenen göttlichen Berufes vergisst – dann freilich, dann ist die Erde dein Feind, und Feind sind dir ihre Blüten, ihre Güter, ihre Genüsse, zur Sünde führt dich alles, und Sünde untergräbt dein Heil. Jedoch, wenn deines Gottes Theruah die irdischen Götter von dem Altar deines Herzens gestürzt, wenn du zu dem einen Einzigen zurückgekehrt bist, nur ihn allein verehrst, auf ihn allein nur baust, nur die Erfüllung seines Willens als die einzige Aufgabe deines Lebens kennst, in jeder Spanne Zeit, mit jeder Kraft, mit jeder Tat, mit jedem Gut, mit jedem Genuss nur ihm dienen, nur die von ihm dir gesetzte Aufgabe lösen willst und das Bewusstsein dieser Aufgabe und das Bewusstsein ihrer Lösung und das Bewusstsein der Gottesnähe deine Seligkeit ist, siehe, dann reicht dir Gott selbst den Strauß der irdischen Blüten und spricht: Ulekachtem lachem, nehmet euch nur, fliehet nicht, was ich für euch reifen lasse, nehmet´s euch, und lernt euch dessen freuen vor meinem Angesichte. Freude bringt´s euch, wenn es lachem, wenn es rechtlich und redlich euer, wenn ihr´s mit rechtlichem, redlichem Fleiße erworben, wenn ihr´s mit reinen Händen fassen und vor Gottes Angesicht das Eure nennen dürft. Freude bringt´s euch, wenn ihr nicht selbstsüchtig es nur euch und nur der Erde zuwendet, wenn es in euren Händen nur Mittel wird, damit eurer ganzen Umgebung in Ost und Süd und West und Nord Segen zu reichen, wenn ihr an euch zuletzt nur denket, und wenn ihr es erst dem Himmel und für den Himmel der Erde weihet. Freude bringt´s euch, wenn ihr mit allem euch nur im Kreise des göttlichen Willens, im Kreise seines Wortes euch bewegt, sein Gesetz, sein Wort, sein Wille der Mittelpunkt bleibt, aus dessen Kreis ihr euch nicht mit dem kleinsten Gut, nicht mit der leisesten Tat entfernt. Freude ist euer Los, ewig ungetrübte Freude, wenn ihr erwerbt und nehmt, verwendet und genießt die Blüten und Früchte der Erde, wie es Lekichah und Nianua und Hakafoth des Lulaw euch lehrt. Und die Vollendung des Ganzen ist Azereth, das Fest des Verharrens, des Festhaltens, des Bleibens bei Gott, azaro milazeth, dass du noch einmal dich sammelst vor deinem Gotte und nun alle die großen Gedanken der Weihe, der Heiligung, der Ermutigung und Beseligung, die diese Tage und Wochen dir gebracht, noch einmal sammelst und fest hältst, auf dass du sie mit hinüber nehmest in das dir nun geöffnete tägliche Leben des Jahres, und froh der Thora, des Gotteswortes froh, das solche Heiles- und Segensschätze fürs Leben dir reicht, dir´s und deinem Gotte gelobest, fest zu verharren bei ihm, durch nichts dich von ihm reißen zu lassen, und in dem nun eröffneten Jahre, welche Stürme und Prüfungen es dir auch bringen möge, den Geist der Besonnenheit, der Heiligung, des Vertrauens und der freudigen Tätigkeit im Dienste deines Gottes zu bewähren, der dir am Eingang des Jahres als Herold deines Gottes entgegengetreten.